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LANDTAGSWAHLEN Amerikanischer Stil

Um in Baden-Württemberg der Union Stimmen abzujagen, setzen SPD-Strategen auf importierte Methoden.
Von Felix Kurz
aus DER SPIEGEL 12/2001

Jeder in Baden-Württemberg kennt das Gesicht von Ute Vogt, doch nicht jeder erkennt sie. Die Touristen in der schwäbischen Stadt Aalen schauen immer wieder auf den Tourbus mit den großen Porträtpostern und grübeln: Ist das wirklich dieselbe Frau, die da gerade auf dem Marktplatz mit dem Mikrofon unterwegs ist, pausenlos freundlich lächelt und mit den Bürgern schwätzt?

Als ein paar Passanten den Ausflüglern das bestätigen, schütteln sie ungläubig die Köpfe. Denn für das Bild musste die flotte Juristin Vogt, 36, die Lippen zusammenpressen und die Frisur so trimmen, als sei sie zehn Jahre älter.

Das Foto ist Teil eines ungewöhnlichen Kalküls, einer Wahlkampagne, deren Grundzüge sich die Macher in den USA abgeguckt haben und die nun eine Bastion knacken soll: Seit fast 48 Jahren regiert die CDU im Ländle. Wenn am Sonntag - ebenso wie in Rheinland-Pfalz - ein neuer Landtag gewählt wird, soll die SPD-Spitzenkandidatin Vogt den CDU-Ministerpräsidenten Erwin Teufel, 61, aus dem Amt drängen.

Eine am vergangenen Freitag veröffentlichte Erhebung des Sozialwissenschaftlichen Umfragezentrums der Universität Duisburg prognostizierte sogar ein Kopfan-Kopf-Rennen von SPD und Grünen mit der bisherigen CDU/FDP-Koalition. Die Republikaner blieben danach draußen. Deutlich aufgeholt hat Vogt laut anderen Umfragen mit ihrer Kampagne zumindest (siehe Grafik).

Über ein Marktforschungsinstitut hatten die Sozialdemokraten schon im Oktober zehn verschiedene Vogt-Porträts getestet. Je 100 Badener und Württemberger waren befragt worden, wie sie sich eine Ministerpräsidentin vorstellen in ihrem urkonservativen Land. So entstand die auf älter getrimmte Kontrast-Teufelin, für die sich nach einer Umfrage von Infratest dimap im Auftrag von ARD und Südwestrundfunk bei einer Direktwahl immerhin 40 Prozent der Wahlberechtigten entscheiden würden. Amtsinhaber Teufel käme demnach noch auf 43 Prozent.

Bereits vor einem Jahr hatte Wolfgang Drexler, SPD-Generalsekretär in Baden-Württemberg, nach dem Vorbild der Bundespartei eine so genannte Kampa aufgestellt, eine Truppe, die den Wahlkampf führen sollte. In jedem der 70 Wahlkreise wurde ein Vertreter rekrutiert, die »Kampa vor Ort«. Bedingung: Die Kampa-Leute sollten möglichst keine Parteifunktionäre sein. Der offizielle Grund: Die haben intern genug zu tun. Der inoffizielle: Frischer Wind muss wehen.

Zu diesem Zeitpunkt war freilich noch nicht einmal klar, wen die Partei gegen Teufel antreten lassen würde. »Uns ging es darum, Personen zu finden, die für die SPD Wahlkampf machen und nicht für einen bestimmten Kandidaten«, sagt Wahlkampfkoordinator Matthias Klopfer, 33, einer von drei hauptamtlichen Angestellten.

Die Kampa-Zentrale bezog mit 17 Mitarbeitern, überwiegend Praktikanten, in der Stuttgarter Schlosserstraße zwei große Räume eines ehemaligen Trödelladens. Für etwas Farbe sorgen ein paar rot angestrichene Säulen, von der Decke baumeln Kabel für die Computer. Klopfer und zwei weitere Kampa-Mitglieder hatten zuvor in den USA bei verschiedenen Wahlkämpfen der Demokraten und der Republikaner hospitiert. US-Plakate hängen an den Wänden.

Weil die SPD bei der vergangenen Landtagswahl 1996 mit einer traditionellen Kampagne auf magere 25,1 Prozent abgesackt war, forderten Drexler und sein Wahlkampfkoordinator weitgehende Freiheiten. So läuft die gesamte Organisation an den ordentlichen Parteigremien vorbei. Werbeagenturen wollen lieber mit Profis verhandeln als mit altgedienten Funktionären, die schon alles immer so gemacht haben.

Zur Strategie gehört nun etwa, dass die Sozialdemokraten die Union nicht heftig attackieren. Gezänk mag der Wähler nicht. Und während der Amtsinhaber wie ein Buchhalter Bilanzen präsentiert, was selbst Parteifreunde langweilt, serviert die Herausforderin im amerikanischen Stil Unterhaltung, Selbstdarstellung und etwas politische Information, gern auch in der Harald-Schmidt-Show.

Vor allem im persönlichen Gespräch kommt die frühere Juso-Landesvorsitzende Vogt in Fahrt. »Wir sind anders und machen auch einen anderen Wahlkampf«, glaubt Drexler. »Natürlich könnte ich eine Menge zum Filz der CDU im Lande erzählen«, sagt Vogt, »doch das bewegt hier niemanden.« Auf ein Schattenkabinett verzichtet sie zudem ganz bewusst. »Das gibt nur unnötige Diskussionen, warum die und nicht etwa der.«

Locker und frisch, kaum Reden, mehr Dialog, so gibt sich die SPD-Landesvorsitzende. »Ute Vogt im Gespräch« ist das Motto der Tour, und das führt sie im Wahlkampf an rund 65 Orten. Dazu hängen landesweit etwa 1400 Großflächenplakate und rund 100 000 Kandidaten- und Themenplakate.

Über 3,5 Millionen Mark kostet der SPD-Wahlkampf. Auf die gleiche Summe schätzen Experten die CDU-Ausgaben. Doch bei der Union macht sich angesichts der Umfragen Unruhe breit. Noch nie war die Anzahl der Unentschlossenen so hoch wie bei dieser Landtagswahl, und dafür ist der Vorsprung recht klein geworden.

Auch die Liberalen, mit der CDU in der Koalition, sind sich ihrer Sache nicht so recht sicher. FDP-Chef Walter Döring, 47, kann wie Teufel nicht mehr auf die Jugendkarte setzen. Vor 13 Jahren war er der jüngste Abgeordnete seiner Fraktion. Heute ist er das immer noch. Denn inzwischen ist das Durchschnittsalter der Landtagsliberalen auf 55 Jahre angestiegen.

So ist die Angst vor Vogts jugendlichem Charme und ihrer Kampa bei der Koalition spürbar. »Die SPD führt den professionelleren Wahlkampf«, beklagt Teufels Vorgänger Lothar Späth.

Und Vogt riskiert etwas. Als ihr Parteifreunde einen sicheren Wahlkreis in Stuttgart anboten, lehnte sie brüsk ab. »Ich bin doch nicht das Ziehkind von irgendjemandem.«

Bei der Bundestagswahl 1998 hatte sie sensationell das Direktmandat in Pforzheim geholt. Nur: Bei einer Landtagswahl hat dort noch nie ein Sozialdemokrat gewonnen. Doch könnte sie es wieder schaffen: Eine Umfrage der »Pforzheimer Zeitung« sah sie vorvergangene Woche knapp vor ihrem Kontrahenten. FELIX KURZ

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