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»ALTER, SCHMEISS IHN RAUS!«

aus DER SPIEGEL 2/1961

»Beinahe eine Provokation« nannte der französische Fallschirmjäger - General Jacques Massu - ehedem Oberbefehlshaber eines Armeekorps in Algerien, jetzt Zeuge im Pariser »Barrikaden Prozeß« - sein Gespräch mit dem Chefreporter der »Süddeutschen Zeitung« Hans Ulrich Kempski im Januar 1960. Dem Interview folgte damals die Strafversetzung des Generals nach Frankreich und wenige Tage darauf der Putsch in Algier Am 17. Dezember schilderte Zeuge Massu - er wunderte sich, nicht unter den Angeklagten zu sein - sein folgenschweres Renkontre mit Kempski:

Ich möchte niemanden aufregen mit dem, was ich jetzt sagen will. Selbst wenn Herr Kempski mir übel mitgespielt hat, möchte ich nicht, daß die Presse ... Gut. Ich habe damals keinen Journalisten mehr empfangen. Keinen, überhaupt keinen. Gut. Eines schönen Tages war mein Bürochef nicht da. Das war ein Oberst, ein sehr ruhiger Mann, Nachfolger von Oberst Bröizat*. Der einzige Schirm zwischen meinem Büro und der Außenwelt war ein Hauptmann. Ganz vernünftig, aber eben bloß ein Hauptmann Gut, er kriegt einen Anruf von Kempski, Hans Ulrich. Ich habe ihm gesagt; »Alter, schmeiß ihn raus!« Aber dann hat General Lancrenon ihn angeschnauzt: »Mein Lieber, General Massu muß unbedingt Herrn Kempski empfangen. Er war auch Fallschirmjäger.«

Das wäre gut und schön gewesen, wenn wir nicht miteinander Krieg geführt hätten. Ich war erstaunt. Wahrhaftig, ich sollte ausgerechnet in diesem Augenblick sagen, was ich dachte, und noch zu einem Deutschen. Ich sagte: »Verlangen Sie eine Bestätigung.« Die Bestätigung kam. Daraufhin habe ich die Verabredung getroffen und dachte dann gar nicht mehr daran. War natürlich nicht sehr zufrieden. Da hatte es Attentate in Mitidja gegeben, dann die sonstigen politischen Ereignisse, und schließlich hatte ich schlechte Nachrichten aus Westafrika erhalten, von Unruhen in Guinea. Ich war. in einer Stimmung wie ein alter Kämpfer aus Napoleons Garde, der seinen Kaiser liebt und sich für ihn in Stücke hauen ließe. Aber man hat doch ein Recht darauf, zu meckern, nicht?

Kurz und gut, kommt da ein eleganter junger Mann in mein Büro, sehr gut angezogen, braungebrannt, in Begleitung eines schicken Generalstabsoffiziers. Dabei wird vereinbart: kein Interview, sondern eine Unterredung im Rahmen einer Enquete, einer Studie. Der Name des Generals (Massu) wird nicht erwähnt. Der Text wird mir zur Prüfung vorgelegt. Und Kempski hat darauf geantwortet: »Vollkommen einverstanden!«

Gut, wir haben uns gesetzt. Ich habe ihm freundlich guten Tag gesagt. Wir fingen an, von den Fallschirmjägern und von Kreta zu sprechen, und er hat mir gesagt . . . nein, nicht er, sondern der Dolmetscher. Ich habe kein Wort von dem verstanden, was der Mann da geredet hat, denn ich habe Deutsch nur in der Schule gelernt. Aber, wissen Sie, ich habe auf jeden Fall nicht so genau hingehört. Und wenn ich was Schlechtes über General de Gaulle hätte sagen wollen, hätte ich mir dazu nicht gerade einen Deutschen ausgesucht. Na schön, kurz, ich habe ihm denselben Schmus erzählt wie Ihnen vorhin, über den subversiven Krieg. Immerhin, ich sage es Ihnen offen, ich kann nicht formell dementieren, weil ich damals nicht gerade in der besten Laune war.

Aber was mich anwiderte, das war, wie man die Sache ausgebeutet hat, den Skandal, den man hinterher daraus gemacht hat. Ich habe diesen Kerl für einen Kameraden gehalten. Wenn man ihn hergeschickt hat, dann wollte man doch, daß ich ihm was sage, nicht? Niemand hat mich gewarnt, im Gegenteil. Ich habe sogar meiner Frau gesagt, als ich heimkam: »Weißt du, ich habe da einen sympathischen Journalisten getroffen. Du könntest ihm mal eure Jugendlager zeigen!« Aber plötzlich sagt mir General Jacquot: »Ich kenne den. Ich habe ihn in Deutschland gesehen, der Kerl ist widerlich.«

Bedenken Sie, ich hatte dem Dolmetscher von vornherein gesagt: »Erklären Sie ihm, er soll mich nicht als Faschisten hinstellen.« Und er hat das damit übersetzt: »General Massu sagt, er sei kein Faschist.« Und da kam auch schon der Knall: Challe (damals Oberbefehlshaber in Algerien) sagt mir: »Dementieren Sie!« Ich frage ihn: »Dementieren, was?« Ich wußte überhaupt von nichts. Aber nachher habe ich den Artikel gesehen. Das war wirklich das Letzte.

Man sagt mir: »Dementieren Sie!« Ich dementiere alles, was man will, wenn es zum Wohle Frankreichs ist oder gar zum Nutzen der Politik von General de Gaulle, ich will ihm ja keine Schwierigkeiten machen. Aber dann hat man mich aus Paris angerufen, und da habe ich verstanden. Das war ein Sprung ins Leere, ein Absprung ohne Fallschirm, verstehen Sie? Ich will nicht sagen, daß es eine Provokation gewesen ist, aber alles ist so vor sich gegangen, als ob man über dieses Abenteuer sehr froh gewesen wäre.

* Oberst Broizat war auf Befehl des Pariser Verteidigungsministeriums abgelöst worden.

Masau

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