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GRÜNE FRONT An Vaters Brust

aus DER SPIEGEL 24/1960

Wie mimosenhaft der deutsche Nährstand reagiert, wenn sich in der Öffentlichkeit Zweifel an der Berechtigung staatlicher Subventionen für die Landwirtschaft regen, erfuhren jüngst die Redakteure der in Ulm erscheinenden »Schwäbischen Donau-Zeitung": Sie hatten den schwäbischen Humor ihrer bäuerlichen Leserschaft weit überschätzt, als sie die tags zuvor in der »Frankfurter Allgemeinen« publizierte Karikatur des Zeichenstift-Kritikers Hans Erich Köhler nachdruckten, um ihre, Leser einmal mit einer publizistischen Leistung von hohem Niveau zu verwöhnen.

In seiner Zeichnung mokierte sich Köhler darüber, wie unterschiedlich die Staatskinder »an Vaters Staat Brust« gedeihen. Vater Staat in Gestalt des Bundesfinanzministers Etzel füttert sein aus wahltaktischen Gründen ohnehin wohlgenährtes Lieblingskind, die Landwirtschaft, mit einer sehr viel größeren Milchflasche als sein schmächtiges Stiefkind Wissenschaft.

Der schwäbische Abschnitt der so als privilegierter Nutznießer des CDU-Wahlgeschenk-Katalogs abgestempelten Grünen Front geriet alsbald in helle Empörung. Zwar sahen die Nachfahren des streitbaren Florian Geyer davon ab, mit Dreschflegeln zum Redaktionsgebäude der »Donau-Zeitung« zu marschieren; die rustikale, wiewohl unschwäbische Humorlosigkeit fand jedoch ihren Ausdruck in einer Flut von Protestbriefen an die Redaktion.

»Wir sehen uns leider gezwungen«, so schalt der Bauernverband des Kreises Ulm, »unsere Ansicht zu revidieren ..., daß Ihre Zeitung der Landwirtschaft gegenüber ... eine neutrale Stellung einnimmt.« Das Blatt habe zweifellos den Eindruck erwecken wollen, »daß sich die Landwirtschaft Subventionen auf Kosten der notleidenden Wissenschaft erschleicht«.

Der Präsident des Bauernverbands Baden-Württemberg, Heinrich Stooß, verteidigte die staatlichen Zuschüsse gegen den karikaturistischen Angriff: »Ihnen als einer Zeitung, die in einem Gebiet erscheint, das weitgehend der Landwirtschaft dient, ist das karge Leben des Albbauern wohl bekannt ...«

Die Redaktion der »Donau-Zeitung« ließ es beim Abdruck dieser Proteste nicht bewenden. Um sich nicht noch mehr Sympathien ihrer überwiegend bäuerlichen Leserschaft zu verscherzen, gab sie der Köhler-Karikatur nachträglich in einer redaktionellen Erklärung eine eigenwillige Sinndeutung: »Der Akzent der Zeichnung; die in karikaturistischer Manier vergröberte, lag auf dem rechten und nicht auf dem linken Bildteil.« Die Karikatur sei nicht etwa gegen die Landwirtschaft gerichtet, sie, solle vielmehr die unzulängliche staatliche Förderung der Wissenschaft rügen.

Indes, dieser Rückzieher beeindruckte

die Agrarier wenig. Erst in einer vom Bauernverband geforderten längeren mündlichen Aussprache konnten Redaktion und Verlag der »Schwäbischen Donau-Zeitung« »glaubhaft machen, daß es uns fernlag, mit dieser Darstellung die Berechtigung zur ... Förderung unserer Bauern in Zweifel zu ziehen«.

Die Karikatur, so erläuterte die »Schwäbische Donau-Zeitung« in einer zweiten Erklärung, sei nämlich »unter Zeitdruck« aus der FAZ übernommen worden. »Dabei wurden die, möglichen Auswirkungen ... bei der Landwirtschaft nicht bis zur letzten Konsequenz durchdacht ... Verlag und Redaktion bedauern den Mißgriff, der im Grunde nichts weiter als eine Betriebspanne ist.«

Dem zuständigen SDZ-Redakteur war immerhin die Zeit geblieben, den falschen Genitiv unter der FAZ-Zeichnung - »An Vaters Staat Brust« - auszumerzen.

Umstrittene FAZ-Karikatur: Nur die rechte Hälfte gilt

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