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Briefe

Altmodische Hexenküche
aus DER SPIEGEL 32/1987

Altmodische Hexenküche

(Nr. 28/1987 Österreich: Offener Antisemitismus in Wien. - Nr. 30/1987 SPIEGEL-Streitgespräch mit ÖVP-Generalsekretär Michael Graff und SPÖ-Vorstandsmitglied Erwin Lanc über Österreich, Waldheim und Antisemitismus) *

Es ist einfach unerhört, was sich deutsche Journalisten uns Österreichern gegenüber an Unverschämtheiten erlauben!! Wir haben es endgültig satt, ständig als Kriegsverbrechervolk hingestellt zu werden!!!

Vöcklabruck (Österreich) JUSTINE MÜLLER

Kurt Waldheim kann man mögen oder eben nicht, genauso wie andere Persönlichkeiten und Staatsmänner. Sicher ist, daß er auf demokratische Weise gewählt wurde, und demzufolge braucht sich Österreich genausowenig dreinschwatzen zu lassen, wie es die Israelis in eigener und uneigener Sache tun!

Lagos (Nigeria) ALOIS MERCK

Warum sollten die Österreicher eine Lehre aus der Vergangenheit ziehen, wenn der Großteil der Deutschen nicht dazu bereit ist und das bei uns toleriert wird?

Karlsfeld (Bayern) ANDREAS RUSP

Ich bin privat und beruflich oft in Israel und habe dort selber mehrmals den Ausdruck »nur ein toter Araber ist ein guter Araber« gehört. Vor bald 50 Jahren wurde dieser Satz auch oft ausgesprochen - nur waren es Juden statt Araber !

Basel (Schweiz) MATTHIAS C. MEYER

Hier handelt es sich nicht um Antisemitismus, sondern um Antijudaismus/ Antizionismus. Zum Beispiel, auch alle echten Araber, gleich, ob und welcher Religion, sind Semiten, und die Juden unter allen Semiten nur der kleinere Teil, der selber Antisemitismus betreibt und zwar gegenüber den Arabern.

München AL-HADJA MARYAM Direktorin des Deutschen Office für Pilgerwesen und Islamische Angelegenheiten

Statt schadenfroher Häme wäre doch eher gemeinsame Trauer über die vielen alten und neuen Unbelehrbaren in unseren Ländern angebracht, Hand in Hand mit dem Versuch, weiter aufzuklären, zu warnen, aufzuzeigen und zu verhindern versuchen, daß es je wieder ein Auschwitz irgendwo auf dieser Welt gibt.

Bruck/Mur (Österreich) JÜRGEN EDERER

Wenn Waldheim noch einen Funken Verantwortungsbewußtsein aus seiner Zeit als Uno-Generalsekretär nach Österreich hinübergerettet hat, dann muß er sofort - nachdrücklich und unüberhörbar - sich für die Juden seines Landes und gegen den wachsenden Antisemitismus einsetzen.

Wehr (Bad.-Württ.) D. KOPPLER

Ich habe als junger Mensch die in Deutschland beginnende Judenverfolgung erlebt und kann nur sagen: Die Vorkommnisse gleichen sich. Es ist immer wieder erschütternd festzustellen, was Menschen mit Menschen - erweitert: mit Lebewesen - anstellen. Auch

als Nichtjude kann einem angst und bange werden.

Berlin WALTER LOOSE

Wann begreifen die Österreicher endlich, daß die Weltöffentlichkeit längst dem altbekannten österreichischen »gemütlichen« Klischee abgeschworen hat und die Alpenrepublik jetzt als hinterwäldlerische altmodische »Hexenküche betrachtet? Warum machen sie aus Waldheim nicht ein »Baldheim« und schicken ihn zurück in seine Heimatstadt Braunau?

Heikendorf (Schlesw.-Holst.) TIM DANKER

Im Streitgespräch stellte ÖVP-Generalsekretär Graff die Behauptung auf, Herr Bronfman hätte den vom Linzer Vizebürgermeister Hödl an ihn gerichteten Brief publiziert. Dies ist unrichtig. Der Brief wurde von Hödls Parteifreunden den Oberösterreichischen Nachrichten« zugeleitet und dort in seinen wesentlichen Passagen erstmals unter dem Titel »Christ Hödl und die Juden« am 29. 5. 1987 veröffentlicht.

Linz (Österreich) DR. HERMANN POLZ Chefredakteur »Oberösterreichische Nachrichten«

Gelernt haben die Wiener Spießer nichts- und nach zwei Generationen blüht in deren Seele »der innere Schweinehund« (den Hitler damals mit so großem Erfolg ansprach!) prächtiger denn je. Diese geistigen Pygmäen betrachten sich auch heute als etwas Besseres und hassen Kroaten, Juden und wen noch immer. Auf diesem Humus wuchs und gedeiht auch heute Kurt Waldheim. Insofern hat Österreich doch den richtigen Präsidenten. Suum cuique.

La Palma (Kanarische Inseln) KARL KLAUSEN

Adorno hat einmal gesagt: » ... wenn es keine Juden gäbe, die Antisemiten würden sie erfinden...« Nach dem, was sich jetzt abspielt, ist auch der Umkehrschluß möglich. Wenn es keine Antisemiten mehr gäbe, fände sich immer wieder ein Bronfman, der zum Schaden seiner Glaubensbrüder mit seinen Niederträchtigkeiten Solidarhaftungen konstruieren läßt und versöhnende Lösungen hintertreibt. Jeder, der sich nur einigermaßen mit den Möglichkeiten beschäftigt hat, weiß, daß der »Herr Oberleitnant« im Stabe einer Wehrmachtseinheit nur ein ganz »kleines Würstchen« war.

Bad Nauheim (Hessen) JEAN B. GEORGE

Die Geschichte der Juden lehrt uns, daß diese die Gojim stets so lange provozieren bis auch der gutmütigste Goi genug hat und zurückschlägt. Diese Reizschwelle haben die Juden mit den haltlosen und unfairen Attacken gegen den österreichischen Bundespräsidenten hör- und sichtbar übertreten. Wenn also wieder einmal Juden verfolgt, verhöhnt und gedemütigt werden, dann ist nicht Herr Dr. Waldheim die Ursache, sondern jene

streitsüchtigen Juden, die sich in ihrem abwegigen Machtstreben an Herrn Dr. Waldheim dafür rächen wollen, weil er seinerzeit von den Vereinten Nationen als Uno-Generalsekretär dem jüdischen Max Jacobssohn (unter finnischer Flagge) vorgezogen wurde! - Daß bei einem derartigen Racheakt stets die Rächer und ihre Mitläufer verlieren, hätte Ihr Korrespondent eigentlich wissen müssen. Und aus welchen Gründen die 6000 in Wien verbliebenen Juden nicht freudigen Herzens in ihr gelobtes Palästina abziehen wollen, auch.

Campione (Schweiz) FRANK NOSEDA

Mir scheint, nur gegen einen noch größeren Österreicher hätte Waldheim die Wahl verlieren können. Allerdings - jener ist seit dem 30. 4. 1945 tot.

Langen (Hessen) PAUL L. VOYT

Laut repräsentativen Umfragen gibt es unter der österreichischen Wählerschaft einen harten Kern von mindestens sieben Prozent Antisemiten. Welchem Kandidaten mögen wohl diese Wähler bei der Präsidentenwahl 1986 ihre Stimme gegeben haben?

Wien (Österreich) DR. ALEXANDER MELKICH

Als gebürtiger Wiener (Jahrgang 1956) glaube ich nicht, daß seit der Wahl von Kurt Waldheim der prozentuelle Anteil an Antisemiten in Österreich zugenommen hat. Vielmehr glaube ich, daß gewisse Äußerungen jetzt anstatt hinter vorgehaltener Hand öffentlich getan werden.

Seekirchen (Österreich) GERNOT RITTENAU

Ja, so sind sie halt, die Juden: Nicht nur verletzen sie durch ihre Anwesenheit auf schamlose Weise die antisemitischen Gefühle ihrer österreichischen Mitbürger; einige von ihnen sind auch um keinen Preis davon abzubringen, daß sie einen Lügner einen Lügner und ein Schwein ein Schwein nennen. Welch Undank, so man doch eben damit begonnen hatte, ihnen Auschwitz gnädig zu verzeihen. Herr Graff, bitte nehmen Sie zur Kenntnis, daß mir zu meinem unheimatlichen Heimatland schon lange nichts mehr einfällt.

Hamburg HANNES STEIN

BRIEFE

Ganz arme Schweine

(Nr. 29/1987 Katastrophen: Wie gefährlich sind Gefahrgut-Transporte?) *

Ich war für einige Wochen in der Treibstoffspedition als Fahrer beschäftigt. Was da läuft, glaubt keiner, der es nicht selber erlebt hat. Die Fahraufträge sind in der vorgesehenen Zeit nur unter Idealbedingungen - also fast nie - ohne Verletzung der StVO erfüllbar. Tanklaster verdienen daher im Verkehr äußersten Respekt. Sie sind nie ganz leer und transportieren im günstigsten Falle 34000 Liter Kraftstoff-Luft-Gemisch - zündfähig! Gerade in diesem Zustand wird zu schnell gefahren, denn der Fahrer der nächsten Schicht wartet darauf, das Fahrzeug zu übernehmen. Wenn die Polizei die Fahrtschreiberscheiben kontrollierte, wäre manche Firma über Nacht plötzlich ohne Fahrer.

Hamburg HOLGER WILLERS

Zur Ausbildung für Gefahrgut-Transporte kann ich nur lachen, in fünf Stunden war alles vorbei. In 21 Jahren Praxis habe ich nicht eine Feuerlöschübung mit dem Feuerlöscher gemacht.

Hamburg HEINZ BÖHME

Sieht man sich die Arbeitsbedingungen der Lkw-Fahrer mit Gefahrgut näher an, so muß man (leider) feststellen, daß die Fahrer »ganz arme Schweine«, die eigentlichen Verbrecher aber in den Firmen die Disponenten und vielen Chefs sind. Wir werden mit Nachdruck auf weitere Mißstände hinweisen, denn es geht um unser aller Leben.

Augsburg EH. LISKE Unternehmensberatung für Umweltschutz

Nach der Katastrophe wird erneut über die Verschärfung von Sicherheitsauflagen für Lkw-Schwerlasttransporte palavert und man kann schon jetzt sicher sein, daß profit-lüsterne Unternehmer und deren Lobby, wie schon so oft, solche Absichten abblocken werden. Dabei gibt es überhaupt keinen Grund, solche Lasten über weite Fernstrecken auf der Straße zu transportieren. Binnenschiffahrt und Bundesbahn sind durchaus leistungsfähig genug, solche Aufgaben zu bewältigen.

Bonn GÜNTHER KNOBLOCH

Mich hat bei den Kommentaren der Speditions- und Verwaltungsverantwortlichen vor allem fasziniert, daß die Herren sich mit ihrer Argumentation so voll aufs Glatteis begeben haben. Denn wenn alles so okay in Deutschland mit den Bemühungen um Sicherheit ist, dann ist wohl am Systemdenken der Herren etwas verkehrt, und solange dies so bleibt, sind solche Unglücke tragisch, aber unabwendbar.

Bonn HARTMUT BOLLE

BRIEFE

Macht Taxis billiger

(Nr. 28/1987 SPIEGEL-Redakteur Wolfgang Kaden über Winfried Wolfs Buch »Eisenbahn und Autowahn") *

Solange die Sprache suggeriert, daß Autofahren die Individualität fördert, Bahnverkehr die Vermassung, braucht man sich nicht zu wundern, daß sich Autofahrer für bessere Menschen halten.

München GÜNTER ALBERT

Ihre Besprechung des Buches von Winfried Wolf betrachte ich als die Gelegenheit, einen Vorschlag zu lancieren, der mir schon seit Jahren auf der Zunge brennt: durch Senkung oder Erlaß der Kraftstoffsteuer, die Taxis dermaßen billig machen, daß sich das individuelle Auto für die meisten nicht mehr lohnt! Das erscheint mir geradezu das Ei des Kolumbus! Meist sind die öffentlichen Verkehrsmittel nicht attraktiv, weil man ein Auto braucht, um zu ihnen zu gelangen; viele Leute haben ein Auto nur dazu, um im Discount einzukaufen (!), all das fiele dann weg. Keine Berührungsscheu vor Taxis mehr, die man natürlich im innerstädtischen Bereich besonders verbilligen sollte.

Karlsruhe DR. MED. GEERD SCHNEDERMANN

Buchautor und SPIEGEL-Redakteur haben einen hervorragenden Beitrag dazu geleistet, dem Subventionsmoloch »Auto« die teuren Hosen herunterzulassen. Für diese Rehabilitierung der »Schiene« können sich die Eisenbahner nur bedanken.

Die Thesen des Buches sollten sich Verkehrspolitiker hinter die Ohren schreiben. Auf Wählerpotentiale schielend, weil das Auto des Bürgers liebstes Kind ist und inzwischen jeder sechste Beschäftigte in der Bundesrepublik direkt oder indirekt von der Automobilindustrie abhängig ist, haben sie sich vom »Autowahn« verführen lassen. Statt einer wirklichen Verkehrspolitik wurde Jahrzehnte eine Straßenverkehrspolitik betrieben. Es ist höchste Zeit für eine weitsichtige Umwelt- und Verkehrspolitik, die den

Menschen und der Bundesbahn nicht die Luft zum Atmen nimmt.

Frankfurt ADOLF HARTMANN Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Deutscher Bundesbahnbeamten, Arbeiter und Angestellten im Deutschen Beamtenbund (GDBA)

Meine dringende Empfehlung an die Bahn: Für dieses attraktive Verkehrsmittel attraktivere Preise, damit das dumme Volk aus seinen dummen Autos steigt!

Fulda (Hessen) ALEXANDRA NUSSER

Der »Leberplan«, der seinerzeit vom Verkehrsministerium ausgearbeitet wurde, mußte offensichtlich dem »Bürger-Willen« oder der Automobillobby geopfert werden. Dabei hätte der Straßengüterverkehr mit all seinen Folgen wie Straßenbelastung, folgenreichen Unfällen, Umweltverschmutzung und Lärmbelästigung auf das notwendige Minimum schrumpfen können.

Küsten (Nieders.) GÜNTER REUSCH

Was sind die Werbeanzeigen der Bahn gegen die der Automobilhersteller? Was sind die vielen kleinen Initiativen für eine sinnvollere Verkehrspolitik gegen die geballte Kraft der Autolobby, die alle Andersdenkenden als Spinner abtut.

Schwarzenbruck (Bayern) FRANK LANGBEIN

Wenn noch mehr Autofahrer einen Autoreisezug benutzen würden, könnte die Bundesbahn die Preise dafür noch mehr senken, bei nun steigender Nachfrage mehr Autoreisezüge einsetzen, ihr Defizit senken und für die Sicherheit des rollenden Verkehrs auf Deutschlands Straßen das Bundesverdienstkreuz erhalten.

Berlin DR. MED. R. KRONENBERG

Wenn die Verantwortlichen in Bonn der Bundesbahn nur die Soziallasten (Pensionen usw.) abnähmen - was sie gezielt nicht wollen -, dann würde die DB doch bereits Gewinne machen. Aber gewissenlos braucht Bonn die DB-Schulden als Alibi für die riesigen Straßenbaugelder, Reparaturkosten, Unfallkosten (allein 40 Milliarden Mark pro Jahr), Unfalltoten und -verletzten sowie die unermeßlichen Umweltschäden des Individualverkehrs.

Düsseldorf KERSTIN BOHL

Unsere Verkehrspolitik sorgt dafür, daß täglich ein Stück unserer Welt stirbt - so langsam, daß es keiner merkt. Und niemand will es gewesen sein. Holocaust zwei?

Wiesbaden JOACHIM SEYFERTH

BRIEFE

Ernsthafte Unvollkommenheit

(Nr. 28/1987 SPIEGEL-Reporter Erich Wiedemann über das Ende der Permissivität im Drogen-Paradies) *

Ihr Bericht über das Ende der Langmut in Amsterdam enthält - neben einer

richtigen Darstellung einer sich in Amsterdam vollziehenden Entwicklung - leider Fehler, die vom Irreführenden bis zum Peinlichen reichen. Hier einige Beispiele: *___Amsterdam kennt keine »Mäuse- und Rattenplage«, und die ____Stadt versinkt nicht im Dreck. Das steht auch nicht im ____Jahresbericht des Hotel- und Gaststättengewerbes. Die ____Innenstadt ist dank spezieller Maßnahmen jetzt sauberer ____als seit Jahren. Das im Artikel verwendete Photo zeigt ____das Rokin nicht im Alltagszustand, sondern am Ende des ____alljährlichen Freimarktes, wenige Stunden, bevor aller ____Müll eingesammelt war. *___Die Kriminalität steigt in Amsterdam nicht am ____schnellsten in der Welt. Nach einer leichten ____Abschwächung im Jahre 1985 bewegt sich die Kriminalität ____seit 1986 auf dem gleichen Stand wie 1984. *___Unzutreffend ist auch die Behauptung, 55 Prozent der ____Amsterdamer seien 1986 mindestens einmal von ____Kriminalität betroffen gewesen. In Wirklichkeit liegt ____diese Zahl bei etwa zehn Prozent. *___Falsches Parken kostet im beschriebenen Fall mindestens ____363,40 Gulden (und nicht 150 Gulden). *___Zum Schluß: Sehr peinlich ist die Verbindung, die der ____Verfasser zwischen »Hehlerware« und dem »alten ____Judenviertel« zieht. Auch wenn es sich hierbei nur um ____eine geographische Angabe handeln soll, sollte man doch ____zweimal nachdenken, ehe man eine solche Assoziation in ____die Welt setzt.

Im allgemeinen möchte ich sagen: Die Unvollkommenheiten einer Großstadt wie Amsterdam sind ernsthaft genug, um sie wahrheitsgemäß zu beschreiben.

Amsterdam AAD VAN CORTENBERGHE Pressesprecher der Stadt Amsterdam

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