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TERRORISTEN Analyse gewechselt

Ein verhafteter Rechtsextremist erzählt von seltsamen Querverbindungen zwischen Rechtsradikalen, Palästinensern und Geheimdienstlern. *
aus DER SPIEGEL 41/1985

Karl-Heinz Hoffmann, 47, einstmals Chef der nach ihm benannten rechtsradikalen Wehrsportgruppe, ist derzeit verhindert, die Rettung des Vaterlandes auf seine Weise zu betreiben. Seit vier Jahren sitzt er in Haft, derzeit in Untersuchungshaft wegen Mordverdachts.

Ungebrochen ist zwar sein Kampfgeist, doch die Schlachtordnung hat sich geändert: Hoffmanns alte Kameraden von gestern sind seine Feinde von heute.

Wochenlang war er mit seinen Aussagen vor dem Nürnberger Schwurgericht, wo er als Mittäter bei der Ermordung des jüdischen Verlegers Shlomo Lewin und dessen Lebensgefährtin angeklagt ist, über seine Gefolgsleute hergezogen. Hoffmanns Erzählungen allein zu diesem Punkt füllen 1176 Protokollseiten. Kein Kampfgefährte von einst blieb verschont, auch Odfried Hepp nicht, »der Oberste von dem ganzen Haufen«.

Im Libanon, wohin sich die Wehrsportgruppe (WSG) 1980 nach ihrem Verbot in der Bundesrepublik abgesetzt hatte, war Hepp, so erinnert sich Hoffmann, »während meiner Abwesenheit als Leithammel eingesetzt«. Doch alles, was Hepp danach unternommen habe - er setzte sich 1981 von Hoffmann ab, verpfiff ihn beim Bundeskriminalamt und sorgte damit für die Festnahme des »Chefs« -, sei fortan »vom Haß diktiert« gewesen.

An Sympathie füreinander fehlt es ersichtlich auf beiden Seiten. Odfried Hepp, 27, seit Ende der siebziger Jahre eine der schillerndsten Figuren der westdeutschen Rechtsradikalenszene, sitzt seit April im Sicherheitsgefängnis Fresnes bei Paris. Mit den Neonazis will er nichts mehr zu tun haben. »Ich fühle mich heute«, so Hepp zum SPIEGEL, »in keiner Form mehr dieser weltanschaulichen Richtung verbunden.« Karl-Heinz Hoffmann sei »bei diesem ganzen Spiel nur eine Marionette des Bundesnachrichtendienstes« (BND) gewesen, und der Geheimdienst habe »es geschickt verstanden, Hoffmanns Geltungsdrang auszunutzen«.

Inzwischen hat die Bundesregierung in Paris die Auslieferung von Hepp beantragt. Generalbundesanwalt Rebmann beschuldigt ihn, eine terroristische Vereinigung gebildet zu haben und im Dezember 1982 an drei Mordversuchen an US-Soldaten in Hessen sowie an vier Raubüberfällen auf Kreditinstitute beteiligt gewesen zu sein. Aber die französischen Sicherheitsbehörden haben ihn gegenüber deutschen Ermittlern erst einmal abgeschirmt.

Der französische Abwehrdienst DST, der Hepp am 8. April in Paris festgenommen hatte, gab den Fahndungserfolg erst eine Woche später bekannt, und den Beamten des Wiesbadener Bundeskriminalamtes wurde im Fall Hepp erstmals verweigert, einen deutschen Häftling in Paris zu vernehmen.

Die Franzosen lasten Hepp illegalen Waffenbesitz und den Gebrauch gefälschter Papiere an. Gewisse Verdachtsmomente gibt es auch für seine Beteiligung an den Attentaten auf das Kino Beaubourg-Rivoli, bei dem im März während eines jüdischen Filmfestivals eine Bombe explodierte, und auf das jüdische Restaurant Goldenberg in der Rue des Rosiers, wo im August 1982 sechs Menschen getötet und 22 verletzt worden waren.

Hepp bestreitet, dabeigewesen zu sein. Schon vor vier Jahren, als Hoffmanns Leithammel im Libanon, habe Hepp, so seine Pariser Verteidigerin Isabelle Coutant-Peyre, »seine politische Analyse gewechselt«.

Der ehemalige Student für Bau- und Vermessungswesen hatte noch Ende der siebziger Jahre seine eigene Wehrsportgruppe ("Kampfgruppe Schwarzwald«, später »Wehrsportgruppe Schlageter") gegründet. Doch 1983 sagte er sich zusammen mit seinem Gesinnungsgenossen Walther Kexel öffentlich von den Neonazis los.

Hepp-Freund Kexel erhielt im März für Anschläge auf US-Soldaten und mehrere Banküberfälle 14 Jahre Haft. Zwei Tage später fanden ihn die Schließer tot in seiner Zelle - aufgehängt. Hepp wähnt, das sei das üble Werk von Geheimdiensten gewesen. Er hält die letzte Botschaft seines Freundes für einen »äußerst plump gefälschten Abschiedsbrief ohne Datum und Unterschrift«.

Odfried Hepp, der jetzige »Kämpfer für Palästina«, behauptet, rechtsradikale Verbände seien durch Geheimdienste unterwandert, speziell den BND. Er habe, so der Häftling, Beweismaterial dafür an geheimer Stelle versteckt. Für den Fall seiner Auslieferung in die Bundesrepublik fürchte er einen »ähnlichen Selbstmord« und habe deshalb in Frankreich politisches Asyl beantragt.

Im Juli verlangte die »Palästina-Befreiungsfront« (PLF), jene Gruppe, die noch zu PLO-Chef Arafat hält, die Freilassung Hepps aus französischer Haft. »Wir kennen ihn, er ist ein guter Freund«, erzählte PLF-Anführer Abul _(Vor dem Landgericht Nürnberg, mit seinem ) _(Verteidiger Wolfgang Benno Vetter. )

Abbas der Pariser Tageszeitung »Liberation«.

»Es war Udo Albrecht«, so Hepp zum SPIEGEL, der »im Auftrag des BND den Kontakt zwischen Hoffmann und der Al-Fatah-Abteilung 14 (Abu Ijad) - Unterabteilung Atef/Amin - hergestellt hat. Das geschah im Frühjahr 1980«.

Udo Albrecht, 45, einst Gründer einer »Wehrsportgruppe Ruhrgebiet«, ist eine der fragwürdigsten Gestalten im Zwielicht von Verbrechertum und Geheimdienstmilieu. Er arbeitet für den BND und wohl auch für den Staatssicherheitsdienst der DDR. Er ist ein halbes dutzendmal vorbestraft, darunter wegen Waffen- und Sprengstoffbesitzes, auch mehrfach wegen Bankraubs. Seine Kontakte zu arabischen Hintermännern von rechten wie linken Terrorgruppen machten ihn schon früh für Geheimdienste interessant.

Im September 1970 war Albrecht, nachdem er fünf Monate zuvor aus der Strafanstalt Werl ausgebrochen war, von SPD-Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Wischnewski aus den Kriegswirren in Jordanien herausgeholt worden.

Im Frühjahr 1980 führte Udo Albrecht den WSG-Chef Hoffmann bei der Fatah-Führung in Beirut ein. Im August allerdings wurde Albrecht in der Bundesrepublik erneut inhaftiert - wegen bewaffneter Banküberfälle. Doch BND-Spezialisten hielten ihre Quelle zur PLO-Ausforschung offenbar für unentbehrlich und fingerten an Albrechts abermaliger Befreiung, dem sonst zehn Jahre Haftstrafe sicher schienen. Kurz darauf war Albrecht wieder auf Lauschstation im Libanon (SPIEGEL 47/1984).

Mit den Kontakten, die Wehrsportgruppen-Hoffmann zur Fatah knüpfte, habe der BND - so reimte es sich Hepp zusammen - mehrere Ziele gleichzeitig verfolgen wollen: *___Spionage gegen die PLO; *___die politische Verleumdung der PLO, »der man damit eine ____Zusammenarbeit mit Neonazis vorwerfen konnte«; *___das Anwerben von Hoffmann-Anhängern, die mit Waffen und ____Sprengstoff aus einem umfangreichen Depot im Süsinger ____Wald bei Uelzen Provokationen an der DDR-Grenze verüben ____sollten.

Spekulationen über vertuschte Geheimdienstaktivitäten waren schon nach dem Süsinger Waffenfund (88 Kisten mit 50 Panzerfäusten, 258 Handgranaten und drei Zentner Sprengstoff) aufgekommen, als die Bundesanwaltschaft die niedersächsischen Fahnder gegen den Willen der Landesregierung aus dem Ermittlungsverfahren drängte und dann die These ausgab, der Aufbau des riesigen Waffenarsenals sei das Werk eines einzelnen gewesen, des niedersächsischen Forstwirtschaftsmeisters Heinz Lembke.

Auch Lembke wurde wenige Tage später erhängt in seiner Zelle aufgefunden.

Vor dem Landgericht Nürnberg, mit seinem Verteidiger Wolfgang BennoVetter.

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