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»AM ENDE TOTAL FERTIG«

Gelockt von Glücksversprechungen der Tourismusindustrie, getrieben vom Erlebnisdruck, sind Urlauber zu einer Mischung aus Hochleistungssportlern und Frustopfern geworden. Statt Ruhe und Entspannung dominieren Streß, Rastlosigkeit und die Suche nach dem immer heftigeren Freizeitkick: »Die Leute reisen sich fast zu Tode.«
aus DER SPIEGEL 29/1994

Am ersten Tag der Sommerferien in Nordrhein-Westfalen ist auf dem Flughafen Düsseldorf D-Day: 200 Chartermaschinen heben im Fünf-Minuten-Rhythmus ab, 56 000 Freizeitnomaden verwandeln die Wartehalle in ein Heerlager. Der Champagnerstand öffnet, zur Entspannung der genervten Reisenden, schon kurz nach fünf Uhr.

Sperrige Surfbretter, Golfkarren und zu Paketen verschnürte Rennräder werden auf die Gepäckbänder gehievt. Sauerländische Kleinkinder, schon seit zwei Uhr auf den Beinen, weil bei spätem Erscheinen der Beförderungsanspruch auf dem Spiel steht, plärren in den Warteschlangen.

Unausgeschlafene Erwachsene suchen hektisch nach ihren Reisedokumenten. Aus luftdurchlässigen Plastik-Containern knurren aufgeregt Haustiere, und der nach Ibiza eingecheckte Jagdhund Kastor muß mit einer Leberwurststulle besänftigt werden, obwohl er doch, so Besitzer Tilo Kleinstoll, »schon zwölfmal geflogen ist«.

Zwischen die Wartenden vor den Schaltern drängeln sich Last-Minute-Passagiere - sie sind schon außer Atem, bevor sie die Reise Richtung Sonne überhaupt angetreten haben.

Kaum schließen die Werkstore von Ford in Köln oder VW in Wolfsburg für die Betriebsferien, werden unverzüglich Fahrräder und Gepäcksärge aufs Autodach geschnallt, sind die Überholspuren verstopft. Weder ein pralles Sommerhoch wie »Charly« noch alarmierende Ozonwerte halten die vom Reisevirus Befallenen zurück.

Werbeprofis beuten, wohl wissend um das unbezähmbare Fernweh der Deutschen, selbst die ungesunde Aufbruchshektik in cleveren Clips aus: Chaotisch stopft eine Musterfamilie die Koffer zu, der Hund springt gerade noch schwanzwedelnd in den anfahrenden »Golf mit Happy End«, und schon lichten sich die Mienen - endlich unterwegs. Im Frühstau zu Berge, der Wahnsinn Urlaub beginnt.

Im gelobten Süden erwartet Reisende ein Freizeitinferno. Eingepfercht in dünnwandige Betonburgen, am Strand von sonnenbrandigem Wellfleisch umlagert, am Abend von grölenden Besuffskis geplagt, erleben sie die ewige Geschichte von hoffnungsfroher Erwartung und trister Wirklichkeit.

Enttäuschung, offen geäußert oder uneingestanden, ist fester Bestandteil vieler Reisen. Selbstauferlegter Leistungsdruck und die enervierenden Umstände des Reisens - Verkehr, lieblose Ferienghettos, Menschenmassen - machen die Ferienzeit häufig zur Tortur.

In jeder Hotelkaserne, in jedem Beach Resort hängen ellenlange, täglich wechselnde Angebote aus: strapaziöse Ausflüge zu entfernten Ruinen, Surf-, Tauch-, Tennis- und Segelkurse, Pool-Animation, Safaris im Geländewagen, Shows und Disco bis zum Abwinken.

Schongang ist nicht mehr gefragt. Strandurlaub? Verschenkte Zeit. Und weil sich freie Tage »nicht automatisch mit Inhalten füllen«, wie Theodor Geus in der Frankfurter Allgemeinen schreibt, weil es zum Umgang mit Muße »bisher nicht ausreichend trainierter Initiative bedarf«, öffnet die Branche gern ihre Wundertüte.

Das neue Ideal ist der »multioptionale Urlauber«, wie ihn der Leiter der NUR-Marktforschung, Waldefried Zucker-Stenger, nennt - eine Art umerzogener Schlaffi. Dieser Typus hält es, bei dem Wirrwarr verlockender Aktivitäten, nicht lange auf dem Badetuch aus, sondern mischt sich in den Trubel - und sei es zunächst zögerlich, denn die vorbildlich Hyperaktiven sind noch in der Minderheit.

Trendsetter buchen »3 Tage London mit erlebnisreicher Tour durch exklusive Fitneßklubs«. Sie fliegen »in russischen Militärjets auf der subtropischen Krim«, toben tollkühn durch Sommerfrischen wie Schwangau ("2 Tage Rafting, 2 Tage geführte Mountainbike-Tour, 2 Tage Paragliding") oder verwirklichen sich beim Extremsport in den Westalpen (siehe Seite 83).

Richtig schön ist es offenbar erst, wenn es richtig anstrengend wird - beispielsweise bei Blitzferien auf der Zugspitze, die »Happy Surf & Ski Tours« norddeutschen Brettl-Fanatikern im Winter anbot: Frühmorgens wurden die Tagesurlauber von Hamburg, Bremen, Hannover, Düsseldorf und Berlin nach München geflogen und von dort mit Bussen zu den Pisten gekarrt.

Um halb zehn standen sie dann am Lift Schlange, bis 17 Uhr rasten sie die Abfahrten hinunter, stiegen anschließend in den Bus, hetzten nach München, wo sie um 21 Uhr abhoben. Um 22 Uhr landeten sie auf dem Ausgangsflughafen und waren mitten in der Nacht wieder zu Hause. Motto der Gewaltaktion: »Ob Aurich, Buxtehude oder Münster - die Alpen sind für alle da.«

Ferien als Härtetest. Urlaub als Totalprogramm. Freizeit als Erlebniswahn. Unentwegt hämmern Reise- und Fitneßindustrie ein elftes Gebot in die Köpfe der Freizeitmenschen: Du sollst entspannen - aber mit voller Kraft.

Gewiß, es gibt sie noch, die große Schar der Müßiggänger, die das stille Ferienhaus in Österreich oder Ferien auf dem Bauernhof, die beschauliche Radtour durch den Spessart oder das Faulenzen auf den Malediven schätzen. Doch eine wachsende Gruppe von Urlaubern fordert mehr von der schönsten Zeit des Jahres.

Mitglieder der reizüberfluteten Erlebnisgesellschaft, die tagtäglich vom Frühstücksfernsehen bis zur Disco-Nacht mit Unterhaltungsangeboten überfüttert werden, wollen auch in den Ferien Freizeit wie eine Ware konsumieren und nicht auf sich selbst zurückgeworfen werden. Muße ist ihre Sache nicht, glückverheißende Aktionen, genußversprechende Anstrengungen und immer heftigere Kicks sind erwünscht - am besten vom Abflug bis zur Rückkehr rund um die Uhr organisiert.

Doch Ferienglück, sagt der Bamberger Kultursoziologe Gerhard Schulze, läßt sich nicht organisieren, nicht kaufen; es ist »wesentlich Nebensache«. Wer krampfhaft danach greift, dem zerrinnt es zwischen den Fingern (siehe Interview Seite 77).

Um so lauter preisen es die PR-Posaunen der Freizeit- und Fitneßbranche an. Jenen Faulpelzen, für die träges Nichtstun höchstes Ferienglück bedeutet - immer noch die Hälfte aller Deutschen -, wird das Phlegma mit kraftstrotzenden Imperativen ausgetrieben.

»Just do it!« fordert Nike. »Earn them!« verlangt Adidas. Denn selbst simple Turnschuhe, in denen die Touristenflut durch Museen und Fantasialänder schwappt, wollen verdient sein - durch eine gehörige Portion Tatendrang.

Fit for fun - Deutschlands großes Aktiv-Magazin ist einer der erfolgreichsten Zeitschriften-Newcomer des Jahres 1994, und vom Titel des Juli-Heftes stiert hypnotisch ein schweißverkrusteter Torminator: Lothar Matthäus. »Kraftproben« lautet die pralle Schlagzeile von Sports life, einem kürzlich zum Muskelmagazin umgestalteten Konkurrenzblatt, und der Coverboy trägt Acht-Unzen-Handschuhe: Henry Maske.

Die neuen Qualitätsmerkmale der Ware Freizeit sind Tempo und Erlebnisdichte. Ihr Genuß verlangt Einsatz, Leistung, pünktliches Erscheinen - ein Spiegelbild des Arbeitslebens.

Charles Longdon-Hughes, ein ehemaliger Karateweltmeister, ist in Höchstform. »Move!« brüllt er, »Action!« und hebt die Knie hoch, immer wieder rechtes Bein und linkes Bein, während seine Arme unsichtbare Gewichte in den schwülen Himmel über Lanzarote stemmen.

Sechzig schwitzende Urlauber versuchen, auf dem Kunstrasenplatz des Sportklubs La Santa mitzuhalten. Aus Lautsprechern schallen Weihnachtsklänge, mitten im Sommer, »und wenn man so in der Musik drin ist«, keucht die Stuttgarterin Birgit Matheis, 31, »merkt man gar nicht, wie fertig man ist«. Spricht's und eilt zum Fitneßraum, obwohl sie heute schon Jogging, Schwimmen und drei Turneinheiten hinter sich hat.

»Wer nur am Strand rumliegt, kommt in den Trott des Nichtstuns«, erklärt die Pharmareferentin Christina Heine, 26, die »beruflich unter großem Umsatzdruck« steht. Ihr tägliches Urlaubspensum: vormittags Gymnastik, Stretching, Hanteln und eine Stunde Treppensteigen auf dem »Stairmaster«, nachmittags Aerobic, abends Squash, zum Abschluß ein paar Bahnen im Olympiabecken.

»Die Gäste sind verdammt ehrgeizig«, sagt Chefanimateur Alex Nielsen, 27. »Wer nur eine Woche hier ist, gerät regelrecht in Panik«, sagt Sonja Tennigkeit, 35. »Man muß was tun fürs Geld«, meint Holger Ries, 31. Dem Aktivitätsdruck kann sich niemand entziehen.

Schon um acht Uhr früh sind die Mini-Triathleten aufgebrochen: 400 Meter Schwimmen, 14,6 Kilometer Radeln, 4,2 Kilometer Laufen. Ein Engländer erleidet einen Asthmaanfall, sprüht kurz sein Medikament in den Mund und krault weiter - nur nicht versagen.

Jahrelang war die 1000-Betten-Anlage La Santa ein konventioneller Hotel- und Appartementbetrieb. Seit der Däne Mikael Lunöe das Pleiteobjekt zum Trainingslager für Schreibtischathleten umgestaltet hat, beträgt die Auslastung 80 bis 90 Prozent; Deutsche »führen die Bewegung an«. Demnächst will Lunöe Sport und Abenteuer noch intensiver verknüpfen und Fallschirmspringen anbieten: »Das wird boomen, die Leute wollen doch todmüde sein.«

Die Pioniere des heutigen Tourismus suchten, den »Baedeker« in der Tasche und ein romantisches Naturideal im Sinn, »Befreiung von der industriellen Welt« (Hans Magnus Enzensberger). Thomas Cook, das erste Reisebüro, organisierte den Transport.

Bald erwarteten Veranstalter und Hotelketten die Reisenden wie der Igel den Hasen: »Ik bünn all dor!« Sie schufen eine grenzübergreifende Infrastruktur und besetzten die letzten Nischen und Idyllen. Sie demokratisierten und normierten das Abenteuer. Sie schufen »Produkte«, »Destinationen« und vereinnahmten die Zivilisationsflüchtlinge als Kunden.

Immer noch ist Emanzipation vom Alltag, die Erfüllung der Sehnsucht nach Fremde und Exotik der Traum jener 47,3 Millionen Deutschen über 14 Jahre, die vergangenes Jahr insgesamt 63millionenmal verreisten. Freiheit bleibt der ontologische Kern von Freizeit.

Doch Paradiese, sagt der Hamburger Freizeitforscher Horst Opaschowski, »gibt es heute nur noch in der Phantasie«, und das Inselhüpfen auf den Seychellen, das Riverrafting in Kanada, der Tauchgang am Großen Barriere-Riff sind längst Elemente aus den Baukästen der Tourismusindustrie, des größten Arbeitgebers der Welt.

Die ruft nun zur totalen Mobilmachung auf. Um zu genießen, heißt das Credo der Branche und vieler ihrer Kunden, muß man sich zunächst quälen. Um zu entspannen, muß man erst mal hetzen. Um die Plackerei an Werkbank oder Schreibtisch zu kompensieren, muß man Opfer bringen.

Das Resultat: Streß und Ärger.

Der macht aus dem gemütlichen Dicken mit Schmerbauch und Mutterwitz schnell einen fahnderischen Buchhalter, der die versprochenen Leistungen eines Unternehmens akribisch kontrolliert, als seien Ferien eine permanente Betriebsrevision.

Pro Jahr beschweren sich mehr als eine halbe Million Kunden bei deutschen Veranstaltern, aber längst nicht alle sind pingelige Querulanten wie jener Oberstudienrat, dem in Marokko die kurzen Hosen des Reiseleiters und dessen Vorliebe für mundartliche Gedichte mißfielen.

Eine Emnid-Umfrage für den SPIEGEL weist auf das Ausmaß der Unzufriedenheit hin - die Summe von Anspruchsdenken, hochgeschraubten Erwartungen und Unzulänglichkeiten der Dienstleistung Urlaub (siehe Grafik).

Ermittelt wurde der Erholungswert der letzten Ferienreise, und allein den stuft jeder fünfte Deutsche »eher niedrig« bis »sehr niedrig« ein.

Laute oder überfüllte Hotels und schlechten Service bemängelten jeweils 12 Prozent. Staus und Flughäfen gehen insgesamt 42 Prozent auf den Geist.

Partner und Kinder bekommen dann die Pestlaune zu spüren: Jeder achte Reisende klagt über Beziehungsknatsch als Störfaktor im Urlaub. Jeder vierte meckert übers Wetter, jeder fünfte über ein schlechtes Preis-Leistungs-Verhältnis und fast ebenso viele über die verdreckte Umwelt.

Die Hälfte der Befragten gibt an, »oft froh« zu sein, endlich wieder nach Hause zu kommen - geschafft von thailändischen Tempeltouren oder vom Rummel in Rimini.

Daß die Deutschen, nimmermüde, dennoch dieses Jahr rund 140 Milliarden Mark für ihr liebstes Hobby ausgeben werden, erklärt der Hamburger Sozialpsychologe Erich H. Witte so: »Die Leute wollen ein gewisses Vakuum füllen, das sie im Berufsalltag empfinden.« Das gelte vor allem für Singles, die keine Verantwortung für eine Familie trügen und sich besonders oft hohl und gelangweilt fühlten.

Hinzu komme der Wunsch nach Prestige: »Wer Anerkennung will«, sagt Witte, »muß Außergewöhnliches tun und darüber berichten.« Mit der Schilderung einer Schwarzwald-Wanderung sei jedoch kaum Eindruck zu schinden, höchstens noch mit atemberaubenden Schauergeschichten vom Trekking im Himalaja.

Den Sekundärtrieb Reisen vermag nicht einmal die Rezession nachhaltig zu bremsen. Notfalls wird der Urlaub, von der TUI-Werbung zu einer Art Menschenrecht für Steuerzahler stilisiert ("Sie haben ihn sich verdient"), verkürzt und das Erlebnisquantum komprimiert.

»Die Leute wollen nicht mehr vier Wochen am Stück«, sagt Wolfgang Bannas vom Deutschen Reisebüro. Westdeutsche machen im Schnitt noch 16,5 Tage Ferien, Ostdeutsche 13 Tage. Bei den Kurzreisen liegen die neuen Bundesländer statistisch vorn: Jeder fünfte verreist, aus Kostengründen, nur für ein paar Tage; im Westen sind es elf Prozent, oft ist es der Zweit- oder Dritturlaub.

Daß die Rallye zu alpinen Sesselliften und mediterranen Betonkulissen, der Interkontinentalflug nach Florida oder Kenia nicht ohne Risiko sind, stört die wenigsten. Daß Ferien nach der Erläuterung zum Bundesurlaubsgesetz zuallererst der »Wiederherstellung der Arbeitskraft des Arbeitnehmers«, also der Erholung und Entspannung dienen sollen, wird lässig ignoriert.

Wie viele Urlauber durch Überanstrengung, Leichtsinn und Ferienstreß krank werden, ist nicht bekannt. Große Unternehmen beklagen zwar schon seit Jahren ein wachsendes »Fehlständeloch« nach der Urlaubssaison, geben aber keine Zahlen heraus. Das Problem, sagt ein Arbeitgebervertreter, sei »heiß: Die Leute reisen sich ja fast zu Tode«.

Längst haben Malaria, Magenschmerz und Melanom die Muschel als klassisches Reisesouvenir abgelöst. *___Millionen Sonnenfetischisten nehmen, trotz aller ____Warnungen, Hautkrebs in Kauf; Sonnenbrand und ____-allergien gelten noch immer als Tribut für fesche ____Bräunung (siehe Seite 152). *___Bis zu 50 Prozent aller Tropenreisenden werden von ____Durchfall gequält; Magenblutungen und -geschwüre oder ____chronische Darmprobleme können Langzeitfolgen sein. *___Mehr als 700 Ferntouristen kehrten allein 1993 mit ____einer Malaria-Infektion zurück; für viele bedeuten die ____Mückenstiche über Jahre wiederkehrende Fieberschübe.

Der ADAC mußte 1993 mehr als 4100 erkrankte Urlauber aus dem Ausland zurückholen, darunter jede Menge Amateur-Klettermaxe.

»Grob fahrlässig« nennt Helmut Adelsberger, Leiter des Rettungsdienstes des Bayerischen Roten Kreuzes, das Verhalten vieler »Halbschuhtouristen«, die, ein Gipfelkreuz vor Augen, jegliche Vorsicht vergessen. In den vergangenen Jahren verunglückten beim Wandern in den Alpen mehr als 160 organisierte Bergfreunde tödlich. Zweithäufigste Unfallursache, nach Trittfehlern, waren Herz- und Kreislaufversagen - das Flachland ist kaum sicherer.

Vergangene Woche verunglückte ein mit Klappspaten ausgerüsteter Beachboy auf besonders kuriose Weise. Er hatte, in Noordwijk an der niederländischen Küste, eine Sandburg mit enormen Türmen gebaut, die sich am Rande eines zwei Meter tief gebuddelten Kraters erhoben. Das Traumschloß stürzte zusammen und verschüttete den Mann, ein Notarztwagen mußte den Bewußtlosen zum nächsten Sauerstoffzelt fahren.

Die Gesamtzahl der Urlaubs-Notfalltransporte liegt, laut ADAC, »im fünfstelligen Bereich«. Für etliche hundert ist es die letzte Reise: Der Urlaubstod trifft längst nicht mehr nur den herzschwachen Rentner auf Teneriffa, sondern zunehmend junge Kraftmeier, die sich hemmungslos überfordern.

Gegen die Belastungen, die sich durch stundenlange Flüge, extreme Klimawechsel und ungewohnte Nahrung in der Fremde ergeben, sind die wenigsten gewappnet. Noch Wochen nach der Heimkehr werden manche ausgepumpten Hochdruckurlauber von Ängsten oder Depressionen geplagt. Verspätungen beim Rückflug, Veranstalterpleiten, aufgebrochene Autos in Frankreich oder der Streß, in Miami zu überleben, hinterlassen ihre Spuren.

Manchen Extremisten reicht dies alles nicht: So mußte sich das Amtsgericht Königstein im Taunus kürzlich mit der Klage einer Urlauberin befassen, die nach einer Abenteuerreise Preisminderung für »nicht ausreichenden Expeditionscharakter« verlangte.

Die Frau hatte sich über fehlende Lehmpisten und Baumbrücken geärgert, die Steigungen waren ihr nicht hochprozentig genug, und außerdem wurde ihre Gruppe statt im Knochenschüttler mit »gewöhnlichen Kleinbussen« transportiert.

Fortschritte beim Straßenbau »selbst in fernen Entwicklungsländern« seien hinzunehmen, urteilten jedoch die Richter und wunderten sich über die widersprüchliche Mängelliste, die auch fehlende Funkgeräte und Rettungsboote während eines maritimen Ausflugs enthielt - Klage abgelehnt.

Man muß nicht in die Dritte Welt fahren, man muß weder Fitneßfreak noch Hypochonder sein, um nach einer Reise fertig zu sein. Wo was los ist, wird gedrängelt.

Mehr als fünf Millionen Besucher schlurfen jedes Jahr durch den Louvre; die Pariser kapitulieren vor der Invasion in der Hochsaison und fallen in die Provence ein. 100 350 Touristen landeten allein am ersten Juli-Sonnabend auf Mallorca. Den Golfern unter ihnen drohte Ungemach: Auf den Grüns finden sich gelegentlich Reste gebrauchten Toilettenpapiers. Um Trinkwasser zu sparen, dürfen die Fairways nur noch mit aufbereitetem Abwasser gesprengt werden - doch die Kläranlagen arbeiten nicht immer sauber.

Jeder Venezianer ist pro Jahr mit durchschnittlich 68 Touristen konfrontiert; schon erwägt die Verwaltung der sommers von Moderschwaden durchwehten Lagunenstadt den Verkauf von Tagespässen. Der toskanische Öko-Beauftragte Moreno Periccoli möchte, als »Visitor Management«, Münzschranken an den Einfallstraßen nach Florenz, Siena und Pisa postieren.

Auf Norderney wehrt sich eine Bürgerinitiative gegen trinkfeste Kegelklubs, die mit den »tollen Müller-Touren«, einem Remmidemmi-Veranstalter, anreisen und sich manchmal als Inselrowdys gebärden.

In einigen Alpenorten wie Lech am Arlberg werden dirigistische Maßnahmen bereits erfolgreich erprobt. Sobald sich 14 000 Gäste im Skigebiet aufhalten, schließen die Schalter - ganz im Interesse der Gäste, die ökologisch korrektes Vergnügen suchen. Besitzer eines Tagespasses fühlen sich privilegiert und deshalb in Zugzwang: »Man muß unbedingt weiterfahren, obwohl man eigentlich kaputt ist«, sagt ein 24jähriger aus Oberhausen.

Die Rastlosen finden in der Freizeitindustrie den idealen Partner. Sie appelliert, indem sie den aktiven Genießer zum Vorbild erhebt, an den inneren Schweinehund; und schon macht das schlechte Gewissen auch notorischen Passivurlaubern Beine.

Jeder fünfte Deutsche bevorzugt im Urlaub das Sightseeing, ähnlich viele neigen zu spontanen Last-Minute-Reisen. 24 Prozent wollen Kontakte, 20 Prozent suchen Vergnügung, 13 Prozent Abenteuer und 14 Prozent bevorzugen Aktivferien, wie das Hamburger BAT Freizeit-Forschungsinstitut ermittelte. Die Trennlinien verlaufen unscharf: »Auch der bildungsbeflissene Reisende sucht eine Erlebniswelt«, schreibt die Welt.

Insbesondere Studienreisen, deren gesetzteres Publikum noch vage Reste des Goetheschen Bildungsideals bewahrt hat, sind zu zweiwöchigen Kultur-Crashkursen verkommen.

»Trans Niugini Tours« scheucht seine Kunden in zwölf Tagen quer durchs tropische Papua-Neuguinea (462 840 Quadratkilometer). Das Programm beinhaltet vier Inlandsflüge, drei Bootstouren, vier Ganztagsausflüge, eine »geführte Wanderung im alpinen Regenwald« und fünf Stippvisiten bei waschechten Eingeborenen, darunter die »Huli-Wigmen und ihre einzigartige Kultur«. Freizeit: null.

In ähnlichem Affenzahn haken »Inter Air«-Kunden die Kleinigkeit Peking-Schanghai-Lhasa-Katmandu (mit fünf Zwischenstopps) ab, und wer mit »Trails« Venezuela erobern will, muß »in aller Frühe starten«, »auf holpriger Piste zu einem Goldgräbercamp« brettern, einen Einbaum besteigen sowie auf der Schlußetappe Tropfsteinhöhlen, eine alte Altstadt und die geheimnisumwitterten Guacharo-Vögel besichtigen - der 979-Meter-Wasserfall Salto Angel und die »Dschungelbootsfahrt« sind dann schon auf Dia und Video verewigt.

Für solche exotischen Eskapaden gehen die Teilnehmer auch an die finanzielle Schmerzgrenze: Venezuela im Schnelldurchgang kostet pro Person mehr als 5000 Mark, Neuguinea bei Einzelunterbringung 6745 Mark plus Flüge (3509 Mark), die China/Nepal-Kombination ("teilweise in einfachen Unterkünften") 7110 Mark. Wer Ende Juli mit dem russischen Atom-Eisbrecher »Yamal« von Murmansk an den Nordpol schippern möchte, muß sogar ein kleines Erbe investieren: 39 800 Mark.

Ein internationaler Vergleich zeigt, wie sehr die Deutschen Streß als festen Freizeitbestandteil schon verinnerlicht haben: Urlaub muß Freude machen, findet jeder dritte Franzose, aber nur jeder fünfte Bundesbürger stimmt dieser hedonistischen These zu.

Für ihn sind Ferien Erholungsarbeit, und immer sind sie doppelte Flucht - vor dem Alltag und vor den Abgründen des Ich.

»Viele Leute haben doch, wenn sie ehrlich sind, Angst vor der Ruhe«, sagt die Frankfurter PR-Agentin Karin Meyh. »Die halten sich immer auf Trab, weil sie nicht zu sich selbst kommen wollen.« Der Blick ins Innere könnte eine erschreckende Perspektive öffnen: »Der Job frißt uns auf, und was bleibt, ist Leere.«

Also lieber Sex und Schnaps und Rock'n'Roll: Der Jülicher Josef Steyns, 23, auf Erlebnistour im mittlerweile abgewrackten Szenetreff Torremolinos, will »immer mehr, immer besser, immer schneller leben« - und sei es nur für 14 Tage an der Costa del Sol.

Vier Discos in einer Nacht - für Landwirt Steyns kein Problem. Auf der Engtanz-Fete im »Atrevete« verklammert er sich in eine Spanierin, während ringsum die Trauer über das Ausscheiden der Einheimischen bei der Fußball-WM mit Alkohol betäubt wird. Anschließend durchkämmt er lärmige Schuppen wie das »Borsalino Palace«, das »Kiu« und den Techno-Klub »Palladium«, wo er bis zum Morgengrauen abtanzt.

»Am Ende total fertig«, halb besinnungslos und verkatert taumelt er ins Freie. Und mit der Spanierin blieb es auch nur beim Tanzen.

Ferien mißlingen im Kopf. Zur erfüllten Sexualität führt kein Meßtischblatt, zum Familienglück kein Trampelpfad. Das Arkadien der Sehnsucht kann man mit der Seele suchen, nicht mit Tjaereborg.

Und doch scheint es Inseln zufriedener Bescheidenheit zu geben, wo sich die Spirale aus immer höheren Erwartungen und immer teureren Enttäuschungen nicht mehr dreht: jene Billigreisen, wo schon der niedrige Tarif keine Mißverständnisse über die Ansprüche des Kunden aufkommen läßt.

Dort locken Firmen mit malerischen Namen wie Rainbow Tours, ein Regenbogen auf Rädern. Was kostet hier die Welt? Nicht viel: Beachtliche Entfernungen wie Hamburg-Paris bieten sie für 69 Mark an, als gäbe es im Preiskeller besondere Abkürzungen.

Allerdings nur mit dem Bus, einem herben Verkehrsmittel, dessen Bahnhöfe, die ZOBs, das Flair der kinobekannten Westernstation Gunhill haben, wenn der letzte Zug abgefahren ist. Es herrscht das unbarmherzige Gesetz der Ratlosigkeit; Verspätungsmeldungen sind unbekannt, Lautsprecherdurchsagen selten.

Einsam sind die tapferen Busmen: Der Trip im Rainbow-Doppeldecker ist Strapaze pur. Abfahrt Hamburg, freitags, 20 Uhr. Ankunft Paris zwischen 9 und 10 Uhr am nächsten Morgen. 15 Stunden Aufenthalt an der Seine.

Wie viele Meilen sind es, bitte, bis zum nächsten öffentlichen Klo? Gastwirte an der Strecke rücken einen Schlüssel nur nach erfolgter Bestellung heraus. Eine »schnell überfüllte und übelriechende Chemietoilette in der Natur zu entleeren« ist »aus hygienischen und vor allem ökologischen Gründen« nicht im Sinne des Veranstalters.

Die Passagiere: überwiegend junges Publikum und etwa 30 russische Sprachenschüler.

Mitternacht ist lange schon vorbei, als die letzten Gäste in Kassel zusteigen. Verzweifelt mußten sie am tothosigen Hauptbahnhof ausharren, doch nun, da alles gut geworden ist, liest Heather, die blonde Reiseleiterin, eine Gute-Nacht-Geschichte von Heinrich Böll vor - von weisen Fischern und ungeduldigen Touristen und einer Moral, die so rein ist, daß man wirklich gut einnicken kann.

Die Zeit in Paris reicht für jenen Göttinger Studenten, der schon zum drittenmal dabei ist, gerade zum Besuch des Grabes von Doors-Sänger Jim Morrison auf dem Friedhof Pere-Lachaise - Tote schlafen niemals fest. Die Rückfahrt: nachts um eins, wieder verspätet. Die Heimkehr: Erschöpfung total.

Solche Busreisenden machen, an einem Wochenende, eine Erfahrung, für die andere ganze Jahresurlaube aufwenden - daß Streß am schönsten ist, wenn man ihn überstanden hat.

»Paradiese gibt es nur noch in der Phantasie«

Krank durch Leichtsinn, Ferienstreß und Überanstrengung

Vom Sandschloß am Strand zum Sauerstoffzelt

»Viele Leute haben doch Angst vor der Ruhe«

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__75_ Umfrage: Was hat Ihren letzten Urlaub am meisten beeintächtigt?

__79_ Umfrage: Wie oft nach dem Urlaub froh, wieder zu Hause zu sein?

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