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WAFFEN An die Haut gepreßt

Zoll und Polizei beschlagnahmen eine neue Elektroschock-Waffe »Zapper«, die aus den USA angeboten wird - harmlos im Vergleich zu frei verkäuflichen Spring- und Fallmessern oder Tränengas-Spraydosen.
aus DER SPIEGEL 30/1982

Der Bursche in der Lederjacke sprang das Mädchen von hinten an, wollte es ins Gebüsch ziehen. Es wehrte sich, schlug zu, traf die Hand des Mannes und sein Gesicht. Mit einem Schrei ließ er von dem Mädchen ab, fuhr zurück - wie vom Schlag getroffen.

Das war er tatsächlich. Schmerzhafte Stromstöße von 60 Volt Spannung hatten S.62 ihn malträtiert. Er verspürte ein lähmendes Gefühl und rannte, buchstäblich geschockt, davon.

Das Mädchen hatte mit einem »Zapper« hingelangt, einem neuartigen elektronischen Abwehrgerät, das wie eine übergroße Armbanduhr getragen wird - eine etwa fingerlange, leichte Black Box aus Plastik am Panzerband.

Die Szene freilich ist fiktiv, wirkungsvoller Werbegag der amerikanischen Vertriebsfirma »Personal Security Devices Inc.« im Staat New Jersey, die den »Zapper« offeriert. Seit einem Jahr schon ist das kleine Selbstschutzgerät ein Verkaufsschlager in den USA, wissenschaftlich geprüft und patentiert.

Zwei junge Wissenschaftler des Massachusetts Institute of Technology in Cambridge/USA hatten das Schock-Armband erfunden, nachdem eine gemeinsame Bekannte auf dem Campus der Hochschule vergewaltigt worden war.

Betrieben von einer Neun-Volt-Batterie, ist der »Zapper« immer einsatzbereit. Angreifer werden mit schnellen Stromschlägen attackiert, wenn die Elektroden des Geräts irgendwo gegen die Haut gepreßt werden.

Zwar entspricht die Schockwirkung des »Zappers« etwa dem elektrischen Schlag, wie er bei der Berührung einer Lampenfassung oder einer Steckdose auftritt. Haut-, Gewebe- oder Muskelverletzungen entstehen aber nicht. Einem Gutachten des Instituts zufolge ist der »pulsierende Stromfluß örtlich äußerst unangenehm, jedoch gefahrlos«.

Der Buchdrucker Henning Hühne, 46, aus Bad Mergentheim, der im SPIEGEL (22/1981) das »Zapper«-Angebot gelesen hatte, bestellte vier Stück zu je 60 Dollar für weibliche Angehörige und Bekannte. Aktueller Grund der Investition: Eine Nichte Hühnes war nur knapp einem Vergewaltigungsversuch entgangen.

Als die importierten Schocker beim Zollamt der Kurstadt routinemäßig visitiert wurden, waren die Beamten, denen »Zapper« noch nicht geläufig waren, verunsichert. Mit den Fragen: »Waffe oder nicht, erlaubt oder nicht?« befaßte sich nacheinander und monatelang mehr als ein halbes Dutzend Behörden und Instanzen.

Zuerst befragten die Zollbeamten das städtische Ordnungsamt, das sich seinerseits beim Regierungspräsidenten in Stuttgart über die unheimlichen Importe nur ungenügend sachkundig machen konnte. Deshalb bat das Zollfahndungsamt Stuttgart das Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden um »Begutachtung«, weil der Verdacht bestehe, »Zapper« seien »verbotene Gegenstände« im Sinne des Waffengesetzes.

BKA-Befund: »Zapper« seien Waffen nach Paragraph 1 Absatz 7 des Waffengesetzes: »Den Hieb- und Stoßwaffen stehen Geräte gleich, die ... dazu bestimmt sind, unter Ausnutzung einer S.63 anderen als mechanischen Energie, durch körperliche Berührung Verletzungen beizubringen.«

Paragraph 37 des Waffengesetzes verbiete Herstellung, Vertrieb und Erwerb, ebenso Überlassung und Einfuhr von Hieb- und Stoßwaffen, »die ihrer Form nach geeignet sind, einen anderen Gegenstand vorzutäuschen, oder die mit Gegenständen des täglichen Gebrauchs verkleidet sind«.

Diese Verbotsnorm, so das BKA-Gutachten, treffe auf den »Zapper« zu, da er »aufgrund seiner Gestaltung die Hiebwaffeneigenschaft nicht erkennen läßt«. Der Batterie-Behälter wurde flott mit Totschlägern, Schlagringen und Stahlruten gleichgesetzt.

Nun ist allerdings ein »Zapper« aufgrund seiner Größe und Form kaum mit einer Armbanduhr oder einem Schmuckarmband zu verwechseln. Er bringt auch keine bleibenden oder ernsthaften Verletzungen bei. Als Hiebwaffe ist der umgeschnallte Plastik-Kasten gänzlich ungeeignet. »Zapper« sollen kurz an die Haut gepreßt werden, ein Streifschlag wäre ohne Effekt.

Gleichwohl ließ die Staatsanwaltschaft in Ellwangen Hühnes »Zapper« beschlagnahmen, sie beantragte außerdem einen Strafbefehl über 700 Mark wegen eines Vergehens nach Paragraph 37 des Waffengesetzes. Begründung: »Es handelt sich nicht um ein fahrlässiges, sondern um ein vorsätzliches Vorgehen des Beschuldigten.«

Den Beschuldigten Hühne verblüffte und erboste die ihm unverständliche Sanktion: »Ich sehe im Vergleich mit den bei uns frei käuflichen Waffen keinen Anlaß für ein Verbot der 'Zapper', die besonders zur Verteidigung von Frauen gegenüber Sexualtätern oder Handtaschenräubern geeignet sind.«

Tatsächlich führt jedes Waffen- und Stahlwarengeschäft in der Bundesrepublik ein reichhaltiges Sortiment an Hartgummi-Schlagstöcken, Spring- und Fallmessern und flexiblen Gummiknüppeln, an Gaspistolen und kleinen Tränengas-Sprays für die Handtasche, darunter neuerdings »Defenol« mit dem umstrittenen Reizgas-Wirkstoff CS, der seit kurzem in einigen Bundesländern von der Polizei gegen Demonstranten eingesetzt wird.

Hühne erhob Einspruch gegen den Strafbefehl und verschloß sich auch einem Angebot des Amtsgerichts Bad Mergentheim, das zumindest von juristischer Unsicherheit bei der Bewertung von »Zappern« zeugen könnte: Vom Strafbefehl werde abgesehen, wenn Hühne mit der endgültigen Einziehung der Schocker einverstanden sei.

Nun muß im August im ersten »Zapper«-Prozeß der Bundesrepublik verhandelt werden. Der geprellte Käufer Hühne hofft, schwerer als der BKA-Bescheid werde ein Gutachten des Massachusetts Instituts wiegen, in dem der Leiter der Abteilungen Biologie und Elektrotechnik, Professor Jerome Lettvin, urteilt: »Aus physiologischer Sicht kann ich mir kaum ein sichereres Abschreckungsmittel von maximaler Wirksamkeit und minimaler möglicher Gefahr vorstellen.«

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