Zur Ausgabe
Artikel 20 / 88
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Anarchie ist Arbeit«

aus DER SPIEGEL 32/1990

Die fünf jungen Männer, die in der Ost-Berliner Polizeiinspektion Prenzlauer Berg Einlaß begehrten, sahen nach Bambule aus. Ihre Lederjacken waren mit Nieten beschlagen, die Füße steckten in schweren Armeestiefeln, die Haare leuchteten in allen Farben des Regenbogens.

Beunruhigt alarmierte der Pförtner seinen Amtsleiter; doch der konnte Entwarnung geben: »Die Herren sind angemeldet.« Polizeiführer Wolfgang Tarnowski hatte die Punks, allesamt Besetzer umliegender Häuser, zur Besprechung in sein Amtszimmer eingeladen, um ihnen eine »Sicherheitspartnerschaft« anzubieten - einschließlich diverser Tips zum Barrikadenbau.

Die Allianz von Hausbesetzern und Volkspolizisten in dem Ost-Berliner Innenstadtviertel ist aus der Not geboren. Am Wochenende, besonders oft nach Fußballspielen im zentral gelegenen Stadion an der Cantianstraße, ziehen rechtsradikale Krawalltrupps durch den Stadtteil. Mit Baseballschlägern und Eisenketten bewaffnet, machen sie Jagd auf Linke.

Polizeichef Tarnowski empfahl seinen Besuchern, sich hinter festverankerten Eisengittern zu verbarrikadieren ("Bindfäden verrotten, und dann kommt der ganze Kram runter"). Außerdem versprach der Polizist, bei einer drohenden Belagerung durch »anrückende Faschos« rechtzeitig Alarm zu schlagen und notfalls zwei Mannschaftswagen zur Hilfe zu schicken. »Wir lassen euch nicht im Stich«, versicherte der Staatsdiener den Verfolgten.

Zu den bevorzugten Angriffszielen der Skinheads gehören jene Häuser im Kiez, die schon an DDR-Flaggen mit Hammer und Zirkel und rotschwarzen Fahnen als linksalternative Wohnungen zu erkennen sind. Die Auswahl an Haßobjekten ist groß: Seit Dezember vergangenen Jahres hat eine bunte Schar von Punks, Studenten und Künstlern nunmehr 55 Gebäude okkupiert. »Wir sind das Kreuzberg des Ostens«, sagt Heinz Krause, Leiter des zuständigen Planungsamtes.

Dieser Getto-Touch zieht die rechten Schläger unwiderstehlich an. Zu welcher Brutalität DDR-Neonazis mittlerweile neigen, zeigte sich, als am Pfingstwochenende rund 100 Skinheads das linke Kulturzentrum »Tacheles« überfielen und mit Molotow-Cocktails bewarfen. Ein 23jähriger wurde dabei von einem Brandsatz getroffen und erlitt schwere Verbrennungen am Oberkörper und im Gesicht.

Unbekümmert riskieren die Glatzköpfe selbst Menschenleben. So schlich kürzlich ein Skin-Kommando in den Keller des besetzten Hauses Kastanienallee 86, beschmierte die Wände mit Hakenkreuzen, legte einen Schwelbrand und riß die Gasleitung auf. Nur die gute Nase eines Frühaufstehers bewahrte die Bewohner davor, zusammen mit ihrem Haus in die Luft zu fliegen.

Aus Angst vor weiteren Anschlägen igelt sich die Szene ein. Die Besetzer des Hauses Schönhauser Allee 20 beispielsweise haben ihr Gebäude zur Festung umgerüstet. Die Eingangstür ist von innen mit Querbalken verstärkt, einzelne Treppenaufgänge sind zusätzlich mit Eisensperren gesichert. Im Hausflur hängen Fangnetze, die über Eindringlingen herabfallen sollen. Besucher müssen sich einer Gesichtskontrolle unterziehen.

Eine sogenannte Antifaschisten-Fahrwache patrouilliert in einem ausgemusterten Lada der Volkspolizei an Krisentagen durch den Stadtteil und meldet alle feindlichen Bewegungen im Viertel an eine Leitzentrale. Der Einsatz von West-Elektronik soll das Frühwarnsystem nun noch effektiver machen: Auf Straßenfesten wird für den Kauf von Funktelefonen gesammelt.

Die Besetzer verteidigen eine Lebensform, die im Westen alltäglich, in der DDR aber bislang weitgehend unbekannt ist. Mit besonderer Härte hatte das Honecker-Regime auf alles einprügeln lassen, was nach Anarchie und Umsturz roch; Wohngemeinschaften und Alternativkultur konnten sich nicht einmal im Ansatz entwickeln.

Seit die Novemberrevolution die senilen Betonköpfe hinweggefegt hat, holt ein Teil der DDR-Jugend das Versäumte nach. Viele Besetzer haben bislang in spießiger Enge bei den Eltern wohnen müssen, nun bietet sich ihnen endlich die Chance zum Abenteuer - kein Wecker und Gemecker, dafür Matratzen auf dem Boden und Che Guevara an der Wand.

Die Voraussetzungen für das Alternativ-Experiment sind gerade im Prenzlauer Berg besonders günstig. Jahrelang hat die Kommunale Wohnungsverwaltung das Viertel verfallen lassen. An vielen Fassaden klaffen noch die Einschußlöcher des letzten Krieges, in den Kellern steht das Wasser. Wer es sich leisten konnte, zog weg.

Von den 96 500 Wohnungen am Prenzlauer Berg müßten 40 000 dringend renoviert werden, über 8000 stehen leer. »Die Situation schreit förmlich nach Besetzung«, sagt Rainer Wilkens von der linken West-Berliner Stadtentwicklungsgesellschaft Stattbau.

Die Wohnungsverwalter, die jahrzehntelang nichts getan haben, tun auch jetzt nichts. Zwar fragt sich der leitende Baudirektor Peter Schejok bei den Punks: »Mein Gott, sind die noch ganz astrein?«, aber dann ist der Mann doch bemüht, aufgeschlossen für alles Neue zu erscheinen: »Wir waren ja noch nie mit dieser Gedankenwelt konfrontiert.«

So bleibt die Miete gestundet, Strom und Wasser zahlt die Stadt. »Wir haben Narrenfreiheit«, frohlockt Andre, 26.

Ihr Programm hat die Ost-Berliner Besetzerszene in einer »Selbstdarstellung« veröffentlicht: Selbstverwaltete Fahrradwerkstätten und Kinderläden sind im Kiez nun ebenso geplant wie »1 Hinterhofcafe (vegetarisch)« oder eine »Food Coop« mit Naturkostprodukten. Selbstverständlich sollen die Hausdächer »begrünt« und der Hausmüll in seine »organischen/anorganischen Bestandteile« zerlegt und dann kompostiert werden.

»Das ist eine 100prozentige Kopie der Kreuzberger Verhältnisse von 1980«, urteilt der West-Berliner Stadtplaner Wilkens: »Die haben die bundesdeutsche Instandbesetzer-Zeit im Fernsehen mitverfolgt und leben das jetzt im Zeitraffer nach.«

So unbeschwert, wie es in den West-Medien zu sehen war, ist allerdings das Besetzerleben in der Realität nicht. Auch die Anarchie muß gut durchorganisiert sein. Die im WG-Leben noch untrainierten Besetzer der Kastanienallee 86 haben deshalb geeignete Maßnahmen ergriffen.

Jeder Bewohner hat zehn Prozent seines Einkommens abzugeben, für die wöchentlich stattfindende Vollversammlung gilt strikte Anwesenheitspflicht. »Wer gar nichts einbringt in dieses Haus«, sagt Andre, »der wird knackhart abgekantet.«

Bis ins Detail sind die »Kompetenzen« der Besetzer geregelt; eine am Hofeingang ausgehängte Liste verzeichnet genau, wer für »Sicherheit/Wache«, für die Verwaltung der Werkzeuge oder die Betreuung der »Volxküche« zuständig ist - Losung: »Anarchie ist Arbeit, Arbeit an sich selbst.«

Damit niemand das revolutionäre Planziel aus den Augen verliert, haben die Bewohner der Kastanienallee Mahntafeln aufgestellt. Auf einem Schild wird an das richtige »Verhalten bei Fascho-Alarm« erinnert: »Kein Alk! Kein Kiff! Alle bleiben im Hof, keine Panik, keine Rambos.« Eine Inschrift im Flur droht bei sozialschädlichem Benehmen Sanktionen an: »Wer in den Hofflur pißt, wird darin gebadet.«

Nicht jedes Verhalten läßt sich jedoch auf Anhieb verändern. Spezifische Trinkgewohnheiten verhinderten vorerst den Einbau eines Sicherheitsschlosses mit Zahlencode in der Vordertür. Einwand eines Bewohners: »Wie soll ich mir denn im Suff die Nummer merken, eh?«

Ausgelassene Feiern und laute Rockmusik verärgern die Nachbarn. Die Mieter eines Hauses in der Kollwitzstraße, in dessen besetztem Erdgeschoß sich eine Kneipe befindet, drohten wegen permanenter Ruhestörung mit Hungerstreik. Viele ältere DDR-Bürger, staatlich verordnete Tristesse unter Honecker gewohnt, stören sich besonders am grellen Anarcho-Ambiente. »Is ja schlimmer wie im Westen hier«, schimpft eine Rentnerin beim Anblick buntbemalter Hauswände.

Die Mehrheit der Anwohner jedoch trägt's mit Fassung. »Wir haben die Freiheit gewollt, und nun müssen wir auch det mit in Kauf nehmen, wa«, gibt der Geflügelhändler im Erdgeschoß der Kastanienallee 86 die Stimmung im Kiez wieder.

Einige Nachbarn zeigen offen ihre Sympathie und bringen Bauwerkzeug, Kleidung und Essen vorbei. Nicht alle Gaben aber werden von den Punks auch entgegengenommen - etwa der Posten Armee-T-Shirts mit Bundesadler, den jüngst eine hilfsbereite Bürgerin anbot: »Ich hab' da auch einen 1a-Lieferanten für Stahlhelme.« Die Frau hatte sich offensichtlich in der Adresse geirrt.

Seit die Obrigkeit im Rahmen der neuen »Sicherheitspartnerschaft« Partei für die Besetzer ergriffen hat, haben sich mehrfach schon Volkspolizisten bei Skinhead-Angriffen in Dreierreihen vor den Häusern postiert. Gut können sich die Bewohner der Kastanienallee noch an den Auftritt eines Hundestaffelführers erinnern, der anläßlich eines Überfalls im hauseigenen »Rat Pup« auftauchte und die verstörten Jugendlichen beruhigte: »Legt euch mal schlafen Kinder, wir machen das schon.«

Solch Engagement hebt das Ansehen der Schutzleute, die sich vor der Wende nachhaltig als Knüppelstaffel in Verruf gebracht haben, und findet auch öffentlich Lob. In einem Aktenordner »Volkspolizei nach der Wende«, in dem die Vopos Zeitungsberichte über ihre Arbeit gesammelt haben, bewahren sie zuoberst einen Leserbrief der »Autonomen Antifa-Gruppe Berlin« an die Junge Welt auf: »Wir zollen den Polizisten auf der Straße für ihren Einsatz am Freitag abend unseren Dank, durch ihren Einsatz konnten weitere Ausschreitungen verhindert werden.«

Der Schulterschluß mit der Volkspolizei ist Beleg dafür, wie sehr sich die ost- von den westdeutschen Besetzern unterscheiden. Äußerlich, in Sprache und Kleidung, kopieren die DDR-Punks die Original-Autonomen, im Innern aber sind sie Vereinsmeier. Für die Vertragsverhandlungen mit dem Bezirksamt wurde beispielsweise ein »E.V. Rote Kastanie« gegründet - mit Vorstand, Kassenwart und Protokollführer, wie es sich gehört.

Die Besetzer der Schönhauser Allee 5 haben sogar eine eigene Partei ins Leben gerufen: die »Autonome Aktion Wydoks«, Monatsbeitrag fünf Mark. Mitglied kann, laut Satzung, jeder werden, »der nicht allzu schlaff und schlapp ist und mindestens 150 Phone Dauerbelastung ohne Probleme an unserer Musikbar übersteht«. Einen ersten Erfolg hat die Punk-Partei bereits erzielt; bei der Kommunalwahl im Mai bekam sie 824 Stimmen.

Die Mentalitätsunterschiede zwischen Ost- und West-Autonomen führten Anfang Juni erstmals zum offenen Knatsch. Auf einer Sitzung des Besetzerrats, zu der auch Abgesandte der Kreuzberger Szene erschienen waren, plauderten die altgedienten Straßenkämpfer aus ihrem reichhaltigen Erfahrungsschatz und forderten: »Kein Wort mit dem Schweinesystem!«

Die Leute vom Prenzl'berg sind jedoch vor allem an dem schnellen Abschluß von Nutzungsverträgen interessiert und zeigten wenig Neigung, sich von den linksradikalen Entwicklungshelfern bevormunden zu lassen. Aljoscha aus der Schönhauser Allee: »Denen fehlt einfach die Sensibilität, zu begreifen, daß sie hier nicht im Westen sind.«

Über Kreuz gerieten die Ost-Besetzer mit den Westlern auch in der Gewaltfrage. Die sanften Anarchisten vom Prenzlauer Berg bevorzugen als Wurfgeschosse Kartoffeln. Entgeistert berichteten West-Autonome in der Untergrundzeitschrift Interim nach einem Abstecher in den Osten: »Wir dachten erst, es gäbe nix anderes; aber weit gefehlt, der halbe Hof lag voll mit Bernburger Pflaster. Als wir mal nachfragten, warum denn Kartoffeln, wurde uns geantwortet, daß sie ja keine Menschen verletzen wollten.«

Mit welchen Waffen sie zu kämpfen gewohnt sind, führten Kreuzberger Autonome ihren Brüdern und Schwestern im Osten Mitte Juni exemplarisch vor. Zu einer »Antifaschistischen Großdemonstration« im Ost-Berliner Stadtteil Lichtenberg rückten 300 Vermummte mit Stahlkugeln, abgesägten Stuhlbeinen und Gaspistolen im Gepäck an. »Wir haben euch was mitgebracht: Haß, Haß, Haß«, skandierte die West-Berliner Clique angesichts herbeieilender Volkspolizisten - dann hieß es Helm auf zum Gefecht.

Gut zehn Minuten dauerte die Straßenschlacht. Zurück blieben 21 verletzte Vopos, 4 ausgebrannte Mannschaftswagen und ein paar hundert geschockte DDR-Linke. Fassungslos hatten die Ost-Berliner Demonstranten registrieren müssen, daß Appelle zur Gewaltlosigkeit bei den Kreuzberger Hardlinern allenfalls Hohngelächter provozierten. »Somit hat die allgemeine Vereinnahmung des Ostens auch die Autonomenszene erreicht«, bilanzierte die Tageszeitung.

Nicht nur linksradikale Umarmungsversuche, auch der Einfluß dekadenter Strömungen bedrohen den Prenzlauer Berg. Einige Besetzer sind bereits den Verlockungen des Kapitalismus erlegen.

So haben etwa die Betreiber der Szene-Kneipe WC ihre Preise westlichem Yuppie-Standard angeglichen. »Die sind total auf dem Business-Trip«, klagt Punk Mercy, 19, über den Bruch der linken Solidarität. »Wenn das hier nicht mehr läuft, dann feten die doch auf Ibiza weiter.« o

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 20 / 88
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel