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RUSSLAND Am Tropf der Macht

Die Vermögensverwaltung des Kreml ist ein wohlhabender Staat im Staate. Putins Majordomus verteilt soziale Wohltaten und hält damit die Spitzenbeamten seinem Herrn gewogen.
Von Jörg R. Mettke
aus DER SPIEGEL 52/2002

Pferde waren ein heißer Geschenktipp in diesem Jahr. Als Wladimir Wladimirowitsch die zweite Oktoberwoche mit seinem 50. Geburtstag krönte, ließen nicht nur mittelasiatische Staatenlenker ihre Herden nach Präsentablem durchmustern. Auch ein Ölmagnat, der Putin gerade zu Ross gesehen hatte, hieß Hippologen bis nach Übersee ausschwärmen. Leider fanden sie nichts Geeignetes für den Jubilar, der sich erst seit gut einem Jahr in der Reitkunst übt.

Zu weniger runden Anlässen waren große und kleine Potentaten mit vierbeinigen Gaben gut angekommen: König Abdullah von Jordanien ließ sich Männer- und Völkerfreundschaft gleich drei Araberhengste kosten. Landgraf Murtasa Rachimow von Baschkirien hingegen sattelte die schwere Bürde guter Beziehungen zur Moskauer Zentrale nur einem, freilich feinen Pferdchen auf.

Bei dessen feierlicher Übergabe in Ufa im Juni 2001 hatte Wladimir Putin zweierlei gelobt: unverzüglich Reitstunden zu nehmen und den kostbaren Zossen bei seiner Vermögensverwaltung registrieren zu lassen - bei der legendären »Uprawlenije delami presidenta«. Und der erwuchs daraus sogleich ein weiterer, auf Ausbau ausgelegter Gewerbezweig - die Pferdezucht.

Mit schönem Blick auf die Liegenschaften zwischen Kreml und Altem Platz, dort, wo früher Kader des KPdSU-Zentralkomitees für den Aufbau des Sozialismus kämpften, im sechsten Stock des Hauses Nikitnikowgasse 2, residiert Putins »Uprawdelami«, sein »Sawchos«. Als »Leiter der Wirtschaftsabteilung« ließe sich diese sowjetische Abbreviatur halbwegs korrekt übersetzen, auch mit Geschäftsführer der Russland AG wäre sie einigermaßen zutreffend einsortiert.

Doch mit historischen Maßstäben gemessen verkörpert Wladimir Koschin, 43, ein Institut, welches den meisten Staatsoberhäuptern der westlichen Welt längst abhanden gekommen ist: Er ist der Majordomus des Kreml, der Hausmeier des Präsidenten.

Im Range eines Vizepremiers, mit der Kompetenzfülle eines Konzernchefs, rangieren des Kaisers Pferde nicht gerade unter Koschins Hauptaufgaben. Seine 350 Köpfe zählende Beamtentruppe vergibt, verwaltet und kassiert die Lehen der Macht - vom Staatsflugzeug des Präsidenten über die Dienstwagen der Minister bis zu den Zugangsberechtigungen für die Kreml-Kantinen: jedem das Seine in feiner hierarchischer Abstufung.

Koschins Schaltstelle ist eine Institution, die sich »immer mehr ihren Ursprüngen nähert«, urteilt ein Moskauer Historiker, »dem Hof-Ministerium der russischen Zaren«. Das hatten die Petrograder Februar-Revolutionäre 1917 in ein »Kommissariat für republikanisches Eigentum« verwandelt. Ihre bolschewistischen Oktober-Genossen deklarierten den Romanow-Besitz als »Volksvermögen« und machten sich flugs an dessen gerechte Verteilung: einen Rolls-Royce für Lenin, einen weiteren für Trotzki, einen Vauxhall für Stalin.

Für alle anderen reichte das soziale Bukett des Leninschen Hausmeiers Wladimir Bontsch-Brujewitsch leider nicht: Die Zaren hatten nur 17 anständige Automobile hinterlassen.

Da sehen Koschins Inventarlisten ganz anders aus. Hotels und Erholungsheime, Landhäuser und Nobel-Mietshäuser, Badestrände und Obstplantagen, Werkstätten und Wurstfabriken, Kliniken und Kindergärten, Paläste und Jagdhütten gehören zu den Liegenschaften der Putinschen Hausmeierei. Das meiste davon befindet sich dort, wo Russland am schönsten ist oder am teuersten - oder beides.

Das Personal solcher Objekte erzählt gern, wenn auch leicht an der Wahrheit vorbei: »Das gehört alles dem Kreml.« Der, natürlich, ist die Perle in Koschins Sammlung und wie alles andere, wo Präsident draufsteht, »Eigentum unseres föderativen Staates«. Auf diese mit gewinnendem Lächeln vorgenommene Grenzziehung zum Feudalismus legt Koschin Wert: Die Korrektur des Volksglaubens vom besitzergreifenden Staatschef ist dem Hausmeier mindestens so wichtig wie die Feststellung, das von ihm verwaltete Vermögen sei in keiner Währung dieser Welt bezifferbar.

Sein Vorgänger im Amt war da unbekümmerter gewesen. Pawel Borodin, ein Staatspate mit tief geschlitzten Ohren, den die Jelzin-Notabeln devot-verschliffen mit Vor- und Vatersnamen Pal Palytsch nannten, hatte sein verschachteltes Imperium noch vor wenigen Jahren mit 650 Milliarden Dollar bewertet. Und das stets eine bescheidene Schätzung genannt.

Einmal, mit Zar Boris in Baden-Baden, verdross Borodin das hektische Interesse der Gastgeber am damaligen Gasprom-Chef Rem Wjachirew so sehr, dass er vor Vertrauten giftete: »Die haben keine Ahnung, diese Deutschen, im Vergleich zu meinem Bereich ist Rems Laden doch eine kleine Klitsche.«

Prahlen ist nicht Koschins Art. Das war die Duftmarke gerade gewendeter Sowjetmenschen wie Pal Palytsch, ausgestattet mit barockem Charme, weiter Seele. Vor allem aber mit höchst selektivem Unrechtsbewusstsein.

Als das mit dem calvinistisch-engen Verständnis der Genfer Staatsanwaltschaft von sauberem Geld zusammenstieß, wurde Borodin im Januar 2001 bei einem USA-Trip festgenommen, an die Eidgenossen ausgeliefert und später zu 300 000 Franken Geldstrafe verurteilt: Angeblich war von den Renovierungskosten für Moskauer Staatsbauten in Höhe von 492 Millionen US-Dollar ein knappes Achtel auf Konten der Kreml-Kümmerer zurückgeflossen.

Solche Kollisionen mit der Außenwelt waren für Jelzin und seine alte Garde unvermeidlich, zumal sie kaum eigene Auslandserfahrung mitbrachten. Dafür heuerten sie, nicht immer rechtzeitig, talentierten Nachwuchs an. Immerhin begann auch Wladimir Putin 1996 seine zweite, Moskauer Karriere in der Hausmeierei, als Borodins Vize, zuständig für Rechtsfragen und Auslandsimmobilien.

Nur vorsichtig distanziert sich Koschin vom Vorgänger und einstigen Putin-Patron, der inzwischen als Kreml-Frühstücksdirektor die verkorksten Beziehungen zwischen Moskau und Minsk schönreden muss. »Sehr schwer« sei es ihm »zu kommentieren«, sagt er in einem Ton, als wäre er gerade in etwas hineingetreten, »was Herr Borodin da irgendwann einmal gesagt hat«.

Auch der Genius Loci mag Zurückhaltung nahe legen: In seinem Büro mit den Stichen Moskauer Sehenswürdigkeiten an den Wänden saßen schon Borodin und vor ihm die Geschäftsführer des KPdSU-Zentralkomitees. Der letzte nahm sich das Leben, als die Partei und mit ihr deren Vermögen scheinbar verschwand.

Trotz solcher Peinlichkeiten - »Kontinuität« sei schon da, räumt Putins Majordomus ein: Die wolle er »nicht ändern«, schon gar nicht leugnen. Und doch sei das etwas ganz anderes - Wirtschaftsverwaltung des russischen Präsidenten heute und damals materielle Interessenvertretung der herrschenden Partei. Aber irgendwie gewinnt die Unterscheidung über das Zitieren der Messingschilder hinaus keine Trennschärfe: »Die Aufgaben, die uns gestellt sind«, doch, ja, »vom Typ her« seien sie »denen der Vorgängergeneration schon ähnlich«.

Einmal an deren Stelle zu treten, darauf war die einst im kommunistischen Jugendverband Komsomol versammelte Kaderreserve der KPdSU schließlich sorgfältig vorbereitet worden. Und Koschin war einer der früh Erwählten:

1959 im Gebiet Tscheljabinsk geboren, wurde er Ende der siebziger Jahre in Russlands alte Hauptstadt, damals noch Leningrad, zum Studium delegiert, wo er 1982 die Ausbildung am Institut für Elektrotechnik beendete. Damals gehörte es noch zum guten Ton von Komsomol-Halbleitern, sich bei Rechenschaftsberichten wenigstens zwei Dutzend Mal auf den weisen Senilissimus Leonid Breschnew zu berufen.

Leningrad hat 1991 eben erst seinen alten Namen St. Petersburg zurückerhalten, da steht auf Koschins Visitenkarte bereits »Generaldirektor«. Als Chef des russischpolnischen Gemeinschaftsunternehmens »Asimut International Ltd.« braucht er dann noch knappe anderthalb Jahre, um eine weitere Generalswürde zu erwerben - bei der Vereinigung Petersburger Joint Ventures. Die bedürfen jetzt, nach jähem Ableben der Partei, umso mehr vertrauenswürdiger Aufsicht.

In dieser Funktion trifft er auf einen Vizebürgermeister und Vorsitzenden des Stadt-Komitees für Auslandsbeziehungen namens Wladimir Putin. »Unsere Wege haben sich gekreuzt«, erinnert sich Koschin und streift dabei das Präsidenten-Porträt mit einem liebevollen Blick, »denn wir hatten damals eine gleichgerichtete Tätigkeit.«

Dieser Kontakt mit dem Kurator reißt nicht mehr ab. Als Putin im August 1999 Premierminister wird, holt er den sieben Jahre Jüngeren als Chef der staatlichen Valuta- und Exportkontrolle nach Moskau. Nur fünf Monate später, in seinem ersten Monat als amtierender, noch nicht gewählter Präsident, vertraut er Koschin mit der Kreml-Hausmeierei jene Funktion an, welche die formelle Macht des Zaren erst zur materiellen Gewalt werden lässt.

Denn Russlands Spitzenbeamte aller Verfassungsorgane hängen samt und sonders am Tropf dieser Präsidenten-Verwaltung: Von dort erhalten Gerichtspräsidenten ihre Dienstwagen, Minister ihre Landhäuser, Duma-Deputierte ihre Hauptstadtwohnungen. Es sei, so formulierte einmal spitz die Moskauer Kolumnistin Ljudmila Telen, die »Kreml Ltd.«, welche »nach Regeln tätig ist, die sich nur ahnen lassen«.

Doch solche Mutmaßungen über verdeckte Einflussnahme möchte Sawchos Koschin gar nicht erst aufkommen lassen: Das »Bukett sozialer Wohltaten«, welches zu verteilen seines Amtes sei, werde ohne Ansehen der Person ausgefolgt - und der Empfängerkreis immer enger gezogen. Anspruch auf eine der legendären Staatsdatschas bestehe nur noch bis zum Vizeminister, analog bis zum Vorsitzenden eines Parlamentsausschusses: »Niedriger gibt es nichts mehr.«

Nicht alle sind mit dem Gebenden immer zufrieden. Besonders die zugewiesene Automobilmarke führt zu Frustration und dauerndem Hader in der Bürokratenkaste. Denn wer nur einen vaterländischen »Wolga« erhält und wer einen feinen BMW, ist häufig wichtiger als die jeweilige Funktion. Allerdings darf gehofft werden: Wladimir Koschin hat mit den bayerischen Herstellern des begehrten Blechs erst unlängst »eine Vereinbarung über langfristige Partnerschaft« unterschrieben.

Überhaupt: Alimentierung durch den Kreml sichere mit Wohnungen, Dienstwagen und elitärer medizinischer Versorgung ohnehin nur noch »das Minimum«, welches als »zusätzlicher Anreiz, als zusätzliche Arbeitsmotivation« notwendig sei. Noch sei, so Koschin, »unser Staat nicht in der Lage, seinen Spitzenbeamten ein Gehalt zu zahlen, welches ihnen erlauben würde, alle ihre sozialen Probleme selbst zu lösen«.

Doch »in drei, vier Jahren«, wenn der Besoldungspegel internationales Niveau erreicht habe, solle Schluss sein mit dem byzantinischen Zuwendungssystem. Koschin hebt fast die Schwurhand: »Das möchten wir, dahin strebt unser Präsident, das haben wir uns als Ziel gesetzt.«

Das klingt so, als ob in seinem Imperium an dessen Selbstabschaffung gearbeitet würde. Doch das Gegenteil ist der Fall. Jedenfalls dort, wo die schwarzbunte Kuh Kamelija mit der Nummer 279 täglich ihre 19 Liter Milch für Kreml- und andere Behördenküchen gibt, auf der Hausmeierei-Farm Nepezyno hundert Kilometer südöstlich von Moskau.

Dort hat Direktor Sergej Medwedew binnen vier Jahren drei bankrotte Nachbar-Kolchosen aufgekauft und seine landwirtschaftliche Nutzfläche auf 5000 Hektar vervierfacht. Am Betriebseingang steht »FGUP«, die Abkürzung für Unternehmen in Bundeseigentum. Doch die Leute im Dorf wissen es genauer: Es ist »das Kreml-Gut«, das seit Stalins Zeiten, schon fast 60 Jahre lang, fürs leibliche Wohl der Moskauer Nomenklatura sorgt.

Nepezyno ist nicht die einzige Landwirtschaft in Koschins Portefeuille. 60 000 Menschen arbeiten in den ihm unterstellten Betrieben - auf Baustellen und in Kindergärten, Apotheken und Theatertruppen, auf Schiffen und in Flughäfen. Die genaue Anzahl der Unternehmen unterm Zarenadler mag er nicht nennen; auch da werde gerade »kräftig reduziert«.

Dass der Majordomus sich um moderne Management-Methoden bemüht und Wildwuchs kappen will, der sich in Jahrzehnten unkontrollierter Parteiwirtschaft und danach noch einmal in der Jelzin-Ära breit gemacht hat, wird ihm auch außerhalb der Kreml-Administration zugute gehalten. »Er ist ein effektiver Leiter«, bestätigt ein Kabinettsmitglied, »und angenehm sachlich im persönlichen Umgang.«

Dutzende Firmen, die sich im Filz des Hofes einnisteten und der Funktionärsselbstversorgung dienten, hat er nach Borodins Abgang geschlossen. Andere, die sich mit dem Präsidentenwappen nur dicke tun, lässt er durch die Staatsanwaltschaft verfolgen. Sogar ein Bürgertelefon hat er einrichten lassen, um von solchen »betrügerischen Einrichtungen« zu erfahren.

Doch von demokratischer Kontrolle ist Koschins abgeschottetes Reich noch weit entfernt. Die würde auch nur stören bei Expansionsplänen, die der Majordomus vage beschreibt als »Aufträge des Präsidenten, bestimmte Projekte mit unseren administrativen Möglichkeiten zu fördern«.

Eines davon nimmt gerade westlich von St. Petersburg Gestalt an, im Örtchen Strelna: Dort schuften rund 5000 Arbeiter und Ingenieure in Tag- und Nachtarbeit, um das ramponierte Konstantin-Schloss, im 18. Jahrhundert als eine Art russisches Versailles gebaut, rechtzeitig zur 300-Jahr-Feier Petersburgs zu einem schicken Kongress-Palast zu veredeln. 300 Millionen US-Dollar soll das ehrgeizige Unternehmen am Ende kosten, und keine Staats-Kopeke, versichert Koschin, wird darunter sein.

Die Hausmeierei hat es übernommen, diesen Putin-Wunsch nach einem noblen Versammlungsort zu realisieren. Und bei in- und ausländischen Unternehmen Spenden beizutreiben. 100 Millionen Dollar sind bereits gesammelt: »Wie soll man denn nicht geben«, gesteht etwas hilflos ein Petersburger Manager, »wenn der Kreml selbst bittet?« JÖRG R. METTKE

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