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ENGLAND / VERTEIDIGUNG Alte Flaschen

aus DER SPIEGEL 10/1966

Seine goldbetreßte Uniform ließ Admiral Sir David Luce im Schrank. In Zivil, mit Bowlerhut und Regenschirm, marschierte Britanniens Erster Seelord letzten Dienstag zum Londoner Trafalgar Square. Vor dem Standbild des Seehelden Nelson, der Britanniens Marinern eingebleut hatte: »England erwartet von jedem, daß er seine Pflicht tut«, verweilte er schweigend.

Sir David hatte gerade getan, was er für seine Pflicht hielt. Er war, wie vor ihm schon Marineminister Christopher Mayhew, zurückgetreten. Denn die Labour-Regierung hatte Verteidigungspläne verkündet, die - so befürchten die britischen Admiralstäbler - »einem Torpedo gleichen, der die eigene Flotte versenkt«

Der Labour-Torpedo wurde auf die Flugzeugträger abgeschossen, die in der modernen Seekriegs-Strategie das Erbe der Schlachtschiffe angetreten haben. Obwohl vier der fünf britischen Flugzeugträger »sehr alte Flaschen« ("Sunday Times") sind, wollen die sparsamen Sozialisten keine Neubauten bewilligen. Verteidigungsminister Healey: »Die königliche Marine muß eine Seemacht ohne Flugzeugträger werden.« Damit wurde die Royal Navy, bislang Königin der britischen Waffen, entthront.

Der konservative Ex-Marineminister Lord Carrington: »Dies ist das Ende der Flotte als einer Streitmacht für weltumspannende Operationen.«

Englands weltumspannende Operationen sollen künftig von der Luftwaffe getragen werden, die 50 amerikanische F-111 A-Bomber erhält. Für diese strategische Bomberflotte werden auf einer Inselkette im Indischen Ozean bereits neue Basen geschaffen.

In den Messen der Kriegsschiffe beschworen die Sailors eine düstere Zukunft: Englands Flotte, die ruhmreichste der Welt, werde in den 70er Jahren nur noch für den Küstenschutz taugen. Bisher aber war die Priorität der königlichen Wassermacht ein geheiligter Glaubenssatz der Briten-Geschichte, fast so alt wie das Christentum in England.

Seit die Briten von den Wikingern das Seefahren gelernt hatten, stützte das Inselvolk Sicherheit und Selbstvertrauen auf die Schlagkraft der Flotte.

Als im Jahre 1588 die »unüberwindliche Armada« der Spanier mit 160 Schiffen im Ärmelkanal aufkreuzte, weigerte sich der englische Seeheld Francis Drake, ein eben begonnenes Croquet-Spiel abzubrechen. Drake, wie er noch heute aus jedem Lesebuch spricht: »Wir können die Partie beenden und danach die Spanier schlagen.«

Die Spanier wurden geschlagen, wie später Portugiesen und Niederländer. Anfang des 18. Jahrhunderts gab es nur noch eine Macht, die Britanniens Vorherrschaft auf den Meeren gefährden konnte: Frankreich. Lord Nelson kämpfte in den Schlachten von Abukir (1798) und Trafalgar (1805) auch die Franzosen nieder. Und mit jeder gewonnenen Schlacht festigte Großbritannien seine Weltgeltung.

Die erste Seemacht duldete auch später nicht, daß andere Nationen sich ebenbürtige Flotten schufen. Als das kaiserliche Deutschland eine Konkurrenz-Armada baute, lieferten ihm die Briten einen gigantischen Rüstungswettlauf. 1905 legten sie die »Dreadnoughts« auf Kiel, die mit 18 000 Tonnen die stärksten Schiffe der Welt waren. 1914 verfügte England über die gewaltigste Flotte seiner Geschichte: 23 Schlachtschiffe, 10 Schlachtkreuzer, 39 Linienschiffe und 93 Kreuzer.

Zwar konnte diese Flotte die kaiserliche Marine in der Schlacht am Skagerrak nicht besiegen. Aber sie triumphierte nach Kriegsende: Deutschlands gefangene Schlachtflotte versenkte sich in der Bucht von Scapa Flow selbst.

Die großen Seeschlachten des Zweiten Weltkriegs schlugen die Amerikaner. Aber Englands Flotte bewahrte die Insel 1940 vor der deutschen Invasion: Sie wurde im Grunde abgeblasen, weil ein Eingreifen der britischen Schlachtflotte den Totalverlust der deutschen Landungstruppen bedeutet hätte.

»Jeder Schuljunge weiß, was England seit Jahrhunderten der Flotte verdankt«, erklärte der ultrakonservative Politiker Julian Amery letzte Woche nach der Veröffentlichung des flottenfeindlichen Verteidigungs-Weißbuches der Labour -Regierung.

Dabei hatte die Royal Navy gerade für die kommenden Jahre eine Renaissance ihrer alten Herrlichkeit erwartet. Denn das Labour-Kabinett hatte

- entschiedener noch als die konservativen Kabinette vor ihm - versprochen, Weltmachtpolitik zu betreiben.

»Wir halten es nicht für richtig«, erklärte Verteidigungsminister Healey mehrmals, »daß Großbritannien im politischen, militärischen oder wirtschaftlichen Sinn auf eine rein europäische Rolle zusammenschrumpft.« Und Premier Wilson formulierte noch drastischer: England dürfe sich »nicht in Europa einpferchen lassen wie in eine Koppel«.

Ihre außereuropäische Rolle wollen die Briten auf einem Schauplatz spielen, der seit der Eroberung Indiens eine Domäne der Navy ist - »östlich von Suez«. Wilson wollte den Indischen Ozean wieder zu einem englischen Meer machen, um dadurch das Machtvakuum zu füllen, das durch den Verlust Indiens 1947 entstanden ist.

Durch das neu-englische Meer soll nun eine Kette von Insel-Stützpunkten gelegt werden, die sich von Aldabra vor der Küste Ostafrikas über die zweieinhalbtausend Kilometer entfernten Chagos-Inseln bis nach Australien erstreckt. Die von der Gunst fremder Territorialherren abhängigen Festlandbasen sollen nach den Plänen der Wilson-Regierung so bald wie möglich aufgegeben werden.

Diese Pläne weckten bei der Marine Hoffnungen auf eine neue Star-Rolle. Nichts, so meinten die Seestrategen, werde Englands Macht so dräuend demonstrieren können wie eine Flugzeugträger-Flotte, die mit Atombombern an Bord auf den Meeren patrouilliert.

Diese Hoffnungen erfüllten sich nicht, weil Premier Wilson sparen wollte. Wilson legte eine Höchstgrenze für Rüstungsausgaben fest: Großbritanniens Verteidigung darf künftig im Jahr nicht mehr als 24 Milliarden Mark kosten.

Die Politik der festgelegten Ausgaben zwang zu einer gründlichen Analyse der Kosten und der Wirksamkeit der verschiedenen Waffensysteme. 14 Monate lang brüteten 100 Beamte des Verteidigungsministeriums über den Rentabilitätsrechnungen. Ergebnis: Eine Luftflotte auf Flugzeugträgern ist dreimal so teuer wie eine gleichwertige Bombergruppe, die von Land aus operiert. Infolge ihrer Beweglichkeit sind Flugzeugträger zwar weniger verletzlich als Landbasen, werden sie aber versenkt - wie drei japanische Flugzeugträger innerhalb von fünf Minuten in der Seeschlacht von Midway -, sinken gleich Hunderte von Millionen Pfund in die Tiefe.

Damit war das Schicksal der britischen Flugzeugträger-Flotte besiegelt. Bevor Marineminister Christopher Mayhew demissionierte, brandmarkte er vor dem Parlament die neue Verteidigungsplanung als »das klassische Verbrechen britischer Friedensregierungen«, nämlich: den Streitkräften weltweite Aufgaben aufzuerlegen, ohne die nötigen Mittel herzugeben.

Als billige Weltmacht - ohne Flugzeugträger -, so warnte Mayhew, könne England im Ernstfall östlich von Suez nicht selbständig operieren. Bei einem größeren Konflikt müßten die Briten entweder den Rückzug antreten oder »zu den Amerikanern rennen und um Hilfe betteln«.

Verteidigungsminister Healey aber geht bei seinen Plänen ohnehin von der Voraussetzung aus, daß größere Aktionen nur nach Absprache mit den Amerikanern und mit amerikanischer Militärhilfe durchgeführt werden können.

Höhnte Mayhew: »Das Dröhnen unserer Kanonen wird übertönt werden vom Scheppern unserer Sammelbüchsen.«

Ex-Seelord Luce*

Die ruhmreichste Flotte der Welt ...

Britischer Flugzeugträger

... nur noch für den Küstenschutz?

Britische Kriegsschiffe in Schlachtformation*: Eine Königin wurde entthront

* Vor dem Nelson-Denkmal in London.

* In der Seeschlacht von Lissa 1811.

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