Zur Ausgabe
Artikel 24 / 73
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

LEICHTBIER An der Theke gutmütig

aus DER SPIEGEL 27/1965

Nürnbergs Oberstaatsanwalt Hans Sachs trank vor der Fernsehkamera ein »Prooost« und befand: »Wenn schon Bier, dann normales.«

Der ferngesendete Trinktest galt dem neuen Leichtbier »Prooost« der Fürther Brauerei Joh. Humbser AG, einer der Bierquellen des Großversenders Gustav Schickedanz. Sie glaubt ein Getränk entwickelt zu haben, das Westdeutschlands Staatsanwälte, Kraftfahrer und Gastwirte gleichermaßen schätzen müßten.

Seit zu Beginn dieses Jahres die Strafen für Alkoholdelikte am Steuer drastisch erhöht wurden, ist der Bierkonsum an der Theke ebenso drastisch zurückgegangen. Das Gastronomenblatt »Die Saarländische Gaststätte« zitiert den Wirt eines Fernfahrerlokals, der heute nur noch fünf statt der gewohnten zehn bis 15 Hektoliter monatlich zapft:

»Ist der erste Durst gelöscht, so finden sich die Gäste schwerlich bereit, einige Gläschen in gemütlicher Geselligkeit zu sich zu nehmen.« Lokalrunden gebe es »praktisch überhaupt nicht mehr«.

Den Promille-Problemen der Gastronomie wollte die Humbser AG mit Leichtbier zu Leibe rücken, das dem normalen Bier in allem gleichen sollte, nur nicht im Alkoholgehalt. »Prooost« wird als Vollbier wie Pilsner oder Export eingebraut, dann aber durch Vakuum-Destillation von 3,8 auf 1,5 Prozent Alkoholanteil reduziert. In der Humbser-Werbung heißt es, daß »die zweibis dreifache Menge des normalen Vollbieres ohne nennenswerte alkoholische Wirkung« bleibe.

Brauer Schickedanz war nicht der erste, der mit entschärftem Braugut ein Geschäft zu machen hoffte. Unter anderen hatte Multi-Unternehmer Rudolf August Oetker (Binding-Brauerei, Frankfurt; Berliner Kindl) zuvor bereits eine Produktionsstätte für »Anti-Mille -Bier« mit 0,9 Prozent Alkohol bei Krefeld errichtet. Die Brauerei Becker in St. Ingbert brachte etwa zur gleichen Zeit wie Humbser einen Leichttrank, das »Lunch-Bier«, heraus, das 2,6 Prozent aufweist.

Diese relativ hohe Rausch-Potenz ist jedoch laut Becker-Werbung »gutmütig« und wird im Körper »aus bestimmten und wissenschaftlich nachgewiesenen Gründen ... schneller abgebaut«.

Alle derartigen Leichtbiere haben gemeinsam, daß sie einer Spezialbehandlung bedürfen. Entweder wird die Gärung angehalten, so daß der bierübliche Alkoholgehalt gar nicht entsteht, oder das Standardbier wird durch Eindampfen nachträglich auf einen geringeren Alkoholsatz gebracht.

An solchen Manipulationen mag es liegen, daß die Leichtbiere mit dem Original bislang nie erfolgreich wetteifern konnten. Jedenfalls erteilte die Wissenschaftliche Station für Brauerei in München nach einem Leichtbiertest - auch »Prooost« und »Lunch-Bier« wurden geprüft, aber die Ergebnisse nicht veröffentlicht - überwiegend negative Noten. Die Tester fanden »schlechte Schaumhaltigkeit«, »Bittergeschmack«, »an rohe Bierwürze erinnernd« und bescheinigten einem schweizerischen Produkt: »Ein Anreiz zum Weitertrinken war nicht gegeben.« Aus dem westdeutschen Bierfaß fließt denn auch nach wie vor zu 98 Prozent das klassische Vollbier, und die Großbrauereien machen damit trotz Straßenverkehrsordnung stetig steigende Umsätze. Es kümmert sie kaum, daß die Konjunktur heute bereits zu rund 75 Prozent aus Flaschen schäumt und das Schankgeschäft der Gastwirte brachliegt.

Ihnen wollen sie allenfalls mit Aktionen helfen, wie sie der Deutsche Brauer -Bund jüngst veranstaltete: Er druckte auf etliche Millionen Bierfilze den »§ 1 der Gaststättenverkehrsordnung«, der besagt: »Auch Autofahrer dürfen Bier trinken. Vier Glas ... ergeben ca. 0,44 Promille.«

Vom Leichtbier halten die Hektoliter -Magnaten nichts. Walter Pschorr, bayrischer Brauer-Dynast und Direktor des ehrwürdigen Pschorrbräu: »Wir sollten nach wie vor bei unserem guten Bier bleiben, das wir haben. Dafür, daß es Leute gibt, die nicht maßhalten können . . . können wir nichts dafür.«

Großbrauer Oetker hat dem Leichtbier-Experiment inzwischen abgeschworen. Aus den Zapfhähnen seiner Krefelder Anti-Mille-Brauerei fließen heute nur noch Fruchtsäfte.

Bierprobe in Saarbrücken: Für Westdeutschlands Kraftfahrer ...

Biertester Sachs (M.)

... ein Anreiz zum Weitertrinken?

Zur Ausgabe
Artikel 24 / 73
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel