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»Alte Nazis an Bord geschleppt«

aus DER SPIEGEL 21/1990

Erinnert sich noch jemand an den Unglücksraben Gerd Heidemann? Es ist lange her, daß der Reporter den Hitler-Statthalter Martin Bormann suchte und die falschen Tagebücher Adolf Hitlers fand: Sieben Jahre sind vergangen, seit der Stern den Führer-Schmarren druckte und mit den Kladden aus der Fälscherwerkstatt Konrad Kujaus auf den Bauch fiel; fast fünf Jahre, seit das Hamburger Landgericht Heidemann zu vier Jahren und acht Monaten Haft verdonnerte.

Allerdings, ganz vergessen ist der Fall noch nicht. Der Stern hat die größte Schwindelaffäre der deutschen Pressegeschichte bis heute nicht verdaut. Und der abgestürzte Stern-Reporter Heidemann, haftentlassen und arbeitslos, bringt sich in diesen Tagen wieder in Erinnerung - in einem dicken Buch mit der Botschaft: Es war alles ganz anders.

Der Mammutbericht ist als Plädoyer Gerd Heidemanns in eigener Sache anzusehen, auch wenn er ihn von jemand anderem hat schreiben lassen. Sonst würde daraus ja »doch nur eine Rechtfertigungsschrift werden«, begründet er seine Zurückhaltung. Eine Verteidigungsschrift ist es auch so geworden.

Autor und zugleich Verleger des Buches, Titel: »Der Fund«, ist der Hamburger Journalist Peter-Ferdinand Koch, 47, der, wie Heidemann im Nachwort vermerkt, sich »durch Hunderte von Aktenordnern« gewühlt habe**. Wer Heidemanns wahnhafte Sammelwut kennt, weiß diese Leistung zu würdigen.

Dem Autor Koch fehlt allerdings häufig Distanz zum Stoff. »Man kann ihm vorwerfen«, schreibt Heidemann im Nachwort kokett, »er sei über meine Fehler mit zuviel Wohlwollen hinweggegangen.« Kochs knappes Fazit: »Gerd Heidemann ist verheizt worden.«

Das hört sich absurd an nach all den Veröffentlichungen über den Tagebuch-Skandal. Schließlich wurde Heidemann als Betrüger verurteilt, der 4,39 Millionen Mark aus der Tagebuchkasse des Verlags Gruner + Jahr (G+J) für sich abzweigte. Heidemann, der noch immer beteuert, das Geld für die Tagebücher vollständig an Kujau abgeliefert zu haben, erhielt zudem von der Hamburger Großen Strafkammer 11 die Bescheinigung, er sei vom »Thema Nationalsozia** Peter-Ferdinand Koch: »Der Fund«. Verlag Fac- ta Oblita, Hamburg; 832 Seiten; 56 Mark. * Rechercheur Heidemann mit gefälschter Hitler-Kladde; Stern-Chefredakteur Peter Koch (l.), Ressortleiter Walde auf der Pressekonferenz am 25. April 1983. lismus besessen« gewesen. Aber Heidemanns zuvor größtenteils nicht ausgewertete Akten haben einige Überraschungen zu bieten. Und manche Neuigkeiten aus dem Heidemann-Fundus entlasten den Reporter tatsächlich.

Vor allem war bisher nicht bekannt, in welchem Ausmaß der Stern den heute 58jährigen Journalisten zu seinen verbohrt und eigenbrötlerisch wirkenden NS-Recherchen angestachelt hat. Sogar die Suche nach dem angeblich noch lebenden NS-Reichsleiter Bormann, die Heidemann schon vor dem Hitler-Flop unter Kollegen den Ruf eines Spinners eingebracht hatte, war ihm aufgetragen worden und wurde vorangetrieben von seinem damaligen Ressortleiter für Zeitgeschichte, Dr. Thomas Walde.

Auch dem späteren Chefredakteur Klaus Liedtke war der tote Bormann im Stern schnuppe, als erstmals vermeintliche Gewährsleute von Bormanns Existenz in Südamerika schwadronierten.

Liedtke, damals Leiter des Auslandsressorts, ermunterte Heidemann zur Recherche. Und als Walde für das braune Buschgespenst zuständig wurde, machte er erst mal einen ordentlichen Vertragsentwurf. Am 3. März 1982, zu dieser Zeit waren bereits 29 von später 60 Hitler-Tagebüchern aus Kujaus Schreibstube eingetrudelt, formulierte der Heidemann-Vorgesetzte zusammen mit einem Freund, dem damaligen stellvertretenden Stern-Verlagsleiter Wilfried Sorge, einen Kontrakt zur Lieferung und Beglaubigung von Bormann-Unterlagen durch einen Anwalt in Madrid.

Heidemann wurde zur Vertragsabwicklung »bevollmächtigt«. Die Chefredaktion und der G + J-Vorstandsvorsitzende Gerd Schulte-Hillen kannten die Bormann-Pläne. Vertraglich verpflichtete sich der Stern gegenüber dem angeblichen Bormann-Anwalt, »den Sinn der zur Veröffentlichung ausgewählten Dokumente weder durch Hinzufügung noch durch Kürzung zu verändern« - das alles natürlich, wie dann auch bei Führers Memoiren, »im Interesse der historischen Wahrheit«.

Bald darauf, Walde wollte Heidemann auf die angeblich im brasilianischen Urwald überlebende Hitler-Geliebte Eva Braun ansetzen, will der Reporter gegen diesen »Quatsch« gestreikt haben.

Heidemann kaufte und restaurierte die frühere Jacht Hermann Görings auf eigene Rechnung - ein später gescheitertes Spekulationsgeschäft. Doch kaum war das Schiff, die »Carin II«, vorzeigbar, zog es neugierige Kollegen, darunter Erich Kuby, und staunende Verlagsmanager an.

Stern-Autor Jochen von Lang »schleppte ehemalige Nationalsozialisten auf Heidemanns Jacht«, * Am Ruder der früheren Göring-Jacht »Carin II«. schreibt Koch. Und Stern-Gründer Henri Nannen hatte die Idee, aus den dort geführten Unterhaltungen mit Größen und Gegnern des Dritten Reiches ein Buch zu machen - Titel: »Bordgespräche«. Heidemann erhielt sogleich 60 000 Mark Vorschuß vom Verlag, um das Schiff in einen »repräsentativen Zustand« zu versetzen.

Der Stern habe den tüchtigen Reporter und Beschaffer Heidemann, so stellt Koch es dar, nachträglich zum manischen und auf eigene Faust tätigen NS-Schnüffler heruntergespielt, zum »Weltmeister der Heimlichtuerei«, um ihn und den Tagebuch-Fehlschlag als atypisch für die Qualität der Illustrierten hinzustellen. In Wahrheit sei der Hitler-Flop, meint Koch, ein spezifisches, freilich außer Kontrolle geratenes Stern-Produkt gewesen.

Heidemann galt beim Stern lange als fleißiger und zuverlässiger Rechercheur. Ihn habe ein »unbeschreibliches Einfühlungsvermögen« ausgezeichnet, schwärmt Koch, offenbar ohne zu begreifen, daß genau darin die Gefährdung des Faktenhubers und NS-Forschers lag. Denn es fehlte an einer wirksamen redaktionellen Kontrolle des Beschaffers Heidemann.

Koch erzählt etwa, warum sich Heidemann tatsächlich so hartnäckig mit Bormann beschäftigte. Walde hatte nämlich, um in der Redaktion die Spuren zu den inzwischen eintreffenden Hitler-Tagebüchern zu verwischen (geheim! geheim!), die Devise ausgegeben, Heidemann solle Neugierige bei Fragen nach seiner Beschäftigung mit Hinweisen auf den NS-Reichsleiter abwimmeln.

Dadurch kam es zu der denkwürdigen, als Tarnung gedachten Szene, daß Heidemann am Telefon »zwölf Doppelseiten« für »Martin« reservierte und sich damit endgültig den Ruf sicherte, er habe eine »Bormann-Meise«.

Walde hat Heidemann bis zu dessen Verurteilung hängenlassen; vor Gericht konnte er sich an vieles nicht erinnern. Erst hinterher meldete er sich in einem Brief an den Verurteilten zu Wort - mit verblüffenden Einzelheiten.

Den Brief veröffentlichte Koch im Faksimile. Aus ihm ergibt sich, daß das Urteil gegen den Stern-Reporter falsche Schlußfolgerungen enthält.

So hatten die Richter Heidemann zur Last gelegt, er habe kurz vor dem Auffliegen der Tagebuch-Fälschung »ihm wichtig erscheinende Gegenstände« an »einen bisher nicht entdeckten Ort« geschafft, um seine Finanzlage und die Unterschlagung der Tagebuch-Millionen zu vertuschen. Walde bestätigte dagegen in seinem Brief, er selbst und ein Mitarbeiter hätten auf Betreiben Schulte-Hillens und des damaligen Chefredakteurs Peter Koch das Material, darunter für echt gehaltene Hitler-Dokumente, in das G+J-Verlagsgebäude gebracht, weil es ihnen bei Heidemann diebstahlgefährdet schien.

Auch die Annahme des Gerichts, Heidemann habe sich zu seinen Betrügereien veranlaßt und darin bestärkt gesehen, weil ihn der Verlag bei seiner Geheimrecherche nicht habe überprüfen können, ist offenbar falsch. Walde erklärte nun brieflich, Heidemann habe aus dem Informanten Kujau, der sich »Fischer« nannte, nie ein Hehl gemacht. Er habe ihm, Walde, sogar Kujaus Telefonnummer gegeben, die unter dem Namen von Kujaus Lebensgefährtin Edith Lieblang eingetragen war.

Das juristische Urteil über den Journalisten Heidemann allerdings steht fest: Revision beim Bundesgerichtshof und eine Verfassungsbeschwerde der Heidemann-Anwälte sind inzwischen gescheitert.

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