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GEWERKSCHAFTEN Alte Rechnung

Mit seinem Vorstoß für einen Lohnnachschlag blitzte der schwäbische Gewerkschaftsführer Franz Steinkühler ab. Kommt es im Herbst zu wilden Streiks?
aus DER SPIEGEL 31/1979

Als Eugen Loderers IG-Metall-Vorstand Mittwoch der vergangenen Woche am Konferenztisch Platz nahm, fehlte der Mann, den alle erwartet hatten. Der Stuttgarter Bezirksleiter Franz Steinkühler traf erst mit zweistündiger Verspätung in der Frankfurter Gewerkschaftszentrale ein.

Und auch dann war wenig von ihm zu merken. Während die Vorstandsmitglieder und Bezirksleiter heftig über den einzigen Tagesordnungspunkt ("Tarif-Nachschlag") debattierten, sagte der sonst so redegewandte Steinkühler kein Wort. Noch bevor die Sitzung beendet war, brach er schon wieder zum Flugplatz auf.

Dabei hatten die Spitzenfunktionäre es gerade dem aus seinem Urlaub in Südfrankreich zurückgerufenen Steinkühler zu verdanken, daß auch sie ihre Ferien unterbrechen mußten.

Überraschend hatte Steinkühlers Tarifkommission in der Woche zuvor die IG-Metall-Führung aufgefordert, die Tarifverträge über das 13. Monatsgehalt zu kündigen, um einen Ausgleich für gestiegene Preise auszuhandeln.

Mit ihrer Nachschlag-Forderung hatten die schwäbischen IG-Metaller eine Diskussion in Gang gebracht, die mancher Gewerkschaftsführer gern vermieden hätte. Noch wenige Wochen zuvor hatte etwa IG-Metall-Chef Eugen Loderer erklärt, daß seine Organisation keinen Lohnzuschlag fordern werde und die laufenden Tarifverträge einhalten wolle.

Doch viele Gewerkschafter in den Betrieben dachten anders als ihre Oberen. Je kräftiger die Preise für Heizöl und Benzin anstiegen, um so lauter wurde in den Werkshallen über eine Teuerungszulage diskutiert. So forderten etwa die Vertrauensleute der Stahlwerke Thyssen und Mannesmann den IG-Metall-Vorstand auf, »umgehend« über einen Nachschlag zu verhandeln, der »einen vollen Ausgleich für die Preistreiberei schafft«.

Besonders nachdrücklich bestanden die Kollegen in Baden-Württemberg auf einem außertariflichen Zuschlag. Arbeitslose Metaller gibt es in dieser Region kaum; zudem können die Gewerkschafter auf kräftige Unternehmensgewinne -- etwa bei Daimler-Benz und Bosch -- gerade in letzter Zeit verweisen.

In dieser Situation, so fanden Steinkühler und seine Getreuen, dürfe die Gewerkschaft nicht untätig und allzu bescheiden bleiben. Mit ihrer Forderung nach Kündigung der Tarifverträge über das 13. Monatsgehalt meinten sie »tarifpolltischen Handlungsspielraum« zu gewinnen.

Doch die forschen Schwaben hatten die Rechnung ohne die Zentrale gemacht. Loderer und sein Tarifexperte Hans Janßen hatten nämlich schon Anfang Juli die Parole ausgegeben, keinesfalls eine Nachschlagforderung aufzustellen. Auch die Verträge über das 13. Monatsgehalt, so der Vorstands. Ukas, sollten nicht gekündigt werden.

Die besonnene Haltung der IG-Metall-Spitze ist weniger ein Zeichen von Rücksichtnahme auf das volkswirtschaftliche Ganze, vielmehr sind die Gewerkschafter zu der Erkenntnis gelangt, daß die von Steinkühler geplante Aktion einfach nicht viel bringt.

In Verträgen über das 13. Monatsgehalt ist vereinbart worden, daß Metallarbeiter, die länger als drei Jahre einer Firma angehören, 50 Prozent eines Monatsgehalts als Weihnachtsgratifikation erhalten, Doch viele Unternehmen zahlen längst schon mehr,

So erhalten etwa die Arbeiter bei Daimler-Benz ein durchschnittliches Aufgeld von 1800 Mark. Die Opel. Werke zahlen jedem, der länger als zwölf Monate in der Firma ist, 105 Prozent eines Monatslohns. Und bei VW wird fast allen Arbeitern zu Weihnachten noch einmal ein volles Gehalt plus 940 Mark überwiesen.

In diesen Unternehmen würden die Arbeiter also nicht einmal dann mehr Geld bekommen, wenn die IG Metall das tarifliche Weihnachtsgeld beträchtlich aufstocken könnte.

Ebensowenig hätten die Stahlarbeiter oder die Metallhandwerker davon, wenn die Tarifverträge über das 13. Gehalt gekündigt würden: In der Stahl* Mit IG-Metall-Vorständen Hans Janßen und Rudolf Judith.

Industrie und im Handwerk sind diese Verträge gar nicht kündbar. »Wir können die doch nicht Im Regen stehen lassen«, beschwor Eugen Loderer seine Vorstandskollegen.

Überdies fürchten Loderer und sein Vorstand, daß eine Nachsehlagrunde im Herbst »die Luft aus der nächsten Lohnrunde herausnehmen könnte« (Tarifexperte Janßen). Selbst die 2,6 Millionen Mitglieder starke IG Metall dürfte zwei Tarifrunden im Jahr kaum durchstehen. Schon jetzt, klagt Lederer, sei der größte Teil des Jahres nur mit der Tarifpolitik ausgefüllt.

Auch aus taktischen Erwägungen, mit Blick auf die Disziplin im eigenen Hause, stimmte die Mehrheit des IG-Metall-Vorstandes gegen den Steinkühler-Vorstoß. Die Spitzenfunktionäre argwöhnen, daß etliche Vertrauensleute -- zum Beispiel in der Stahlindustrie -- nur deshalb so laut den Lohn-Nachschlag fordern, weil sie eine alte Rechnung mit Loderer und seinen Anhängern begleichen möchten.

In der Tat zeigen sich in der Stahlindustrie gerade jene Vertrauensleute am hartnäckigsten, die nach dem Stahlstreik Anfang dieses Jahres zu den heftigsten Kritikern des Streikergehnisses gehörten.

Käme es nun zu einer Nachschlagrunde, so dürften die Kritiker mit Fug und Recht behaupten, sie hätten es ja schon immer besser gewußt.

Verärgert registrierten die IG-Metall-VorstUnde auch, daß Franz Steinkühler der einzige war, der sich nicht an die verabredete Vorstandslinie gehalten hatte. Der forsche Steinkühler, so vermuteten sie, wollte sich nur einmal mehr auf Kosten der anderen als strammer Kämpfer profilieren. Nicht zuletzt aus diesem Grunde stimmten denn auch etliche IG-Metaller gegen den Steinkühler-Plan.

Das Stoppsignal für Steinkühler kommt den Führern der anderen Industriegewerkschaften durchaus gelegen. Denn auch IG-Chemie-Chef Karl Hauenschild, Bergarbeiter-Führer Adolf Schmidt und Bau-Gewerkschafter Rudolf Sperner halten nichts von einem Lohnnachschlag. Wie Loderer sind sie der Meinung, daß eine Nachschlagrunde im Herbst nur sinnlos die Kräfte verschleißen würde.

Selbst ÖTV-Chef Kluncker gab seiner Pressestelle Weisung: Die von Ihm geplante Kündigung der Tarifverträge über vermögenswirksame Leistungen solle nicht als Nachschlagforderung bezeichnet werden,

Auch unter den Gewerkschaftsoberen ist sich indes niemand ganz sicher, ob es nicht doch einen heißen Tarif-Herbst gibt. Schon einen Tag nach dem Veto aus Frankfurt kündigten schwäbische IG-Metall-Funktionäre an, daß wilde Streiks nun nicht mehr auszuschließen seien.

Sehr schnell könnte es, wie ein IG-Metall-Funktionär aus Neckarsulm vermutet, zu einer »breiten Selbstbedienungswelle« der Metaller kommen. In den Unternehmen der Automobilindustrie und anderen gut verdienenden Betrieben richten sich die Betriebsräte auf harte Verhandlungen über einen firmeninternen Zuschlag ein.

Halb im Scherz, halb ernsthaft gab ein IG-Metall-Vertrauensmann bei den Rüsselsheimer Opel-Werken bereits zu verstehen, daß die Erwartungen seiner Kollegen sehr hoch angesetzt sind. »Wir wollen gar nicht die 492 Millionen Mark Gewinn der Opel-Werke«, meinte er augenzwinkernd, »uns reicht auch schon die Hälfte.«

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