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BUNDESWEHR Am Rad drehen

Deutsche Soldaten stellen sich in Mazedonien auf den Ernstfall ein. Angst um ihr Leben haben sie angeblich nur im Straßenverkehr.
aus DER SPIEGEL 7/1999

Der Militärpfarrer streift die Soutane über den grünen Tarnanzug und entnimmt dem katholischen Kultkoffer der Bundeswehr das mobile Feldtabernakel fürs christliche Abendmahl: »Sich nicht den Pflichten entziehen gegenüber seinen Mitmenschen, dann wird euer Licht leuchten wie die Stadt auf dem Berge«, bestärkt Pfarrer Bernhard Haaken, 40, die Soldaten, die sich in der Kantine der Kaserne im westmazedonischen Tetovo zur sonntäglichen Messe versammelt haben.

Für Lob und Erbauung sind auch die übrigen der rund 500 Soldaten des deutschen Nato-Kontingents für die Kosovo-Mission empfänglich. Denn von ihrem beschwerlichen Einsatz in den eisigen Bergen Mazedoniens, wo sie seit Dezember in der 70 000-Einwohner-Stadt Tetovo stationiert sind, nahm bislang kaum jemand Notiz.

Die Deutschen erfüllen dort derzeit zwei Nato-Aufträge: Soldaten der Drohnenbatterie 100 aus Coesfeld versorgen die Allianz mit Luftbildern aus unbemannten Aufklärungsflugkörpern, die regelmäßig das Konfliktgebiet überfliegen. Das Panzeraufklärungsbataillon 12 aus Ebern und das Gebirgsjägerbataillon 233 aus Mittenwald stehen für die »Extraction Force« (Exfor) - eine multinationale, 1800 Mann starke Truppe - bereit. Sie sollen die unbewaffneten Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) aus dem Kosovo herausholen, falls diese in Bedrängnis geraten. Schon bald könnten sie ausrücken müssen, wenn sich Kosovo-Albaner und Serben in Rambouillet auf ein Friedensabkommen einigen, das die Nato abzusichern hätte.

Die Gefahr, womöglich in eine blutige Auseinandersetzung verwickelt zu werden, läßt die Männer jedoch ziemlich kalt. Was immer ihnen befohlen wird, sie fühlen sich gut darauf vorbereitet. »Wenn ich einen neuen Auftrag bekomme, ist das halt mein Job, ich bin Soldat«, sagt Stabsunteroffizier Carlo Rothammel, 22, aus Thüringen. Oberstabsarzt Gregor Rudolf, 31, assistiert: »Irgendwann reicht es nicht mehr, nur die Muskeln zu zeigen, wer pokert, muß auch bereit sein, den Einsatz zu geben.«

Die meisten der Soldaten haben das stolze Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. »Wichtig ist der humanitäre Gedanke, daß Menschen, die sich nicht wehren können, geschützt werden«, meint Major Helmut Bauregger, 45, Chef der deutschen Exfor-Truppe. »Wo die Menschenwürde verletzt wird, da schlägt ein Teil meines Herzens, da muß man eingreifen«, erklärt Oberleutnant Sören Haack, 30: »Durch diesen Einsatz glaube ich wieder an die Armee. Man ist nicht nur Rädchen, sondern kann auch daran drehen.«

Keinesfalls dürfe man die Lage im Kosovo eskalieren lassen wie in Bosnien, sagt Oberleutnant Elmar Liebner, 28. »Bevor wieder reihenweise Frauen vergewaltigt und Kinder abgeschlachtet« würden, halte er es für »durchaus denkbar«, mit Bodentruppen ins Krisengebiet zu marschieren.

Panik, daß sich Deutsche in eine heikle kriegerische Auseinandersetzung verstricken könnten, gibt es offenbar nur in Deutschland. »Der Kosovo-Konflikt ist hier in Mazedonien außer auf der Deutschen Welle nicht präsent. Das Gefährlichste, was wir hier haben, ist der Straßenverkehr«, weiß Militärpfarrer Haaken.

Truppenpsychologe Klaus Wothe, 48, ist überzeugt, erst wenn die jungen Soldaten tatsächlich mit dem Tod konfrontiert würden, schätzten sie das Risiko richtig ein: »Vorher glauben sie einfach nicht, daß man sterben kann.«

Viel mehr als eine mögliche militärische Konfrontation beschäftigt die Soldaten die Trennung von zu Hause. Manche Beziehung ist daran schon gescheitert.

Die Stadt Tetovo bietet zwar ein paar nette Cafés und viele ehemalige Gastarbeiter sprechen Deutsch. Doch gilt die Kaserne als unwirtlich und das deutsche Feldlager in Rajlovac bei Sarajevo im Vergleich dazu als »das reinste Hotel«.

Die Deutschen übernahmen das Quartier der 15. Mazedonischen Infanteriebrigade in der Blagoja Toska Straße in erbärmlichem Zustand. Der Putz blätterte von den Wänden, Strom gab es nur stundenweise, und bei Außentemperaturen um minus 20 Grad Celsius hingen faustgroße Eisklumpen an den kaputten Fenstern.

Noch heute friert der Kaffee in den Tassen, wenn nachts in den Zimmern die Heizung ausfällt. Funktioniert sie, steigt die Zimmertemperatur rasch auf fast 30 Grad an. Auch wegen des stets beißenden Braunkohlesmogs in der Luft hat fast jeder Soldat schon eine Erkältung hinter sich gebracht.

Die Soldaten schlafen in Sälen mit bis zu 25 Mann. Die Kaserne dürfen sie mitunter eine Woche lang nicht verlassen, wenn sie Bereitschaftsdienst schieben müssen. An Unterhaltung ist außer der in einem Keller gezimmerten Bierbar »Der Sumpf« nicht viel geboten.

Haben die Verhandlungen in Rambouillet Erfolg, und sollte die Verstärkung aus der Heimat tatsächlich bald eintreffen, ist in Tetovo Improvisationsvermögen gefragt. Der Kommandeur des deutschen Kontingents, Oberst Klaus Hollmann, 49, wartet täglich auf konkrete Weisung, um die nötige Infrastruktur vorzubereiten: »Bislang komme ich mir noch vor wie auf dem Hamburger Hauptbahnhof - da sind 84 Gleise, und keiner sagt mir, auf welchen ich den Waggon setzen soll.« SUSANNE KOELBL

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