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Wienand An morgen denken

Karl Wienand kann noch einmal davonkommen. Vorzeitige Neuwahlen im Herbst hindern den Untersuchungsausschuß des Bundestages daran, die Paninter-Affare zu klären.
aus DER SPIEGEL 32/1972

Bundestagsvizepräsident Hermann Schmitt-Vockenhausen, Berichterstatter des Ersten Parlamentarischen Untersuchungsausschusses, sieht nicht mehr durch: »Hier wird ein solcher Nebel verbreitet, daß man nicht mehr weiß, was los ist.«

Insgesamt 22mal berieten die sieben Bundestagsabgeordneten der CDU/CSU, SPD und FDP -- zuletzt am vergangenen Donnerstag -- über die Ursachen der Notlandung eines BAC 1-11-Jets der Paninternational am 6. September 1971 auf der Autobahn bei Hamburg. bei der 22 Passagiere umgekommen waren. Zum Kern des Problems stießen die Parlamentarier indes nicht vor. Auch ihnen blieb verborgen,

* warum die Betriebsgenehmigung der Pleitefirma vom Bundesverkehrsministerium immer wieder verlängert worden war, obwohl die Experten des Luftfahrt-Bundesamtes zur Schließung geraten hatten, und

* ob der Bundestagsabgeordnete und Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion Karl Wienand, der wegen der Verlängerung der Betriebslizenz mehrmals mit Beamten des Verkehrsministeriums verhandelt hatte, der Paninter-Firma durch einen Beratervertrag verpflichtet war und dafür mit protzigen Dotationen belohnt wurde.

Wehner-Schützling Wienand hat die besten Aussichten, daß sein Fall vorerst zu den Akten gelegt wird.

Dabei hat es an hinreichendem Verdacht nie gefehlt. Im Frühjahr hatten »Stern« und SPIEGEL herausgefunden, daß während der kritischen Monate 1971 in der Paninter-Buchhaltung Honorare zugunsten Wienands in Höhe von rund 165 000 Mark verbucht worden waren.

Aufklärung über die Scheckwechsel hatte Wienand verweigert, weil er den Untersuchungen des inzwischen eingesetzten Parlamentsausschusses nicht vorgreifen wollte. Als Zeuge enthielt er auch den Abgeordneten seine Beweisunterlagen unter Berufung auf eine noch kompetentere Instanz vor.

In der Zwischenzeit nämlich hatte der »Stern« Wienands Windungen vor dem Ausschuß als Ausflüchte ("Er lügt und lügt und lügt) angeprangert. Wienand-Anwalt Erich Schumann erstattete gegen zwei »Stern«-Redakteure bei der Staatsanwaltschaft in Hamburg Strafantrag wegen »Beleidigung, übler Nachrede und falscher Anschuldigung«. Schumann-Klient Wienand verweigerte dem Ausschuß die versprochene Aufklärung, weil er nicht in das schwebende Ermittlungsverfahren eingreifen wolle.

Seither prüft die Staatsanwaltschaft Hamburg, ob ein »öffentliches Interesse daran besteht, den Abgeordneten Wienand vor dem »Stern«-Vorwurf zu schützen, er sei ein Lügner. Seither auch verzichtet der Untersuchungsausschuß in Bonn darauf, Wienands Finanzhandel mit Paninter zu durchleuchten.

Solange aber diese Transaktionen dunkel bleiben, so lange können die Parlaments-Saubermänner auch kein Licht in die Paninter-Affäre bringen.

Dennoch ließen sich die Parlamentarier Zeit -- die Sozialdemokraten, weil ihnen vier Monate vor der Wahl eine wiederbelebte Wienand-Affäre nicht gelegen käme, die Christdemokraten des einstigen Henschel- Beraters Rainer Barzel (Honorar: 60 000 Mark), weil »sie an morgen denken und auch ihre Leute irgendwo haben, bei denen einer mal mit Steinen schmeißen kann« (Schmitt-Vockenhausen).

Angelegentlich ließ der Ausschuß-Vorsitzende Wilhelm Rawe (CDU) am letzten Mittwoch beim Generalstaatsanwalt in Hamburg anfragen. ob die Strafverfolgungsbehörde sich der Sache Wienand kontra »Stern« annehmen werde. Seine frohe Kunde: Bisher habe der zuständige Sachbearbeiter Jürgen Gammelin wegen seines Engagements im Hoppe-Prozeß noch nicht auf den Fall Wienand umsteigen können. Oberstaatsanwalt Peter Beck über Wienands Aussichten: »Das öffentliche Interesse wird wohl bejaht werden.

Damit wäre Wienand vorerst aller Sorgen ledig. Denn der Gammelin wird das Verfahren in diesem Jahr kaum mehr durchziehen. Die Tätigkeit des Untersuchungsausschusses aber erlischt mit Auflösung des Parlaments.

Schmitt-Vockenhausen tröstet sich: »Wenn der Wienand gegen den »Stern« verliert. ist er sowieso tot.«

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