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Am Ende stand auf »Rassenschande« der Tod

SPIEGEL-Autor Hans Halter über Erbforscher und Rassenhygieniker im Dritten Reich *
Von Hans Halter
aus DER SPIEGEL 40/1988

Aus der Sicht eines deutschen Rassenhygienikers war mit dem Führer Adolf Hitler eigentlich kein Staat zu machen: »Gesicht und Kopf schlechte Rasse, Mischling. Niedrige fliehende Stirn, unschöne Nase, breite Backenknochen, kleine Augen, dunkles Haar«, diagnostizierte Professor Max von Gruber 1929. »Eine kurze Bürste von Schnurrbart, nur so breit wie die Nase, gibt dem Gesicht etwas besonders Herausforderndes. Der Gesichtsausdruck ist nicht der eines in voller Selbstbeherschung Gebietenden, sondern der eines wahnwitzig Erregten ...«

Grubers Kollegen sahen das anders. Mann für Mann verfielen sie dem Führer, denn Adolf Hitler schenkte ihnen, wonach sich Erbforscher, Rassenhygieniker, Eugeniker und Volksaufarter jahrzehntelang vergeblich gesehnt hatten: Macht. Mit dem Sieg des Österreichers Adolf Hitler begann 1933 die große Zeit der deutschen Männer, die schon immer (und bis dahin vergeblich) für »Rassereinheit« und »Aufnordung«, gegen »Entartung« und »geistig Minderwertige« gekämpft hatten. Nun endlich durften sie Ernst machen. Ihre Zeit war gekommen.

Der Staat sorgte für Heiratsverbote und die zwangsweise Unfruchtbarmachung zum Schutz der Erbgesundheit. Sippenforschung wurde großgeschrieben, der Herrenmensch und die Arierrasse wurden zum Ideal erhoben. Abweichendes Verhalten jeder Art wurde registriert, Rassenhygiene war Teil der NS-» Weltanschauung«. Am Ende stand, konsequenterweise, auf »Rassenschande« der Tod, wenn »das gesunde Volksempfinden« es erforderte.

Josef Mengele, Mitglied der »Deutschen Gesellschaft für Rassenforschung« und Mitarbeiter im angesehenen »Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik« in Berlin-Dahlem, »selektierte« seit 1943 an der Rampe des KZ Auschwitz. Der Anthropologe und Arzt schickte Hunderttausende in die Gaskammern. In seiner Freizeit tötete Mengele Zwillingskinder, deren Augen er an das Berliner Forschungsinstitut sandte - »Kriegswichtig! Dringend!«

Im Tausendjährigen Reich schienen sich die Allmachtsträume zu verwirklichen, denen ein elitärer Zirkel von Akademikern seit langem anhing. Eugenik - wörtlich: die »Lehre vom guten Erbe«- und »Rassenhygiene«, einen Begriff aus dem Jahre 1895, hatten diese deutschen Professoren auf ihr Panier geschrieben. Zu den frühen Jüngern der merkwürdig schillernden Lehre zählte auch Adolf Hitler. Am Ende flatterte die Eugenik-Fahne unsichtbar über jedem KZ.

»Es gibt nur ein heiligstes Menschenrecht«, notierte der Putschist Adolf Hitler 1924 in »Mein Kampf«, »und dieses Recht ist zugleich die heiligste Verpflichtung, nämlich: dafür zu sorgen, daß das Blut reinerhalten bleibt, um durch die Bewahrung des besten Menschentums die Möglichkeit einer edleren Entwicklung dieser Wesen zu geben.« Als größten Feind dieses »heiligsten Menschenrechts« hatte Hitler schon 1919 das Judentum erkannt, die »Rassentuberkulose der Völker«.

Mit diesen erst wirren, später tödlichen Ideen befand sich Hitler in guter Gesellschaft. Seit der englische Naturforscher Charles Darwin (1809 bis 1882) die »Entstehung der Arten« und die »Abstammung des Menschen« aufgeklärt hatte, gärte vor allem in deutschen Köpfen ein gefährliches Gebräu. Seine Zutaten waren der »Kampf ums Dasein«, »das Recht des Stärkeren«, Züchtung und »Auslese«, Arierkult und Antisemitismus. Man übertrug, wie der Berliner Medizinhistoriker Gerhard Baader konstatiert, »biologische Modelle auf gesellschaftliche Phänomene«. So wurde der »Sozialdarwinismus« zum Vater der NS-Vernichtungsstrategen - denn offiziell ging es immer gegen »minderwertiges Leben«.

Wie Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland den Weg ins Dritte Reich ebneten, wie ihre Vertreter den Nazis halfen und diese den Erbforschern, das erhellen nun gleich drei faktenreiche Bücher _(Peter Weingart, Jürgen Kroll, Kurt ) _(Bayertz: »Rasse, Blut und Gene - ) _(Geschichte der Eugenik und Rassenhygiene ) _(in Deutschland«. Suhrkamp Verlag, ) _(Frankfurt am Main; 748 Seiten; 48 Mark. ) _(- Peter Emil Becker: »Zur Geschichte der ) _(Rassenhygiene - Wege ins Dritte Reich«. ) _(Georg Thieme Verlag, Stuttgart/New York; ) _(404 Seiten; 80 Mark. - Robert N. ) _(Proctor: »Racial Hygiene - Medicine ) _(under the Nazis«. Harvard University ) _(Press, Cambridge/ Mass., London. 404 ) _(Seiten; 34,95 Dollar. ) .

Es zeigt sich, daß die meisten von denen, die als Mörder oder Mordgehilfen endeten, als Idealisten begannen - doch begleiten Dünkelhaftigkeit, Herrenmenschentum, Omnipotenzgefühle und Mitleidlosigkeit die Erbforscher von Anfang an. Es ging ihnen ja nicht nur um die Förderung wünschenswerter Eigenschaften ("positive Eugenik"), sondern immer auch um den Ausschluß ganzer Bevölkerungsgruppen von der Fortpflanzung ("negative Eugenik").

Eugeniker, so erläutert der Bielefelder Kurt Bayertz die Geschichte, »konnte man aus unterschiedlichen Gründen und Motiven sein«. Manche sahen die nordische Rasse bedroht, andere wollten

mittels »sozialer Hygiene« vor allem die Kosten des Gesundheitswesens senken und die Nation stärken. Evolutionäre träumten von einer »biologischen Höherentwicklung des Menschen«. Denn daß Degeneration und Dekadenz die Menschheit bedrohten, darüber waren sich alle Eugeniker einig - und auch darüber, daß sie persönlich zu den rassereinen, edlen, fortpflanzungstüchtigen Zeitgenossen zählten.

Diese Grundüberzeugung führte seit Beginn des 20. Jahrhunderts zum Zusammenschluß Gleichgesinnter. Die Namen ihrer Bünde und Vereine markieren ihre Ziele, lesen sich heutzutage aber eher furchterregend: »All-Arierbund«, »Verein für Menschenzüchtung«, »Germanische Gesellschaft Edda«, »Thule-Bund«, »Ostara-Gesellschaft für das Herrentum der Blonden«. In der »Eugenesia«, dem »Bund für nordische Freikörperkultur, Rassenhygiene und Lebensreform«, war es Pflicht, sich durch »viel Bewegung in Sonne, Luft und Wasser« fit zu halten. Alkohol und Nikotin waren verboten.

Man schwor auf Friedrich Nietzsche. »Die Tendenz«, so hatte der deutsche Denker erkannt, »muß das Absterbenmachen der Kläglichen, Verbildeten, Entarteten sein.« Anfänglich hofften die Rassenhygieniker das anvisierte Ziel durch Steuerentlastungen für gesunde Kinderreiche und die konsequente Trennung von Fortpflanzung und Sexualität erreichen zu können. »Eugenik ist die Selbststeuerung der Evolution«, hieß es frohgemut. Die Steuermänner standen bereit, doch erst die Nazis ließen sie ans Ruder.

Vergeblich hatten die Eugeniker in den zwanziger Jahren ihre Programme zur »Verhütung erbkranken Nachwuchses«, die Ehetauglichkeitszeugnisse und Sterilisierungen gesetzlich zu verankern gesucht. Erst Hitler und Himmler schlugen den »Gesellschaftsbiologen«, die sich selbst als Garde aller »Humanwissenschaftler« sahen, eine Bresche. Die Universitäten erhielten Lehrstühle für Rassenhygiene; Eugenik wurde Pflichtfach für Mediziner; den Amtsgerichten wurden Erbgesundheitsgerichte angegliedert.

Hitlers Landwirtschaftsminister Walther Darre übertrug Tierzuchtideen auf die menschlichen Untertanen. Er wollte Deutschland mit einem »Neuadel aus Blut und Boden« beglücken. Der sollte auf »Hegehöfen« wohnen und durch »Zuchtwarte« betreut werden. In Zukunft, schlug Darre vor, solle dieser Ehrentitel den Eugenikern gebühren. Die fanden das aber nicht so toll, stammten sie doch meist aus altem Adel oder Bildungsbürgertum. Die Kollaboration mit der NS-Führung sollte nicht gerade die akademischen Titel beseitigen, an denen hing man. Darre blieb stecken.

Mit ruhig-festem Schritt marschierte die Professorenschaft ins Dritte Reich. Von Jahr zu Jahr wurden immer mehr pseudo-wissenschaftliche Erkenntnisse in die Praxis umgesetzt. Schnell herunterdiktierte »Sippengutachten« entschieden über Grundbesitz, Freiheit und Fortpflanzung. Rund 300 000 Deutsche wurden zwangsweise sterilisiert. Zum wissnschaftlichen Vokabular der deutschen Eugeniker gehörten nun Worte wie »rassepolitische Gefahr«, »gemeinschaftsunfähige Minusvarianten«, »lebensunwertes Leben« und »Ausmerze«.

Den »angeborenen Bastardisierungstrieb des Juden«, den der »Völkische Beobachter« schon 1930 entdeckt hatte, übernahmen nun auch die Lehrstuhlinhaber als gesicherte Erkenntnis. Dem Juden, »der sein begehrliches Auge auf blonde deutsche Mädchen wirft«, wurde, um die »Zersetzung des deutschen Volkskörpers« abzuwenden, das Recht auf Leben ex cathedra aberkannt. Außerehelicher Geschlechtsverkehr zwischen »Deutschblütigen« und »Angehörigen fremder Blutsgemeinschaften« galt als »Rasseverrat«, durch den Tod zu sühnen.

Sosehr sich Eugeniker und Rassenhygieniker auch mühten, es gelang ihnen in den zwölf braunen Jahren nicht, mehr als ein pseudo-naturwissenschaftliches Fundament für die Wahnideen von »Blut«, »Rasse« und »germanischer Erbmasse« zu zimmern. »Jeder Halbjude«, klagt ein vertrauliches Papier, »hat mehrere Tausend jüdische und deutsche Eigenschaften, die getrennt voneinander mendeln. Am wichtigsten sind die inneren Eigenschaften, und gerade diese entziehen sich weitgehend der behördlichen Feststellung.« Angesichts dieser Misere entschieden sich die meisten deutschen Rassenhygieniker, in Juden keine Menschen mehr, sondern nur noch Untermenschen zu sehen. An ihren Organen wollte man bis ganz zuletzt die Degeneration der Rasse beweisen. 697 in Formalin gehärtete Gehirne von Ermordeten erhielt das berühmte Berliner »Hirnforschungsinstitut« an einem einzigen Tag; der Empfang wurde dankend bestätigt. Noch immer wird übrigens in der Bundesrepublik an erhalten gebliebenen Gehirnen euthanasierter Geisteskranker geforscht.

Nach 1945 blieben die meisten Rassenhygieniker ihrer Profession treu, nur nannten sie das Fach jetzt »Genetik« oder »Humangenetik«. Mengeles akademischer Lehrer, der Freiherr Otmar von Verschuer, wurde Professor in Münster. Bestraft worden ist niemand. So manchem, der bei guter Gesundheit seine Pension verzehrte, widmete das »Deutsche Ärzteblatt« bei passender Gelegenheit eine akademische Laudatio.

Peter Weingart, Jürgen Kroll, Kurt Bayertz: »Rasse, Blut und Gene -Geschichte der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland«. SuhrkampVerlag, Frankfurt am Main; 748 Seiten; 48 Mark. - Peter Emil Becker:"Zur Geschichte der Rassenhygiene - Wege ins Dritte Reich«. GeorgThieme Verlag, Stuttgart/New York; 404 Seiten; 80 Mark. - Robert N.Proctor: »Racial Hygiene - Medicine under the Nazis«. HarvardUniversity Press, Cambridge/ Mass., London. 404 Seiten; 34,95Dollar.

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