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»Am besten sagen wir die Wahrheit«

aus DER SPIEGEL 50/1977

In der letzten Maiwoche des Jahres 1973 legte mir die Spionageabwehrabteilung des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV) einen Bericht vor, in dem die Verdachtsgründe gegen Günter Guillaume und seine Frau Christel zusammengestellt worden waren.

Der Bericht trug das Datum vom 11. Mai. Er enthielt schwerwiegende Verdachtsmomente gegen das Ehepaar und führte aus, Guillaume arbeite als Hilfsreferent für Sozialpolitik und Gewerkschaftsfragen im Bundeskanzleramt. Der Berichterstatter war allerdings der Auffassung, das bisher vorliegende Beweismaterial reiche nicht aus. um die Verdächtigten vor Gericht zu überführen.

Er schlug daher vor, die Eheleute Guillaume vorsichtig zu observieren, um weitere Beweismittel zu gewinnen. Das hielt ich für richtig, aber ich wollte mich noch über einige Einzelheiten unterrichten und bat deshalb meine Mitarbeiter zu einer Besprechung. An ihr nahmen am 28. Mai die Herren Bardenhewer, Rausch und Watschounek teil.

In der Besprechung ließ ich mir nochmals den Wortlaut der Funksprüche vortragen, die vor Jahren entschlüsselt worden waren. Den Sprüchen war folgendes zu entnehmen: Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR, von dem die Funksprüche stammten, hatte im Jahre 1956 ein Agentenehepaar in die Bundesrepublik gesandt, damit es Nachrichten aus der SPD gewinnen sollte.

Selbstverständlich enthielten auch die entschlüsselten Funksprüche nicht die vollen Namen der Agenten. Er wurde als »Georg« bezeichnet, sie als »C.« oder »Chr.«. Damit konnten die Vornamen der Agenten bezeichnet oder abgekürzt sein, sicher war das je1977 C. Bertelsmann Verlag. München.

doch nicht. Auch Familiennamen oder Decknamen konnten gemeint sein. Aber die Sprüche gaben noch konkretere Hinweise auf die Identität der Agenten.

Bereits vor Jahren hatte ein Funkspruch Glückwünsche zum Geburtstag von »Georg« enthalten. Anfang Oktober 1956 war ein solcher Glückwunsch an »Chr.« empfangen worden. Mitte April 1957 war ein an »Georg« gerichteter Funkspruch mit Glückwünschen »zum 2. Mann« aus der Funkzentrale des MfS abgegangen.

Jahrelang hatten wir mit Unterstützung des Parteivorstandes nach Personen mit diesen Merkmalen in der SPD gesucht. Es war uns jedoch nicht gelungen, die Agenten zu identifizieren.

Erst im Frühjahr 1973 waren die Personaldaten Günter Guillaumes, dessen Name inzwischen am Rande anderer Spionagefälle aufgetaucht war, mit Hinweisen verglichen worden, die aus jenen erwähnten Funksprüchen entnommen worden waren. Dabei hatte sich ergeben: Der vom Anfang Februar stammende Glückwunsch an »Georg« paßte zu Günter Guillaume, der am 1. Februar Geburtstag hatte.

Der am 4. Oktober abgesandte Glückwunsch für »Chr.« verwies gleich in zweifacher Hinsicht auf Guillaumes Ehefrau. Sie hieß mit Vornamen Christel, und sie hatte am 6. Oktober Geburtstag. Auch der Mitte April 1957 empfangene Glückwunsch »zum 2. Mann« paßte zu den Guillaumes. Ihr Sohn Pierre war am 8. April 1957 geboren worden.

Den Teilnehmern an unserer Besprechung -- auch mir -- erschienen diese Übereinstimmungen frappant. Das konnte kein Zufall sein. Wenn es aber kein Zufall war, dann hatten wir einen Spion im Kanzleramt entdeckt. Warum war er uns nicht früher aufgefallen? Ich fragte, ob Guillaume bei seiner Einstellung überprüft worden sei. Damals sei nichts Negatives festgestellt worden, wurde mir berichtet. Darüber zu räsonieren war jetzt keine Zeit. Jetzt mußte gehandelt werden.

Ein Spion im Bundeskanzleramt war ein Fall von politischer Tragweite. Ich war verpflichtet, den Bundesinnenminister zu unterrichten. Am gleichen Tage noch rief ich den Leiter des Ministerbüros, Herrn Dr. Kinkel, an. Am 29. Mai trug ich den Herren Genscher und Kinkel den Fall vor.

Ich gehöre zu denen, die ihre Überzeugung energisch vertreten, und mir lag daran, den Bundesinnenminister für unseren Vorschlag zu gewinnen, mit den Observationen zu beginnen. Deshalb trug ich die gravierendsten Verdachtsmomente vor. Natürlich habe ich unseren 19 Seiten langen Bericht nicht im Wortlaut vorgelesen. Das tut niemand, der einen vielbeschäftigten Minister nicht langweilen, sondern überzeugen will. In das Zentrum meines Vortrags stellte ich die Tatsachen, nämlich die Funksprüche, die das Ehepaar Guillaume als Agenten identifizierten.

Die Verläßlichkeit der Entschlüsselung und die Bedeutung der Funksprüche als wertvollste Mittel bei der Entdeckung von Agenten waren dem Minister bekannt. Bei Besuchen im Bundesamt für Verfassungsschutz war ihm vorgetragen worden, in den letzten Jahren seien dechiffrierte Funksprüche der Ausgangspunkt für die Überführung von über 87 Spionen gewesen. Nur in einem Falle waren im Ermittlungsverfahren die Beweise nicht als ausreichend angesehen worden.

Nachdem ich geendet hatte, sprang der Minister erregt auf. Wie er selbst später sagte, war er »elektrisiert": »Das muß der Kanzler wissen«, erklärte er.

»Wir hatten unsere Erfahrungen mit redseligen Beamten.«

Ich war zunächst dagegen, den Bundeskanzler schon zu diesem Zeitpunkt zu informieren. Da das Bundeskanzleramt -- wozu es allerdings nicht verpflichtet war -- uns nicht mitgeteilt hatte, daß Guillaume inzwischen als Referent für Partei- und Gewerkschaftsfragen im Büro des Bundeskanzlers tätig war, wußte ich dies vor der Unterredung mit Minister Genscher nicht.

Außerdem wollten meine Kollegen mit der Observation bei Frau Guillaume beginnen, die wir noch in Frankfurt wähnten. Wir wußten zu diesem Zeitpunkt nicht, daß Guillaume mit seiner Familie bereits nach Bonn umgezogen war.

Wir hatten nämlich nach Entdeckung des schweren Verdachts, der gegen ihn vorlag, in Frankfurt nicht gegen ihn ermittelt, weil wir vermeiden wollten, daß irgendwelchen Beamten, z. B. im Einwohnermeldeamt, unsere Nachforschungen gegen den dort populären SPD-Funktionär bekannt würden. Wir hatten unsere Erfahrungen mit redseligen Beamten und undichten Stellen gemacht.

Minister Genscher wollte also den Bundeskanzler sofort informieren, und das war, wie sich später herausstellte, im Hinblick auf Guillaumes inzwischen angehobene Stellung richtig.

Ich stimmte dann auch zu und bat den Minister, die Zustimmung des Bundeskanzlers zu den beabsichtigten Observationen einzuholen und ihn zu bitten, an der Position Guillaumes bis auf weiteres nichts zu verändern. Diese Bitte sprach ich in der Erwartung aus, es werde uns -- wie in Dutzenden anderer Fälle -- gelingen, durch die beabsichtigten Ermittlungen weiteres Beweismaterial herbeizuschaffen.

Jede Kritik an diesem Rat sollte von unserem damaligen Wissen ausgehen. Auch wenn Guillaume inzwischen Referent für Partei- und Gewerkschaftsfragen im Kanzlerbüro geworden war, so hatte er damit keinen Zugang zu Staatsgeheimnissen. Sollte das jemand besser gewußt haben, so hätte er meinen Rat nicht anzunehmen brauchen.

Bei Abschluß unserer Unterredung erklärte mir Herr Genscher, der völlig mit mir einig schien, er werde mit dem Bundeskanzler sprechen und mich über dessen Entscheidung telephonisch unterrichten. Ich verabschiedete mich.

Völlig zufrieden war ich nicht, weil ich der Meinung war, der Minister hätte mich zur Unterrichtung des Bundeskanzlers mitnehmen sollen. Andererseits war ich auch nicht beunruhigt, weil ich dem Verhalten des Ministers entnahm, er sei sich der Bedeutung der Sache bewußt.

Herr Genscher hat noch am gleichen Tage mit dem Bundeskanzler gesprochen. Aber erst über ein Jahr später, nämlich nach seiner Aussage vor dem Untersuchungsausschuß, den der Bundestag im Sommer 1974 eingesetzt hatte, habe ich erfahren, wie er das Gespräch begonnen hat.

Nach der Aussage, die Willy Brandt als Zeuge im Strafprozeß gegen Guillaume gemacht hat, erklärte Genscher ihm damals: »Da ist etwas aufgetaucht, was sich beziehen soll auf einen Mitarbeiter mit französisch klingendem Namen.« Es bestehe die Befürchtung, dieser Mitarbeiter könne für die DDR arbeiten. Ob

Brandt etwas dagegen habe, wenn Guillaume observiert werde.

Durch die Eröffnung des Gesprächs mit dem Hinweis auf einen Mitarbeiter, der einen französisch klingenden Namen habe, ließ Genscher den Eindruck entstehen, er kenne nicht einmal den genauen Namen des Verdächtigen. Ich hatte ihm jedoch nicht nur den Namen, Vornamen und Geburtstag gesagt, sondern auch die DDR-Funksprüche mit den Geburtstagsglückwünschen zitiert! Davon scheint Brandt keine Silbe erfahren zu haben.

Entgegen unserer Verabredung hat mich Herr Genscher auch nicht angerufen, um mir die Entscheidung des Bundeskanzlers mitzuteilen. Ich wartete und wartete, weil meine Leute mit der Observation beginnen wollten. Von Herrn Genscher hörte ich nichts.

Ich rief ihn deshalb am Nachmittag des 30. Mai an und fragte, wie denn nun in der Sache entschieden worden wäre, über die wir gesprochen hätten. Er antwortete: »Ach ja, ich wollte Sie schon anrufen, der Kanzler ist einverstanden.« Diese Information gab ich sofort an den Leiter der Spionageabwehrabteilung weiter, damit seine Leute mit der Observation beginnen sollten. Herr Rausch vom Bundesamt hat darüber eine Aktennotiz gemacht.

Nachdem ich gehört hatte, der Bundeskanzler sei informiert, wollte ich Herrn Wehner unterrichten. Auf meinen Telephonanruf in seiner Wohnung antwortete niemand.

Am 31. Mai, einem Feiertag, rief ich dort wieder an. Wieder nahm niemand den Hörer ab. Ich vermutete, Wehner sei in Berlin. Daher rief ich den Leiter des dortigen Landesamtes für Verfassungsschutz an und bat ihn, »Onkel Herbert« ausfindig zu machen. Es gelang ihm jedoch nicht.

Der Rest des Tages verlief turbulent. Ein Journalist fragte mich, ob ich den CDU-Abgeordneten Steiner kenne. Ich entgegnete, diese Ehre hätte ich noch nicht gehabt.

Darauf der Journalist: »Dann wissen Sie wohl auch nicht, daß Steiner in Bonn herumläuft und erzählt, er habe im Auftrage des Verfassungsschutzes mit östlichen Stellen verhandelt. Er, Steiner, sei auch derjenige,der gegen das Mißtrauensvotum gestimmt habe, durch das Willy Brandt vor einem Jahr habe zu Fall gebracht werden sollen. Der SPD-Abgeordnete Wienand habe ihm dafür 50 000 Mark bezahlt.«

Nun war es an mir, elektrisiert zu sein. Wenn mein Amt in einen Stimmmenkauf dieser Art verwickelt war, so mußte das weitreichende Folgen haben.

In bezug auf meine eigene Person beruhigte mich allerdings ein Blick auf den Kalender: Das Mißtrauensvotum scheiterte am 27. April 1972. Am gleichen Tage sollten die 50 000 Mark bezahlt worden sein. Ich war jedoch erst seit dem 1. Mai 1972 Präsident. Also konnte ich nicht einmal formell verantwortlich gemacht werden. Da ich von der Sache ohnehin nichts wußte, konnte ich also gelassen bleiben.

Das beruhigte mich zwar, änderte aber nichts an der Brisanz des Falles. Ich mußte sofort Herrn Genscher informieren. Er befand sich, wie ich erfuhr, in der Klinik, da er unter Nierenkoliken litt. Abends um halb acht an diesem »Feiertag« suchte ich ihn dort auf.

Vorher hatte ich mich noch bei dem Leiter meiner Spionageabwehrabteilung erkundigt und von ihm erfahren: Leute meines Amtes hatten keinen direkten Kontakt mit Steiner gehabt. Nur ein Landesamt hatte uns über seine Beziehungen zu Steiner berichtet. Mir war der Fall nicht vorgetragen worden, weil Steiners Angaben -- in den Augen der Spionageabwehrleute -- verworren und dubios erschienen.

Durch die Verbindung mit dem angeblichen Stimmenkauf, von dem Steiner dem Verfassungsschutz nichts mitgeteilt hatte, erhielt der Fall eine Dimension, die nicht voraussehbar gewesen war. Das erläuterte ich an jenem Abend Herrn Genscher. Die neue Sensation beherrschte unser Gespräch. An Guillaume dachten wir in diesem Augenblick nicht.

Aber nicht nur Steiner lieferte in jenen Tagen Material für Schlagzeilen: Am 1. Juni hörte ich um 6 Uhr früh in den Nachrichten, Herbert Wehner hätte zusammen mit Wolfgang Mischnick, dem Fraktionsvorsitzenden der FDP, Erich Honecker in der DDR getroffen.

Vor Monaten hatte er mich gefragt, wie ich darüber dächte, wenn er einen der Ostblockstaaten besuche. »Nur in offizieller Mission«, hatte ich geantwortet. Es war unschwer abzusehen, wie die Opposition und die Springerpresse jeden derartigen Besuch kommentieren würden.

Andererseits war mir verständlich gewesen, was die in einer derartigen Einladung liegende Rehabilitierung für Wehner bedeuten mußte. Er war von den Kommunisten jahrzehntelang als Arbeiterverräter und Gestapospitzel beschimpft worden.

Nach seiner Rückkehr traf ich Herbert Wehner am 4. Juni -- es war mein Geburtstag -- morgens im Bundeshaus und abends in seiner Wohnung. Ich begann mit der Information über Guillaume. Bei der Vorrede brauchte ich mich nicht lange aufzuhalten. Herr Wehner war -- wie auch die Herren Ollenhauer und Erler -- schon vor Jahren durch unsere Spionageabwehrleute unterrichtet worden, daß wir Hinweise auf einen in die SPD eingeschleusten Agenten hatten, dessen Vor- oder Familienname mit »G« beginne.

Darauf nahm ich jetzt Bezug: »Wir haben ihn jetzt, glauben ihn zu haben, den lange Gesuchten, er heißt Guillaume und sitzt im Bundeskanzleramt.« Ich erwähnte noch, daß unsere Beweismittel nicht ausreichten und wir versuchten, durch Observation weitere zu beschaffen. Willy Brandt sei durch Herrn Genscher unterrichtet. Herr Wehner gab dazu keinen Kommentar.

Anfang Juli 1973 traf ich mit Herrn Genscher zur Besprechung einer anderen Sache zusammen. Bei dieser Gelegenheit bemerkte er, gewissermaße e passant: »Übrigens, »die wollen den Spion mit nach Norwegen nehmen.«

Ich zuckte die Achseln. Mein Amt hatte mit der persönlichen Sicherheit des Kanzlers nichts zu tun. Dafür war die Sicherungsgruppe des Bundeskriminalamts verantwortlich. Für den offenen und geheimen Fernschreibverkehr des im Urlaub befindlichen Kanzlers sorgte in technischer Hinsicht der Bundesnachrichtendienst. Für den Schutz vertraulicher Unterlagen war der Chef des Bundeskanzleramts, Herr Grabert, verantwortlich.

Mein Amt erhielt von den Reisen des Bundeskanzlers keine dienstliche Mitteilung. Wir erfuhren von derartigen Reisen durch die Zeitungen. Dennoch war die Mitteilung des Herrn Genscher für mich von hohem Interesse. Ich mußte meine Leute verständigen, damit sie die Observation einstellten. Das tat ich, und darüber existiert in meinem Amt eine Aktennotiz.

»Unsere Sorge: Reichen die Beweise vor Gericht aus?"s

Guillaume hat den Kanzler auf der Norwegenreise als einziger Referent begleitet. Deshalb hat er dort Dokumente einsehen und Staatsgeheimnisse erfahren und verraten können, zu denen er in Bonn keinen Zugang hatte. Auch das habe ich erst nach seiner Festnahme erfahren. Ebensowenig hat man mich davon unterrichtet, daß Bundeskanzler Brandt seinen Bürochef, Herrn Reinhard Wilke, und den Chef des Bundeskanzleramts, Herrn Grabert, »eingeweiht« hatte.

Den Bundeskanzler habe ich in jenen Monaten nur einmal gesehen, und zwar auf seinem Sommerfest. Als wir dort vor einer Theke warteten, bemerkte er zu meiner Frau und mir: »Na, das werden wir auch noch überstehen.« Meine Frau, die von Guillaume nichts wußte, bezog Brandts Worte auf den Fall Steiner, der damals in aller Munde war. Ich dachte an Guillaume, kam jedoch nicht auf den Gedanken, daß jemand diesen Fall nicht überstehen wurde.

Herrn Grabert habe ich in jenen Monaten -- anderer Angelegenheiten wegen -- oft gesprochen. Er hat nie erkennen lassen, daß er von der Sache wisse. Hätte ich ihn auf den Fall ansprechen Sollen, den, wie ich meinte, Herr Genscher dem Bundeskanzler unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit mitgeteilt hatte?

Wer geneigt ist, diese Frage zu bejahen, sollte in Betracht ziehen, daß nicht ich für die Sicherheit des Kanzleramts verantwortlich war, sondern der Chef dieses Amtes selbst. Ich war zwar befugt, das Bundeskanzleramt zu beraten. Aber sollte ich in dieser heiklen Sache einen Rat erteilen, der nicht erbeten worden war? Ich konnte mich dazu um so weniger entschließen, als ich nicht wußte, daß außer dem Bundeskanzler noch andere Mitglieder seiner Behörde informiert waren.

Willy Brandt hat einer Zeitung sehr offen erklärt, wie er damals gedacht hat: »Ich habe es nicht geglaubt, weil ich es nicht glauben wollte.« Aber wie sollten Brandt, Grabert und Wilke eine Sache ernst nehmen, die ihnen durch Hinweis auf den Mitarbeiter mit französischem Namen so unernst dargestellt worden war?

Ich ahnte damals von alledem nichts, sondern war darauf bedacht, durch meine Mitarbeiter Beweismaterial herbeischaffen zu lassen, das ausreichen sollte, den Spion vor Gericht zu überführen. Die zahlreichen an Guillaume gerichteten Funksprüche des MfS hatten in unseren Augen für sich allein keinen hohen Beweiswert, da man weder den Absender noch den Adressaten aus dem Text solcher Funksprüche entnehmen kann.

An der Richtigkeit ihres Inhalts bestand aber kein Zweifel. In über achtzig Fällen hatten wir diese Funksprüche auch nicht vor Gericht zu Beweiszwecken benutzt, um dem Gegner nicht Einblick in die Methoden und Resultate der Funkabwehr zu geben.

Sorgen machte ich mir für den Fall, daß es uns nicht gelingen würde, andere Beweismittel vorzulegen. Dann wären wir in den Augen des Innenministers und des Bundeskanzlers, aber auch vor der Öffentlichkeit als unfähig betrachtet worden. Die Angelegenheit würde -- nicht nur im Falle eines Erfolgs, sondern auch, wenn sie scheiterte -- publik werden. Dafür würden die der Opposition Nahestehenden in meinem Amt sorgen.

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BKA-Chef Herold vertraut Nollau »peinliche Details« über Brandts Privatleben an -- Nollau: »Bonn ist blamiert bis auf die Knochen.

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