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ANGLO-AMERIKA An einer tiefen Kluft

aus DER SPIEGEL 1/1952

Mit persönlichen Erinnerungen kommentierte RPF-Chef Charles de Gaulle das lauwarme Kommuniqué, das am Ende von Premier Churchills und Außenminister Edens vorweihnachtlichem Besuch in Paris herausgegeben wurde: »Churchill sagte mir 1942, daß - wenn er je zwischen Europa und der offenen See oder zwischen de Gaulle und Roosevelt zu wählen hätte, er immer die offene See und Roosevelt wählen werde.«

Das Alarmierende an Churchills Konzeption ist nicht so sehr ihr Inhalt: die Verschmelzung der beiden angelsächsischen Mächte zu einem Weltreich. (Daß Britanniens großer, alter Mann sich mit solchen Gedanken trägt, hat schon Joseph Goebbels gewußt.) Bedeutsam ist, daß er die Verwirklichung dieses Planes gerade jetzt anstrebt. Das zeigt, wie ernst Churchill Großbritanniens augenblickliche Lage beurteilt.

Hohe Beamte der amerikanischen Regierung teilen seine Einschätzung. Letzte Woche erklärten sie in privaten Kreisen

Washingtons: man könne es zwar nicht öffentlich sagen, aber sie würden das dumpfe Gefühl nicht los, daß das ganze amerikanische Wirtschafts- und Rüstungshilfs-Programm scheitern werde. Um den »Zirkus« am Laufen zu halten, werde man zwar in nächster Zeit weitere 8 bis 9 Milliarden Dollar beantragen, aber letztlich seien sie sich darüber im klaren, daß Britannien - und Frankreich - sich zur Zeit in einer Krise befänden, die mit so beschränkten Mitteln nicht zu lösen sei. Alles, was man auf diese Weise erreichen könne, sei das Herausschieben des »bösen Tages des Konkurses«.

»Ein Sturm«, heißt es, »ja ein kleiner Windstoß wird die veraltete Wirtschaft Englands umwerfen.«

Das System der begrenzten Dollar-Spritzen - wie sich somit herausstellte - kann die durch die Aufrüstungslast immens gewachsenen wirtschaftlichen Probleme Europas nicht lösen und Europa verteidigungsstark machen. An seine Stelle soll nach Auffassung Churchills ein System der Kooperation zwischen Großbritannien, dem Sterlingblock einerseits und den USA andererseits treten, dessen endgültiges Ziel das Zusammenwachsen der beiden Macht- und Wirtschaftskomplexe ist.

Die meisten lästigen, wiederkehrenden Besprechungspunkte für das diese Woche beginnende Treffen Churchill-Truman könnten durch die Verwirklichung des grandiosen Churchill-Planes ein für allemal liquidiert werden. Dazu gehören

* die Koordinierung der britisch-amerikanischen Atomforschung und -produktion;

* die Lieferung von 1 Million Tonnen amerikanischem Stahl für das stockende 4,7-Milliarden-Pfund - Aufrüstungsprogramm Großbritanniens;

* die Frage eines Zusammentreffens Truman-Churchill-Stalin (der britische Premier ließ bereits verlauten, daß er

auf diesen Punkt kein besonderes Gewicht lege);

* kleinere Dollar-Zuteilungen aus den bereits vom Kongreß gebilligten Auslandshilfe-Fonds;

* die Formulierung einer einheitlichen amerikanisch-englischen Linie für die Politik im Mittleren und Nahen Osten.

Aber am wichtigsten Diskussionspunkt

* Europa-Armee

tut sich eine tiefe, grundsätzliche Kluft zwischen den Auffassungen der Regierungen Britanniens und den USA auf.

Der aktuelle militärisch - politische Aspekt der britisch-amerikanischen Zusammenarbeit - so wie sie vom britischen Premier vorgesehen wird - ist nämlich der Verzicht auf die Europa-Armee-Pläne zugunsten einer atlantischen Verteidigungsposition mit den englischen Inseln als Zentral-Bastion. Die Europa-Armee aber mit ihren verwickelten Voraussetzungen und Konsequenzen - die wichtigste: deutsche Wiederaufrüstung - bildet den Angelpunkt der gegenwärtigen amerikanischen Politik.

Einen Eindruck von der amerikanischen Hartnäckigkeit in dieser Frage bekam Churchil durch General Eisenhower vor Weihnachten in Paris. Der NATO-Oberbefehlshaber in Europa machte ihm bei dieser Gelegenheit einen sensationellen Vorschlag: er, Eisenhower, werde in Europa bleiben und auf die US-Präsidentschaftskandidatur für 1952 verzichten, wenn Großbritannien der geplanten Europa-Armee beitrete. Denn ohne Großbritannien habe der ganze Plan angesichts des neuen kompromißlichen Wankelmuts der Franzosen und der Benelux-Staaten keinen Sinn.

Doch Churchill war seinerseits schon in Paris nicht bereit, seinen Plan auf dem Altar Europas zu opfern. Er versicherte der Europa-Armee das britische Wohlwollen und wich zeitgewinnend aus.

Denn wenn schon der Grund für Eisenhowers Hartnäckigkeit purer Generalstäbler-Idealismus ist - Truman und Acheson denken an die Präsidentschaftswahl im November 1952. Ihre ganze Europa-Politik der letzten beiden Jahre lief primär auf feste Stützpunkte in Westeuropa und deutsche Soldaten - gleich in welcher Uniform - hinaus. Wenn sie bis zum Sommer 1952 nicht den ersten deutschen Soldaten in der Europa-Armee den US-Wählern zeigen können, haben sie - deren Chancen durch innere Korruptionsskandale ohnehin immer tiefer sinken - endgültig verspielt. Sie haben auch verspielt, wenn sie jetzt den Fehlschlag ihrer Bemühungen zugeben und das Ruder radikal herumwerfen. Dazu ist es zu spät.

Also müssen sie verzweifelt auf die Europa-Armee drängen und den »Tag des Konkurses« hinausschieben. Truman hat Grund zur Wut auf Churchill, den er persönlich ohnehin nicht leiden kann (Winston erwidert die Abneigung), denn Churchills Europa-Zurückhaltung beschleunigt den Konkurs der Truman-Politik.

Truman-Acheson würden - das erschien letzte Woche fast sicher - von Robert Alphonso Taft abgelöst, denn der populäre Eisenhower wird noch zwischen Europa und Präsidentschaftskandidatur hin- und hergezerrt, während sich Kandidat Taft inzwischen schon die Unterstützung einer großen Mehrheit der republikanischen Politiker für seine Nominierung zum Republikaner-Kandidaten erworben hat. Und Robert Alphonso Taft teilt Churchills atlantische Konzeption vollauf.

Wie die Dinge liegen und wie alle Anzeichen beweisen, wird Winston Churchill

auf eine Erörterung seiner weltweiten Pläne verzichten und sein Geschick darauf verwenden, dem ungestümen Drängen Trumans und Achesons auszuweichen. Aus Washington werden in den nächsten beiden Wochen Zahlen über Tonnen Stahl und Millionen Dollar, Versicherungen der unverbrüchlichen anglo - amerikanischen Treue, Kompromisse in einigen aktuellen, taktischen Fragen, aber keine neue, große Konzeption und kein Ausweg aus dem heillosen Europa-Dilemma erwartet.

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