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VERLAGE An der Angel

Dem Verlag der »SZ« drohen einschneidende Veränderungen: Sein neuer Gesellschafter, die Südwestdeutsche Medien Holding, hat ein Vorkaufsrecht und will im Tagesgeschäft mitmischen.
aus DER SPIEGEL 49/2002

Je verschwiegener sich manche Zeitgenossen gerieren, umso verräterischer sind mitunter ihre Hobbys. Dieter Schaub zum Beispiel, 64, Patriarch der Ludwigshafener Medien Union ("Rheinpfalz"), ist ein leidenschaftlicher Angler. Am liebsten fischt er bei Bad Kissingen im Trüben der Fränkischen Saale, wo er eine alte Mühle zum Luxusdomizil samt Tagungshotel umbauen ließ.

Angeln ist eine stille Passion. Sie erfordert viel Geduld, Ruhe, Zurückhaltung bis an den Rand der Selbstverleugnung, und dann - wenn der Fisch einmal angebissen hat - muss blitzschnell und kraftvoll reagiert werden. Sein jüngster Fischzug hat sich für Schaub und seinen Sohn Thomas, dem er offiziell schon 1994 die Regie übergab, wieder gelohnt.

Über seine 44-prozentige Beteiligung Südwestdeutsche Medien Holding (SWMH; »Stuttgarter Zeitung«, »Stuttgarter Nachrichten") wird er sechster Gesellschafter beim Not leidenden Süddeutschen Verlag (SV) in München. Lange hat der stille Riese aus Südwest zugesehen, wie die angeschlagenen Münchner zappelten. Nun also gingen sie ihm ins Netz. Den Fischzug organisierte Schaub gemeinsam mit seinem wichtigsten SWMH-Mitgesellschafter Eberhard Ebner, 72, ("Südwest Presse") von der Gruppe Württembergischer Verleger, der das Projekt maßgeblich mit eingefädelt hatte.

In München, vor allem beim Renommierobjekt »Süddeutsche Zeitung« ("SZ"), machte sich erst einmal vorsichtige Erleichterung breit: Die Schwaben erkaufen sich den Einstieg mit rund 150 Millionen Euro - Geld, das zumindest Luft schafft. Allein in diesem Jahr wird der SV Verluste »im hohen zweistelligen Millionenbereich« machen.

Anders als die Angel-Konkurrenten Holtzbrinck oder Axel Springer Verlag, der schon vor Wochen ein hoch dotiertes Angebot abgegeben hatte, ist die schwäbische Regionalzeitungs-Holding trotz Riesenauflagen im Ländle eher ein leiser Mittelständler. Das beruhigt. Auch politisch gibt es wenig Berührungsängste, denn die »Stuttgarter Zeitung« gilt als liberales Qualitätsblatt. »Die passen gut zu uns«, sagt der Sprecher der Altgesellschafter, Hanns-Jörg Dürrmeier (siehe Grafik).

Doch auch wenn die Stuttgarter vorerst nur 18,75 Prozent am SV halten werden - die SWMH könnte sich als Hecht im Karpfenteich entpuppen. Immerhin hat sich der SWMH-Geschäftsführer Jürgen Dannenmann, der in München seit Wochen für Schaub und Ebner verhandelt und diskret die Bücher geprüft hat, wichtige Details vertraglich zusichern lassen. Wohl schon vom 1. Januar an soll ein dreiköpfiger »Lenkungssauschuss« zwischen Gesellschafterversammlung und SV-Geschäftsführung installiert werden. Im Klartext: Die bisherige Dominanz der weniger stillen als schrillen - weil hoffnungslos zerstrittenen - Gesellschafterfamilien ist gebrochen. Monatelang konnte man sich dort nicht auf einen Sanierungskurs einigen.

»Die Gesellschafter selbst haben entschieden, dass die Entscheidungswege verkürzt werden müssen und die Geschäftsführung eigenverantwortlicher handeln können muss«, sagt Dannenmann. Über die Besetzung des Lenkungsausschusses sei »noch nicht entschieden«. Als sicher gilt jedoch, dass die neuen Geldgeber den Vorsitzenden bestimmen und so auch ins operative Geschäft eingreifen werden. In München wird Dannenmann selbst als aussichtsreicher Kandidat gehandelt.

Auf einer Betriebsversammlung vergangene Woche betonte SV-Geschäftsführer Klaus Josef Lutz, dass die neuen Geldgeber ihren Einstieg klar an jene ambitionierten Ziele knüpfen, die die Unternehmensberater von Roland Berger in ihrem SV-Sanierungsplan gesteckt haben:

* Im Jahr 2003 soll das Unternehmen eine schwarze Null schreiben.

* 2004 soll der SV bereits wieder einen zweistelligen Millionengewinn machen.

* 2005 soll eine zwölfprozentige Umsatzrendite eingefahren werden.

Wenn diese Ziele nicht erreicht werden, hatte Lutz zuvor auf einer Führungskräfte-Tagung verkündet, gebe es »Schadensersatzforderungen« des neuen Gesellschafters. Womöglich in Form weiterer SV-Happen?

Dannenmann bestätigt, dass sich der neue Gesellschafter ein Vorkaufsrecht für frei werdende Anteile ausbedungen habe, wie es die bisherigen Gesellschafter bereits besitzen. Feiner Unterschied: Nur die Schwaben verfügen offenkundig über die notwendigen finanziellen Mittel, dieses Recht auch zu nutzen.

Mit ihrer eher regionalen und auf Anzeigenkooperationen basierenden Strategie stehen sie im Branchenvergleich gut da: Während viele Zeitungsverlage schon Millionenverluste schrieben, machten die Stuttgarter im vergangenen Jahr bei einem Umsatz von 282 Millionen Euro einen Gewinn von 53 Millionen Euro. Im Jahr zuvor hatte der Gewinn sogar bei 78 Millionen Euro gelegen.

Experimente sind den knallhart kalkulierenden Schwaben suspekt: Schon Ende der fünfziger Jahre wurde die Idee verworfen, aus der »Stuttgarter Zeitung« ein überregionales Blatt zu machen - zu teuer. Der Einstieg ins Privatfernsehen, bei dem viele andere Verleger Millionen verloren, wurde in Stuttgart schlicht ignoriert. Ein Mini-TV-Studio, das am Verlagssitz im Stadtteil Möhringen installiert war, wickelte Dannenmann schnell wieder ab.

Anders als der SV haben die Schwaben auf diese Weise in den vergangenen Jahren dicke Polster gebildet. Die Unternehmensbilanz für 2000 weist Gewinnrücklagen und Wertpapiere über rund 173 Millionen Euro aus. Genug, um nun weitere Einstiegsmöglichkeiten auszuloten: Vor allem an dem Berliner Zeitungsmarkt, wo das Kartellamt gerade dem Holtzbrinck-Konzern verbieten will, zum »Tagesspiegel« auch noch die »Berliner Zeitung« zu übernehmen, sei man »grundsätzlich interessiert«, bestätigt Dannenmann. Absprachen mit Holtzbrinck gebe es aber noch nicht.

Man hat also Appetit - und könnte auch in München schon bald einen Nachschlag bekommen. Denn zumindest bei einer der Gesellschafterfamilien bestehe weiterhin Verkaufsbereitschaft, heißt es in Bankenkreisen. Auch über eine weitere Kapitalerhöhung könnten die Stuttgarter ihren Einfluss vergrößern - spätestens dann, wenn der gebeutelte SV eine neue Liquiditätsspritze brauchen sollte.

Die Macht der neuen Mitinhaber geht schon jetzt über die formale Minderheitsbeteiligung hinaus. So sind der Neu-Eigner Eberhard Ebner und Altgesellschafterin Anneliese Friedmann, die den Einstieg maßgeblich vorantrieb, enge Vertraute. Würden sie gemeinsam stimmen, kämen sie bereits auf 37,5 Prozent. Auch zu Gesellschaftersprecher Dürrmeier pflegt Ebner seit langem beste Kontakte - und damit zu weiteren 8,33 Prozent der Anteile.

»Es gibt keine Vereinbarungen für ein Stimmen-Pooling«, sagt Dannenmann, der weiter gehende Ambitionen nicht ausschließen will. »Wir sind aber kein Konzern, der sich nur auf 100-Prozent-Lösungen einlässt.«

Dass die neue Liaison zwischen Schwaben und Bayern nicht ganz ruckelfrei ablaufen dürfte, zeigte sich indes bei der »SZ« gleich am ersten Tag: Statt ihre Leser wie gewohnt mit einem Redaktionstext im Blatt über wichtige Vorkommnisse im eigenen Verlag zu informieren, erschien auf Seite eins der »Süddeutschen« die offizielle Pressemitteilung über den neuen Gesellschafter im Wortlaut - so wie es die diskreten Stuttgarter traditionell mit Nachrichten halten, die ihre eigenen Blätter betreffen. MARCEL ROSENBACH, THOMAS SCHULZ

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