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TERRORISMUS Ampel auf Rot

Die Bundesregierung rätselt, ob und wie sie zwei in Beirut entführte Deutsche freibekommt. *
aus DER SPIEGEL 5/1987

Helmut Kohl dauerte alles zu lange. Unwirsch und voller Ungeduld verfolgte der Kanzler in der letzten Kabinettssitzung vor den Wahlen den Lagebericht seines Amtschefs Wolfgang Schäuble über die Entführung des deutschen Firmen-Vertreters Rudolf Cordes.

»Geschäftsmäßig, aber langatmig«, so erinnern sich Teilnehmer der Runde, breitete Schäuble am vergangenen Mittwoch die dürren Erkenntnisse über die Verschleppung des Hoechst Mannes im Bürgerkriegs-Dschungel von Beirut (siehe Seite 110) aus. Ausführlich erläuterte der Krisenmanager seine Maßnahmen - von der Einsetzung des Arbeitsstabes im Kanzleramt unter seiner Leitung bis zur Unterrichtung der Opposition.

Zur Sache selbst hatte der Kanzleramtsvorsteher wenig mitzuteilen: Cordes befinde sich offenbar in den Händen radikaler Schiiten. Von einem Araber aus Süddeutschland, der sich den Bonner Behörden als Mittelsmann andiente und allem Anschein nach über »originäre Kontakte« in den Libanon verfüge, höre man, daß der Entführte bei »guter Gesundheit« sei. Zum Beweis habe der Mann die Kopie einer Seite aus Cordes' Personalausweis vorgelegt.

Forderungen der Entführer oder ein Bekennerbrief waren, so Schäuble, zunächst nicht bekannt. »Gesichert« sei, daß zwischen der Verschleppung des Hoechst-Vertreters und der Festnahme des Libanesen Mohammed Ali Hamadei am 13. Januar in Frankfurt ein »Zusammenhang« bestehe. Denn offensichtlich wollen die Kidnapper die Auslieferung des mutmaßlichen Luftpiraten an die USA verhindern; Hamadei steht im Ver dacht, an der Entführung eines TWA-Jets von Athen nach Beirut im Juni 1985 beteiligt gewesen zu sein.

Noch ehe sich jemand zu Wort melden konnte, unterband der gereizte Kanzler jede Diskussion im großen Kreis des Kabinetts. Regierungssprecher Friedhelm Ost erhielt Weisung, keine Einzelheiten über den amtlichen Kenntnisstand preiszugeben. Das Ganze, beschied Kohl seine Minister, sei »sehr schwierig«. In diesem Fall seien eine »Menge Imponderabilien« enthalten.

Wie unwägbar die Entführung für die Regierung in der Vorwahlwoche war, wurde spätestens klar, als tags darauf die Verschleppung eines zweiten Deutschen, des Siemens- Technikers Alfred Schmidt, zur Gewißheit wurde.

Zum erstenmal sind nun auch Deutsche zu Erpressungsobjekten im libanesischen Milizenkrieg geworden. Und alle

markigen Worte über die Entschlossenheit, den internationalen Terrorismus zu bekämpfen, erweisen sich angesichts der offenkundigen Hilflosigkeit als bloße Lippenbekenntnisse.

Schon Mitte letzter Woche herrschte in Bonn kein Zweifel mehr, daß die Ungewißheit über das Schicksal der verschleppten Deutschen bis weit über den Wahltermin hinausreichen werde. Als Erfahrungswerte für die befürchtete Hängepartie gelten die Schicksale der seit 1982 über 70 im Libanon gekidnappten Ausländer. Vor allem Amerikaner, Franzosen und Briten wurden und werden teilweise über Monate, wenn nicht Jahre in unauffindbaren Verstecken gefangengehalten.

Der Schäuble-Stab hatte tagelang nicht einmal das angeforderte Lebenszeichen der Entführten Cordes und Schmidt. Es gebe nur, hieß es im Kanzleramt, »indirekte Hinweise über Dritte, daß die beiden am Leben sind«.

Von dem inzwischen in den Libanon gereisten arabischen Mittelsmann erwarten die Bonner Anfang dieser Woche ein Videoband oder einen Photobeweis als Lebenszeichen der Verschleppten. Gleichzeitig soll der Emissär den Entführern klarmachen, daß der auf dem Rhein-Main-Flughafen mit Sprengstoff aufgegriffene Hamadei auf keinen Fall in einer Nacht-und-Nebel-Aktion an die Amerikaner ausgeliefert wird.

Ob die Kidnapper an die Schilderung der komplizierten rechtlichen Prozeduren des Auslieferungsverfahrens glauben, steht dahin: »Wir müssen die jetzt stabilisieren, damit die nicht durchdrehen«, erläuterte ein Bonner Kabinettsmitglied das Bemühen um Zeitgewinn.

Der Mittelsmann, an den sich Schäuble und seine Krisenhelfer halten, sollte auch näheren Aufschluß über die Entführer selbst bringen. Nachdem nämlich die radikale Schiiten-Miliz »Hisb Allah« (Partei Gottes) bestritten hat, den Hoechst-Vertreter Cordes auf dem Weg vom Beiruter Flughafen entführt zu haben, glauben die Bonner immer mehr an einen familiären Rachefeldzug.

Zwar ist ein Bruder des in Frankfurter U-Haft sitzenden Libanesen Sicherheitschef der »Hisb Allah«. Doch die dem obersten iranischen Verteidigungsrat der Mullahs in Teheran unterstellte Schiiten-Organisation muß nach Einschätzung von Sicherheitsexperten nicht hinter der Geiselnahme stehen.

»Wenn der Hamadei-Clan das Ding gedreht hat«, sorgte sich ein Bonner Regierungsmitglied, »gibt es bei der Lösung noch größere Tücken.« Dann sei es fast unmöglich, auf die Geiselnehmer über politische Kanäle Einfluß zu nehmen.

In ihrer Ratlosigkeit verlegten sich der Kanzler und seine Gehilfen darauf, nach Schuldigen für das Entführungsdilemma zu suchen. Intern und am Telephon mit Vorstandsmitgliedern beschimpfte der aufgebrachte Bonner Regierungschef die Firmen Hoechst und Siemens: Es sei unverantwortlich, so Kohl, Mitarbeiter an den gefährlichsten Krisenherd des Nahen Ostens zu schicken und einem unkalkulierbaren Risiko auszusetzen.

Das Auswärtige Amt sekundierte: Nach der Festnahme Mohammed Hamadeis in Frankfurt seien in der Genscher-Behörde »alle Ampeln auf Rot gesprungen«. Man habe allen Firmen von Trips nach Beirut dringend abgeraten.

Zu den Schuldigen zählt das Kanzleramt auch Innenminister Friedrich Zimmermann (CSU). Der habe völlig überflüssigerweise zwei Tage nach dem »Aufgriffserfolg« beim Zoll auf Rhein-Main geprahlt: »Es ist ein dicker Fisch, der da festgenommen wurde.«

Die endgültige »Aufforderung zum Tanz« an die Geiselnehmer, klagen hohe AA-Beamte, habe dann das Bonner Justizministerium geliefert. Dessen Sprecher Hans-Jürgen Schmid habe unter Journalisten gestreut, der von den Amerikanern zur Fahndung ausgeschriebene Hamadei werde nach Abschluß der Ermittlungen an die USA ausgeliefert.

Wer immer sich im Wahlkampf-Fieber gerühmt hat oder plauderte: Der am 13. Januar mit dem Flug ME 227 aus Beirut auf Rhein-Main eingetroffene Libanese mit dem (falschen) Namen Youssef Abdul Kusser Rida im Paß Nr. 179718 flog beim Flughafen-Zoll durch einen Zufall auf. Die Beamten stießen beim Filzen des arabischen Passagiers auf neun Liter Methylnitrat, die er in drei Flaschen mit Weintraubenetiketten bei sich führte.

Pech für den Sprengstoff-Transporteur: Seine Fingerabdrücke waren bei den deutschen Behörden registriert, weil er, so die Akten, »mehrfach erkennungsdienstlich behandelt wurde«.

In der Polizeiakte heißt es in trockenem Bürokraten-Deutsch:

Er ist Gegenstand des nationalen Haftbefehls Nr. 85-0188 v. 3. 7. 85 der Justizbehörde Washington D. C. wegen Luftpiraterie und Mordes. Hamadei wurde als einer der zwei Flugzeugentführer identifiziert, die am 14. 6. 85 ein Flugzeug des Typs Boeing 727 der amerikanischen Fluggesellschaft TWA auf Flug 847 von Athen nach Rom in ihre Gewalt gebracht und über Algier nach Beirut entführt hatten. Bei dieser Aktion wurde auch ein amerikanischer Marine-Soldat ... von den Entführern ermordet.

Zwei Tage nach der Festnahme meldete sich US-Botschafter Richard Burt im AA und kündigte an, die Regierung in Washington werde auf der Auslieferung Hamadeis bestehen.

Daß es trotz amerikanischer Zusicherung, Hijacker Hamadei die Todesstrafe zu ersparen, zu einer Auslieferung nicht kommen wird, galt letzte Woche innerhalb der Bonner Regierung als sicherer Tip. Zu Härte mochte im Regierungslager niemand raten, nicht einmal »Sheriff« Zimmermann. »Das Mörderspiel«, prophezeite ein hoher Bonner Beamter, »halten wir nicht durch.«

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