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BUNDESWEHR Alte Kameraden

Besuch des Hitler-Helden Rudel beim Luftwaffen-Geschwader »Immelmann": Wer trägt die Verantwortung?
aus DER SPIEGEL 45/1976

Im Offizierskasino des Fliegerhorstes Bremgarten bei Freiburg standen die Herren Schlange. Der Stuka-Oberst Hans-Ulrich Rudel. nach dem Kriege Star-Redner deutscher Rechtsparteien, signierte Bücher mit dem Spruch: »Wer sich aufgibt, ist selbst aufgegeben.«

Die Gelegenheit zu seinem ersten Auftritt vor Soldaten der Republik verdankt Hitlers höchstdekorierter Kriegsheld (Goldenes Eichenlaub mit Schwertern und Brillanten zum Ritterkreuz) einem Sozialdemokraten: dem Oberst der Reserve und Parlamentarischen Staatssekretär im Verteidigungsministerium Hermann Schmidt.

Am Montag letzter Woche, 24 Stunden nach Rudels Autogrammstunde. wollte sich auf der Bonner Hardthöhe freilich niemand mehr erinnern, wer die Genehmigung erteilt hatte. Minister-Sprecher Armin Halle kündigte eine Untersuchung an. Halle über den rechtsextremen Kasino-Oast: »Ein sattsam bekannter Ultra-Konservativer, dessen Haltung in der Bundeswehr in keiner Weise goutiert wird.«

Zu untersuchen bleibt da jedoch nicht viel. Denn alle einschlägigen Amtspapiere« Briefe und Protokollnotizen liegen dem Büro des Verteidigungsministers Georg Leber vor.

Schon vor einem Jahr hatte Oberst Fritz Schade, Kommodore des Aufklärungsgeschwaders 51 »Immelmann«, seine Vorgesetzten gebeten, ein Traditionstreffen mit den Überlebenden des alten Stuka-Geschwaders »Immelmann« veranstalten zu dürfen. Doch Staatssekretär Schmidt, der den früheren »Immelmann«-Chef Rudel nicht in die Kaserne lassen wollte, blockte ab.

Nur, statt dem Oberst Schade dies offen mitzuteilen, sorgte Schmidt lediglich dafür, daß der Herrenabend nicht stattfinden konnte: Der Staatssekretär ließ für den geplanten Traditions-Termin eine Übung ansetzen.

Von Bremgartener Piloten auf dieses Manöver angesprochen, schaltete sich nun der forsche CDU-Wehrobmann und Jetpilot Manfred Wörner ein. Über den Luftwaffeninspekteur Gerhard Limberg teilte Wörner dem Staatssekretär Schmidt im Januar mit, er kenne zwar die politischen Auffassungen Rudels nicht, aber selbst wenn er sie »gegebenenfalls mißbilligen« würde, habe er »hohen Respekt vor den soldatischen Leistungen« dieses Mannes.

Rudel, so viel wußte Wörner noch, hatte im Kriege mit den Bordkanonen seiner Ju 87 bei 2530 Einsätzen 519 russische Panzer zerschossen, war, obschon beinamputiert, immer noch mal gen Osten gestartet und für solche Verdienste von seinem Führer mit dem Superorden dekoriert worden. Danach freilich muß der 42jährige Manfred Wörner seinen Helden aus den Augen verloren haben. Denn ihm war offenkundig weder in Erinnerung, welche Rolle Rudel in den fünfziger Jahren als Redner und Vorzeige-Patriot für die NS-lastige Deutsche Reichspartei (DRP) gespielt hatte, noch, daß der Schlachtflieger in seinen Nachkriegspublikationen (Buchtitel: »Trotzdem") Adolf Hitler ein ehrendes Andenken bewahrt.

Doch statt Wörner, der unter Helmut Kohl immerhin Verteidigungsminister werden sollte, Nachhilfeunterricht über die braune Nachkriegsvergangenheit des Panzerknackers zu erteilen, verzögerte Parlamentarier Schmidt abermals eine klare Antwort.

Erst drei Monate nach Briefeingang teilte er dem »lieben Kollegen Wörner« telephonisch mit, die Sache mit dem Traditionstreffen gehe jetzt »in Ordnung«. Von einem Platzverbot für Rudel war dabei keine Rede mehr.

Von Oberst Schade über den Wörner-Erfolg ins Bild gesetzt, ließen die zuständigen Generale den neuen Antrag in ungewohntem Tempo den Dienstweg passieren. Sie genehmigten für die alten Immmelmänner ein umfangreiches Festprogramm, und der Kommandierende General der Luftflotte Walter Krupinski setzte sogar das Wochenendflugverbot außer Kraft, um den alten Kameraden etwas vorfliegen zu lassen.

Letzte Zweifel kamen den Generalen dennoch. Während die Vorbereitungen für das Rudel-Fest schon liefen, bat der Führungsstab Luftwaffe den Parlamentarischen Staatssekretär mündlich und durch Vorlage eines sogenannten Sprechzettels um Aufhebung des Kasernenverbots für Rudel.

Ob Schmidt beim Vortrag der Wünsche nun getäuscht wurde, wie Freunde des Staatssekretärs vermuten, oder ob er das ihm vorgelegte Drei-Seiten-Papier nicht durchgelesen hat: Unbestreitbar ist, daß er klar und deutlich sein »Ja« unter die Bitte schrieb.

Das Programm lief militärisch-exakt ab: Begrüßung der alten Stuka-Flieger, Begleitoffizier für Ehrengast Rudel, Wappenaustausch und dann Start und Vorbeiflug von zwei »Phantom«-Düsenaufklärern. Am Nachmittag gemeinsame Schwarzwaldfahrt in Bundeswehrbussen, Essen, Toasts und am Sonntag schließlich Frühschoppen mit Autogrammstunde.

Der 60jährige Rudel war begeistert. Zum SPIEGEL: »Es war phantastisch. Bonn nennt mich einen Ultra-Konservativen, jawohl, und darauf bin ich stolz.« Auch Generalleutnant Krupinski und sein Stellvertreter Karl Heinz Franke zeigten sich befriedigt von der Veranstaltung und mokierten sich im Kameradenkreis über den »Pressewirbel« um den Reichsverteidiger Rudel. Das seien doch alte Geschichten, und einmal müsse endlich Schluß sein.

Nach Rudels Eindruck hat die Bundeswehr den Schlußstrich gezogen. Auf die Frage, wie denn die neue deutsche Luftwaffe seinen Auftritt beim »Immelmann« -Geschwader aufgenommen habe, antwortete der Kriegsveteran: »Fragen Sie doch die Offiziere! Die waren begeistert.«

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