INDUSTRIE / COCA-COLA An der Wasserfront
Rund 80millionenmal trinkt die Welt täglich Coca-Cola - pro Jahr 5,8 Milliarden Liter. Damit ließen sich die Hamburger Binnen- und die Außenalster (182 Hektar Wasserfläche, zwei Meter Durchschnittstiefe) anderthalbmal auffüllen. Jedes Jahr bringt dieser Coca -Cola-See neun Milliarden Mark ein.
Der Born, aus dem die Essenz für soviel Süßwasser sprudelt, gehört amerikanischen Millionären. Mit ihrem patentierten Saft brauten sie eine Weltmacht zusammen. Neben Coca-Cola sind internationale Marken wie Cadillac, Colgate oder Camel beinahe namenlos.
Die Flasche mit den fraulichen Formen (Formgestalter Raymond Loewy: »Perfekteste Verpackung mit unwahrscheinlich weiblichem Appeal") birgt nicht nur. Zucker, Aroma- und Farbstoffe, sie ist zugleich Symbol für die zivilisatorischen Verheißungen der Neuen Welt und des »American way of life«. In Frankreich wird die Invasion amerikanischen Kapitals als Cocacolonisation bezeichnet.
Die Flasche folgte dem Sternenbanner, und selbst die Präsidenten Eisenhower, Kennedy und Johnson machten Coca trinkend Public Relations.
CC überbrückt die Pausen dieser Welt, und von Pol zu Pol reicht das Netz der 1900 Abfüllstationen. Das Zentrum dieses globalen Brause-Imperiums ist ein Safe in Atlanta, der Hauptstadt des US -Staates Georgia. Seit 79 Jahren birgt er das Originalrezept für das Coca-Cola -Konzentrat.
Nur der Chefchemiker und ein weiterer hochbezahlter Experte kennen die genaue Analyse. Sie dürfen niemals gemeinsam in einem Flugzeug oder einem Auto reisen. Diese Order soll verhindern, daß bei einem Unglücksfall beide Geheimnisträger ums Leben kommen.
Als Statthalter des Getränkereichs erwählte sich die Coca-Cola-Zentrale mit Vorliebe Angehörige der blaublütigen Society. In Indien thront ein Prinz über der Sirupsprudel-Quelle, in der Bundesrepublik ist der westfälische Herzog von Croy - Großgrundbesitzer und Wildpferdezüchter in Dülmen - Coca -Colas stärkster Vasall.
Der Fürst betreibt zwei Abfüllfabriken und ist an zwei anderen maßgeblich beteiligt. Eine weitere Konzession gehört seinem Sohn, dem Erbprinzen Carl. In Dortmund besitzt der ehemalige Kammerdirektor der Fürstenfamilie zu Salm-Reifferscheidt, Mark Friedrich von Loesch, das CC-Abfüll- und -Vertriebsprivileg. Der prominenteste deutsche Konzessionär aber ist der ehemalige Boxweltmeister Max Schmeling.
Die Herren können mit ihrem Engagement zufrieden sein. Auf der Rangliste der 120 Länder, in denen das Apothekergetränk abgefüllt wird, steht die Bundesrepublik an zweiter Stelle (nach den USA). Der durchschnittliche US-Bürger konsumiert jährlich 72 »Cokes« (US-Jargon); der Durchschnitts -Westdeutsche die Hälfte. Den dritten Platz nimmt Mexiko vor Japan ein. Um die Kunden bei der Flasche zu halten, gibt CC in Amerika jährlich mehr als 200 Millionen Mark für Propaganda aus. Seine Tochtergesellschaft in Essen treibt mit jährlich zehn Millionen Mark Reklameaufwand die aktivste Werbung der westdeutschen Limonadenindustrie (das sind 45 Prozent des Werbeetats der gesamten Branche, die etwa 2500 Betriebe umfaßt). Plakate brachten selbst in den Finsterwald jenen Slogan, den der Essener Werbeberater Hubert Strauf 1955 erfand: »Mach mal Pause, trink Coca-Cola.«
Jahrhundertelang genoß der deutsche Mann, machte er mal Pause oder wollte er nach Feierabend für wenige Groschen den Staub der Arbeit hinunterspülen, sein traditionelles Bier. Limonadengebräu galt als fades Weiber- und Kindergetränk. »Die Limonade ist matt wie deine Seele«, ließ Schiller seinen Ferdinand in »Kabale und Liebe« ausrufen.
Freilich verstand die deutsche Getränke-Industrie mit wenigen Ausnahmen bis an die Schwelle der Wohlstandsära nicht viel von der Zubereitung edler alkoholfreier Säfte. Sie war aufgesplittert in über 7000 Unternehmen, meist Miniaturbetriebe. Der Handel mit den bonbonfarbenen Kohlensäure-Wässern
galt als reines Saisongeschäft. Im Herbst und Winter ernährten sich die Kleinstabfüller vom Kohlenverkauf.
Erst im letzten Jahrzehnt, als die stürmische Motorisierung begann, änderten sich in Deutschland die Trinkgewohnheiten. In den USA trieb die Prohibition (1919 bis 1933) schon viel früher die Biertrinker zur Coca-Cola -Fontäne. In Deutschland tat es die Angst vor den Promillejägern.
»Wir profitierten aber auch ganz ungemein vom Wohlstandsdurst«, sagt der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Erfrischungsgetränkeindustrie, Dr. Rudolf Kühles, traditioneller Limonadenfabrikant und Coca-Cola -Konzessionär. 1949 begnügte sich der westdeutsche Durchschnittsbürger mit 330 Liter kommerzieller Flüssigkeit, einschließlich Milch, Kaffee und Tee. Im vergangenen Jahr trank er fast 500 Liter, davon zehn Prozent Limonaden und Mineralwasser (siehe Graphik Seite 42).
Der große Verlierer war der Wasserleitungshahn, der größte Gewinner die Coca-Cola Company. Die Essener CC -Geschäftsleitung schätzt, daß die Bundesbürger Tag für Tag durchschnittlich 5,4 Millionen Flaschen Coca-Cola trinken, das sind im Jahr etwa 400 Millionen Liter. Handelswert: rund 600 Millionen Mark (der Umsatz der gesamten alkoholfreien Getränkebranche beträgt etwa zwei Milliarden Mark).
Branchenvorsteher Kühles: »Cola -Getränke sind nicht nur Mittel gegen den Durst und am wenigsten von der Witterung abhängig. Sie haben die Limonade gesellschaftsfähig gemacht.« Auch die Bonner Volksvertreter lassen sich den braunen Saft schmecken; im vergangenen Jahr wurden im Bundeshaus 17 856 CC-Flaschen geleert.
In den Twist-Sälen schäumt die braune Brause, meist mit Rum oder Gin, auf allen Tischen. Für Partys erfand ein Essener CC-Angestellter andere Mix -Getränke mit gepfeffertem Tomatensaft, Whisky oder Vanilleeis, die er »Lanzenbrecher«, »Junker-Drink« und »Strenger Derwisch« nennt. Coca-Abfüller Schmeling behauptet, ihm munde Coca-Cola am besten mit Milch vermischt.
Selbst Konzern-Manager verachten das Eiskalt-Gebräu nicht: Der in USA geschulte Vorstandsvorsitzer der NSU Motorenwerke AG Neckarsulm, Dr. Gerd Stieler von Heydekampf, taufte den braunen Sprudel »American Champagne« und kredenzt ihn bei Verhandlungen seinen Gesprächspartnern. Seine Arbeiter ziehen ihn sich in den Pausen aus den Betriebsautomaten.
33 000 solcher stummen Kellner stehen stets dienstbereit in westdeutschen Kantinen, Fabriksälen, Hüttenwerken, Büro -Etagen, Krankenhäusern, Fachschulen und an den meisten Tankstellen. Jeder dieser Kühlschrank-Automaten kostet 1500 bis 2500 Mark. Mindestens 60 Millionen Mark investieren die Nutznießer der Limonadenwelle in diesen Automatenpark, um den obersten Grundsatz der Zentrale zu befolgen: »Coca-Cola muß überall und zu jeder Zeit erreichbar sein, sobald der Wunsch nach Erfrischung wach wird.«
In den USA machte der geschäftstüchtige Konzern selbst vor den Kirchentüren nicht halt. Auch in den religiösen Gemeindezentren stehen Coca-Cola -Automaten.
Wenn irgendwo in der Welt der Umsatz stockt, tritt der Aufsichtsratsvorsitzende der Coca-Cola Export Corporation, James A. Farley, sofort in Aktion. So griff er zum Beispiel ein, nachdem vor Jahren im Nahen Osten ein politischer Boykott gegen Coca-Cola angezettelt worden war. Panarabische Propagandisten hatten das Gerücht ausgestreut, Coca-Cola enthalte Schweineblut. Mit dieser Diskriminierung wollten sich die arabischen Nationalisten an den Amerikanern für die Unterstützung Israels rächen.
Farley überredete den damaligen Sultan von Marokko, Mohammed ben Jussef, sich mit einer Coke-Flasche photographieren zu lassen. Wenige Wochen später hingen in Rabat und Casablanca, in Tanger wie in Kairo Tausende von Plakaten, die den Sultan als Coca -Freund zeigten. Sofort war der Bann gebrochen.
Nicht Schweineblut, sondern ganz andere Säfte sind das Geheimnis des typischen Coca-Cola-Geschmacks. Das Rezept stammt von dem Apotheker Dr. John S. Pemberton. Er braute 1886 in Atlanta ein aromatisches Sirupgemisch und bot es den Drugstores zur Herstellung von Limonaden an.
Ein Buchhalter namens Robinson, dessen schöne Handschrift in den
Schnörkeln des CC-Markenschildes verewigt wurde, gab der ursprünglich grün schillernden Mixtur den Namen Coca -Cola. Er wies damit auf zwei entscheidende Ingredienzen hin: einen Absud aus den Blättern des Cocastrauches, die im Ursprungsgebiet des Gewächses, den Anden, von den Indianern gekaut werden, wenn sie sich ein künstliches Glücksgefühl verschaffen wollen. Außerdem tat der Apotheker Extrakte der koffeinhaltigen Cola-Nuß in seinen Sirup.
Pemberton hatte aber mit seiner kleinen Saftfabrik so wenig Erfolg, daß er sie schon nach einem Jahr für 283 Dollar verkaufte. 1892 übernahm ein kaufmännisch begabter Drogist, der Sonntagsschullehrer der Methodisten-Gemeinde in Atlanta, Asa Griggs Candler, die Coca-Cola-Keimzelle für 2300 Dollar. Unter seiner geschickten Regie wurde das Getränk populär.
Dazu trug die- merkwürdig profilierte Flaschenform bei, die ein schwedischer Glashüttenaufseher 1916 zusammen mit einem Buchhalter in Amerika kreierte. Man nannte die Flasche »callipygian« in Anspielung auf Kallipygos, den Beinamen der griechischen Liebesgöttin Aphrodite; er bedeutet soviel wie »mit schönem Gesäß«.
1919 brachte der Flascheninhalt dem Methodisten Candler 25 Millionen Dollar ein. Er hatte den Erfolg aber auch mit viel Ärger erkauft. Regierungschemiker hatten das Gebräu immer wieder untersucht, und als sie feststellten, daß Candlers Limonade Kokain (aus den Cocablättern) und Alkohol enthielt, entspann sich ein siebenjähriger Krieg mit den Behörden. Der Fabrikant mußte schließlich die beiden Stimulantia aus dem Rezept streichen. Seit der Jahrhundertwende ist Coca-Cola kokainfrei, obwohl noch immer Cocablätter-Extrakte verwendet werden.
Im Alter müde geworden, verkaufte Candler die Quelle seines Reichtums an eine Gruppe cleverer Geschäftsleute. Sie erwarben die CC-Aktien bei Beginn der Prohibition, als sich die Biertrinker an das anregende Drogenwasser gewöhnten. Viele Amerikaner taten dies so gründlich, daß der Medizinprofessor an der Vanderbilt-Universität und frühere Präsident der American Medical Association, John Witherspoon, schwere Bedenken äußerte: »Ein Glas schafft das Verlangen nach dem nächsten. Viele Coca-Cola-Trinker glauben, ohne eine neue Coke nichts Vernünftiges zustande bringen zu können.«
Der Professor beobachtete junge Leute, »die acht, zehn, 15 oder 20 Drinks pro Tag nehmen. Sie sehen aus wie gewohnheitsmäßige Morphinisten. Ich habe 30 bis 40 Patienten, die mit der Coke-Gewohnheit behaftet waren, während der letzten vier bis fünf Jahre behandelt. Bei drei Fällen mußte ich versuchen, die Coke-Gewöhnung zu brechen. Als die Patienten von der Sucht befreit waren, besserte sich ihre Gesundheit«.
Außerhalb Amerikas verbreitete sich die Coke-Leidenschaft nur sehr langsam. Ähnliche Getränke wie Coca-Cola waren allerdings damals schon in Deutschland bekannt. In Köln hatte der Fabrikant Karl Flach 1929 seine Afri Cola herausgebracht, nachdem er in Übersee den amerikanischen National -Drink gekostet hatte. In Detmold stellte Sinalco neben alkoholfreien Qualitätsgetränken auch eine Cola-Limonade her.
Mit dem Markennamen Sinalco, einer Abkürzung für sine alcohole (ohne Alkohol), war zuerst ein Naturfruchtgetränk bedacht worden, die sogenannte Bilz-Brause, die in Detmold nach einem Rezept des Naturheil-Gelehrten Friedrich Eduard Bilz auf Flaschen gezogen wurde. Die Bezeichnung »Bilz-Seele« für den Extrakt war gesetzlich geschützt.
Die Seele des Coca-Cola-Geschäfts wurde erst 1933 entdeckt. Damals trat der heutige Chef der deutschen Konzerntochter, Max Keith, in die Firma ein. Er war gelernter Goldwarenhändler; durch seine Aktivität bekam das Geschäft allmählich goldenen Boden. Keith trug die Probelieferungen zu den Kiosken anfangs mit der Aktentasche aus. Bis 1939 überzog er ganz Deutschland mit einem Netz von 50 Abfüllbetrieben, die von Essen aus mit Grundstoffen versorgt wurden.
Starken Auftrieb erhielt die ganze Industriegruppe durch die Olympischen Spiele 1936 in Berlin, wo Coca-Cola, Afri Cola und Sinalco Kola gemeinsam den Durst der Sportler und Sportsfreunde stillten. Allerdings mußten die Hersteller ihre Werbeplakate noch in letzter Minute mit einem Streifen bekleben, auf dem zu lesen war, daß die angepriesenen Getränke Koffein enthalten. Der gleiche Hinweis mußte von 1938 an auch auf den Flaschen stehen, so verlangte es eine Regierungsverordnung.
Nationalbewußte Brauer und Süßwasserfabrikanten hatten den Reichsärzteführer Conti gegen die artfremde Welle aufgewiegelt. Deutsche Menschen sollten, wenn sie schon kein Bier kippten, Mineralwasser trinken - wie der Führer - oder Limonade, Marke »Olympia«, die der ehemalige Reichsarbeitsminister und »Stahlhelm«-Gründer Franz Seldte in Magdeburg braute*.
Um das Vordringen des amerikanischen Modegetränks zu bremsen, sollten die deutschen CC-Abfüller die 0,2-Liter -Flasche abschaffen und die reichsüblichen Einviertelliter-Flaschen verwenden. Da der angeordnete Flaschenwechsel einen Millionenverlust bedeutet hätte und gegen das oberste Coca-Cola -Prinzip verstieß: »Nur ein Produkt, nur eine Flasche in der ganzen Welt«, alarmierten die einflußreichen CC-Bosse die Regierung in Washington. So wurde die Flasche mit dem schönen Gesäß zum Politikum. Der damalige Berliner US -Botschafter intervenierte bei Hitlers Staatssekretär Wilhelm Keppler - mit Erfolg: CC erhielt zunächst eine befristete Sondergenehmigung und 1940 die Dauererlaubnis für seine kleinen Flaschen.
1941 versiegte der amerikanische Grundstoff im Essener Depot. Der zum Feindvermögensverwalter ernannte Geschäftsführer Max Keith ließ ein Phantasiegetränk aus Molke mixen, das er Fanta nannte. Die amerikanische Muttergesellschaft versorgte derweil die US-Truppen und Bomberbesatzungen mit über fünf Milliarden Cokes. Nach der amerikanischen Invasion in Nordafrika forderte General Eisenhower intimer Freund des ehemaligen Coca -Cola-Präsidenten Robert Woodruff, sofort mehrere CC-Abfüllstationen an.
Ike sorgte 1945 auch dafür, daß in der amerikanischen Besatzungszone Deutschlands acht komplette Coca-Cola -Fabriken errichtet wurden, denen die Wirtschaftsämter während der Hungerzeit jede erforderliche Menge Zucker zur Verfügung stellen mußten. Damals war die süße Kaffeebrause nur für die GI's und deren Veronikas bestimmt. Erst am 3. Oktober 1949 nahm Keith den Zivilbetrieb wieder auf. Die acht aus den USA importierten Fabrikeinrichtungen bildeten den Grundstock für das sich dynamisch entwickelnde Nachkriegsgeschäft. Im Eiltempo wurde wieder nach dem alten, eingespielten Drei-Stufen-Schema produziert:
Die Konzernmutter in Atlanta stellt das spezifische Coca-Cola-Additiv her und schickt es in Kanistern nach Essen. In der Konzentratfabrik der Tochtergesellschaft wird der Muttersaft mit anderen Zutaten vermengt, die sich die Essener selbst beschaffen. Als Füll- und Farbstoffe dienen nach Ansicht anderer Cola-Getränke-Hersteller Karamel, Extrakte von Kaffee, Vanille, Zitronensaft sowie Frucht- und Kräuterauszüge, ätherische Öle und, zur Verstärkung des Erfrischungseffekts, Orthophosphorsäure.
In der Endstufe der Produktion muß das Konzentrat nur noch mit viel Zucker (20 Gramm pro Einfünftelliter-Flasche), Wasser und Kohlensäure vermengt werden. Diesen Mix- und Abfüllprozeß sowie den Vertrieb überläßt die Gesellschaft vorwiegend ihren Konzessionären; das sind selbständige Unternehmer - 1100 in den USA, 120 in der Bundesrepublik und 560 in der übrigen Welt. Sie haben langfristige Verträge mit der CC-Organisation abgeschlossen, die ihnen wachsende Einnahmen sichern.
An jeder abgefüllten kleinen Flasche (Einzelhandelspreis 30 Pfennig) verdient der Abfüller rund fünf Pfennig (siehe Graphik). Diese Spanne sichert ihm bei durchschnittlich vier Millionen Mark Jahresumsatz etwa 900 000 Mark steuerpflichtigen Reingewinn.
Wer bei dem Geschäft mitmischen will, braucht aber auch acht bis zehn Millionen Mark Startkapital, denn er muß die gesamte Fabrikanlage, die Fahrzeuge, jeden Coca-Cola-Automaten und sogar jede Glasflasche selbst finanzieren. Seinen Kundenkreis muß er ebenfalls selbst erschließen. Als Privatunternehmer trägt er das gesamte Geschäftsrisiko allein.
Zu den neuen Konzessionären - neben dem Herzog von Croy, Mark Friedrich von Loesch und Max Schmeling - gehören auch Großbrauereien, zum Beispiel Schultheiss in Berlin, die Holsten-Brauerei in Hamburg, das Münchner Löwenbräu (Wicküler-Gruppe) und die Inselbrauerei in Lindau. Die Gerstensaft-Fabrikanten, die jahrelang das Drogenwasser verächtlich von sich gewiesen hatten, hakten sich bei CC ein, seit alkoholfrei immer mehr Mode wurde. Mit der Bierlieferung transportieren die Brauer den meist von ihnen abhängigen Gastwirten auch die Limonaden ins Haus.
Zu einer Vernunftehe mit Coca-Cola entschlossen sich die Brauereien aber erst nach harten Auseinandersetzungen im Deutschen Brauer-Bund. Besorgt über den Vorstoß der amerikanischen Kapitalmacht, hatten Brauer, Süßmoster, Mineralbrunnenleute, Winzer und Milchwirtschaftler 1951 den Abwehrverein »Koordinationsstelle für deutsche Getränke e.V.« gegründet. Er sorgte dafür, daß in medizinischen Journalen und Gastwirte-Zeitschriften Artikel erschienen, in denen vor Coca-Cola gewarnt wurde.
Die CC-Geschäftsleitung konnte diese Kampagne minuziös verfolgen, nachdem der Privatdetektiv Ernst Günter Jahnke sich das Vertrauen des Vereins-Geschäftsführers Professor Dr. Wilhelm Classen erschlichen hatte. Der Agent lieferte den CC-Hausjuristen genügend Material für einen Prozeß gegen die vereinigte deutsche Konkurrenz. Die Anklage stützte sich hauptsächlich auf eine Veröffentlichung des Naturheilkundigen Dr. Rudolf Finke, die der Verein als Sonderdruck verbreitet hatte.
Finke hatte rohes Kalbfleisch in ein Glas mit Coca-Cola gelegt und nach 20 Stunden festgestellt: »Es ist eine helle, bouillonähnliche Flüssigkeit geworden, mit Schleim- und Faserstückchen durchsetzt. Das Fleisch ist aufgelöst.« Kommentar: »Nun übertrage man die Wirkung auf das innere Geschehen im menschlichen Körper.« Der Arzt behauptete, den gleichen Test mit einem deutschen Cola-Getränk wiederholt zu haben: »Das Fleisch ist unverändert.«
Das Kölner Landgericht verurteilte die Abwehrstreiter wegen Wettbewerbsverstoßes, nachdem die CC-Juristen nachgewiesen hatten, daß Finkes Test sehr fadenscheinig war. CC-Geschäftsführer Keith forderte drei Millionen Mark Schadenersatz, schloß aber großmütig einen Vergleich, als die finanzschwachen Verlierer, um Milde bittend, ihre Koordinationsstelle auflösten und gelobten, niemals wieder ein böses Wort über Coca-Cola zu verbreiten.
Dann nahmen Keiths Anwälte alle Konkurrenten aufs Korn, die ebenfalls Cola-Getränke herstellen. Durch einen Musterprozeß erreichten sie, daß Markenbezeichnungen wie Nora-Cola oder Combi-Cola - Produkte der Nürnberger Getränkefirma Keller & Römer GmbH - verboten wurden, weil die Vokalfolge oa oa sowie die Silbenhäufung co co zu Verwechslungen mit Coca -Cola führen könnten.
Dem westdeutschen Hauptkonkurrenten Afri Cola bereiteten die Amerikaner auf den Auslandsmärkten große Schwierigkeiten. Vier Jahre lang konnte Afri Cola nicht in Nordafrika verkaufen, weil CC in Ägypten für sich den Warenzeichenschutz des Wortes »Cola« in Anspruch nahm. Aus demselben Grund darf Afri-Cola-Chef Karl Flach seine Getränke auch heute noch nicht in Belgien absetzen.
Die Konzernjuristen konnten jedoch nicht verhindern, daß die ärgsten amerikanischen CC-Konkurrenten - Pepsi -Cola und Canada Dry - auf den einträglichsten Auslandsmarkt, die Bundesrepublik Deutschland, vorstießen. Während sich Pepsi mit kapitalkräftigen Brauern wie dem Frankfurter Bier -Millionär Bruno H. Schubert (Henninger-Bräu) verbündete und 25 Abfüllfabriken beliefert, fand Canada Dry seine stärkste Stütze merkwürdigerweise in der deutschen Schuh-Industrie.
In Berlin zieht die Schuhhandelsgesellschaft Leiser die Soft Drinks auf Flaschen; in München und Köln verzapft und vertreibt der Mitinhaber der Augsburger Schuhfirma Wessels, Walter Heuking, Spur Cola, Ginger Ale und Zitruslimonaden von Canada Dry.
Seit auch diese beiden amerikanischen Gesellschaften noch am deutschen Durst verdienen wollen, hat sich der Wettbewerbskampf an der Wasserfront weiter verschärft. Im vergangenen Jahr schieden wieder 80 mittelständische Limonadenfabrikanten in der Bundesrepublik aus dem Rennen.
Auch Canada Dry wurde bisher nicht glücklich - drei Konzessionäre gerieten in Zahlungsschwierigkeiten. Pepsi hingegen eroberte mittlerweile acht bis zehn Prozent Marktanteil, blieb damit aber weit hinter der deutschen Coca-Cola GmbH zurück, die ihren Anteil am Koffein-Limonadengeschäft auf etwa 75 Prozent schätzt.
In den USA hat Pepsi eine viel stärkere Position. Die 1903 in New York gegründete Gesellschaft holte dort stark auf, nachdem der Marketing-Spezialist der Coca -Cola Company, Alfred Nu Steele, Ehemann der Schauspielerin Joan Crawford, zu Pepsi übergelaufen war. Er
verbesserte das Getränk und führte das Unternehmen mit den harten Methoden, die er in Atlanta kennengelernt hatte, und mit neuen Ideen zu ungeahnten Erfolgen.
Einer seiner Trümpfe war die Einführung der preisgünstigen Familienflasche, die Coca-Cola sehr bald nachahmte. Es gibt auch in Westdeutschland seit mehreren Jahren »die große Coca -Cola« (0,3 Liter) und die Familienflasche (0,7 Liter). Für CC bedeutete es eine Revolution, das rationelle Prinzip »One drink, one size, one price« aufzugeben. Nachdem die einspurige Produktionsweise durchbrochen war, nahm das CC -Präsidium auch neue Produkte in sein Programm auf:
- eine Fruchtlimonade mit dem während des Krieges in Deutschland erprobten Namen Fanta,
- den Orangensaft Cappy und
- eine Schlankheits-Cola »Tab«, die statt Zucker den Süßstoff Natriumcyklamat enthält.
Den tiefgefrorenen Grundstoff für die Saft-Erzeugnisse liefert die 1960 von CC erworbene Tochtergesellschaft Minute Maid Corporation. Mit ihr erwarb der Konzern auch die Tochtergesellschaft Tenco, ein führendes Pulverkaffee -Unternehmen, das in Westdeutschland Ibenco heißt und seine Produkte unter vielen Phantasienamen vertreibt (siehe Graphik Seite 44). Im vergangenen Jahr kauften die amerikanischen Bosse noch die Duncan Foods Company auf, die mit ihren Großröstereien eine Spitzenrolle im Kaffeehandel spielt.
Durch die Erweiterung ihres Machtbereichs konnten die Herren in Atlanta
den Umsatz der Muttergesellschaft in den letzten fünf Jahren verdoppeln (1964: 3,33 Milliarden Mark). Jedes Jahr wurden mindestens 25 neue Abfüllfabriken errichtet, die jüngste wurde kürzlich in der Türkei eröffnet. Die Expansion dauert noch an, aber die CC -Herren stießen auch auf heftigen Widerstand, besonders in Westeuropa.
In Portugal darf kein Tropfen Coca -Cola ausgeschenkt werden, weil die Regierung das Getränk ablehnte. Mehrmals versuchte der Konzern, Staatschef Salazar umzustimmen, doch der klerikale Diktator hob den Bann nicht auf.
Ein ähnliches Verbotsgesetz wurde in Frankreich vorbereitet, nachdem die Winzerverbände einen Prozeß gegen CC, wegen Verstoßes gegen die Gesundheitsbestimmungen, angestrengt hatten. Die Coca-Lobby schlug sofort in Washington Alarm und veranlaßte, daß der damalige US-Botschafter David Bruce bei der französischen Regierung intervenierte.
Das Gerichtsverfahren wurde 1954 eingestellt, aber noch heute ist Frankreich mit 13 Abfüllstationen auf der Weltkarte des Konzerns ein unterentwickeltes Land. Die Franzosen begnügen sich mit etwa einem Neuntel des deutschen Coca-Cola-Konsums.
Große Mühe kostete es Coca-Cola auch, in der Schweiz Fuß zu fassen. Dort war das Getränk jahrelang nur mit Weinsäure- statt Phosphorsäurezusatz erlaubt. Erst in letzter Zeit lockerte sich die Abwehrfront auf Drängen der eidgenössischen Uhrenexporteure, die in den USA die rächende Hand der Coca -Cola-Lobbyisten zu spüren glaubten. Seit einem Jahr gestatten die Kantonalchemiker stillschweigend die Phosphorsäurebeimischung.
In Westdeutschland witterten die CC-Leute Gefahr, als 1958 das neue Lebensmittelgesetz verabschiedet wurde, nach dem alle Fremdstoffe in Nahrungsmitteln und Getränken auf der Verpackung oder Speisekarte genau angegeben werden müssen. Auf besonderen Einspruch wurde den Cola -Herstellern aber die Ausnahmegenehmigung erteilt, ihren Fremdstoff, die Orthophosphorsäure, undeklariert weiter zu verwenden. Die CC-Verteidiger gaben in Bonn zu bedenken, daß Phosphor in Deutschland wegen der Erinnerung an die von Phosphorbomben und -kanistern durchglühten Kriegsnächte eine makabre Bedeutung habe.
Das Verständnis, das die Essener Herren in Bonn fanden, rief den hartnäckigsten CC-Gegner auf den Plan, mit dem sich die Firma bisher in Deutschland auseinandersetzen mußte: den Herausgeber und Chefredakteur der »Hamburger Wochenpost«, Helmut Bickel. In seiner wenig bekannten Familienzeitung führt der 59jährige journalistische Faustkämpfer einen Privatkrieg gegen die amerikanische Großmacht, der von westdeutschen Getränkefirmen finanziert wird.
Er traktiert die Lebensmittel-Untersuchungsämter mit Eingaben, druckt Pamphlete und läßt aus den Musikboxen süddeutscher Gaststätten den »Aufklärungsschlager« ertönen: CC, das hat drei Gifte,
drei Gifte hat CC,
und hat es nicht drei Gifte,
dann ist es nicht CC.
Ein Schwarzwälder Volksmusikerquartett produzierte den Song für die Schallplatte mit Zitherklängen nach der Melodie von »Mein Hut, der hat drei Ecken«.
»Mit den drei Giften«, erläutert Bickel, »sind der Coca-Absud, das Koffein und die Phosphorsäure des Eiskalt-Gebräus gemeint.« Nach dem Lied gibt die Schallplatte eine (nachkonstruierte) Szene aus dem Eichstätter Amtsgericht wieder. Dort mußte sich vor mehreren Jahren ein Lastwagenfahrer verantworten, weil er einen Telegraphenmast umgefahren und sich nicht weiter darum gekümmert hatte. Er begründete sein Versagen mit dem Genuß von 17 Flaschen Coca-Cola, wurde aber trotzdem - weil ihm das Gericht nicht glaubte - zu vier Monaten Gefängnis verurteilt.
Bickel schickte seine »Informations -Schallplatte«, meist im Auftrage kleinerer Brauereien, die ihn dafür bezahlten, gratis an Restaurationen.
Noch schärfere Töne schlug er in seinen kritischen »Wochenpost«-Serien an, die er trotz gelegentlichen Verbots und hoher Gerichtskosten bis auf den heutigen Tag fortsetzte. Sie trugen Kampfüberschriften wie »Coca go home« und warnten vor allem die Familienmütter, ihren Kindern Coca-Brause zu trinken zu geben. Obwohl Bickel bisher schon über 100 000 Mark an Gerichtskosten zahlen mußte, versprühte er immer mehr Gift.
Finanziell war ihm nicht beizukommen; er zog sogar noch Profit aus den Prozessen, die ihm neuen Stoff für seine »Wochenpost« boten. Jede Artikelserie von der Wasserfront brachte ihm 14 000 bis 17 000 Kurzabonnements ein; die Rechnungen - 7,85 Mark pro Abonnement - wurden von Mineralbrunnenfirmen, Limonadenfabrikanten und kleineren Brauereien bezahlt. In ihrem Auftrag versandte der Coca-Cola-Feind seine Pamphlete an Volksschullehrer, Landpfarrer, Ärzte, Kindergärtnerinnen, Einzelhändler und Gastwirte.
Nach vierjährigem Kampf hatten sich bei der Staatsanwaltschaft über 50 Aktenordner angesammelt. Laut Bickel warfen die CC-Hausjuristen ihm sogar vor, er sei ein gekauftes Subjekt der kommunistischen Unterwanderung und dazu auserkoren, die westliche Wirtschaftsordnung durcheinanderzubringen
Die Hamburger Justiz reagierte darauf sehr nüchtern. Um das Gestrüpp der Klagen und Gegenklagen zu lichten, richtete sie bei der Ersten Strafkammer ein Sonderdezernat Bickel ein. Auch im Coca-Cola-Stammland, den USA, mußte sich die Konzernspitze in jüngster Zeit mehrmals mit dem Vorwurf auseinandersetzen, starker Coca -Cola-Genuß sei gesundheitsschädlich. Die führende Vereinigung der amerikanischen Zahnärzte behauptet zum Beispiel, wer immer wieder an einem Cola -Glas nippt, hält seine Zähne ständig in einem Säurebad, das den Zahnschmelz zerfrißt. Als Beweis diente ein Test des Bethesda Naval Medical Research Institute Maryland. Dort wurden ausgezogene Zähne in ein handelsübliches Cola-Getränk gelegt; schon nach zwei Tagen hatten sie stark an Kalziumgehalt verloren.
Dieser Schwund - so urteilten die Experten - sei auf den hohen Zuckergehalt der Cola-Getränke und die Orthophosphorsäure-Beimischung zurückzuführen. Bei jedem Schluck lege sich ein dünner Film um die Zähne, auf dem Milchsäure produzierende Bakterien entstehen.
Trotz all dieser Angriffe stieg der Cola-Konsum weiter an. Die Herren von Atlanta konsolidierten nicht nur ihre Weltmachtstellung, sondern setzten auch die Expansion munter fort - sogar über die Grenzen der westlichen Welt hinaus. Bereits im vergangenen Jahr interessierten sich polnische Wirtschaftsfunktionäre auf der Posener Messe für den Erwerb einer Coca-Cola-Herstellungslizenz. Die Konzernleitung zögerte aber noch wegen des Handikaps, in einem volksdemokratischen Staatsbetrieb keine Qualitätskontrolle ausüben zu können. Die Edelbrause müßte in Modlin genauso schmecken wie in Miami oder München.
Vor wenigen Wochen wurde bekannt, daß nicht Polen, sondern Bulgarien, dessen Schwarzmeer-Strand von Westtouristen wimmelt, die erste Coca-Cola -Fabrik im Ostblock bekommen wird. Schlägt dieses Experiment gut ein, können auch Rumänien und Polen mit Konzessionen rechnen.
Das Fazit dieser Expansion nahm Hollywood-Regisseur Billy Wilder schon vor vier Jahren mit seiner Film-Burleske »Eins, zwei, drei« vorweg, die sich utopisch mit der Möglichkeit befaßte, Coca-Saft auch gen Osten zu exportieren.
Er ließ einen seiner Helden ausrufen: »Coca-Cola-Trinker aller Länder, vereinigt euch.«
* Die Marke wird noch heute in Westdeutschland hergestellt.
Coca-Colas zentrale Abfüllstation in Atlanta, USA: Das Geheimnis einer Weltmacht liegt im Safe
Coca-Cola-Trinker in Deutschland: Für die Pausen dieser Welt ...
Coca-Cola-Konzessionär Schmeling
... täglich ein Limonadenozean ...
... aus 80 Millionen Flaschen: Coca-Cola-Trinker in Deutschland (Mitte: NSU-Chef Gerd Stieler von Heydekampf)
CC-Erfinder Pemberton
Extrakte aus dem Coca-Strauch
CC-Diplomat Farley
Kontrakte mit dem Sultan
Coca-Cola-Reklame (1913, 1930, 1964): Bekannter als Cadillac, Colgate, Camel
Coca-Cola-Trinker Eisenhower, Kennedy, Johnson: Die Flasche folgt dem Sternenbanner
Coca-Cola-Zentrale in Atlanta: Aufbruch nach Osten
CC-Feind Bickel
»Coca go home«
Die Welt
»... und wieso kommt unsere Werbe-Abteilung nicht auf solche Idee ...?«