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»An uns denkt kein Schwein«

SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann über Politiker und Jugendliche
Von Jürgen Leinemann
aus DER SPIEGEL 40/1980

In einer Küche in Köln machen es sich die Jungwählerinnen Susanne und Ruth, beide 18 Jahre alt, gemütlich bei Tee und TV: Die Vorsitzenden der Bundestagsparteien diskutieren zur Wahl.

Es stehe, sagt Hans-Dietrich Genscher, eine »bedeutsame« Entscheidung bevor. Willy Brandt nennt sie »besonders wichtig«, Franz Josef Strauß hebt ihre »weichenstellende Bedeutung« hervor, und Helmut Kohl scheint sie gar »schicksalhaft«.

Warum, sagt er auch noch: »Der Wechsel in den Generationen ist bei dieser Wahl ganz besonders deutlich ... Vier Millionen Erstwähler gehen zur Wahl.« Sie sind geboren nach der Ära Adenauer, dies lasse die »ganze Dimension auch des Atmosphärischen« erkennen.

Das reicht Ruth und Susanne schon. Dennoch warten sie, bis sich der Altherrenverein völlig in die Diskussion über vergangene Zeiten verbissen hat. Nach einer halben Stunde schalten sie ab: »Ich weiß gar nicht, worüber die reden«, sagt Susanne, »mich betrifft es jedenfalls nicht.«

Susanne ist nicht typisch, denn sie ist die Tochter des Bundesinnenministers Gerhart Baum und weiß besser als die meisten ihrer Altersgenossen, worüber in Bonn geredet wird. Aber Susanne ist doch typisch, denn wie sie fühlt die Mehrzahl der 9,8 Millionen Wähler zwischen 18 und 29 Jahren, daß die Sprüche zur Wahl mit ihnen eigentlich nichts zu tun haben.

Auch wenn der Kanzler meint, das stimme nicht -- sie schalten fast alle ab, bei Strauß wie bei Schmidt. Und das nicht nur beim Fernsehen.

»Im Wahlkampf«, sagt der CDU-Abgeordnete Norbert Blüm, »ist die Jugend als Gruppe gar nicht vorhanden.« Der SPD-Bürgermeister von Hamburg, Hans-Ulrich Klose, weiß: »Viele wollen nichts mehr mit uns zu tun haben, weil sie uns nicht glauben.«

Die Gründe dafür kann er sogar gereimt lesen. In der Zeitung der Initiative »Rock gegen Rechts« dichtet ein Unbekannter: »Parteien helfen auch nicht -- dumm quatschen könn' wir allein -- Ihr verzapft nur Scheiße -an uns denkt kein Schwein.«

Der Refrain heißt: »Wir sind ohne Zukunft.« Das ist mehr als ein Refrain.

Oft wenden sich Jugendliche einfach ab, schreiben »Staat ist Kacke« an die Häuserwände oder summen im Chor: »Aufhören, aufhören, aufhören« -- wie bei der Kundgebung zum 17. Juni vor dem Frankfurter Römer. Sie kennen keine Parteien mehr, sie kennen nur noch »Gelabere«, »Geseiere«, »Gelalle«. Bonn -- nein danke.

Schmidt oder Strauß -- das ist wie »Pest oder Cholera«. Die kleinen poppigen Zettel, auf denen das steht, flattern durch die Reihen bei »Rock gegen Rechts«-Veranstaltungen.

Jung statt alt? Bei einem Forum in Köln bieten die Vorsitzenden der Jugendorganisationen an, ihre Diskussion zu unterbrechen, um den Parteioberen im Fernsehen zuzuschauen. Reaktion eines jungen Zuhörers: »Das ist doch egal, das ist alles das gleiche.«

Reden oder schweigen? Das läuft, schreibt ein Schüler aus Gladbeck in Westfalen an die Regierung, auf das gleiche hinaus: »Im Endeffekt ist das Resultat gleich Null.«

Oft verspotten Eltern und Lehrer die Pink-Floyd-Platte »The Wall«, verkauft in zehn Millionen Exemplaren, als »Weltschüler-Hymne«. Sie täuschen sich. Der Pink-Floyd-Text ist Lehrlingen so geläufig wie jungen Arbeitslosen, Gewerkschaftern wie Alternativen. »Teacher leave us kids alone« -- die Forderung der Jungen, sie alleine zu lassen, richtet sich nicht nur an die Lehrer, sondern an alle Bescheidsager. Und an die Politiker allemal.

»The Wall«, die Mauer, ist Realität, ist überall. Als Wahlkämpfer stoßen Politiker schmerzhaft dagegen.

Sie verläuft durch Familien. Erhard Eppler, SPD-Landesvorsitzender in Baden-Württemberg, versteht sich zwar gut mit seinen älteren Kindern Verena und Susanne, 23 und 26 Jahre. Aber das Gespräch zu seinen jüngeren S.64 Kindern, Dorothea und Christoph, 16 und 18, ist vor zwei Jahren abgerissen.

Die Mauer trennt Politiker und Bürger.« Was machen Sie eigentlich hauptberuflich«, fragt Karsten Voigt (SPD) einen Taxifahrer aus der Sponti-Szene in Frankfurt. »Hauptberuflich habe ich Berufsverbot«, ist die Antwort.

Die Mauer zerteilt politische Veranstaltungen, gerade im Wahlkampf. Oben auf dem Podium der Bonner »Rheinterrassen« sitzen die SPD-Prominenten Horst Ehmke, Johannes Rau, Hans-Ulrich Klose mit zwei jugendlichen Genossen und diskutieren über Hochschulrahmengesetz, Ausbildungsförderung und Jugendhilferecht.

Unten rutscht Boris, 17, auf seinem Stuhl herum und kriegt immer schlaffere Augen. »Versteh' ich nicht«, murmelt er, »ich denke, die reden über uns?« Boris hört immer nur Bundesrat, Mehrheiten, Timing, Sachzwänge, Kompromisse. Zum Glück ist der Gitarrist seiner Lieblingsrockgruppe »Morgenlatte« auch da. Der wird ihm schon sagen, worauf es ankommt.

Zwei »fast hermetisch abgeschlossene Welten« hat SPD-MdB Manfred Coppik bei seinen Wahlveranstaltungen entdeckt. Beide Seiten kommen einander exotisch vor -- »wie Neger« (Hans-Ulrich Klose), wie »Chinesen« (Norbert Blüm).

Die Entfernung ist, das sehen solche Jugendlichen wie Boris und viele Politiker gleich, unendlich groß. Das Gespräch ist, das bedauern nur die Politiker, mühsam, zeitaufwendig, fruchtlos.

»Ich bin jedenfalls kläglich gescheitert«, sagt Heide Simonis (SPD). Manfred Vohrer (FDP): »Kannste vergessen.« Klaus Daweke (CDU): »Die melden sich ab.«

So entmutigende Berichte von der Basis können die Macher in Bonn nur als Faszination für die kranken Ränder der Gesellschaft begreifen. Wer an den Schreibtischen in den Zentralen sitzt, sieht von einer Mauer nichts.

Dort zählen nur facts und figures, harte Tatsachen, und die reden eine andere Sprache. Beispielsweise, so beruhigen sich die Politiker, daß etwa 80 Prozent der jungen Wähler »draußen im Lande« am 5. Oktober ihre Stimme abgeben wollen.

Und überhaupt -- wann, nach den letzten unruhigen Jahren, habe es je eine so treffliche, verläßliche Jugend gegeben? Bei dem leisesten Zweifel ziehen die Spezialisten in Bonn Analysen, Umfragen und Positionspapiere aus der Schublade: 88,5 Prozent der 14- bis 21jährigen seien mit dem System in der Bundesrepulbik Deutschland »sehr« oder »einigermaßen zufrieden«. 80 bis 90 Prozent strebten einen bürgerlich geordneten Lebensweg an. Leistungsprinzip, soziale Marktwirtschaft, Familie -- alles, was diese Republik im Innersten zusammenhält, finde, sagen sie, bei der Jugend große Zustimmung.

Der Rest ist Parteipolitik. Daß 86 Prozent der 18- bis 21jährigen die Sozialdemokraten schätzen, erfreut im Kanzleramt und im SPD-Hauptquartier. Bei der Union tröstet sich der Fraktions-Experte Hermann Kroll-Schlüter mit der Analyse: »Ihre Wünsche sind den Zielen der Union sehr verwandt.« Daß die Jungwähler die SPD vorziehen, das ist »sozusagen ein Mißverständnis«, das korrigiert werden kann durch den »Abbau von Informationsdefiziten«. Bei den Jungen, natürlich.

So organisieren die Christdemokraten müde Disco-Abende, putzen die braven Strauß-Kinder fein heraus zur Schau für Papi, und Matthias Wissmann, Chef der Jungen Union, wirbt um lila Latzhosen.

Hauptsache, die Stimmen stimmen. Über alles andere läßt sich reden; vorzugsweise ironisch herablassend. Über Popper und Punks, Freaks und Teds, Prolos und Mods, Grüne, Bunte, Rote, Braune, Ausgeflippte und Abgefuckte.

Die Jugend gibt es nicht. Und Generationsprobleme gab's immer. Franz Josef Strauß: »Jede Generation sucht neue Wege, neue Ziele, neue Lösungen.« Helmut Schmidt: »Das gibt es immer wieder, das ist nichts Neues. Ich wehre mich dagegen, die gegenwärtigen Phänomene für etwas prinzipiell S.66 Neues oder für den Weltuntergang zu halten.«

Orientierungslosigkeit? Staatsverdrossenheit? Sinn-Krise? Das ist Stoff für die Wochenendbeilagen der Gazetten für die höheren Stände. Oder für die Eierköpfe wie Erhard Eppler und den Berliner Wissenschaftssenator Peter Glotz, die sich auf katholischen Kirchentagen oder vor evangelischen Akademien mit ihren Themen herumschlagen mögen.

In der praktischen Politik wird selten gefragt, wie Jugend ist, und schon gar nicht, warum sie so wurde. In der praktischen Politik wird gesagt, wie Jugend sein soll, um brauchbar zu sein.

»Wir brauchen eine junge Generation mit Selbstvertrauen«, tönt Kohl. »Wir brauchen eine Jugend, die mit der ihr zustehenden Fröhlichkeit ja sagt zum Leben, zur Zukunft, zur Geschichte«, fordert Strauß.

Über den Umgang mit den Jugendlichen, die nicht in dieses Bild passen, besteht Einigkeit: Sind es solche, »die alles bestreiten, außer ihren Unterhalt« (Strauß), werden sie je nach Stimmung in der Republik als Sympathisanten oder Extremisten diszipliniert oder als Grüne und Alternative verspottet, mit denen schon deswegen nicht zu reden ist, weil sie einen Reiher nicht von einem Brachvogel unterscheiden können (Schmidt).

Von solchen Gruppen sind die Übergänge fließend zu jenen, denen sich der Staat therapeutisch zuwendet: Sektenmitgliedern, Drogenabhängigen, Jungalkoholikern.

Sind Jugendliche erst einmal so weit, ist ein Gespräch nicht mehr möglich. Und vorher reden nahezu alle Politiker stets von oben nach unten und das auch noch in Form eines inneren Monologs. Sie übernehmen alle Sprechrollen selbst. Sie sagen, was die Jungen denken, fühlen, wollen, sollen.

Bei einer Fernsehrunde mit dem ungewöhnlichen Motto: Politiker fragen -- Jugendliche antworten, kleiden zur Feier des Tages Gerhart Baum, Horst Ehmke, der bayrische CSU-Kultusminister Hans Maier (ohne Krawatte) und seine rheinland-pfälzische Kollegin Hanna-Renate Laurien (CDU) ihre Belehrungen und Besserwissereien zunächst artig in rhetorische Fragen, bis sich ihr Nichtwissenwollen am Ende ungeniert Bahn bricht. Laurien: »Wir wollen ja heute hier etwas mitgeben.«

Da bedanken sich die jungen Menschen aber schön. Einige, nach der Sendung bestürmt, die Gründe für ihre Resignation zu verraten, schreiben sogar noch an Gerhart Baum. Ralf, 17, kleidet seine Kritik an der etablierten Politik in ein einziges Wort: »Menschenfeindlichkeit«.

Viele sagen schon gar nichts mehr. Sie stülpen sich ihre Kopfhörer über, drehen ein paar Phon höher und legen »Supertramp« auf: »The Logical Song«.

Das ist ihr Lied, alle haben den englischen Originaltext drauf. Zart besingt es zunächst den Traum von einer verzauberten Kinderwelt. Schließlich das brutale Ende: »Aber dann schickten sie mich weg und brachten mir bei, wie man vernünftig ist und logisch und verläßlich und praktisch. Und sie zeigten mir eine Welt, in der ich abhängig, klinikreif, intellektuell und zynisch sein darf.« »Paß auf, was du sagst«, warnt der Song, »sonst nennen sie dich einen Radikalen, einen Linken, einen Fanatiker, einen Kriminellen.«

Suchen die Jungen, stärker noch als früher, ihre Identität in der Musik, vor allem im Rock? Revolte wie Träume bleiben diffus, zumeist kraftmeierischer nach außen, als viele Jungen sich fühlen. Die sind gewiß unpolitisch in jedem technokratisch-organisatorischen Sinn; sie sind nur vage von schnell wechselnden Interessen erfüllt und -- 88 von 100 Schallplatten werden von Jugendlichen gekauft -- anfällig für Manipulation durch Kommerz.

Der Bonner Politik bleibt diese Welt verschlossen. Die wenigen Politiker, die wissen, daß sich in der jungen Generation mehr abspielt, als es Wahlergebnisse und Umfragen widerspiegeln, die erfahren das oft am eigenen Leib -- als Väter.

Aber über diesen Teil ihres Lebens schweigen sich die Berufsredner hartnäckiger aus als über geheime Sitzungen. Nur soviel will etwa der SPD-Abgeordnete Peter Conradi verraten: »Meine Tochter ist für mich eine größere Herausforderung als jeder Parteitag.«

Zum Thema Jugend und Politik melden sich die meisten schon deshalb nicht zu Wort, weil sie über Niederlagen reden müßten, über die Mauer in der eigenen Familie.

Da sitzt etwa ein Mann als Delegierter beim FDP-Parteitag in Freiburg, der hat zwei Töchter, die in einer Großstadt illegal Häuser besetzt haben. Sie haben es gegen ihn ganz persönlich getan, denn er war als hoher Beamter für diesen Bereich zuständig. Heute lebt eines der Mädchen in einer Punk-Kommune in Berlin-Kreuzberg und klaut ihren Lebensunterhalt bei Bedarf zusammen.

Die andere arbeitet inzwischen erfolgreich in einem bürgerlichen Beruf, ist »vernünftig geworden«, wie der Vater glaubt. Die Tochter sagt: »Der will nichts verstehen.«

Da sitzt ein Delegierter beim SPD-Parteitag in Essen und erklärt bitter, sein Sohn habe den Wunsch nach einem klärenden politischen Gespräch mit Hohn-Gelächter beantwortet. »Ich könnte dir in einer Stunde 60 Figuren hierher holen«, hat er gesagt, »aber S.67 was willst du denen denn erzählen? Dein Parteichinesisch?«

In Bonn sind solche Geschichten keine Seltenheit, aber sie bleiben top secret, Privatsache.

Daß Kinder von Regierungsmitgliedern ausflippen und aussteigen, wie ihre Väter es nur von extremen Außenseitern behaupten; daß Söhne von hohen Funktionären von einem Tag zum anderen das Gymnasium verlassen, um in Fußgängerzonen Musik zu machen; daß Sprößlinge von Bundestagsabgeordneten statt auf die Uni nach Schweden wollen -- zum Holzfällen; daß Töchter von etablierten Politikern sich ihre Haare zu lila Punkfransen zerrupfen, um deutlich zu machen, daß sie nichts mit der »Scheißpolitik« des Vaters zu tun haben wollen -- das geht in den Einzelheiten gewiß niemanden etwas an. Aber ob das alles unpolitisch ist? Lauter »schwarze Schafe« oder »Lümmel«, wie sie seit eh und je in den besten Familien vorkommen?

Hier wird deutlich, warum die Jugendlichen und Politiker sich so weit voneinander entfernt haben: Zwischen dem, was die Politprofis reden, und ihrem tatsächlichen Leben hat sich eine Kluft aufgetan, in die ihre Glaubwürdigkeit gefallen ist. Warum soll man denen noch zuhören?

Protest bleibt aus, die Abwendung verläuft völlig undramatisch. »Die drehen sich einfach um und lassen einen stehen«, weiß Minister Baum aus eigener Erfahrung. Sein Kollege Volker Hauff staunt: »Die hören schweigend zu und sagen dann sehr höflich: 'Du hast uns nicht überzeugt.'«

Am wenigsten überzeugen sie die alten Sprüche, ihre Jugend sei bloß Vorbereitungszeit auf das richtige Leben. Sie wollen nicht nur alles jetzt, sie machen es auch. »Für uns gibt's kein morgen -- und gestern ist verschollen. Drum leben wir heute -- so wie wir es wollen«, reimt der Unbekannte in der Rock-Zeitung. Sie jobben lieber für Knete, als mit langer Ausbildung eine späte »Befriedigung« durch Arbeit zu erfahren, von der sie bei den meisten Älteren auch nichts spüren.

Weder Vergangenheit noch Zukunft scheinen bedeutsam. »Adenauer ist für die so weit weg wie Bismarck«, glaubt Kroll-Schlüter von der Union. Über die Zukunft spottet eine junge Mutter in Hannover bei einer Wählerinitiativen-Diskussion: »Weiß ich denn, ob für meine Kinder überhaupt noch Luft zum Atmen da ist?«

Um Lehrstellen, Arbeitsplätze, Aufstiegsmöglichkeiten müssen Jugendliche heute kämpfen, nicht in der Zukunft. Daß die Politiker so tun, als wären die Bedingungen dafür nicht schlecht, macht sie fassungslos.

Was die Gesellschaft, der Staat, die Eltern ihnen an materiellen Gütern garantieren, nehmen sie ohne Skrupel. »Auf Stütze gehen« erscheint vielen selbstverständlich. Wohlstand ist da, sie haben Notzeiten nicht erfahren wie die älteren Politiker, die oft daran erinnern. »Da der Staat wenig Chancen für ein freies Leben bietet, ist man ihm nichts schuldig«, glaubt Jörg Bopp, Jugend-Experte in Frankfurt.

Aber ist nicht genau das Gegenteil richtig? Arbeitet nicht wirklich die Mehrheit reibungslos im System? Es ist wahr: Die »netten, freundlichen, ruhigen, jungen Menschen«, die Landwirtschaftsminister Josef Ertl überall im Land entdeckt, sind keine Erfindung der Rechten.

Die hocken in den Schulen und versuchen, mit möglichst geringem Aufwand möglichst gute Zensuren zu kriegen. »Schleimen« nennen sie ihren Stil. Sie passen sich an in den Lehrwerkstätten und an den Hochschulen. Mimikry durch Mitmachen.

Ist dies das Gegenteil von Aussteigen? Oder ist es nur eine andere Variante der Flucht? Nicht nur Innenminister Baum hat den Verdacht, »daß sie uns auch noch damit beleidigen wollen, wenn sie alles so machen, wie wir sagen«. Sie tun Dienst nach Vorschrift in unserer Gesellschaft.

Das fällt kaum auf, schließlich sind sie keine Fluglotsen. Doch deutlich ist überall, daß sich Jugendliche eher an Gleichaltrigen orientieren als an den Lebensentwürfen der Älteren. Und daß sie, aus ihren Erfahrungen heraus, die Realität 1980 sehr viel anders beurteilen als die »Machthebelhaber«, wie ein Lehrling an den Bundestagsabgeordneten Klaus Thüsing schreibt.

Gespräche über die Wirklichkeit zwischen Politikern und Jugendlichen werden damit fast unmöglich. Daß sie »diese Gesellschaft gestalten können«, wie die Bonner Herren den Nachwachsenden zur Wahl unentwegt versichern, ist der Volkswirtschaftsstudentin Anita, 21, neu. Ihr Erstaunen, beschrieben in einem Brief zu einer Fernsehdiskussion, hat nicht den geringsten ironischen Unterton. Sie und ihre Gleichaltrigen hätten sich bisher lediglich gefragt: »Wie soll ich mich gestalten, damit ich in diese Gesellschaft S.69 passe (im Ernstfall: nicht passe)?«

Worte haben abgewirtschaftet bei dieser Generation, die spracharm geworden ist, dafür wach für emotionale Untertöne. Mit ihrem soziologisch-bürokratischen Kauderwelsch -- »Mit so was habe ich doch früher jongliert wie Rastelli«, sagt Norbert Blüm, »und der Beifall rauschte nur so« -laufen die Politiker stets auf: »Red' doch deutsch«, rufen die Zuhörer, oder: »Versteh' ich nicht.«

Die Politiker stöhnen dafür über die wabbelige Rede der Jungen, die jeden Sachverhalt gleich wieder mit »oder so« und »irgendwie« zerfließen läßt. »Wer hören will, muß fühlen«, rät die linke Tageszeitung »Die Neue«. Das ist nicht als Witz gemeint.

Viele der Jungen glauben nur noch, was sie selbst erfahren. In seinem Essay über die 70er Jahre -- »Erfahrungshunger« -- hat der Soziologe Michael Rutschky die Veränderung auf die Formel gebracht: Sinnlichkeit statt Sinn.

Sie leben vor, was sie sagen. Sie reden nicht nur von Zärtlichkeit, Geborgenheit und Wärme. Sie wollen -wenn sie sich überhaupt noch einlassen -- auch von anderen wissen, welche Gefühle sie haben, was das für Menschen sind, die vorgeben, in Bonn Politik für die Menschen zu machen.

Sie fragen sehr direkt und sehr persönlich. Die Bonner Wahlkämpfer berichten davon, mehr beklommen als belustigt. Was machst du den ganzen Tag? wollen sie wissen. Was bewegst du eigentlich? Lohnt sich der Einsatz? Bist du mal glücklich? Was sagt deine Familie zu deinem Leben? Hast du mal Zeit für Freunde?

Sie fragen nach Musik und Autos, nach Freizeit und Kindern. Schnell werden sie ungeduldig, wenn einer zu glatt ist oder zu entgegenkommend.

Immer wieder muß der SPD-Jugendexperte Eckart Kuhlwein sich sagen lassen: »Du weißt zu viele Antworten. Kannst du nicht mal zugeben, daß du was nicht weißt?«

Ein Bonner Politiker, wie sie ihn bis zum Überdruß vom Bildschirm kennen, das ist für Jugendliche oft »irgendein Anzug mit Aktentasche«, wie Goetz-Alexander Brandt, der Sohn des SPD-Bundestagsabgeordneten Hugo Brandt, sagt. Für ihn wurde etwa das »Hülsenwort« Egon Bahr erst zu einem Menschen, der ihn etwas anging, als Bahr nach dem Rücktritt von Bundeskanzler Willy Brandt weinte.

Forschungsminister Volker Hauff sah sich unlängst mit der Frage konfrontiert: »Können Sie eigentlich noch weinen?« Auf seine Gegenfrage, warum der junge Mann das wissen wolle, bekam er zur Antwort: »Ich möchte nicht von jemandem regiert werden, der nicht mehr weinen kann.«

Daß sich 60 Prozent der Jugendlichen für Politik nicht interessieren, während doch um die 90 Prozent den Staat und seine Institutionen ganz in Ordnung finden -- solange er ihnen genügend persönliche Freiheit läßt --, ist mit den gängigen Erklärungen wie Staats- und Parteiverdrossenheit kaum zu fassen. Ist nicht tatsächlich eine »neue Diskussion über Menschenwürde« aufgebrochen, wie der Kirchenbeauftragte beim SPD-Vorstand, Rüdiger Reitz, glaubt?

Es ist verständlich, daß sich Politiker beklagen über die »Blauäugigkeit« jugendlicher Idealisten, die aus ihren Fragen spricht. »Die praktische Politik ist damit hoffnungslos überfordert«, sagt Baum.

Aber erwarten die jungen Skeptiker überhaupt erschöpfende Antworten? Ist das nicht eines der Mißverständnisse, die jene Mauer zwischen beiden Seiten noch erhöht?

Wenn eine Schülergruppe in Bonn abrupt ein Gespräch mit dem CDU-Abgeordneten Klaus Daweke über die Energiesituation abbricht, dann nicht, weil sie sich eine endgültige Antwort erhofft hätte. Vielmehr verstummt sie in dem Augenblick, als der Bundestagspräsident in Begleitung -- so Daweke -- »mit sechs dicken Limousinen vorgefahren kommt und die Motoren laufen weiter, als die Herren längst im Haus verschwunden sind«. Damit wissen die Schüler genug über die Ernsthaftigkeit der Bonner Energiesparappelle und Umweltschutzparolen.

Unpolitisch? Neuer Subjektivismus? Flucht in die Idylle? Das sind Urteile aus den Denkbahnen der sechziger und frühen siebziger Jahre, geprägt von denen, die damals versuchten, die Gesellschaft umzukrempeln.

Während die Rebellen der 68er Bewegung versuchten, Strukturen aufzubrechen, Institutionen zu verändern und Theorien zu erproben, um damit am Ende ein glücklicheres Leben auch für den einzelnen zu erreichen, sind die Jungen heute resignierter und realistischer zugleich. Die Parteien wollen sie nicht ändern, aber ein Mann wie Strauß erreicht ihre Betroffenheit, fordert ihren persönlichen Widerstand.

Aus Bonn erwarten sie Antwort höchstens noch von denen, die sich selber mal quergelegt haben, von den Unbequemen, Unangepaßten, »Knatsch« mit den Bossen, egal worüber, das ist nach dem Eindruck von Klaus Thüsing (SPD) so etwas wie eine Gesprächsvoraussetzung. »Die denken wohl: der hat Krach mit der Fraktion, wir haben Krach mit unseren Eltern.«

Ähnliches hat Manfred Coppik erlebt, der sich zum Beispiel bei der Abstimmung über das Kontaktsperregesetz der SPD-Fraktionsführung widersetzte: »Daß ich mal nein gesagt habe, ist die Basis dafür, daß sie mir wenigstens noch zuhören.« Sobald sie wissen »von deinen Anstrengungen als Verlierer«, sagt auch der FDP-Abgeordnete Manfred Vohrer über seine Kontakte mit jungen Leuten, »akzeptieren sie dich erst einmal«.

Jugendlichkeit ist dabei kein Kriterium für Vertrauen. Wenn Jungkarrieristen wie Andreas von Schoeler, FDP, Matthias Wissmann, CDU, oder Karsten Voigt, SPD, zehn bis 15 Jahre Jüngere für die Politik werben wollen, indem sie auf ihre eigenen Aufstiegs- und Einwirkungschancen verweisen, S.71 dann ist das Echo meist negativ. Da übertragen die Jugendlichen ihre eigenen Erfahrungen auf die Politiker: Was müssen die »geschleimt« haben, um so schnell hochgekommen zu sein.

Das zementiert die Mauer von der anderen Seite. Nicht nur die glatten Jungs, auch jene, die »im Bonner Windkanal« (SPD-MdB Dieter Lattmann) noch nicht jede Kontur verloren haben, fühlen sich zu leichtfertig abgeurteilt. Schließlich sind sie alle, auch die meisten Karrieristen, nicht nur Produzenten von »Menschenfeindlichkeit« im etablierten politischen System, sondern auch Opfer.

Sie sind, oft sehr zu ihrem eigenen Schrecken, hart geworden in Bonn. Und es gehört zu ihren Überlebensvoraussetzungen, von diesem Schrecken nichts merken zu lassen, ihn am besten sich selbst nicht einzugestehen. Heide Simonis: »Man lernt doch, nicht zu sagen, wer man ist, sonst hat man gleich ein Messer im Kreuz.«

Was Wunder, daß sich gerade die Zweifler sperren gegen die Jungen. »Wenn wir akzeptieren, daß die recht haben mit ihrer Kritik an unserem Leben, dann geht das an die Grundfesten der eigenen Seele«, sagt Volker Hauff.

Die meisten fühlen sich noch dem 68er-Protest verpflichtet, und es wiederholt sich auf der Bonner Szene jene »hilflose Überheblichkeit der Studentenbewegler gegenüber der heutigen Jugend«, die Jugend-Experte Jörg Bopp als den unheilvollsten Schritt auf dem Wege zur politischen Isolierung der heutigen Jugend beschrieben hat.

Denn so grau oder kahl oder zynisch sie inzwischen auch geworden sein mögen -- im politischen Apparat der Bundeshauptstadt gelten die Thüsings, Coppiks, Hansens, Meinikes, Conradis, Voigts, Roths und Kuhlweins selbst noch als idealistisch und unpragmatisch und damit nicht nur als links, sondern auch als jung.

Aber sie gehören längst zur Vätergeneration. Und Vatis Argumente fahren sie auch gegenüber den Jungen auf: Die seien »dumpf«, »irrational«, »wirr«, »lieb wie Schäfchen«, »naiv«, »romantisch«, »angepaßt«, »rechtslastig«, »unhistorisch« und »faul, faul, faul«.

Sie werfen den Jungen »Narzißmus« vor, so wie es auch der Hannoveraner Pädagoge Thomas Ziehe in seiner Beschreibung des »Neuen Sozialisationstyps« tut, orale Flipper müssen sie nicht ernst nehmen.

Das ergibt eine unheilvolle Allianz gegen die Jugend: Ebenso konsequent wie die politischen Opas in Bonn verdrängen sie damit, daß die Jugend-Lethargie auch einen gesellschaftskritischen Ansatz hat. Selbstzweifel schlagen um in Wut: Die asketischen Unbequemen im Apparat fühlen sich von den genußfreudigen Nachkommen als stellvertretende Widerständler mißbraucht. Um so mehr blüht der Veteranenmythos von der glorreichen 68er Bewegung.

Angst ist auch im Spiel. Manche dieser Abgeordneten sehen, welche zusätzlichen Belastungen jene Politiker auf sich nahmen, die den Vorstellungen der Jungen am nächsten kamen. Hans-Ulrich Klose etwa, der Hamburger Bürgermeister, war viele Jahre gefällig ins System gebettet. Seit er die Zweifel vieler Jugendlicher, auch seiner Tochter Regine, am Extremistenerlaß in Politik umgesetzt hat, ist er politisch auf eine Rutsche geraten, von der er bisher nicht wieder heruntergekommen ist.

Der Liberale Manfred Vohrer, der sich bemüht, seine Umweltschutzideen auf seinem Bauernhof im Schwarzwald zu leben, ist innerhalb der eigenen Fraktion an den Rand gedrängt worden. »Für die drinnen ist man ein Spinner, für die draußen ein Kompromißler«, sieht er seine Position.

Norbert Gansel, der zeit seines politischen Lebens in Bonn eine sichtbare Übereinstimmung von Leben und Politik durchzuhalten versucht hat, ist gleichzeitig stets in Gefahr gewesen, von seiner Fraktion in die Rolle des Polit-Clowns gedrängt zu werden.

Und jene Politiker, die wegen ihres konsequenten Handelns dem Ideal der neuen Generation am ehesten entsprechen -- Herbert Gruhl (früher CDU), Jochen Steffen (früher SPD), Heinrich Albertz (SPD) --, wurden erst dadurch glaubwürdig, als sie aus dem politischen System ausschieden.

Ähnliche Erfahrungen hat SPD-MdB Dieter Lattmann gemacht, der nicht mehr kandidiert. Und auch Erhard Eppler ist diesen Weg zu Ende gegangen. Vom Minister in der Regierung Schmidt über den SPD-Landesvorsitz in Baden-Württemberg bis zum künftigen Kirchentagspräsidenten ist er schrittweise an den Rand der etablierten Politik geraten.

Ist das die Konsequenz? Der Wahlkampf 1980 scheint es nahezulegen -trotz der jugendlichen Drapierung, die allen Bewerbern um öffentliche Ämter zeitweise noch zur Verfügung steht. Trotz einer wahrscheinlichen Niederlage der »Grünen«, die viel jugendlichen Unmut aufzufangen versuchen. Und trotz der voraussichtlichen Mehrheiten, die den Sozialdemokraten gegen Strauß aus der Gruppe der Jungwähler zulaufen werden. Das vor allem, so glaubt Klose, »wird eher zu Selbsttäuschungen Anlaß geben«.

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