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Briefe

ANERKENNUNGSPARTEI
aus DER SPIEGEL 46/1967

ANERKENNUNGSPARTEI

(Nr. 43/1967, Rudolf Augstein)

Da offensichtlich Kiesinger außenpolitisch in der bewährten Sackgasse seiner Vorgänger weiter auf der Stelle tritt, schuf er nun in der letzten Bundestagsdebatte die »Anerkennungspartei«, als deren logischer Führer Rudolf Augstein anzusehen ist. Es beruhigt mich sehr, daß in dieser Frage nun Augsteins oft propagierte Gedanken verwirklicht werden sollen. So kommen wir endlich zu einer realen Einschätzung der Lage, ob sie uns gefällt oder nicht.

Neu-Isenburg (Hessen) JOACHIM BRECKLE

IHR ARTIKEL IST DAS ERSTE DEUTSCHE STAATSMÄNNISCHE WORT SEIT VIER JAHRZEHNTEN

Grimbergen (Belgien) DR. PAUL VAN VRECKEM

Ich bin Herrn Kiesinger außerordentlich dankbar, daß er die Anerkennungspartei ins Leben gerufen hat. Gab er damit doch allen, die sich nach Bildung der Großen Koalition im Bundestag nicht mehr vertreten fühlen, eine neue politische Heimat.

Hannover GERHARD SABOROWSKI

Unsere anerkennungsgeilen Schwätzer und Schreiberlinge sollten sich doch der Tatsache nicht verschließen, daß sie auch von polnischen und tschechischen Patrioten als ganz erbärmliche Wichte verachtet werden. Leute mit dem so pointierten Eifer wie er von Augstein, Ruhm und Konsorten bei jedem Atemzug vernehmbar ist, werden im östlichen Lager -- und nicht nur dort -- schlechthin als das angesehen, was Lenin unter der Bezeichnung »nützliche Idioten« verstanden haben will.

Völklingen (Saarland) MATTHIAS HOLZHAUSER

Es ist unvorstellbar und zum Verzweifeln. Wir haben eine Bevölkerung, die viel weiter ist als ihre Politiker, aber trotzdem unbelehrbar, eigensinnig und unentwegt Leute ins Parlament und damit in die Regierung wählt die sich nur durch Unfähigkeit, Rückständigkeit und Unwahrhaftigkeit auszeichnen. Dabei stünde uns doch Herr Augstein zur Verfügung, dieses gottbegnadete Talent, diese einmalige Mischung von Bismarck, Lenin und Churchill. Dazu noch katholisch. Was gäbe das doch für eine Wundermannschaft: Die Herren Nannen, Rubin, Dutschke, dazu Tante Haffner und die feurige Dame Hamm-Brücher.

Ansbach (Bayern) WALTER GANITTA

Sie haben ja so recht mit Ihren Ausführungen, besonders mit dem Hinweis auf den Verzicht von de Gaulle und Attlee auf mehr oder weniger mit Gewalt angeeignetes Kolonialgebiet. Es ist ja bekannt, daß Ost- und Westpreußen reine Kolonien der bösen Preußen waren, nicht wahr?

Bensberg (Nrdrh.-Westf.) K. v. KLITZING

Ich frage mich allen Ernstes, ob man überhaupt noch eine Regierung anerkennen kann, die eminent wichtige politische Fakten, wie zum Beispiel die Existenz der DDR, nicht anerkennen will.

Wiesens (Nieders.) HEINRICH BEERHUIS

Warum Ihre Anerkennungsbestrebungen? In der SBZ besteht ein politisches System, das, wie Sie kaum leugnen können, fast ausschließlich von sowjetischem Militär, Stacheldraht. MG-Posten und Minensperren getragen wird. Mit anderen Worten ein Staat, der auf Gewalt und Unrecht aufbaut. Diesen

Staat wollen Sie nun juristisch anerkennen, das heißt, ihn völkerrechtlich endgültig als gut und rechtens erklären. Damit hätten Sie sämtliche Verstöße der Zone gegen die allgemeinen Menschenrechte, von der blutigen Niederschlagung des Aufstandes am 17. Juni über die Zwangskollektivierung bis zur bestialischen Ermordung Hunderter unschuldiger Deutscher an der Mauer und Zonengrenze, legalisiert. Sie wären damit zum »Schreibtischmörder« avanciert.

Schleswig H. V. WAHL

Ich bin Kommunist. Aus diesem Grunde ist es für mich unmöglich, dieses Duodez-Fürstentum, das einige Leute DDR nennen, anzuerkennen. In diesem Teil Deutschlands herrschen von der imperialistischen Besatzungsmacht eingesetzte Lakaien, die als Staatsparasiten auf Kosten der Arbeiterklasse leben.

Braunschweig H. HANKER

Ich komme noch aus dem vorigen Jahrhundert und bin noch in den bis 1918 deutschen Städten Mülhausen (Elsaß) und Sohrau (Oberschlesien) zur Schule gegangen. Geboren bin ich in unserer heutigen östlichen Grenzstadt Göttingen. Die Verschiebungen auf der Landkarte sind Ergebnisse deutschen Größenwahns gepaart mit politischem Schwachsinn. Unsere heutige Politik ist ein Konglomerat von Unwahrheit. Schwachsinn und innerer Feigheit. Gemessen an den bisherigen gewaltigen politischen Veränderungen auf unserer Erde in diesem Jahrhundert wäre der Fall, daß die Deutschen statt zwei Staaten nach einer dritten, ihretwegen entstandenen Katastrophe gar keinen mehr hätten, durchaus nichts Unvorstellbares.

Bremen OTTO BECKMANN

Das Pendant zur »Anerkennungspartei« war und ist in Deutschland seit 1917/18 die unter wechselnden Vorzeichen auftretende, gleichwohl die »Kontinuität des Irrtums« (Fritz Fischer) repräsentierende, pseudopatriotische Nicht-Anerkennungs-, sprich Durchhalte-Partei. Ihre Charakterisierung durch den bedeutenden liberalen Religionssoziologen und Philosophen Ernst Troeltsch Mitte November 1918, unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Reiches, ist, in umständebedingter Abwandlung, nach wie vor gültig:

»Es war nun einmal so: die herrschenden Schichten wollten nur das Entweder-Oder, radikalen Sieg oder radikale Niederlage. Den Eroberungsgedanken versteckte man dabei hinter dem Prinzip der notwendigen Sicherung und beschimpfte jeden Gegner dieser »Sicherungen' als unpolitischen Schwachkopf. Alle Anregungen zu einem Mäßigungsfrieden, mochten sie van innen oder van außen -- es hat auch an den letzteren, verhältnismäßig recht günstigen nicht gefehlt -- kommen, waren von Hause aus totgeboren. Generalstab und Bürgertum wollten unter keinen Umständen einen Kompromiß, auch auf die äußersten Gefahren hin nicht; von den Massen nahm man an, sie würden bei rücksichtsloser moralischer Bearbeitung bedingungslos folgen, und gegen warnende Stimmen wurde moralischer Terror oder auch physischer Zwang ausgeübt« (Ernst Troeltsch, Spektator-Briete. Aufsätze über die deutsche Revolution und die Weltpolitik 1918 1922.)

Saarbrücken DR. ACHIM V. BORRIFS

... ist uns allen klar, daß nach einer Anerkennung der DDR die Lebensbedingungen unserer Landsleute in Mitteldeutschland gebessert werden könnten. Ich schlage deshalb vor, daß alle Bürger Westdeutschlands abstimmen sollten, ob die DDR anerkannt wird oder nicht.

München GERHARD GOERKE

Ich beantrage hiermit meine Aufnahme in die »Anerkennungspartei«. Ich werde mich sehr geehrt fühlen, in einem solchen Kreis nach Kräften mitarbeiten zu dürfen.

Singen (Bad.-Württ.) TIL ZIESE

... schlage vor, daß im SPIEGEL ein Raum bedruckt wird mit der Frage: Fühlen Sie sich als Mitglied der Anerkennungspartei? Das sollte dann unterschrieben und auf eine Postkarte geklebt an Sie eingeschickt werden.

Esslingen (Bad.-Württ.) WERNER KANDLBINDER

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