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RUDOLF AUGSTEIN Andreotti im Kühlschrank

Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 39/1984

Italien, du hast es besser. Jenseits der Alpen reden sie unbefangen vom »Pangermanismus«. Was hat es damit auf sich?

Vor 1914 war der junge Staat Italien mit den beiden Kaiserreichen Deutschland und Österreich-Ungarn verbündet: freiwillig, sollte man meinen. Daß sich König und Regierung aus dem Krieg dann heraushielten, kann man ihnen, angesichts ihrer langen ungeschützten Küsten, nicht verdenken. Warum dann aber stürzten sie sich 1915/1916 gegen die Germanen in den Krieg? Um Eroberungen in nicht-italienischen Gebieten zu machen.

Das gelang, siehe Südtirol, wo zwar keine Germanen, aber deutsche Tiroler wohnten und mehrheitlich noch wohnen. Es gelang auch nur teilweise, man gab ihnen nicht das von Slawen bewohnte Dalmatien.

Keine der kriegführenden Mächte hat während des Krieges so viele geflohene Soldaten erschießen lassen wie die spätere Siegermacht Italien, das sich dann bei der Verteilung der Siegesbeute benachteiligt fühlte.

Aus den Wirren dieses unnötigen und ruinösen Krieges ging Mussolinis Faschismus hervor, installiert von König und Kirche. Von wem wurde dieser populäre Diktator 1940 an der Seite der großdeutschen Arier in den Krieg getrieben? Nicht einmal von Hitler, sondern von großmäuliger Beutesucht. Man wollte nicht »noch einmal« beim Raub fremder Länder zu kurz kommen.

Wie am Kriege, so waren die Italiener, nachdem sie sich Südtirol und Triest gesichert hatten, auch an der Außenpolitik nicht mehr sonderlich interessiert. Dem Reisestaatsmann Kissinger fiel auf, daß man bei Besuchen in Rom hauptsächlich auf das gemeinsame Photo bedacht war. Ein Gespräch über Außenpolitik sei dem jeweiligen Außenminister unter Umständen langweilig erschienen: »Ich wähnte mich besonders erfolgreich, wenn es mir gelang, Aldo Moro wachzuhalten.«

Und genau dieses liebenswert gewordene Volk wollen CDU und CSU im Verfolg eines surrealistischen Zieles bei der Stange halten. Die Italiener sollen, zusammen mit ähnlich motivierten Patrioten aus den USA, England und Frankreich, die Wiedervereinigung in den Grenzen von 1937 erreichen helfen.

Wieder soll die europäische Landkarte wie im guten alten Europa des 19. Jahrhunderts umgestülpt werden, nur diesmal »friedlich«. Da lacht nicht nur der kirchlich geschulte Außenminister Andreotti von der Democrazia Cristiana, da lachen die Hühner des Capitols (und die Gänse des Kapitals). Auch andere Italiener wollen ihren Verstand »nicht in den Kühlschrank legen« (Andreotti).

Dabei sind die Italiener unsere am wenigsten problematischen Verbündeten. Sie wollen nur kein »machtvolles«, weil neuvereintes Deutschland, wollen nicht diese enorme Wirtschaftsmacht in Mitteleuropa, und vor allem keine dem Frieden abträglichen Unruhen. Hier sind sie mit all unseren Nachbarn einig.

Geht es aber darum, den DDR-Gewaltigen ein Schlückchen Elbwasser abzutreten; darum, die kafkanische Erfassungsstelle für DDR-Verbrechen in Salzgitter abzuschaffen; darum, daß der Bundespäsident Ost-Berlin, die derzeitige Hauptstadt der derzeitigen DDR, besuchen darf; darum, daß wir der DDR für ihre Bürger eine eigene Staatsbürgerschaft zugestehen (was ja nicht heißt, daß DDR-Bürger unsere Staatsbürgerschaft nicht jederzeit und bedingungslos erwerben können, wenn sie dafür ihre DDR-Bürgerschaft aufgeben): Geht es, in Andreottis Worten, um die »guten Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten«, so werden die Italiener unsere einzigen Kontrahenten in West und Ost ohne Mißtrauen sein. Alle anderen verfallen dann in Hysterie.

Nämlich, das sind für die Italiener, die sich an ihrer sogenannten Innenpolitik voller Inbrunst festhalten, exotische Dinge, »Nachrichten von einem fernen Planeten« (Kissinger), recht abgelegen und uninteressant.

Die Politik der Bundesregierung auch in dieser Affäre zu kommentieren, fehlt einem die Lust. Es gibt, wie auch in den meisten anderen Bereichen, keine Politik der Bundesregierung, sondern, sieht man hier von Genscher ab, allenfalls unverantwortliches, manchmal sogar Nazi-Gerede. Das deutsche Geschwätz stärkt den Zusammenhalt im Ostblock, wogegen man gerechterweise nichts einwenden kann. Nur, das ist nicht beabsichtigt. Auch hier vor allem gilt: Wir werden von inkompetenten Heuchlern und Schwätzern regiert. Wohl dem, der sich das alles leisten kann.

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