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Am Strand erschossen

aus DER SPIEGEL 16/1975

Aus der Luft, im Anflug auf das spitze Südkap von Phu Quoc, sieht die Insel aus wie das Katalogbild eines Touristenparadieses, weißer Strand und grüne Palmen im südchinesischen Meer.

Erst nach der Landung wird klar, warum sich bis zum heutigen Tag kein Tourist auf die Insel verirrt hat: Der herrlich grüne Wald -- ein mieses, dürftiges Gestrüpp, und die stete Brise, stark und erfrischend am Strand, jagt feinen roten Staub über Phu Quoc.

Ein idealer Platz für Gefangene, für ein Lager, ein KZ. 40 000 Vietcong und nordvietnamesische Soldaten wurden hier bis zu ihrer Entlassung nach dem Pariser Abkommen gehalten, zusammengepfercht hinter dreifachen Stacheldraht-.Zäunen, ohne Schutz vor der Sonne. Ein idealer Platz auch für die Ansiedlung von Flüchtlingen aus dem Norden: Übersichtlich und ohne Zuschauer, wenn einmal »hart durchgegriffen werden muß«.

Und es wird durchgegriffen, hart vor allem: Draußen vor der Küste liegen fünf Truppentransporter mit 16 000 Menschen (seit fünf Tagen ohne Brot und ohne Wasser), viele davon hatten schon zwei Wochen Fußmarsch auf der Flucht vom Norden zum Seehafen Yung Tau hinter sich, ehe sie statt nach Saigon hierher verfrachtet wurden.

Schaluppen der vietnamesischen Marine fahren von Zeit zu Zeit hinüber -- an den Schiffen festzumachen wagen sie nicht, aus Angst vor einer Panik. Schüsse werden abgefeuert, um die verzweifelten Menschen in Schach zu halten, während Brot und Wasser an Stricken übergeholt werden, Das Entladen der Flüchtlinge geht langsam -- alle sechs Stunden holt ein Landungsboot etwa 300 herüber auf einen kleinen Brückenkopf, den das Militär zur Festung ausgebaut hat.

Die Kontrollen beginnen, die Verhöre. Erschöpft geben die Frauen mit Säuglingen im Arm Auskunft. Haut an Haut standen sie fünf Tage -- keine Toiletten zu erreichen -- buchstäblich im eigenen Dreck. Es riecht nach Schweiß. Blut und Exkrementen.

Jetzt sollen sie reden über die Nachbarn auf der Flucht: Hat sich jemand verdächtig benommen? Waren Waffen an Bord? Wer ist ein Vietcong?

Es ist schlimm zugegangen auf den Schiffen. Militärseelsorger Joseph Nguyen Hoang Kim aus Da Nang hat die Reise mitgemacht: »Vor meinen Augen wurde erst die Frau eines Oberstleutnants, dann seine Tochter vergewaltigt -- und ich konnte nichts tun. Soldaten raubten den Flüchtlingen das letzte Geld und mißhandelten sie, wenn sie nicht sofort zahlten.«

Mit Marodeuren wird kurzer Prozeß gemacht. Inselkommandant Thiem: »Fünf haben wir sofort atn Strand erschossen, unter dem Jubel ihrer Opfer. Ein Priester bat mich. sie nicht zu erschießen -- damit er sie mit Steinen bewerfen könne, bis sie krepierten.«

Das ist die offizielle Seite. Hinter einem Flugzeugwrack bilden etwa 30 schwerbewaffnete Soldaten einen Kreis um eine Gruppe von etwa 20 Soldaten, die mit entblößtem Oberkörper, die Hände auf den Rileken gefesselt, einem Verhör unterzogen werden.

Deserteure, flüchtende Soldaten oder kommunistische Saboteure? Der, den ein Inquisitor gerade mit dem Schlagstock bearbeitet und mit den Füßen tritt, hat anscheinend nur einen Fehler: Auf seinem Rücken trägt er eine scheußliche Tätowierung -- dekadent, wie der verhörende Offizier findet, dekadent und gefährlich.

Im kleinen Fischerdorf An Thoi ("Friedlicher Wohlstand") will Vizepremier Dan 100 000 Flüchtlinge ansiedeln. Fast im Zehn-Minuten-Takt treffen Transportmaschinen mit Ausrüstungsgegenständen und Lebensmitteln ein, darunter auch Trockenmilch aus Westdeutschland.

Im Dorf kommt es zum unerwarteten Wiedersehen zweier Offiziere. Ein Hauptmann ist mit den Resten seiner Einheit als Flüchtling nach Phu Quoc gekommen. Abgerissen und barfuß, unrasiert und verdreckt wirft er sich seinem früheren Oberstleutnant an die wohlgebügelte Schulter, schluchzt wie ein Kind.

Dem Oberstleutnant ist alles sehr peinlich. Sanft stößt er den Kameraden von sich und drückt ihm einige 1000-Piaster-Scheine in die Hand.

Börries Gallasch
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