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»Am besten sagen wir die Wahrheit«

aus DER SPIEGEL 52/1977

Am 6. Juni 1974 beschloß der Bundestag, einen Untersuchungsausschuß über den Fall Guillaume einzusetzen. Schon aus den Debatten, die diesem Beschluß vorausgegangen waren, hatten Mitglieder der Opposition erkennen lassen, in welche Richtung sie zu marschieren gedachten.

Zum Beispiel äußerte der bayerische Staatsminister Heubl der Presse zufolge: »Brandts Rücktritt scheint mir ein geplantes und erfolgreiches Zusammenwirken zwischen Ost-Berlin und dem Fraktionsvorsitzenden der SPD.«

Der CSU-Abgeordnete Richard Stücklen erklärte: »Der damalige Bundeskanzler Brandt ist am 29. Mai vom früheren Innenminister (Genscher) auf erste Verdachtsmomente gegen Guillaume hingewiesen worden. Der SPD-Fraktionsvorsitzende ist einen Tag danach, am 30. Mai, in Ost-Berlin bei Honecker gewesen. Was sind da die Hintergründe?«

Wehner warf Stücklen daraufhin vor: »Ihre Biedermannsmaske übertrifft

* Mit elen Ausschuß-Mitgliedern Gerster (CDU). Wallmann (CDU), Arndt (SPD) und Hirsch (FDP).

* 1977 C. Bertelsmann Verlag. München. Der ungekürzte Text erscheint Ende Januar 1978 unter dem Titel Das Amt« (340 Seiten: 34 Mark) bei Bertelsmann.

noch Ihre Christlichkeit,« Seine Empörung war berechtigt. Er hatte von dem gegen Guillaume entstandenen Verdacht vor seiner Abreise in die DDR weder von mir noch sonst jemandem erfahren.

Bis zur Schlußdebatte über die Ergebnisse des Untersuchungsausschusses wurde das Landesverrats-Thema immer wieder hochgespielt. Das Motiv der Opposition war klar. Nachdem Brandt zurückgetreten war, konzentrierte sie ihre Angriffe auf den Fraktionsvorsitzenden der SPD, ihren entschiedensten Gegner. Weil sie meinte, durch mich auch ihn treffen zu können, versuchte sie, mich zum Sündenbock zu machen.

Durch Deuteln an meiner Berichterstattung an Wehner konnte das nie gelingen, dessen war ich sicher. Diese Berichterstattung in Sachen Sicherheit der SPD ging auf einen dienstlichen Auftrag zurück, den mir ein CDU-Innenminister 1960 erteilt hatte.

Alle Spekulationen der Opposition, ob es mir nicht doch möglich gewesen Ware, Wehner vor seiner Abreise in die DDR über den Fall Guillaume zu unterrichten, erwiesen sich als Seifenblasen angesichts der Tatsache, daß ich ihn erst am 4. Juni, nach seiner Rückkehr, informiert hatte.

Während einer der Sitzungen des Untersuchungsausschusses wollte mich ein Abgeordneter mit der Frage nach meiner Parteizugehörigkeit aus der Fassung bringen.

Ich sah aber keinen Grund, mich um eine Antwort zu drücken, da ich schon bei meiner Einstellung in den Bundesdienst im Jahre 1950 wahrheitsgemäße Angaben gemacht und mich inzwischen an die öffentliche Diskussion dieser Frage gewöhnt hatte. »Wie weit soll ich zurückgehen«, fragte ich und hatte damit die Lacher auf meiner Seite.

Aber eine andere Frage des Untersuchungsausschusses bereitete mir, wie sich zeigen sollte, Schwierigkeiten: Wann und in welchem Umfang hatte ich Minister Genscher über den Verdacht gegen Guillaume unterrichtet?

Über die Zeitpunkte der Unterrichtung sagten Herr Genscher und ich übereinstimmend aus. Hinsichtlich des Umfangs der Unterrichtung differierten unsere Aussagen jedoch.

Ich war in einer schwierigen Lage, weil ich den Wortlaut meiner Mitteilungen an Genscher im Untersuchungsausschuß nicht wiederholen wollte. Insbesondere das Kernstück dieser Mitteilung, die Funksprüche des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) mit den Gratulationen an Guillaume und seine Frau, erwähnte ich vor dem Ausschuß nicht. Ich hielt sie noch für geheim, weil wir im Amt hofften, weitere Agenten ausschalten zu können.

Auch in nichtöffentlicher Sitzung sprach ich nicht über diese Funksprüche, weil die Aussagen, die in den geschlossenen Sitzungen des Ausschusses gemacht worden waren, an den folgenden Tagen regelmäßig in der Presse breitgetreten wurden. Heute brauche ich derartige Rücksichten nicht mehr zu nehmen.

Mitteilungen über diese Funksprüche, die das Innenministerium gegen meinen Rat den Abgeordneten zugehen ließ, sind von dem CSU-Abgeordneten Dr. Günther Müller der Presse zugeleitet worden.

Danach haben sich im Strafprozeß gegen Guillaume auch die aus dem Bundesamt für Verfassungsschutz geladenen Zeugen veranlaßt gesehen, in öffentlicher Sitzung den Wortlaut dieser Funksprüche zu zitieren.

Als ich sie in meinen Aussagen nicht zitierte, hoffte ich noch, das Geheimnis werde sich wahren lassen. Deshalb hat der als »streng geheim« bezeichnete Aktenvermerk Dr. Kinkels, des persönlichen Referenten des Ministers Genscher, vom 29. Mai 1973 den Eindruck hervorgerufen, als sei das, was darin stand, der Wortlaut dessen, was ich dem Minister vorgetragen hatte.

Der Wortlaut dieses »streng geheimen« Vermerks wurde am 20. September 1974 von der sonst sich gern über »Verrat« erregenden »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« ungeniert veröffentlicht. Nach dem Bericht der »FAZ« lautete dieser Vermerk:

Am 28. Mai 1973, gegen 15 Uhr, rief mich Herr Dr. Nollau an und teilte mit, daß er dem Minister eine wichtige Mitteilung unter vier Augen zu machen habe. Es sei nicht so wichtig, daß es »heute oder morgen« sein müßte, wohl aber von -- wie ich meine -- erheblicher Bedeutung. Ich sagte Dr. Nollau zu, diesen Wunsch dem Minister vorzutragen.

Am 28. Mai 1973, gegen 15.30 Uhr, rief mich der Minister von zu Hause an. Im Rahmen dieses Gesprächs erwähnte ich den Wunsch von Dr.Nollau, ihm eine wichtige Angelegenheit vortragen zu können. Dieser Anruf erfolgte am 28. Mai 1973, nachmittags. In dem Ferngespräch zwischen dem Minister und Dr. Nollau, in dem Dr. Nollau auf mündlichem Vortrag bestand, wurde vereinbart, daß Dr. Nollau am 29. Mai 1973, 10 Uhr, zum Minister in sein Büro kommen sollte. Das Gespräch zwischen dem Minister und Dr. Nollau fand am 29. Mai 1973, um 10.30 Uhr im Büro des Ministers statt. Der Unterzeichner nahm am Gespräch teil.

Dr. Nollau erklärte, daß im Rahmen der systematischen Sicherheitsüberprüfungen des Bundeskanzleramtes sich ergeben habe, daß bestimmte Erkenntnisse auf den beim Bundeskanzler als persönlichen Mitarbeiter beschäftigten G. und dessen Ehefrau zutreffen würden. Dr. Nollau erklärte, Frau G. sei nicht in Bonn, sondern im Raum Frankfurt tätig.

G. und seine Frau stammten aus der DDR und böten hinsichtlich ihres Alters, ihres Werdeganges (G's Berufsdaten weisen für die Zeit von fünf Monaten vor dem Obertritt in die BRD keine Angeben aus) Anlaß für die Vermutung -- wie ähnlich gelagerte Fälle -, gezielt als Agenten eingeschleust worden zu sein.

Dies alles könne nicht mit Sicherheit gesagt werden; deshalb schlage er, Dr. Nollau. vor, zunächst Frau G. zu observieren und G-1O-Maßnahmen (Telephon- und Postkontrolle> durchzuführen. Dies schlage er zunächst für G. nicht vor. Er habe allerdings die starke Vermutung, daß G. Herrn ... (der Name wurde in der Kopie unleserlich gemacht, d. R.), gegen den ja ein starker Spionageverdacht vorlag, geführt habe.

Genscher:"Das muß der Kanzler wissen.

Dr. Nollau erklärte weiter, daß dies alles unbedingt der strengsten Geheimhaltungspflicht unterliegen müsse, und er rege an, niemanden davon zu unterrichten. Der Minister und der Unterzeichner machten hiergegen Bedenken geltend und wiesen darauf hin, daß es wohl nicht angängig sei, den Bundeskanzler über einen so schwerwiegenden, allerdings bisher in keiner Weise erhärteten Verdacht gegenüber einem seiner engsten Mitarbeiter nicht zu unterrichten.

Dr. Nollau erklärte, er könne sich dem nicht verschließen und sei damit einverstanden, daß der Minister den Bundeskanzler persönlich über den Sachverhalt unterrichte. Der Minister erklärte, er wolle dies möglichst anläßlich des Koalitionsgesprächs am 29. Mai 1973, 13.50 Uhr, im Bundeskanzleramt tun.

Anschließend erklärte Dr. Nollau, er lege Wert auf die Feststellung, daß erst gestern, am 28. Mai 1973, im BfV die entscheidende Besprechung stattgefunden habe, in der die geäußerten Verdachtsmomente gegen G. und seine Ehefrau sich erhärtet hätten. Er habe deshalb sofort gestern um ein Gespräch bei Herrn Minister Genscher gebeten. Dr. Nollau wies außerdem darauf hin, daß er wahrscheinlich zunächst nur einen G-1O-Antrag gegen Frau G. vorlegen werde und nur Frau G. observieren lassen werde, weil er davon ausgehe, daß sie diejenige sei, die, wenn ein nachrichtendienstlicher Kontakt bestehe, dieses Material befördere.

Erst durch dieses Zitat aus der »FAZ« lernte ich den Vermerk kennen. Der Vermerk ist -- bis auf unwesentliche Punkte -- nicht falsch.

Auch Dr. Kinkel wollte die Funksprüche, aus Gründen, die ich akzeptiere, nicht erwähnen. Aber dadurch treten an die Stelle harter Tatsachen, also vor allem der Gratulationen, die mit den Geburtsdaten von Guillaume und seinen Familienmitgliedern übereinstimmten, und anderer facts »Vermutungen«.

Was die im Vermerk genannten »ähnlich gelagerten« Fälle angeht, so hatte das Bundesamt in den vergangenen Jahren, gestützt auf entschlüsselte Funksprüche, immerhin etliche gelöst. Deshalb war es mir durchaus verständlich, daß Herr Genscher nach meinem Vortrag aufsprang und sagte: »Das muß der Kanzler wissen.

Um so betroffener war ich dann allerdings, als ich hörte, Herr Genscher habe ausgesagt, ich hätte ihn nicht ausreichend unterrichtet.

Bei keiner früheren Gelegenheit hatte Herr Genscher moniert, von mir in der Sache Guillaume nicht ausreichend informiert worden zu sein. Nie hatte er angedeutet eder gesagt, er könne meiner Bewertung der gegen Guillaume vorgebrachten Tatsachen nicht folgen.

Ich habe, (las ist richtig, Herrn Genscher nicht alles vorgetragen, was ich wußte, insbesondere nicht, daß eine Guillaume belastende, allerdings unsubstantiierte. alte Nachricht des BND vorlag.

Ich habe das nicht unterlassen, weil ich Herrn Genscher etwas vorenthalten wollte, sondern weil ich meinen Zweck, seine Zustimmung zur Observation zu erlangen. als erreicht ansah. Seine Erklärung, er wolle sogleich zum Kanzler gehen, konnte ich nicht anders auffassen, als daß er die Sache ernst nahm.

Herr Genscher hat im Ausschuß erklärt: »Und ich muß sagen, daß sich das eine Verdachtsmoment, worauf sich der Vortrag von Herrn Dr. Nollau hauptsächlich stützte, in einem anderen Fall als nicht zutreffend erwiesen hat.« Wenn Herr Genscher hinzugefügt hätte, durch die Funksprüche seien aber Dutzende anderer Fälle geklärt worden, dann hätte seine Aussage ein anderes Gewicht erhalten.

Wie ich erst lange nach der Festnahme Guillaumes erfahren habe, hat Herr Genscher die von mir vorgetragenen Tatsachen ganz anders bewertet als ich. Ich war der Überzeugung, aus den Funksprüchen gehe hervor, Guillaume und seine Frau seien vom Ministerium für Staatssicherheit der DDR als Spione eingeschleust worden, man müsse es ihnen nur beweisen.

Herr Genscher ist mir darin nicht gefolgt, ohne mir dies jedoch mitzuteilen. Das ergab sich aus folgendem:

Am 25. April 1974, einen Tag nach der Festnahme Guillaumes, war ich mit Herrn Genscher im Parlamentarischen Vertrauensmännergremium. Vor der Tür warteten die Herren Dr. Kinkel, Rausch, der Leiter der Spionageabwehrahteilung des BfV, und Herr Bardenhewer, der Vizepräsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz.

Bei dieser Gelegenheit bemerkte Herr Dr. Kinkel: »Ich bin erstaunt, daß Guillaume gestanden hat, ich habe die Sache immer für einen Spielball von Nollau und Rausch gehalten.« Auf die Frage eines Abgeordneten, ob sein Minister diese Auffassung geteilt habe, antwortete Herr Dr. Kinkel vor dem Untersuchungsausschuß: »Ja.«

Was Herr Genscher damals, am 29./30. Mai 1973, dem Bundeskanzler vorgetragen hat, konnte ich nur aus der Presse entnehmen. Beide haben dazu erklärt, der Entschluß, Guillaume mit nach Norwegen zu nehmen, sei schon damals zwischen ihnen erörtert worden. Herr Genscher hat ausgesagt, er habe mich deswegen am 30. Mai befragt, und ich hätte zugestimmt.

Wie ich genau weiß, beruht diese Angabe auf einem Irrtum. Ich erinnere mich auch, daß frühere Angaben der Herren Genscher und Brandt über jene Maitage zwar auffällig übereinstimmten, sich aber dennoch als irrtümlich erwiesen haben. Dazu zitiere ich den SPIEGEL vom 23. September 1974, weil SPIEGEL-Redakteure seinerzeit mit beiden Herren gesprochen hatten: über den Teilnehmerkreis der ersten Unterrichtung des Bundeskanzlers Ende Mai 1973 sagten letzte Woche vor dem Untersuchungsausschuß Brandt, Genscher und Nollau übereinstimmend aus, daß Nollau nicht anwesend gewesen sei.

Kurz nach der Verhaftung Guillaumes am 24. April 1974 dagegen hatten Genscher und Brandt den Eindruck erweckt, Nollau sei doch dabeigewesen und habe dem Kanzler Rapport erstattet. Am 2. Mai 1974 sprach Bundeskanzler Willy Brandt gegenüber dem SPIEGEL mehrfach von »den Herren Genscher und Nollau«, die ihn Ende Mai 1973 über die ersten Verdachtsmomente gegen Guillaume unterrichtet hätten.

Ebenfalls am 2. Mai 1974 erklärte auch Genscher gegenüber dem SPIEGEL, er habe seinerzeit zusammen mit Nollau den Bundeskanzler ins Bild gesetzt. Genscher gab damals eine präzise Schilderung: Nachdem er selber am 29. Mai 1973 von Nollau über den Verdacht gegen Guillaume informiert worden sei, hätten er und Nollau sich von seinem Ministerbüro aus für den nächsten Vormittag bei Bundeskanzler Brandt anmelden lassen.

Mit Nollau zusammen, so Genscher am 2. Mai 1974, sei er dann zu Brandt gefahren. Dem Bundeskanzler habe er zunächst allein Vortrag gehalten, dann sei Nollau hinzugezogen worden, der so umfassend Bericht erstattet hätte, daß der Kanzler schließlich genausoviel gewußt habe wie Nollau selber. Es sei vereinbart worden, im Kanzleramt lediglich den Amtschef, Staatssekretär Horst Grabert, und den Leiter des Kanzlerbüros. Ministerialdirigent Reinhard Wilke, ins Bild zu setzen.

Ich, der angebliche Teilnehmer an der Unterredung vom 30. Mai, kannte die Einzelheiten ihres Verlaufs nicht, mir blieb auch verborgen, daß vereinbart worden war, die Herren Grabert und Wilke zu unterrichten.

Im Mai 1974 herrschte bei den Herren Dr. Kinkel und Genscher in der Tat erhebliche Unklarheit darüber, was sich am 29./30. Mai 1973 abgespielt hatte.

Damals erklärte mir Herr Dr. Kinkel, den Herr Genscher ins Auswärtige Amt mitgenommen hatte, am Telephon, er sei dabei, die Vorgänge vom 30. Mai 1973 »für die Akten« zu rekonstruieren. Ich möge ihm doch sagen, wie das damals gewesen sei, als ich Ende Mai mit Minister Genscher beim Bundeskanzler gewesen sei. Ich antwortete:"Sie irren, Herr Kinkel, ich bin damals nicht zu Herrn Brandt mitgenommen worden.« Herr Kinkel ließ sich überzeugen.

Einen seltsamen Weg ist auch der bereits erwähnte Aktenvermerk Dr. Kinkels vom 29. Mai 1973 gegangen. Dieser Vermerk war vom 29. 5. 1973 datiert, in das Geheimregister des Innenministeriums war er aber erst 1974 eingetragen worden, obwohl die Registraturanweisung vorschreibt, derartige Vermerke seien sofort zu registrieren.

Das brachte ich im Untersuchungsausschuß zur Sprache. Dort fragte mich der FDP-Abgeordnete Dr. Hirsch: »Wollen Sie damit die Vermutung suggerieren, daß der Vermerk erst später angelegt worden ist?«

Auf diesen Leim kroch ich nicht, sondern antwortete: »Nein. Was ich nicht weiß, das sage ich nicht. da vermute ich auch nicht.«

Später wurde durch Vernehmung Dr. Kinkels und der Sekretärin, Frau Reitzer, geklärt, daß Dr. Kinkel den Vermerk schon 1973 diktiert, im Mai 1974 mit ins Auswärtige Amt genommen und ihn von dort dem Innenministerium zugesandt hatte.

Den Irrtum über den Teilnehmerkreis der Unterredung vom 30. Mai haben die Herren korrigiert. Herr Genscher hat aber an einem weiteren Irrtum festgehalten, an der Version nämlich, er habe mich am 30. Mai gefragt, ob Bedenken bestünden, Guillaume mit auf die Norwegenreise zu nehmen. Dadurch geriet ich in eine schwierige Lage. Die »Neue Zürcher Zeitung« schrieb damals unter der Überschrift »Schonung Genschers durch die Opposition?":

Durch seine Beschlagenheit und die Schnelligkeit seiner Antworten in der Befragung vor dem Ausschuß hielt er sich aus der Schußlinie. Im übrigen scheint aber auch die CDU/CSU Genscher schonen zu wollen. Offenbar hat sie Hemmungen, den Mann anzugreifen, von dem sie unter allen FDP-Politikern am ehesten die Bereitschaft zu einer Koalitionsgemeinschaft mit den Christlichdemokraten erwarten zu können glaubt. Wenn politische Beweggründe in die Untersuchung hineinspielen, so wirken sie zweifellos zugunsten von Genscher und zu Lasten von Nollau.

Guillaume- Überwachung in Norwegen abgelehnt.

Wie ich inzwischen erfahren habe, ist Herr Grahert, der Chef des Bundeskanzleramts, am 4. Juni vom Bundeskanzler unterrichtet worden, daß Guillaume verdächtigt werde. Herr Grabert hat ausgesagt, er habe diese Frage und die Norwegenreise am nächsten Tage mit Herrn Genscher besprochen -- mit dem bekannten Ergebnis. Ist das so, dann kann mich Herr Genscher nicht am 30. Mai nach meiner Meinung zur Norwegenreise gefragt haben.

Nachdem mir Anfang Juli 1974 gesagt worden war, daß Guillaume am Urlaub des Kanzlers in Norwegen teilnehme, habe ich mit Herrn Watschounek, der damals den Leiter der Spionageabwehrabteilung vertrat, überlegt, ob wir dort observieren sollten. Wir hätten das angesichts unserer bewährten Beziehungen zu den norwegischen Kollegen arrangieren können.

Eines kam allerdings nicht in Betracht: Leute von uns nachträglich in das Kanzler-Begleitkommando einzuschleusen. Dessen Mitglieder kannten einander aus jahrelanger Zusammenarbeit, Guillaume war mit ihnen vertraut. Unbekannte Gesichter wären ihm aufgefallen.

Die Observation von außen mit dem Ziel, Bewegungen Guillaumes und seiner Frau in der dortigen Gegend zu überwachen, lehnten wir gleichfalls ab, da es nach unserer Erfahrung unwahrscheinlich war, daß sich Guillaume mit einem Kurier des DDR-Dienstes im einsamen norwegischen Gebirge treffen würde.

Während der Untersuchungsausschuß tagte, wurden in der Presse Unstimmigkeiten zwischen den Aussagen aufgebauscht, die Herr Wehner und ich vor dem Ausschuß gemacht hatten.

Unsere Aussagen stimmten zwar über den Zeitpunkt der Unterrichtung und darüber, daß wir stets nur kurz über den Verdacht gegen Guillaume gesprochen hatten, völlig überein. Sie differierten aber hinsichtlich des Inhalts der von mir gegebenen Hinweise.

Derartige Differenzen treten erfahrungsgemäß immer auf, wenn zwei Menschen nach Jahresfrist über einen erlebten Sachverhalt berichten. Als der Untersuchungsausschuß eingesetzt worden war, hatte ich Herrn Wehner vorgeschlagen, unsere Aussagen nicht abzustimmen, weil ich voraussah, daß wir in den Vernehmungen nach solchen Abstimmungen gefragt werden würden.

Ein Kuriosum muß ich noch erwähnen: In einer der Ausschußsitzungen hielt mir der CDU-Abgeordnete Vogel vor, was Herr Bardenhewer, der Vizepräsident des Bundesamts, sein Parteifreund, in einer der Sitzungen, selbstverständlich ohne vorherige Absprache, ausgesagt hatte:

»Ich meine, mich sicher zu erinnern, daß mir Herr Nollau selbst mal erzählt hat, daß er auch mit dem Kanzler darüber gesprochen hat . Ich meine sogar, aber ich könnte da keinen Eid drauf leisten, daß er mir sogar erzählt hat, ich weiß nicht mehr genau wann, daß der Kanzler ihm, ich kann mich da irren -- ich muß das hier mit einem Vorbehalt sagen -- gesagt hat: »Um Gottes willen, was soll ich denn machen, jetzt habe ich den Mann doch schon mit eingeteilt für Norwegen?' Ich meine, da hätte mir Nollau gesagt: »Ja, den müssen Sie dabehalten. Also aus fachlichen Gründen.«

Dieses kuriose Gestammel hielt mir der Abgeordnete Vogel nun also vor. Daß der Herr Vizepräsident Bardenhewer darauf keinen Eid leisten konnte, hätte er dabei nicht extra zu sagen brauchen. Diese »Aussage« hätte ihn sowieso niemand beschwören lassen dürfen, wenngleich sie dem Herrn Abgeordneten Vogel wie gerufen kam.

Nur eins war übersehen worden, als Herr Bardenhewer befragt wurde: Die Herren Brandt und Genscher hatten inzwischen übereinstimmend bekundet, daß ich an ihren Diskussionen über die Norwegenreise nicht teilgenommen hatte.

Über die Aussage des Herrn Bardenhewer kam es zwischen mir und dem Abgeordneten Dr. Hirsch (FDP) zu folgendem Disput:

HIRSCH: Herr Bardenhewer hat gesagt, Brandt habe gesagt, o Gott, ich habe den Mann doch schon für Norwegen eingeteilt, und daraufhin wäre Ihre Stellungnahme gewesen, dann müssen Sie ihn eben auch mitnehmen. Können Sie das irgendwie erklären, wie es zu dieser Erinnerung kommt?

NOLLAU: Da müssen Sie Herrn Bardenhewer fragen, wie er zu dieser Erinnerung kommt. Ich kann mich nicht darüber äußern, wie er zu seiner Erinnerung kommt. Ich habe jedenfalls nichts dergleichen gesagt.

HIRSCH: Ich will ja nur fragen. ob Sie eine Möglichkeit sehen, diesen Widerspruch aufzuklären.

NOLLAU: Die sehe ich nicht. Ich sage jedenfalls mit aller Klarheit, das kann schon deswegen nicht sein, weil ich überhaupt nicht bei Herrn Brandt mit war. Und ich sage die Wahrheit. Ich rede nicht: vielleicht. Oder: unter Umständen doch. Und: Ich kann es nicht beeiden. Sondern ich sage: So war's! Weil ich das ganz genau weiß.

Eins aber hätten die Abgeordneten Herrn Bardenhewer, der für die Spionageabwehr mitverantwortlich war. fragen sollen: Warum er die Spionageabwehrabteilung nicht sofort angewiesen hat, die Observation der nach Norwegen reisenden Eheleute Guillaume abzubrechen. Die Antwort kann ich geben. Er hat von der Norwegenreise ebensowenig gewußt wie ich.

Ein Umstand ist bisher viel zuwenig beachtet worden. Weder Herr Genscher noch ich haben gewußt, daß Guillaume als einziger Referent mit nach Norwegen genommen wurde. Dort erlangte er Einsicht in Dokumente und konnte sie photographieren, Gelegenheiten, die ihm in Bonn nicht geboten wurden.

Es scheint mir zu billig, hier darüber zu spekulieren, was ich getan hätte, wenn mir das mitgeteilt worden wäre. Ich habe auch nicht vor, den Rat zu rechtfertigen, den Herr Genscher von mir übernommen und dem Bundeskanzler weitergegeben hat: die Position Guillaumes zunächst nicht zu verändern. Die Folgen der Annahme dieses Rates haben sich als verhängnisvoll erwiesen.

Jeder Kritiker sollte aber so fair sein. seiner Beurteilung den Stand des Wissens zugrunde zu legen, den ich hatte, als ich diesen Rat gab. Also: keine Kenntnis von der Mitnahme Guillaumes nach Norwegen als einzigem Referenten. Demzufolge: keine Kenntnis vom Zugang des Parteireferenten zu Staatsgeheimnissen.

Zur Beurteilung dieses Rates hat die Mehrheit des Untersuchungsausschusses in ihrem Bericht gesagt: »Der Ausschuß ist der Auffassung, daß es vertretbar ist, einen der Agententätigkeit Verdächtigen auch über einen längeren Zeitraum auf einem exponierten Arbeitsplatz zu belassen, wenn er erst durch eine Observation überführt werden kann.«

Die den Untersuchungsausschuß bildenden Abgeordneten von Koalition und Opposition konnten sich nicht darauf einigen, zusammen einen Bericht über die Ergebnisse ihrer Untersuchung zu erstatten. Das überraschte niemanden. Man nahm auch die Parteilichkeit des Berichts, den der Abgeordnete Gerster für seine Kollegen von der Opposition erstattet hatte, als gewissermaßen unvermeidlich hin.

Das genügte aber dem CDU-Abgeordneten Wallmann nicht, der Vorsitzender des Untersuchungsausschusses gewesen war. In der Bundestagssitzung vom 27. Februar 1975 behauptete er:

1. Es sei mir, Nollau, durchaus möglich gewesen, Herbert Wehner vor Antritt seiner Reise zu Honecker über den Fall Guillaume zu unterrichten. Damit wollte er suggerieren, ich hätte Wehner vor Antritt der Reise unterrichtet. Seine Suggestion diente dazu, die Unterstellung des Landesverrats gegen Wehner zu untermauern, die sich die CDU immer wieder aus den Fingern saugte.

2. Alles spreche dafür, daß ich -- »der vorsichtige Dr. Nollau« -- mein Verhalten, die angeblich unzureichende Unterrichtung Minister Genschers und die ihm gegebenen Empfehlungen, vorher mit Herbert Wehner abgesprochen gehabt hätte. Diese Unterstellung sollte dazu dienen, die verleumderische These der Opposition zu stützen, Wehner und ich hätten ein Komplott zum Sturze Kanzler Brandts ausgeheckt.

3. Wehners und meine Aussagen seien erkennbar nur zu dem Zweck gemacht, den Ausschuß und die Öffentlichkeit über den wirklichen Geschehensablauf zu täuschen. Diese unverschämten Unterstellungen entsprechen dem Niveau eines provinziellen Winkeladvokaten. Nicht einmal in dem Bericht des Oppositionsabgeordneten Gerster fanden sie eine Grundlage.

Wehner: »Es gibt zu viele Feiglinge in Deutschland.«

Dazu erklärte der Abgeordnete Dr. Hirsch dem Herrn Wallmann in der Debatte: »Sie können nicht behaupten, Nollaus Rat an Genscher, Brandt nicht zu unterrichten, gehe auf den Kollegen Wehner zurück, ohne gleichzeitig zu betonen, daß es sich bei dieser Behauptung um eine reine Spekulation handle und um sonst gar nichts.«

Für mich aber stellte sich die Frage, ob diese »Spekulation« eine Tatsachenbehauptung war oder nur eine verfehlte Schlußfolgerung aus Tatsachen, die der Untersuchtungsausschuß erörtert hatte.

Gegen jede Tatsachenbehauptung hätte ich gerichtliche Schritte eingeleitet. Der Rat »höherer« Juristen sagte mir aber, es sei zweifelhaft, ob darin nicht nur eine »Wertung« zu erblicken sei. Also verzichtete ich auf zivilrechtliche Schritte gegen Wallmann, denn verlieren durfte ich einen solchen Prozeß nicht. Strafrechtlich war gegen Wallmann angesichts seiner Immunität ohnehin nichts zu machen.

Dazu sagte Herbert Wehner in jener Bundestagssitzung: »Hier geht es um Bezichtigungen des Abgeordneten Wallmann, die ein Kettenglied einer Kampagne sind, durch die mir bewußt

der Stempel des Landesverrats aufgedrückt werden soll ... Es gibt zu viele Feiglinge in Deutschland. Sie sind Feiglinge, die Sie einen Menschen hetzen wollen!«

Wallmann hatte auf die Bezeichnung als »Feigling« nichts zu erwidern.

Resümee ex post: Ja, wenn man gewußt hätte, so gestatte ich mir mit der unschätzbaren Hilfe nachträglicher Einsicht, deren sich Kritiker so wirksam bedienen, zu räsonieren, ja, wenn man gewußt hätte, daß die entschlüsselten Funksprüche im Strafprozeß gegen Guillaume doch erörtert werden würden, weil sie durch die Publikation jenes Abgeordneten ihres Geheimcharakters entkleidet waren.

Dann hätte man sie schon im Mai 1973 der Bundesanwaltschaft freigegeben, sich die Observation ersparen und im gleichen Sommer den Zugriff der Exekutive ermöglichen können. Aber ob Guillaume auch in diesem Fall sein Geständnis abgelegt hätte -- das steht nicht einmal in den Sternen geschrieben. Ende

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