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Am Tage gehn wir sachte

aus DER SPIEGEL 6/1949

Der Ratskeller-Wirt in Eldagsen hat bei seinem Kostümfest nicht das Geschäft gemacht, das er machen wollte. Viele zahlungskräftige Gäste, Hof- und Hausbesitzer der niedersächsischen Landstadt, waren zu Haus geblieben.

Die Bauern beleuchteten ihre Höfe mit 200 kerzigen Birnen, die Hunde waren losgemacht, und die freiwillige Feuerwehr lag in Alarmbereitschaft: Wenn es wieder so kommen würde, wie noch an jedem Wochenende im neuen Jahr, dann würde abends gegen 10 Uhr der 19jährige Feuerwehrmann Heinz Böhme durch den Ort fahren und Alarm blasen müssen. Irgendwo in Eldagsen würde dann eine Scheune brennen.

Auch 1947 und 1948 hatte es hier häufiger als anderswo gebrannt, ohne daß es gelungen wäre, wirklich hinter die Ursachen zu kommen. 1949 war in zwei Fällen Brandstiftung einwandfrei nachzuweisen. Die Kriminalpolizei aus Hannover schickte ein Brandsonderkommando.

Da war in Eldagsen ein Schweizer. Als der von einem Bauern entlassen wurde, sagte er: »Ihr werdet noch von mir hören!« Kurz darauf brannte es bei dem Bauern. Und dann waren da Zettel mit drohenden Versen in ungelenker Handschrift: »Wir sind unserer Achte - am Tage gehen wir sachte - des Nachts stecken wir Häuser an - als nächstes kommt der Schröder dran«. Der Name des Bauern wechselte.

Am Wochenende vor dem Fasching im Ratskeller versuchte jemand, durch ein Deichselloch in der Scheune des Bauern Hische einen Brand zu legen. Das setzte Ortskenntnis voraus. An diesem Abend gab es bei Hisches Pellkartoffeln. »Das Zeug esse ich nicht!« sagte der 16jährige Knecht und ging auf den Hof. Da züngelten gerade die ersten Flammen an der Scheune hoch. Man konnte sie noch ersticken.

Vor dem Deichselloch der Scheune fand man eine Fußspur mit Absatz, 8X8 cm groß. Die Polizei setzte 3000 DM Belohnung aus. Plötzlich sagten viele Leute vieles, was sie vorher nicht gesagt hatten.

Die Sache mit den Versen war eine harmlose Kinderspielerei. Vor langen Zeiten gab es in Eldagsen wirklich eine Brandstifterbande. Als der rote Hahn jetzt wieder so häufig auf den Dächern saß, erzählte irgendein Alter den überlieferten Vers seinen Kindern. Auch der Schweizer hatte ein einwandfreies Alibi. Aber ein 12jähriger Junge hatte den Täter gesehen. Der wurde verhaftet. Am Abend der Faschingsfeier brannte es dann nicht mehr. Das war Indiz Nr. 1.

Indiz Nr. 2: die Fußspur. Einwand des Häftlings: Absatzeisen fehlt. Indiz Nr. 3: Ortskenntnis. »Zufall«, sagte der Täter. - »Wie kommt es, daß Sie stets als einer der Ersten an der Brandstelle waren? Ist es nicht eigenartig, daß Sie sich bei den Lösch- und Rettungsarbeiten so hervortaten? - Wie kommt es, daß ausgerechnet Sie immer durch den Ort fuhren und Feueralarm bliesen? Immer nur Sie?« Nach 3S Stunden kam das Geständnis: »Ich, Heinz Böhme, geboren am 30. 10. 1929, Fabrikarbeiter von Beruf, Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Eldagsen ...«

Bis jetzt hat Heinz Böhme, der immer das Alarmhorn blasen durfte, vier Brandstiftungen zugegeben.

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