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Andrang vor der Schlimmen Straße

aus DER SPIEGEL 4/1948

Bei »Puhlmanns« in Pankow und in anderen Kinos des Berliner Sowjet-Sektors steht man bis weit auf die Straße in dicken Schlangen nach Karten an. Aus der Trümmerwirklichkeit läßt man sich bereitwillig selbst in so unerquickliche Familienverhältnisse entführen, wie sie in der düsteren Sägemühle an der »Schlimmen Straße« herrschen: Die Defa hat Josef v. Bakys Verfilmung des Bestsellers »Via Mala« von John Knittel herausgebracht.

Der Ufa-Film war 1944 noch fertig geworden und auf dem flachen Land noch gezeigt worden. Doch zu einer eigentlichen Premiere kam es nicht mehr. Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Regisseur und Goebbels über einige gewünschte Aenderungen waren daran schuld.

Den Russen fiel im Mai 1945 das Negativmaterial in die Hände. Sie übergaben es der sowjetisch lizenzierten Defa, die den Film »fertigstellte«. Herr v. Baky, heute Lizenzträger der amerikanisch lizenzierten Objektiv-Film, wurde nicht befragt, ob ihm die Neufassung gefiele.

Wiederum ohne Premiere, ohne Ankündigung durch die Presse, hat die Defa den Film in ihr Verleihprogramm aufgenommen. Der Mangel an deutschen Filmen ist in der Ostzone groß. Andererseits ist der Schweizer Knittel nicht gerade der Inbegriff eines klassenbewußten Drehbuchautors, sein Stoff riecht dumpfig nach Blu-Bo, und unter den Darstellern ist Malte Jäger, dem der Berliner »Sozialdemokrat« vorwirft, im Frühjahr 1945 im Reichssender Berlin zum Barrikadenkampf ermuntert zu haben. Der neue Vorspann nennt seinen Namen nicht.

»Via Mala«, »nach Motiven des gleichnamigen Romans«, Drehbuch: Thea von Harbour. Ein Biest von einem jähzornigen alten Trunkenbold kommt um. Vielleicht war es ein Unfall, aber die sechs Familienmitglieder, die ihn gleichermaßen haßten, verdächtigen sich untereinander, ihn umgebracht zu haben. Und der junge Amtsrichter, der die blonde Sägemüllerstochter heiratet, fühlt sich bemüßigt, den ganzen Fall noch einmal aufzurollen.

Anders als bei Knittel geht die Sache gut aus. Der Mörder findet sich (außerhalb der Familie!): schließlich ist es kein Kriminalfilm, also hat ihn jeder Kenner bereits lange vorher durchschaut.

Der Regisseur hat das Ganze in eine bedrückend niedere Bauernstube, in das bedrohlich klappernde Auf und Ab des Sägewerks und in ein etwas gar zu gepflegtes Dortwirtshaus gestellt. Dazwischen entspannende Berglandschaften und immer wieder ein tosender, stürzender Gießbach, sozusagen der Hauptdarsteller.

Von der heißen, ungesund faszinierenden Atmosphäre von Knittels Roman, der begehrten »pièce de résistance« aller Leihbüchereien, ist trotz aller Bemühungen nicht viel auf die Leinwand gekommen. Am ehesten in Hilde Körbers verklemmter und verschlossener Hanna.

Viktor Staal und Karin Hardt: das genormte Filmliebespaar. Nicht einer im Film macht sich die Mühe, etwas alpin zu wirken. Carl Kuhlmann und Albert Florath sind besonders norddeutsch ausgefallen.

Die photographische Gesamtleitung hatte Karl Hoffmann, einer der Großen der Filmkunst: »Dr. Mabuse«, »Die Nibelungen«, »Faust«, »Der Kongreß tanzt«. Der inzwischen verstorbene Meister spielt manchmal allzu kühn auf seinem technischen Instrument.

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