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LUFTWAFFE An die Nieren

Verteidigungsminister Wörner verzögert die Aufklärung eines »Tornado«-Absturzes. Sein Haus war vorher gewarnt worden. *
aus DER SPIEGEL 33/1986

Kurz vor seinem Frankreich-Urlaub beauftragte Verteidigungsminister Manfred Wörner seinen Rüstungs-Staatssekretär, einen Brief zu beantworten, der fünf Wochen lang unerledigt auf seinem Schreibtisch gelegen hatte.

Manfred Timmermann tat, wie ihm geheißen. »Sehr geehrter Herr Abgeordneter«, schrieb er am vergangenen Montag dem SPD-Wehrexperten Horst Jungmann, »der Minister hat sich die Entscheidung darüber, ob und welche vertraulichen Unterlagen des Hauses an den Verteidigungsausschuß übermittelt werden, selbst vorbehalten.« Der Abgeordnete möge sich deshalb gedulden.

Das aber will Jungmann nicht tun: »Mein Geduldsfaden ist gerissen.«

Seit über zwei Jahren bemühen sich CDU- und SPD-Abgeordnete im Verteidigungsausschuß vergeblich, den mysteriösen Tornado-Absturz am 6. Juli 1984 beim oberbayrischen Holzkirchen in der Nähe des Senders »Radio Free Europe« aufzuklären. Den ersten Bericht gab der »General Flugsicherheit« den Parlamentariern am 19. September 1984: _____« Der am 06. 07. 84 bei Holzkirchen in der Nähe des » _____« Senders »Freies Europa« geschehene Unfall fällt aus dem » _____« Rahmen. Bei diesem Unfall ging die taktische Nr. 1 einer » _____« Zweierformation nach Überflug des Senders aus dem » _____« Geradeausflug abrupt in einen Sinkflug über, rollte » _____« gleichzeitig stark nach links und stürzte ab. Das » _____« Rettungssystem wurde nicht aktiviert. Die Besatzung wurde » _____« getötet. »

Der Pilot der zweiten Maschine, der Major Jochen Both, bestätigte diese Darstellung: Die Formation sei, wie damals Vorschrift, in 500 Fuß über die Antennenanlage geflogen, Warnlampen hätten nicht geblinkt. Both: »Die 136 Punkte, die wir jetzt nicht mehr überfliegen dürfen, wurden erst später im Geschwader bekanntgegeben.«

Der CDU-Abgeordnete Willy Wimmer wollte daraufhin wissen, ob es vor dem Unfall Warnungen gegeben habe, die Sendeanlagen zu überfliegen. Die Antworten des Luftwaffeninspekteurs Eberhard Eimler ("Eine unglückliche Verquickung von Umständen") waren so wachsweich, daß der Verteidigungsausschuß einen neuen Bericht anforderte.

Aber auch der ließ, so Wimmer, viele Fragen offen. Er wisse inzwischen, daß die Briten schon vor dem Unfall gewarnt hätten. Wimmer laut Protokoll: _____« Die Informationen sind auch an die deutsche Luftwaffe » _____« gegangen. Aber die Umsetzung in die Flugplanung der » _____« Piloten und die Eintragung in die Karten habe sich so » _____« verzögert, daß die Piloten, die abgestürzt seien, keine » _____« Möglichkeit gehabt hätten, die Umstände in ihre Planungen » _____« einzubeziehen. »

Wimmer wollte »auf den Tag genau« wissen, wann die Warnung der Briten eingegangen und was geschehen sei.

Nun wurde der Tornado-Absturz plötzlich zur »Chefsache« erklärt. Eimler empfahl dem Minister, dem Verteidigungsausschuß alle Unterlagen offen auf den Tisch zu legen, Wörner zögerte - aus welchen Gründen auch immer.

Es hatte, so die Ermittlungen der Hardthöhe, nicht nur eine, sondern zwei Warnungen der Briten gegeben.

Die erste stammte vom März 1984, die zweite vom 12. Juni 1984. Absender der zweiten war die technische Abteilung des Londoner Verteidigungsministeriums, Empfänger die NAMMA in München, die die Entwicklung und Produktion des deutsch-britisch-italienischen Kampfflugzeuges managt. Der NAMMA-Sachbearbeiter nahm die Empfehlung, die Sender künftig in einem größeren Sicherheitsabstand zu umfliegen, immerhin so ernst, daß er sie ohne Verzögerung nach Bonn und Rom weiterleitete.

Wer auf der Hardthöhe diese Mitteilung empfangen und was er daraufhin veranlaßt hat, stand auch nicht in dem dritten Bericht, der am 25. Juni 1986 im Verteidigungsausschuß beraten wurde (SPIEGEL 27/1986).

Die Luftwaffen-Führung hatte nämlich, wie sich in der Sitzung herausstellte, den Bericht von 120 auf 28 Seiten kürzen müssen. Die Weisung war zur Überraschung der Offiziere direkt aus dem Minister-Büro gekommen. Begründung: Die Abgeordneten sollten nicht mit »technischen Details« belästigt werden. _(Bei Holzkirchen (Oberbayern). )

Die Entrüstung der Abgeordneten war einhellig. Immerhin hatten der Minister und die Luftwaffen-Offiziere zugeben müssen, daß die Warnung der Briten vom 12. Juni 1984 am 10. Juli, also vier Tage nach dem Absturz von Holzkirchen, ohne jede Veränderung an die Geschwader weitergeleitet wurde.

Wäre der Unfall also zu vermeiden gewesen, wenn die britischen Empfehlungen beachtet und nach dem Grundsatz »Safety first« sofort an die Piloten weitergegeben worden wären?

Eimler jedenfalls stellte klar: _____« Die Unfalluntersuchung hat ergeben, daß der Absturz » _____« durch eine elektromagnetische Störung im Flugsteuersystem » _____« infolge der starken Kurzwellenstrahlung des Senders Free » _____« Europe verursacht sein muß. »

Der Verdacht, daß irgend etwas mit der Tornado-Steuerung nicht stimmen könne, war den Verantwortlichen offensichtlich sogar vor den britischen Empfehlungen gekommen; sie hatten bereits 1981 eigene Untersuchungen in Auftrag gegeben. Im August 1984, schon sechs Wochen nach dem Unfall, konnte der Systembeauftragte für den Tornado in einem »Sachstandsbericht« mitteilen, die »Erprobung eines (gegen elektromagnetische Störungen) weiter gehärteten Flugregelungssystems« stehe kurz vor dem Abschluß. Die Piloten aber wußten von alledem nichts.

Am 25. Juni dieses Jahres versprach Wörner den Abgeordneten schließlich, er wolle jetzt wirklich genau prüfen, wer was wann gewußt und veranlaßt, beziehungsweise verhindert habe. Die Angelegenheit gehe ihm schließlich genauso an die Nieren wie den Abgeordneten. Getan aber hat er bisher nichts.

Wörner ließ den Jungmann-Brief vom 27. Juni liegen, fand zwischen einer Kur vom 3. bis 24. Juli und Beginn des Urlaubs am 3. August aber Zeit, seinem größten Vergnügen nachzugehen, der Fliegerei. Wörner drehte mit einer amerikanischen F-16 in »Top-Gun«-Manier mal wieder einige Loopings.

Der Abgeordnete Jungmann will den Absturz noch einmal auf die Tagesordnung des Ausschusses setzen lassen: »Wörner mißachtet die parlamentarischen Kontrollrechte.« Es dränge sich der Verdacht auf, daß der Minister »eigene Versäumnisse vertuschen« wolle.

Auf der Hardthöhe ist indes eine andere Version zu hören. Der Jet-Pilot Wörner ("Lieber eine Stunde im ''Starfighter'' als zehn Stunden am Schreibtisch") schone seine Fliegerkameraden auf der Hardthöhe, weil die ihm den Militärflugzeugführerschein zurückgegeben hätten, den ihm Vorgänger Hans Apel einst entzogen hatte. Begründung: »Der Fliegerspaß einiger Parlamentarier wird zu teuer. Abgeordnete gehören ins Parlament und nicht ins Cockpit.«

Bei Holzkirchen (Oberbayern).

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