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ALTE NEUE WELT

aus DER SPIEGEL 5/1969

Januar 1969: Neue Männer haben die Chefredaktion der »Welt« übernommen. Ihre Aufgabe: dem Blatt, das dank seiner allzu erkennbaren Meinungs- und Nachrichtenpolitik mehr und mehr Leser verliert, wieder Ansehen zu verschaffen.

Einst, bei der alten »Welt«, stand die Meinung vor der Nachricht fest. Als Benno Ohnesorg »ums Leben gekommen« war, machte die »Welt« -- »größtmögliche Sachlichkeit« im Sinn -- allein »studentische Extremisten« und nicht einen treffsicher schießenden Polizisten verantwortlich.

Jetzt hütet man sich plötzlich vor vorschnellen Kommentaren. Zumindest wenn es um hochgestellte Persönlichkeiten geht: Die meistdiskutierte innenpolitische Affäre der letzten zwei Wochen, die Wiedergutmachung an dem in seinem geistigen Fortkommen zum deutschen Professor geschädigten Theologie-Lizentiaten Gerstenmaier, hatte noch am Tag, an dem der Bundestagspräsident endlich seinen Rücktritt ankündigte, dem Blatt mit der täglichen Meinungsseite keine einzige Kommentarzeile entlockt.

Indes, seit letztem Dienstag kann niemand den neuen »Welt«-Chefs vorwerfen, daß sich bei ihnen in jedem Fall der Prozeß der Meinungsbildung so mühsam und zeitraubend gestaltet wie in der Affäre Gerstenmaier. zugleich mit der Nachricht, daß bei einem Überfall auf ein Munitionsdepot im Saarland drei Soldaten getötet und zwei lebensgefährlich verletzt wurden, lieferte der neue stellvertretende Chefredakteur, Lothar Ruehl, den Hinweis auf die Täter.

Zwar, schrieb der neue »Welt« -- Vize wenige Stunden nach der Tat, blieben alle Deutungen der Motivation des Verbrechens dem Resultat der Ermittlungen vorbehalten. Und »auf den ersten Blick« sei -- das gab der militärisch erfahrene Kommentator Ruehl umschweiflos zu -- der Zweck des Überfalls nicht deutlich.

Doch Ruehl besitzt die Gabe des zweiten und dritten Blicks, und diese Gabe erlaubte ihm die Feststellung, daß der »Charakter dieser Tat« zu einer Frage »zwingt«. Nämlich: »Ob eine Aktionsgruppe mit politischer Zielsetzung auf eine politische Instruktion hin der Bundeswehr einen provozierenden Schlag versetzen wollte.«

Solche Rätselfragen sind natürlich immer erlaubt, und hilfreich gab Ruehl seinem Publikum schnell noch einen Hinweis auf die Atmosphäre, die der Täterkreis gern hervorbringt: »Hysterie der Kampagne gegen den freiheitlichen Rechtsstaat und die Autorität seiner Verfassung, gegen die Staatssicherheit, die Landesverteidigung und die Armee ...«

Nach dieser Beschreibung mußte eigentlich jeder geübte »Welt«-Leser erkennen: Der Täter ist die Apo, so wie sie Tag für Tag in der »Welt« dargestellt wird.

Aber, vielleicht weil die »Welt« einmal von einer amerikanischen Universität als »beispielhaft« für »seriösen und verantwortungsvollen Journalismus« ausgezeichnet wurde, Lothar Ruehl jedenfalls wollte nicht nur Quizfragen stellen, sondern seriös und verantwortungsbewußt den möglichen Täterkreis beim Namen nennen: »Extremisten der Anarchie, eine revolutionäre Organisation oder ein ferngelenktes Sabotagekommando"« Leute also, die »mit solchen spektakulären Anschlägen eine Notstandssituation erzwingen wollen«.

Das allein -- nämlich den möglichen Täterkreis innerhalb von wenigen Stunden am Schreibtisch zu identifizieren und aus der Redaktionsstube den Notstand auszurufen -, das ist schon eine beachtliche Leistung des neuen »Welt«-Vizechefs.

Aber Ruehl kann noch viel mehr! Wir wissen alle: Für den Notstand -- auch für den von Anarcho-Extremisten erzwungenen -- hat man uns im letzten Jahr die Notstandsgesetze beschert. Und zwar nur zur Vorsorge, damit auch alles garantiert gesetzlich zugeht, im Notstand.

Doch Lothar Ruehl beweist uns jetzt, da drei Angehörige der Bundeswehr umgebracht wurden, daß unsere bedrohte Armee nicht durch das Regelwerk der Gesetze in ihren Wirkungsmöglichkeiten eingeengt werden darf. »Der Armee aber«, sagt Ruehl, ein klares, zwingendes Fazit aus seinen »Anscheinend«-Sätzen ziehend, »der Armee aber muß der Selbstschutz erleichtert, die Ausübung des Notwehrrechtes zur eigenen Sicherheit nach den tatsächlichen Bedürfnissen statt nach abstrakten Regeln gestattet werden.«

Otto Köhler
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