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GEWERKSCHAFTEN Alte Parolen, neue Not

Die Lehrergewerkschaft GEW steckt in der Krise, weil die Alt-68er unter den Funktionären nicht dazulernen wollen.
aus DER SPIEGEL 43/1997

Fast 5000 hessische Lehrer mögen sich nicht so richtig auf die bevorstehenden Herbstferien freuen. Ihr Dienstherr, Kultusminister Hartmut Holzapfel (SPD), läßt dieser Tage in die Personalakten der Pädagogen Mißbilligungen und Verweise eintragen und die Gehälter der Beamten kürzen.

Die Lehrer, meist Mitglieder der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), hatten am 1. Juli verbotenerweise für mehr Stellen und kleinere Klassen gestreikt. Auch die GEW, die zur Arbeitsniederlegung aufgerufen hatte, wurde abgestraft - mit 30 000 Mark Zwangsgeld.

Der Fehlschlag von Hessen steht beispielhaft für die Krise der GEW: Die einst mächtige linke Kampfgewerkschaft droht in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Die Mitglieder verlassen die Organisation im Stundentakt. Seit 1980 hat die Gewerkschaft (derzeit knapp 300 000 Mitglieder) im Westen 18,5 Prozent ihrer eingeschriebenen Mitglieder verloren, im Osten allein seit 1991 schon 23,7 Prozent.

Darüber hinaus trennt ein tiefer Graben die Landesverbände. Die meisten Lehrer zwischen Rostock und Zwickau sind nicht verbeamtet; der dramatische Geburtenrückgang in den neuen Ländern zwingt viele Pädagogen in eine Teilzeitbeschäftigung mit mancherorts nur noch der Hälfte des Normallohns. Mißtrauisch beäugen die Ostler, die immerhin 44 Prozent der Mitglieder stellen, deshalb die verbeamteten und besser verdienenden Westkollegen.

Vor allem jedoch fehlt es der GEW an Visionen für die Zukunft. »Viele Linke in der GEW haben nicht erkannt, daß sich die Welt verändert hat, und sind erstarrt in leeren Ritualen«, klagt Hans-Peter de Lorent, bis zum vergangenen Jahr Vorsitzender des Hamburger Landesverbands.

In den bewegten Jahren nach '68 verstand die GEW die Schule vor allem als Hebel für eine gesamtgesellschaftliche Umwälzung. Mitglieder politischer Randgruppen wie der DKP, des Kommunistischen Bundes Westdeutschlands oder des Stamokap-Flügels der SPD gelangten gewerkschaftsintern in maßgebliche Positionen und wähnten sich im Dienst der bevorstehenden Weltrevolution.

Viele dieser ergrauten Hardliner plädieren auch heute noch für Gesamtschule und Abschaffung der Noten. Damit vertreiben sie aber systematisch viele Modernisierer, die für eine Pluralität der Schulformen eintreten und auch Sekundärtugenden wie Leistungsbereitschaft als wichtige Erziehungsziele begrüßen.

»Die 68er-Generation ist seit 20 Jahren ohne Unterbrechung an der Macht«, kritisiert Ex-Landeschef de Lorent. Als Folge seien die »engagierten Lehrer doch längst nicht mehr bei uns aktiv«, klagt ein anderer Funktionär. »Wir müssen aufpassen, daß nicht nur die Looser bei uns mitarbeiten.«

Den Debatten über ein Aufbrechen des 45-Minuten-Korsetts an den Schulen, Anwesenheitspflicht der Lehrer auch außerhalb der Unterrichtsstunden oder leistungsbezogene Gehälter verweigern sich die meisten Mitglieder. Das alles ist den Dogmatikern mit den bequemen Birkenstock-Sandalen ein Greuel - so hat die GEW die Entwicklung zu mehr Autonomie und Eigenverantwortung der Schulen weitgehend verschlafen.

Statt mit neuer Politik versucht es die GEW mit neuem Personal. Weil er sich »zu sehr mit den gegebenen politischen Verhältnissen« abgefunden habe, wurde der Bundesvorsitzende Dieter Wunder im Mai gegen die promovierte Dresdner Physiklehrerin Eva-Maria Stange, 40, ausgewechselt (SPIEGEL 23/1997). Stange ("Wenn es sein muß, müssen wir unsere Forderungen auch mit Beamtenstreiks durchsetzen") setzt nun auf »Kooperation und Konfrontation«.

Drei Jahrzehnte lang hatte die GEW die Basis mit einer simplen Strategie bei Laune gehalten: Die deutsche Schule sollte vor allem an mehr und besser bezahlten Lehrern genesen. In kaum einer Industrienation sind Pädagogen mit Beamtengehältern zwischen 4000 und 8000 Mark pro Monat heute so gut gestellt wie in Deutschland.

Doch seit der Wiedervereinigung sind die Zeiten des Immer-Mehr vorbei: Die leeren Kassen der Länder verlangen längere Arbeitszeiten, größere Klassen und die Akzeptanz einer schlechteren Ausstattung der Schulen. Die GEW ("ständiger Bildungsabbau") stürzte das in eine Sinnkrise.

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