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SPANIEN Alte Dämonen

Entführungen, Attentate und Morde stürzten die Regierung des Premiers Adolfo Suarez in ihre bislang schwerste Krise. Kann Suarez seine Politik der Demokratisierung retten?
aus DER SPIEGEL 6/1977

Es war ein Trauerzug, wie Madrid ihn noch nicht gesehen hat:

Ein Wagen mit Hammer und Sichel fuhr an der Spitze, dann folgten die Särge, nur mit je einer einzelnen roten Nelke geschmückt. Schließlich wohl fünfhundert Kränze, unter denen einer prangte, den die politischen Häftlinge aus dem Carabanchel-Gefängnis gestiftet hatten. Schweigend säumten, am vergangenen Mittwoch, mehr als hunderttausend Menschen die Straßen, viele mit erhobener Faust.

Gemeinsam gaben katholische Priester und Mitglieder des ZK der Kommunistischen Partei Spaniens den Toter. das letzte Geleit. Gemeinsam sorgten Polizisten und junge Kommunisten mit roten Armbinden dafür, daß es keine Zwischenfälle gab -- Feinde von gestern vorübergehend Seite an Seite.

»Wir wollen diese gemeinen Morde verwandeln«, gelobte Simón Sánchez Montero, ein KP-Führer, der 15 Jahre seines Lebens in den Gefängnissen des verstorbenen Diktators Francisco Franco verbracht hat, »in eine Aussöhnung aller Spanier.«

Worte, die einer Beschwörung gleichen. Denn die Morde, deren Opfer vorige Woche zu Grabe getragen wurden, haben das schon totgeglaubte Gespenst des Bürgerkrieges, die alten »Dämonen Spaniens: Anarchie, Extremismus und gegenseitige Feindschaft« (Franco) wieder heraufbeschworen.

Zwei bewaffnete junge Männer waren am vorigen Montag -- 13 Stunden nachdem eine vorgeblich ultralinke Guerilla-Organisation den Präsidenten des Obersten Militärgerichts, General Emilio Villaescusa, 64, entführt hatte -- in ein Anwaltsbüro eingedrungen, dessen Mitglieder vor allem für die noch illegale KP-nahe Gewerkschafts-Organisation »Comisiones Obreras« arbeiten. Mit automatischen Pistolen erschossen die Eindringlinge vier Anwälte sowie einen Bürohelfer und flüchteten unerkannt. Stunden später übernahm die ultrarechte »Antikommunistische Apostolische Aktion« (AAA) die Verantwortung für das Attentat.

Wieder einmal, wie schon vor vier Jahrzehnten bei Ausbruch des Bürgerkriegs, schienen Links- und Rechtsextremisten einander zu immer schlimmeren Gewalttaten hochzuschaukeln und den Staat ins Chaos zu stürzen. Doch vieles deutet darauf hin, daß die Dinge anders sind, als sie zunächst schienen.

Nicht nur Spaniens Linke mutmaßen, daß sie es eher mit einer lang geplanten Verschwörung in- und ausländischer Rechtsextremer zu tun haben könnten, die den Reformkurs der Regierung von Adolfo Suarez bremsen und eine Rückkehr zur Diktatur im Stile Francos erzwingen will. Möglicherweise bedienen sich die Rechten dabei unter anderem jener obskuren Organisation, die sich selbst »Antifaschistische Gruppe 1. Oktober« (Grapo) nennt.

In den Akten der spanischen Polizei existiert die Grapo als marxistisch-leninistische Widerstandsgruppe, die aus einer Anfang der sechziger Jahre erfolgten pro-chinesischen Abspaltung der spanischen KP hervorgegangen ist. Die Grapo sei der bewaffnete Arm der »Wiederaufgebauten Kommunistischen Partei«. abgekürzt PCE(r) -- so erfuhren die Spanier im Juli vergangenen Jahres von ihrer Polizei. Denn damals tauchte die Grapo erstmals in der Öffentlichkeit auf als Organisator einer Serie von 28 Bombenanschlägen in ganz Spanien.

Die Anschläge erfolgten am Jahrestag des Bürgerkriegsbeginns, 24 Stunden nachdem die neue Regierung Suárez eine Amnestie für politische Häftlinge angekündigt hatte und kurz vor einer wichtigen Beratung der Cortes über die Zulassung politischer Parteien. »Wem nützt diese Kette von Attentaten?« wunderte sich die Tageszeitung »La Vanguardia« und meldete »Zweifel an der Echtheit« der Grapo an.

linde Oktober gab die Polizei. der zufolge die Gruppe nur aus 50 bis 60 Personen bestand, das Ende der Untergrundorganisation bekannt: 43 ihr zugehörige Personen seien verhaftet worden. Aber schon sechs Wochen später, am lt. Dezember, schaffte die angeblich gar nicht mehr existierende Guerilla-Organisation die spektakulärste Entführung in der neueren spanischen Geschichte: Sie kidnappte den Staatsratspräsidenten Antonio Maria de Oriol y Urquijo. Chef einer der einflußreichsten Familien des Landes, und hielt ihn bislang 50 Tage gefangen.

Wieder traf die Grapo-Aktion mit einem wichtigen innenpolitischen Datum zusammen: Der Menschenraub fand vier Tage vor dem Referendum statt, mit dem die Spanier über das Reformprojekt der Regierung Suárez abstimmen sollten -- und genau zu dem Zeitpunkt, da die Regierung abermals eine Amnestie vorbereitete. Die Oriol-Entführer blockierten den geplanten Gnadenerlaß, indem sie nun ihrerseits die Freilassung von zunächst 15 Polit-Häftlingen forderten.

Alle von der Grapo zum Austausch gegen Oriol vorgesehenen Gefangenen lehnten den Handel ab. Energisch bestritt auch die KP, mit der Grapo etwas zu tun zu haben. Die rechten Ultras aber machten für die Entführung sofort die gesamte Opposition verantwortlich: Falls Oriol ein Leid geschähe, verkündeten sie, wurden sie die Führer der KP, der Sozialisten und der Christdemokraten umbringen.

Bislang jedoch ging es Oriol offenbar besser als anderen in seiner Situation. Er konnte fernsehen, Radio hören und mehrere Briefe an seine Familie schreiben -- während die Polizei, die sonst nicht eben bekannt für ihre Zimperlichkeit bei der Verfolgung linker Polit-Täter ist, nur mit halber Kraft suchte.

So wurde nach der Entführung des Spitzenpolitikers bis heute noch keine Rekonstruktion des Tathergangs vorgenommen. Es gibt keine zentral geleitete Fahndungsabteilung für den Fall, und Oriols Leibwächter -- zwei Polizisten, die vor der Entführung fortgeschickt worden waren -- wurden kaum vernommen.

»Mein persönlicher Eindruck ist«, bekannte schließlich der Gewerkschaftsminister Enrique de la Mata gegenüber Journalisten, »daß Grapo eine Organisation ist, die in irgend jemandes Diensten steht, und wenn dieser irgend jemand entdeckt ist, werden viele sich wundern.« Schon vorher hatte die liberale Madrider Tageszeitung »El Pais« überlegt, wenn auch Ultralinke offenkundig bei diesen Aktionen der ausführende Arm seien, so müsse man sich doch fragen, wer »die Waffen und das Geld gibt und wer die Dinge so plant, daß sie den Ultras der anderen Seite zugute kommen«.

Zumindest einige der Planer sitzen anscheinend in Spaniens Polizeikommissariaten. In Málaga etwa erkannten zwei verhaftete Mitglieder der PCE(r) in dem Polizisten, der sie verhörte, den Mann wieder, der sie für die Partei geworben hatte. Und die Beziehungen der Polizei zu den »Ultras der anderen Seite« waren, jedenfalls bislang, die allerbesten:

Nicht wenige der Ordnungshüter arbeiteten nach Feierabend bei den rechten Schlägertrupps der »Christkönigskrieger« mit. Wenn Rechtsextremisten wie das »VI. Kommando Adolfo Hitler« oder die »ATE« (Anti-Eta) Linke bedrohten und mißhandelten oder Buchhandlungen in Brand steckten, wurden die Täter kaum je gefaßt.

Seit Francos Erben dem Faschismus als offizieller Staatsideologie abschworen, haben die rechten Gewalttäter zudem Verstärkung aus dem Ausland bekommen, vor allem von italienischen »Ordine Nuovo«-Männern und Kämpen der berüchtigten »Alianza Anticomunista Argentina"' die bei der Gründung der spanischen AAA-Organisation Pate standen.

Der Argentinier Jorge Cesarsky, der verdächtigt wird, an der Erschießung des Studenten Arturo Ruiz bei einer Demonstration am vorletzten Sonntag beteiligt gewesen zu sein, arbeitet bereits seit zehn Jahren für die spanische Polizei. Ein Argentinier, so vermuten zwei prominente Professoren der Königlichen Akademie der Sprache in Madrid, soll auch der Autor des bis zum Wochenende letzten Grapo-Kommuniqu~s sein:

Als Vergeltung für das »kürzlich begangene Verbrechen« ("crimen recién cometido") an Arturo Ruiz, so teilte darin die Grapo mit, habe sie ihrerseits den General Emilio Villaescusa entführt. Die benutzte Redewendung. so die Sprachforscher, sei nur in Argentinien geläufig, in Spanien müsse es »crimen cometido recientemente« heißen.

Wie auch immer: Sicher ist, daß die Entführung Villaescusas lange vorbereitet gewesen sein muß -- und daß der Zeitpunkt abermals geschickt gewählt war. Denn der General wurde just gekidnappt, als an der Spitze der Militärhierarchie ein Machtvakuum herrschte:

Erst kurz zuvor hatte die Regierung die Posten des Kommandeurs der Militärregion von Madrid und des General-Stabschefs des Heeres mit zwei neuen, liberalen Männern besetzt, die aber noch nicht in ihr Amt eingeführt waren. Offensichtlich sollten rechte Militärs durch Villaescusas Entführung zum Eingreifen provoziert werden. Bislang blieb der Versuch erfolglos. Die notwendigen Maßnahmen«, versprach der Chef des Großen Generalstabs, Fernández Vallespin, »wird nicht die Armee, sondern die Regierung treffen.« Das tat sie auch -- mit vorübergehendem Demonstrationsverbot, Sondervollmachten der Polizei, Ausweisung verdächtiger Ausländer und Polizeischutz für Politiker der Opposition.

Ob das ausreicht, um eine weitere blutige Eskalation zu verhindern, schien allerdings schon vergangenen Freitag fraglich: In Madrid fielen drei Polizisten Attentätern zum Opfer.

Die Schwester des entführten Generals Villaescusa zumindest zeigte sich nicht beunruhigt. »Meinen Bruder haben sie mitgenommen«, erklärte sie der Zeitung »EI Ideal Gallego« in La Coruna, »damit er sieh mit Oriol unterhalten kann und später der Regierung eine Mitteilung mache.«

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