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ENGLAND / STEUERN Am besten emigrieren

aus DER SPIEGEL 39/1968

Englands bessere Kreise finden keine Freude am Wohlstand. Denn Großbritannien sozialistische Finanzminister rupfen die Reichen, wo sie nur können.

Der Londoner Industrielle Leonard J. Matchan klagte, es lohne sich nicht mehr, reich zu sein. Rund zwei Drittel seines Chefgehaltes mußte er alljährlich an das Finanzamt abliefern. Um der Höchststeuer der Labour-Regierung zu entgehen, zog Matchan von London auf die britische Kanalinsel Brechou uni, wo die Steuern aufgrund uralter Privilegien niedriger sind.

Von dem winzigen Eiland dirigiert Firmenboß Matchan nun die weltweiten Geschäfte des Cope-Allman-Konzerns. Eier braucht er nur die Hälfte der Einkommensteuer zu entrichten, die in London gilt. Eine Erbschaftssteuer gibt es auf Brechou überhaupt nicht.

Viele der 95 000 englischen Großverdiener tragen sich gleichfalls mit dem Gedanken, nach Brechou, Jersey oder Guernsey umzusiedeln. Die normannischen Inseln haben sich ihre Steuerhoheit seit 1066 bewahrt, als ihr Herr, Wilhelm der Eroberer, England unterwarf.

Manche Steuerpflichtige brechen ganz mit Britannien und gehen ins Ausland; so der Romancier Graham Greene, die Stückeschreiber Noel Coward und Terence Rattigan. Auch Filmstars wie Liz-Taylor-Gatte Richard Burton, Vanessa Redgrave, Bond-Connery und Julie Andrews, die ihre Millionen als Mary Poppins verdiente, schlossen sich dem Exodus an.

Sie alle fliehen vor den scharfen Steuergesetzen, mit denen die Labour-Regierung Geld in ihre leeren Kassen bringen will. Schon ein halbes Jahr nach der Regierungsübernahme Harold Wilsons verfügte Schatzkanzler James Callaghan im April 1965 eine Steuer auf sogenannte Veräußerungsgewinne. Danach muß zum Beispiel beim Weiterverkauf von Aktien ein Drittel des Gewinns dem Finanzamt überlassen werden. Sogar Geschenke muß der Empfänger versteuern, wenn sie mehr als 1000 Mark wert sind.

Durch die zusätzliche Steuer auf Wertpapiergewinne fühlten sich Englands Reiche doppelt bestraft. Denn schon die Einkommensteuer, deren niedrigster Satz 40 Prozent ausmacht und die bis auf 90 Prozent anwächst, zwickt die britischen Großverdiener mehr als etwa Westdeutschlands Verdienst-Elite (Bonner Höchst-Steuer-Satz: 53 Prozent).

Als Callaghan nach dem Debakel der Pfundabwertung im November letzten Jahres aus dem Amt schied, schöpften Englands Wohlstandsherren kurze Zeit Hoffnung. Aber der neue Schatzkanzler, Roy Jenkins, erwies sich als noch schlimmer.

Er brummte den Reichen eine weitere Steuer auf: Wer im Finanzjahr 1967/68 mehr als 30 000 Mark Gewinn aus Kapitalanlagen, beispielsweise in Form von Dividenden oder Hypothekenzinsen, kassierte, muß jetzt bis zu 45 Prozent an das Finanzamt abliefern

zusätzlich zu der Einkommensteuer. Dadurch kann es passieren, daß britische Großverdiener für das vergangene Steuerjahr sogar mehr als 100 Prozent Steuern bezahlen müssen.

Der englische Schauspieler Michael Crawford beispielsweise, der für seine Rolle in dem Musical »Hello, Dolly!« eine Million Mark bekam, jammerte: »Wenn ich nicht auswandere, muß ich für jedes verdiente Pfund 26 Schilling Steuern bezahlen, obwohl das Pfund bekanntlich nur 20 Schilling hat.«

Unter dem zunehmenden Steuerdruck auf Wertpapiergewinne stecken viele Anleger ihr Geld jetzt in Vermögenswerte, die keine unmittelbaren Gewinne abwerfen, wie Gemälde, Juwelen und Antiquitäten. Aber ihre Hoffnung, auf diese Weise dem Fiskus zu entgehen, ist trügerisch. Denn schon bereitet die Wilson-Regierung eine »Wohlstandssteuer« vor, die auch für Preziosen aller Art gelten soll.

Die Londoner Times kritisierte, die hohen Steuern für Englands Reiche seien »wahrscheinlich das größte Hindernis für die Gesundung unserer Wirtschaft«.

Englands Steuerberater und Vermögensverwalter erfinden immer neue Tricks, um Ihre Klienten aus der konfiskatorischen Steuerschlinge zu befreien.

Das Rezept der Anlageberatungsgesellschaft »Constellation Investments« lautet: Der Großverdiener verzichtet zum Schein auf sein Top-Gehalt und läßt die Summe der Constellation überschreiben. Die Investmentgesellschaft kauft für die »Schenkung« Wandelanleihen, die am Ende ihrer Laufzeit an der Londoner Börse in normale Aktien umgetauscht werden.

Verkauft der Constellation-Kunde später seine Effekten, so braucht er nur 30 Prozent Kapitalgewinnsteuer zu entrichten. Ersparnis gegenüber der Einkommensteuer: bis zu 60 Prozent.

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