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IRLAND Anarchistischer Ansatz

Die Regierung hat ein Rauchverbot für alle Arbeitsplätze verhängt. Nun droht ein Aufstand in den Heimstätten keltischer Lebensart: Pub-Besucher sind empört.
aus DER SPIEGEL 41/2003

Als Heinrich Böll in den fünfziger Jahren nach Irland reiste, fand sich der Kölner Kettenraucher auf der Grünen Insel unter Gleichgesinnten wieder. Was die Weltrekorde im »Whiskytrinken und Zigarettenrauchen« angehe, so vermutete der spätere Nobelpreisträger in seinem »Irischen Tagebuch« beglückt, »liegt Irland weit vorne«.

»Denn hier - welch eine Wohltat«, stellte Böll fest, »darf man im Kino rauchen. Es würde wohl einen Aufstand geben, würde man das Rauchen im Kino verbieten.« In diesem Punkt überschätzte der Schriftsteller allerdings den Widerstandsgeist seiner irischen Suchtgenossen. Als die Zigaretten in den Lichtspielhäusern 1990 verboten wurden, blieb die Revolte aus.

Auf die Duldsamkeit der Tabak-Konsumenten setzt die Regierung in Dublin jetzt wieder, wenn sie zu einem wesentlich radikaleren Schlag gegen das Qualmen ausholt. Vom nächsten Jahr an, so hat Micheál Martin, der Minister für Gesundheit und Kinder, verfügt, gilt ein generelles Rauchverbot für sämtliche Arbeitsplätze des Landes. So weit ist noch keine europäische Regierung im Streben nach Volksgesundheit gegangen.

Vom 1. Januar an darf deshalb auch in Restaurants und Pubs nicht mehr geraucht werden - ein Härtefall, wie es ihn auf dem Kontinent bereits in Italien gibt. Während Minister Martin zu einem wahren Kreuzzug gegen die Nikotinsucht aufgerufen hat, laufen Raucher und Wirte Sturm gegen diesen Anschlag auf traditionelles keltisches Brauchtum: Ohne Qualmbegleitung sei das Trinken gar nicht vorstellbar.

Die rund 10 000 Pubs auf der Insel gelten den Iren im ursprünglichen Wortsinn als »öffentliche Häuser": Wohnzimmer, Sozialstationen, politische Bühnen und Nachrichtenbörsen in einem. Der Ort Listowel in der Grafschaft Kerry etwa zählt bei rund 3400 Einwohnern 52 Pubs. In puncto Alkoholkonsum halten die Iren, hinter den Luxemburgern, einen stolzen zweiten Platz in Europa.

Ein besonders stilvoller Tempel traditioneller keltischer Lebensart ist das seit 1792 bestehende »Mulligan's« im Zentrum Dublins, in dem schon James Joyce als Student sein Abendessen verzehrte und John F. Kennedy einkehrte, als er 1945 die irische Hauptstadt besuchte. In den beiden niedrigen Räumen, deren einst weiße Wände und Decken längst nikotingelb sind und langsam ins Tiefbraune wechseln, ist auch wochentags kein Stuhl frei. Die Luft, ein übles Gemisch aus Bierdunst, Schweiß und Rauch, ist atemraubend, die Stimmung gehoben - und natürlich zornig.

Vier ältere Dubliner - zwei paffen Zigarren, einer stopft sich seine Pfeife - erörtern beim unvermeidlichen Guinness das bevorstehende Ungemach. »Es wird schrecklich«, sagt der Mann mit der Pfeife. »Ich weiß nicht, was ich dann machen werde.« Das werde sich schon »auf irische Weise« regeln, versucht ihn ein Trinkkumpan zu beruhigen: »Schlechte Gesetze werden einfach ignoriert.«

Dieser anarchistische Ansatz könnte allerdings kostspielig werden, denn Raucher, die das Verbot missachten, und Wirte, die ihre Gäste weiterrauchen lassen, riskieren Geldstrafen bis zu 1900 Euro. Das Gesetz bestätigt für Gesundheitsminister Martin »die Entschlossenheit der Regierung in der Schlacht gegen die Tabak-Epidemie«.

Martin ließ in einer groß angelegten Studie einmal mehr nachweisen, dass Passivrauchen zweifelsfrei gesundheitsschädlich ist. Das sieht auch Jennifer so, die in dem traditionsreichen Dubliner Pub »Brian Boru« zapft. »Als Nichtraucherin finde ich Maßnahmen gegen das Rauchen eine gute Sache.« Das völlige Verbot hält die Barfrau allerdings für viel zu drastisch.

In diesem Sinne schlägt auch die Vereinigung der Gastwirte Irlands als Alternative zum Totalverbot vor, Raucher- und Nichtraucherzonen einzurichten (wie in Frankreich) sowie die oft schwächliche Ventilation der verqualmten Etablissements zu verbessern. Die Wirte wehren sich zudem mit einer von ihnen in Auftrag gegebenen Studie, nach der durch das Rauchverbot über 60 000 Jobs im Gaststättengewerbe in Gefahr gerieten und dem Staat Steuerausfälle bis zu einer Milliarde Euro drohten. »Wenn das wirklich durchkommt«, so der Übersetzer Harry Rowohlt, der zugleich - im Nebenberuf - als offizieller »Botschafter des irischen Whiskey« wirkt, »dann hat Irland verspielt.«

Die Regierung will aber keinen Kompromiss eingehen, sondern berät derzeit nur noch darüber, ob das Rauchverbot auch für die Insassen der Gefängnisse und psychiatrischen Anstalten gelten sollte.

»Unsere verdammte Regierung will sich als Musterknabe in der EU aufspielen«, grollt im Dubliner »Gravediggers« (Totengräber) ein Chemiker, der mit Guinness und Zigarette in der Hand apodiktisch feststellt: »Das Pint und die Fluppe gehören nun mal zusammen.« Er rechnet damit, dass das Verbot sich nur sehr langsam etablieren lässt, wenn überhaupt, und von ernsthaften Konfrontationen zwischen Barkeepern und renitenten Rauchern begleitet sein wird.

Auf die Dauer, so seine realistische Prognose, »werden die Raucher einfach ihr Glas nehmen und sich vor dem Pub auf der Straße eine anstecken - so wie das schon jetzt alle machen, die Marihuana rauchen«. MICHAEL SONTHEIMER

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