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SHANGHAI Anbei die Hosen

aus DER SPIEGEL 27/1950

Die in der ganzen Welt berüchtigte und so betitelte 'Deutsche Krankheit' sollte man noch mehr bestrafen und dem amerikanischen Beispiel folgen, daß alle im Ruf der Homosexualität stehenden Regierungsbeamten entlassen werden.« Das empfahl Schriftstellerin Ada Baronin von Böselager Kanzler Adenauer brieflich.

Als Protest auf gewisse Bestrebungen, den § 175 des Strafgesetzbuches zu lockern. Ada von Böselager ist entschieden dagegen, »da ich selbst Opfer einer homosexuellen Verbrecherclique in China wurde«.

Dann packte sie ihre Koffer und reiste in die Alpen. Nur die Polizei weiß, wo sie das Doppelzimmer für sich und Söhnchen Henning bestellte, um sich jetzt von den Schatten dunkler Jahre zu erholen.

Doch Hennings Bett wird leer bleiben. »Ich hatte fest daran geglaubt, ich könnte ihn mitnehmen. Aber sie halten ihn weiter gefangen«, jammert die geprüfte Mutter. Sie hat ihren achtjährigen Jungen und ihre elfjährige Tochter Heidi seit sechs Jahren nicht gesehen.

Der ganze Jammer begann schon bald nach der Berliner Olympiade 1936. Damals lernte Ada von Böselager den schwarzhaarigen Eduard Obenaus kennen. Der war Buchhändler und Verleger in Shanghai, 15.22/40 Bubbling Wellroad. Als sie in der Neujahrsnacht 1939 Berlin den Rücken kehrte, war sie schon seine Braut.

Drei Wochen später verließ sie auf der »Conte Biancamano«, zusammen mit tausend jüdischen Flüchtlingen, den Hafen von Genua in Richtung Shanghai. Am 26. Februar 39 wurde in Manila Hochzeit gefeiert Es war Adas zweite Trauung. Die 1934 geschlossene erste Ehe mit einem Leipziger Philosophen krachte bald.

»Vernunftehe« nennt sie die Verbindung mit dem Shanghaier Buchhändler heute. Das burgfräuliche Leben auf der väterlichen Wasserburg war ihr nach der ersten Scheidung schnell leid geworden. Dann trug sie selbstverfaßte Zoologie-Artikel auf Berliner Zeitungsredaktionen. Und entdeckte während der Sudetenkrise ihr pazifistisches Herz. Fester Entschluß: »Europa verlassen, bevor es Krieg gibt.«

Zwei Tage vor Weihnachten 39 kam in Shanghai Tochter Heidi zur Welt. Und einige Zeit später, als Pg. Obenaus in das Shanghaier Informationsbüro des Barons Jesko von Puttkammer eingetreten war, die Gewißheit: Ihr zweiter Mann ist schwindsüchtig und 175er dazu.

»Wie die ganze Clique um Puttkammer«, erzählte sie ihren jüdischen Bekannten. Die wußten schon Bescheid. Zweimal verlangte sie ihre Scheidung. Eduard lehnte ab. Die Baronin wollte sie erzwingen. Mittel dazu: Baby Klein-Henning.

Damit schickte sie Obenaus 1942 in den April. Hennings Vater: Ein Südeuropäer, den Obenaus mit Namen und von Ansehen kannte, hatte dem 175er Hörner aufgesetzt. »Ich wollte nicht, daß auch mein zweites Kind von einem Nazi, Homosexuellen und Schwindsüchtigen stammt«, rechtfertigte die Baronin ihren Fehltritt.

Anfang November 42 sagte Obenaus zu seiner Frau: »Ich schieße Dich über den Haufen, wenn Du weiter erzählst, daß der Junge nicht von mir ist!« Das sei nur ein Versuch, sich ein Alibi gegen § 175-Verdächtigungen zu verschaffen, meinte Ada.

Indessen schickte ein deutscher Rechtsanwalt in Shanghai die Scheidungsklage via AA an das für solche auslandsdeutsche Privatklagen zuständige Landgericht Berlin. Dort wurde die Ehe am 15. 1. 43 aus. Verschulden des Mannes geschieden. Kurz darauf bescheinigte Shanghais deutscher Vizekonsul Eugen Betz Frau Ada schriftlich: »Nach einer telegraphischen Mitteilung aus Berlin ist das Fürsorgerecht für ihre Kinder Adelheid (Heidi) und Henning Obenaus durch Beschluß des Amtsgerichts Berlin Ihnen übertragen worden.«

Eduard Obenaus beantragte darauf bei Generalkonsul Martin Fischer, über Berlin dafür zu sorgen, daß Ada die Kinder wieder genommen würden. Weil sie »ungeeignet« sei, »die Kinder körperlich, geistig und sittlich im Sinne des Nationalsozialismus zu erziehen«.

Einmal schleppte er sogar Hennings Spielhosen mit zum Rechtsanwalt, weil er sie zu schmutzig fand. Als er am Abend nach Haus kam, suchte er vergeblich sein Bettzeug Seine geschiedene Frau hatte es durch ihre chinesiche Dienstbotin konfiszieren lassen. Auf den Matratzen lag ein Zettel: »Erst die Hosen, dann das Bettzeug.«

Obenaus gab nach: »Anbei die Hosen des Herrn von Böselager, wenn bis acht Uhr mein Bettzeug zurück.« Diesen Zettel- bewahrte sich die Baronin auf - wegen der Worte: »... des Herrn von Böselager.« »Damit gibt Obenaus zu, daß er nicht der Erzeuger des Kindes Henning ist.«

So lag man im Krieg. Während die Baronin einen Roman über die ersten Lebensjahre von Heidi schrieb, machte ihr zweiter geschiedener Mann ihr das Leben schwer. Sie hatte viele jüdische Freunde, eine jüdische Sekretärin, einen jüdischen Rechtsberater. Von ihnen erfuhr sie, was in der Great Western Road Nr. 7 in Puttkammers Informationsbüro vor sich ging: Orgien und Nackttänze von 11 Uhr abends bis 5 Uhr morgens. Die Juden wußten auch, wer den 175ern »Freunde« besorgte.

Inform-Chef von Puttkammer bekam einen roten Kopf, als die Baronin durchblicken ließ, was sie wußte. Im Hotel Edgewater Mansioph in Tsingtau hatte er sie gestellt und gedroht: »Ihr jüdischer Rechtsbeistand ist ein Sowjetagent. Wenn Sie mit einem Staatsfeind zu tun haben, wissen Sie ja, was Ihnen passiert. Erst ein Verfahren, und dann sind Sie die längste Zeit Deutsche gewesen!«

Einige Wochen später nahm Tsingtaus deutscher Konsul Hans von Saucken sie in die Zange: »Wenn Sie jetzt nicht ganz ruhig sind, werden wir Ihrem Handwerk für immer ein Ende machen.« Zur Abschreckung zogen Konsul Menne und Gestapochef Charlie Schmidt in Peking ein Verhör auf.

Nur Generalkonsul Fischer hielt sich zurück. Am 21. Dezember 44 beruhigte er die Mutter: »Das Vormundschaftsgericht Berlin hat Ihnen seinerzeit das Fürsorgerecht für Ihre Kinder übertragen. Es besteht vorerst keine Veranlassung, an diesem Recht etwas zu ändern.«

Aber schon in den nächsten Tagen setzten Ortsgruppenleiter Pg. Küther und Landesleiter Lahmann, beide von der braunen Auslandsorganisation, den Generalkonsul unter Druck. Am 30. Dezember 44 war es dann so weit ...

Ada von Böselager wollte gerade auf dem Bubbling Wellroad in Shanghai, gegenüber der Apotheke Kofe, mit Heidi und Henning in eine Rikscha steigen, da riß die »dicke Amah«, eine eingeborene Kinderfrau (von Obenaus instruiert), die Kinder wieder zurück und rief: »Babies belong master« Es gab einen großen Auflauf. Bis Shanghaier Polizisten die Baronin. Amah und die Kinder auf die nächste Polizeistation brachten.

Dort telephonierte ein von Obenaus gecharterter Privatdetetiv sofort mit Generalkonsul Fischer. Kurz darauf preschte Konsulatsangestellter Charlie Maslick mit einem Konsulatsauto vor die Polizeistation, packte die Kinder ein und fuhr davon. Seitdem hat die Mutter ihre Kinder nicht mehr wiedergesehen Sie wurden buchstäblich geshanghait.

Erst im 46er Juli erfuhr sie, daß Obenaus die Kinder per Schiff mit nach »Hunger«-Deutschland genommen hat. Die Ueberfahrt habe er mit Bestechungsgeldern organisiert, erzählte er später Freunden. Informations-Chef Puttkammer und Freunde wanderten nach dem »Klein-Nürnberger« Spionageprozeß (Juli 1946 bis Januar 1947) in Shanghai*) ins Landsberger Kriegsverbrecher-Gefängnis.

Ada von Böselager saß weiter in Shanghai fest. Weil sie nicht auf der NS-Deportationsliste stand und die Reise nach Deutschland auch nicht selbst bezahlen konnte Zwei Jahre lang schrieb sie auf ihrem Zimmer im Juden-Ghetto, 67 Chason-Road, genannt »Cohnfürstendamm«, Briefe nach Deutschland, um ihre Kinder zu suchen. General Clay sicherte über das State Department schriftlich Untersuchung zu. Am 1 Oktober 1948 meldete die Schweizer Internationale Frauenorganisation ("International Service") Heidi und Henning in Dollbergen über Lehrte-Hannover, Haus 49. Zuständiges Amtsgericht: Burgdorf. In Dolbergen lebten sie bei Obenaus' Schwester Anna Maria Ohlhorst.

»Die Angelegenheit wird untersucht«, schrieb das Amtsgericht Burgdorf sechs Wochen später nach Shanghai. Bald darauf bekam die Baronin einen offiziellen IRO-Paß als »Flüchtling deutscher Nationalität« mit monatlicher Unterstützung. Als einzige Deutsche in China, die nicht »displaced Person« war.

Die IRO besorgte ihr 1949 im Frühjahr auch das Gratisbillett für die Heimreise. Nach Ankunft in Deutschland beantragte sie beim Amtsgericht Burgdorf:

*) Jeske von Puttkammer und seine Gehilfer, wurden angeklagt, auch noch nach dem Kriege vom 8. 5. 45 bis 15 8. 45 Spionage für Japan getrieben zu haben. Puttkammer wurde zu 30 Haftjahren in Landsberg verurteilt. * Obenaus die Kinder sofort abzunehmen. ("Bei einem Homosexuellen sind sie sittlich gefährdet«.)

* Die Unehelichkeitserklärung für den zweitgeborenen Sohn Henning.

Doch das Amtsgericht Braunschweig entschied: »Bis auf weiteres haben die beiden Kinder bei ihrem Vater zu bleiben, da der Aufenthalt der Mutter, der früher das Sorgerecht übertragen war, unbekannt ist.« Obwohl die Baronin vorher vom selben Amtsgericht Post an ihre dem Gericht durchaus bekannte Anschrift: Wiesbaden, Wilhelmstraße 38, erhalten hatte.

Am 9. Januar 50 schlug Ada von Böselager zurück: Sie zeigte ihren zweiten geschiedenen Mann offiziell bei der Wiesbadener Kripo wegen krimineller Delikte an: Verstoß gegen Paragraph 175. Urkundenfälschung, Unterschlagung und Menschenraub (Kindesentführung).

Drei Monate später kassierte das Amtsgericht Braunschweig seine Verfügung über die entführten Kinder und ordnete interimsmäßig an: »Bis auf weiteres wird dem Jugendamt Braunschweig das Recht übertragen, den Aufenthalt der beiden Kinder zu bestimmen ... der Aufenthalt der Mutter war längere Zeit unbekannt ... inzwischen ist sie in ein Zimmer der Taunusstraße 31 in Wiesbaden gezogen. Da somit keine Gewähr besteht, daß sie zur Zeit auch nur eines ihrer Kinder ordnungsgemäß bei sich unterbringen und versorgen kann, darf sie ihr Sorgerecht nicht ausüben.

»Andererseits aber können die Kinder auch vom Vater nicht versorgt werden, da dieser zur Zeit wegen Tbc in einem Braunschweiger Krankenhaus liegt.«

Jetzt schickte die Baronin den Durchschlag ihres Protestes beim Amtsgericht direkt an Bundesjustizminister Dehler. Der gab die Akten seinem Kollegen Hofmeister in Niedersachsen eilig ab. Am 15. 1. 50 lehnte die Staatsanwaltschaft Braunschweig die Unehelichkeitserklärung von Henning ab, weil sie nicht »im öffentlichen Interesse« liege.

»Im Falle einer erfolgreichen Durchführung der Klage würde das Kind als unehelich gelten, ohne daß zugleich sein wirklicher Erzeuger festgestellt werden kann, weil dieser namentlich nicht bekannt ist. Das Kind würde zugleich seinen gesetzlichen Unterhaltsanspruch gegen seinen Vater verlieren. Da aber keine Möglichkeit besteht, den außerehelichen Erzeuger zur Unterhaltsleistung zu verpflichten, wird es im Bedürfnisfalle der öffentlichen Fürsorge zur Last fallen. Die Klageerhebung liegt somit nicht im Interesse des Kindes.«

»Der Name des unehelichen Erzeugers ist Obenaus ebenso bekannt wie mir«, beschwerte sich die Baronin über den Beschluß. Im übrigen fiele das Kind auch nicht der öffentlichen Fürsorge zur Last, da der Vater es unterhalten werde.

Ada von Böselager löste sich eine Karte nach Bonn, um »bei den höchsten Behörden Protest zu erheben«. Der zuständige Referent zuckte im Namen des Bundesjustizministeriums die Achseln, Dafür sei Minister Hofmeister in Hannover zuständig; er wolle ihm die Unterlagen schicken.

Am 14. Juni meldete sich ein Herr Becker vom Fürsorgeamt in der Taunusstraße 31. Die Baronin meinte, er wolle endlich ihre Wohnung inspizieren und ihr die Kinder bringen. Aber Becker zeigte nur ein Schreiben des Fürsorgeamtes der Stadt Braunschweig vor:

»Ihr Sohn Henning wird ab 25. 5. 50 aus Fürsorgemitteln fortlaufend monatlich in Höhe von 3,20 DM durch Gewährung von Heimpflege unterstützt.« Das Kind lebt jetzt in einem Kinderheim Augusta-Bad Harzburg, Emsbergerstraße 10. Ob Frau Baronin die ganzen Unterhaltskosten (außer 3,20 DM) zahlen oder ob sie nur einen Teil dazu beitragen könne.

Ada von Böselager verlor die Nerven: »Das ist Erpressung, der Staat will ein Geschäft mit meinem Kinde machen; die bekommen keinen Pfennig, weil ich mittelloser Flüchtling bin und von meinem Vater unterhalten werde und weil das Kind nicht dem Staat gehört, sondern mir!«

Das letzte, was Ada vom Amtsgericht Braunschweig hörte, war die Mitteilung vom 17. Juni, daß ihre Beschwerde gegen den letzten Beschluß in der Fürsorgesache »jetzt zur Entscheidung dem Landgericht Braunschweig vorgelegt« werde.

Ada legte dem Amtsgericht Braunschweig eine neue dicke Beschwerde gegen die Verschleppung der Ehelichkeitsanfechtungsklage ein. Dann packte sie ihre Koffer. »Weil ich nicht mehr kann, es sind doch schließlich meine Kinder. Warum werden sie mir vom Staat vorenthalten?«

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