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GIPFELKONFERENZ Am Seil

aus DER SPIEGEL 13/1958

Außenminister John Foster Dulles, Amerikas rüstiger Siebziger, hat zum Gipfelsturm angesetzt. Wie gewöhnlich waren dabei die internationalen Klettervorbereitungen des gerissenen Wallstreet-Anwalts weniger aus seinen öffentlichen Reden als vielmehr aus seinen heimlichen Taten abzulesen.

Während er auf der Seato-Konferenz in Manila die sowjetische Behauptung, fruchtbare Ost-West-Verhandlungen seien nur auf einer Gipfelkonferenz möglich, noch offiziell als »lächerlich« bespöttelte, leiteten in Washington Diplomaten seines Vertrauens weisungsgemäß eine Kulissenaktion ein. Diese Aktion beweist die Entschlossenheit ihres Chefs, in Kürze Bergsteigerkluft anzulegen, um gemeinsam mit Staatschef Eisenhower den Gipfel zu erklimmen. Amerikas europäischen Verbündeten wurde eine Lektion darüber erteilt, daß bei solchen Kraxeleien allein der Bergführer die Marschroute zu bestimmen hat. Und der heißt Foster Dulles.

Auf einem privaten Abendessen in Washingtons Snob-Viertel Georgetown hat John Foster Dulles vor einigen Wochen unverblümt zugegeben, er habe - wie jedermann wisse - für eine Ost-West-Konferenz außer Skepsis nicht viel übrig. Indes, so fuhr er fort, einen Zeitpunkt gäbe es, zu dem er in jedem Falle mit Gromyko verhandeln würde: wenn Amerikas Alliierte gegen den Einspruch der USA Gespräche mit dem Kreml beabsichtigten.

Soweit ist es zwar noch nicht gekommen; immerhin haben die europäischen Verbündeten in den vergangenen Monaten in ihrem Verhältnis zur Sowjet-Union Amerikas Bündnistreue bereits einigermaßen strapaziert.

Während Bundeskanzler Konrad Adenauer im vergangenen Sommer den »kurz vor der Unterschrift« (Moskauer US-Botschafter Thompson) stehenden Londoner Abrüstungs-Absprachen über eine europäische Inspektionszone seine Zustimmung verweigerte und auf der Pariser Nato-Konferenz im Dezember den um Zeit und Stärke ringenden Dulles mit einer scheinheiligen Befürwortung von Ost-West-Verhandlungen in den Rücken fiel, liegen die Regierungen in Paris und London dem State Department dauernd mit der Bitte in den Ohren, keinem Stopp der Atomversuche zuzustimmen, ehe sie selbst in den exklusiven H-Bomben-Club gleichberechtigt aufgenommen sind.

Eben diese Regierungen aber, genau wie andere europäische Kabinette, schieben mit Rücksicht auf die öffentliche Meinung in ihren Ländern Amerika und seinem unnachgiebigen Außenminister die Hauptlast der Verantwortung für das Ausbleiben einer Entspannung zu, die sie selbst mit hintertreiben.

Parallel dazu belasten sie Amerikas ohnehin angeschlagenes Prestige ständig mit Sonderwünschen für die Tagesordnung einer Gipfelkonferenz, die von der Nichtbehandlung eines deutschen Friedensvertrages bis zur Nichtbehandlung aller mit dem Kolonialismus zusammenhängenden Fragen reichen. Und schließlich pflegen sie zum Zeichen ihres Entspannungs-Interesses auch noch einige Kontakte mit Moskau. Als unfreiwillige Helfer des Kreml haben die europäischen Regierungen auf diese Weise fleißig mitgewirkt, in der alten Welt und in Asien die öffentliche Meinung aufzubauen, daß die westlichen Entspannungs-Störenfriede eigentlich nur in Washington säßen.

Nun ist es gewiß nicht so, daß Dulles nicht auch von sich aus die meisten der ihm in London, Paris und Bonn in die Hand gedrückten Steine auf den Weg zum Gipfel gerollt hätte. Und wenn es ihm gelungen wäre, die für schädlich gehaltene Gipfelkonferenz zu unterdrücken, hätte er keine Bedenken gehabt, für diesen Erfolg das Odium des Schuldigen allein zu übernehmen. Jetzt aber, da ein solches Treffen auf höchster Ebene beinahe unvermeidlich erscheint, ist er nicht mehr gewillt, Amerikas Ansehen in der neutralen Welt und seine eigene Konferenz-Position zum Nutzen und Vergnügen der europäischen Alliierten Amerikas ruinieren zu lassen.

Um diesem Zustand ein Ende zu bereiten, hatte er daher nach seinem Abflug nach Manila mit Vorbedacht zwei Indiskretionen aus dem Allerheiligsten seines Hauses in die amerikanische Presse lecken lassen:

- Das amerikanische Nachrichten-Magazin »Newsweek« berichtete, die amerikanische Regierung überlege »ernsthaft den Vorschlag einer Gipfelkonferenz zu zweit - nur zwischen den USA und der UdSSR«.

- Die »New York Times« schrieb: »Dem State Department wird die Erwägung nachgesagt, mit Moskau über einen zwei- oder dreijährigen Stopp atomarer Teste ohne gleichzeitiges Produktionsverbot zu verhandeln.«

Schon die Art, die Indiskretionen zu lancieren, verriet langjähriges Geschick:

Die gröbste Drohung an die europäischen Adressaten, der mögliche Ausschluß von der Gipfelkonferenz, erschien in dem zwar seriösen, aber gerade noch glaubhaft zu dementierenden Nachrichten-Magazin; die geringere, aber einleuchtendere Drohung eines amerikanisch-sowjetischen Atomversuchs-Stopps über die anglo-französischen Köpfe hinweg wurde vom genausten aller amerikanischen Blätter veröffentlicht.

Da sowohl die eine wie die andere Erwägung theoretisch durchaus im Bereich des Möglichen liegt, verfehlte die Dublette ihre Wirkung nicht: Unverzüglich ließen sich die Botschafter Englands und Frankreichs im State Department melden und baten um das, was in ihren eigenen Ländern dem US-Außenminister seit Monaten vorgeworfen wird: so stur wie möglich den alten Kurs zu halten und sich nicht auf Experimente einzulassen.

Als Entschädigung erhielten sie nach dieser Demütigung die gewünschten Dementis der lancierten Indiskretionen. Zweierlei war indes von nun an klar: daß John Foster Dulles sich ernsthaft auf die Gipfelbesteigung vorbereitet und daß er dabei als Bergführer keinerlei Extratouren jener Teilnehmer mehr dulden wird, die unter ihm am Seil hängen. Oder das Seil wird abgeschnitten.

Algemeen Handelsblad, Amsterdam

Bergführer Dulles bestimmt die Route

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