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Briefe

Anfall von Zerstörungswahn
aus DER SPIEGEL 26/1992

Anfall von Zerstörungswahn

(Nr. 23/1992, SPIEGEL-Titel: Abitur für alle?)

Wo bleibt das (humanistische) Bildungsideal, wonach Bildung das einzige und vielleicht höchste Ideal ist, das dem Menschen Würde und Schwere gibt? *UNTERSCHRIFT: Breisach (Bad.-Württ.) MARCUS WAGNER

Endlich wird mit der Legende vom superschweren bayerischen Abitur und vom Zentralabitur als Nonplusultra-Lösung aufgeräumt. *UNTERSCHRIFT: Bad Salzuflen (Nrdrh.-Westf.) DANIELA MEIER Abiturientin

Nach eingehender Diskussion mit Mitschülern, die ebenfalls den Artikel gelesen haben, sehe ich kaum noch eine Chance, mit den bisherigen Leistungskriterien an den Gymnasien einen sicheren Studienplatz zu ergattern. Solange man ohne Latein und mit dem Leistungskurs Kunst Medizin studieren kann, wird sich an diesem Bild wohl kaum etwas ändern. *UNTERSCHRIFT: Aachen ELMAR A. J. BRAUN

Was würde es dem Abitur nutzen, wenn wir Schüler lateinische Aufsätze schrieben? *UNTERSCHRIFT: Berlin NILS CARRARA Schüler

Ich kann nur hoffen, daß das amerikanische Bildungssystem der Oberschulen eines Tages so intensiv und exklusiv wie das deutsche werden wird. Nehmen Sie das Abitur nicht als selbstverständlich hin. *UNTERSCHRIFT: Pittsburgh (USA) ANNE McCLURE

Diskussionen über ein zentralisiertes Abitur, die Einführung von Deutsch, Mathematik und einer Fremdsprache als verbindliche Prüfungsfächer oder gar die Schaffung »neuer Fachabiture« lassen mich als ehemalige DDR-Bürgerin nur milde lächeln. Hier wird wieder einmal versucht, etwas vollkommen neu zu erfinden (und sich dafür beweihräuchern zu lassen), was andernorts schon eine Selbstverständlichkeit ist oder war und in einem gewaltigen Anfall von Zerstörungswahn gegen alles Alte und Bewährte abgeschafft wurde. *UNTERSCHRIFT: Bonn ANJA KRETZSCHMAR

Als lästiger Konkurrent aus dem Osten zu gelten - damit läßt es sich ohne Herzdrücken leben. Aber als Abiturient mit »minderwertigem Abitur« bezeichnet zu werden zeugt von grenzenloser Ignoranz und fehlendem Durchsichtsvermögen des Schülers Winstel. Ich hätte mir die Finger nach dem westlichen Kurssystem geleckt, mußte aber statt dessen Allround-Wissen beweisen. Ebenfalls mit Zentralabitur. Schade, daß uns »Ossis« nie die Möglichkeit gegeben wurde, unser Abi-Wissen in einem Vergleichstest zu beweisen. Ich wäre mit Vergnügen dabei. *UNTERSCHRIFT: Potsdam ANTJE SCHILLING

Das Zentralabitur ist eine völlig unsinnige Einrichtung, weil dadurch wichtige Individualität im Unterricht verlorengeht. *UNTERSCHRIFT: Göttingen MICHAEL EICKERMANN Abiturient

Die Frage nach einem Zentralabitur darf überhaupt nicht gestellt werden, da der Niveauverfall des Abiturs nicht etwa durch ein normiertes Fachwissen, sondern vielmehr durch eine bessere pädagogische Ausbildung der Lehrerschaft behoben werden kann. *UNTERSCHRIFT: Marburg HOLGER GOERTZ MARKUS STÜNKEL Lehramtsstudenten

Was einzig und allein höchstes Ziel der Schule sein kann, ist, jungen Menschen zu zeigen, daß es unglaublichen Spaß machen kann, sich Wissen anzueignen und damit sinnvoll umzugehen, daß es Flexibilität verschafft und gleichzeitig Basis für jeden beruflichen Erfolg darstellt. *UNTERSCHRIFT: New York BENEDICT GROTHE

Das Problem der Schulen, aber auch vor allem der Hochschulen in den neuen Bundesländern wird in Zukunft die erheblich steigende Bildungsbeteiligung sein. Der freie Zugang zum Abitur ohne die Benachteiligung durch Ideologie oder Plan schafft jetzt endlich ein echtes Recht auf Bildung. Diesen endlich freien Zugang zu Schulen und Hochschulen wieder staatlich zu begrenzen kann nur von denjenigen gefordert werden, die die DDR-Unfreiheit nicht kennengelernt haben. *UNTERSCHRIFT: Finsterwalde (Brandenburg) STEPHAN HILSBERG Stellvertretender bildungspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion

Man reibt sich die Augen: Es müßten - so eine von Ihnen zitierte CDU-Bildungsexpertin - »wieder leistungsstärkere Schüler zur Hauptschule gehen«! Als ob dieses Auslaufmodell ein Wert an sich sei, für dessen Erhalt Schüler geworben werden müßten. Kommt nun der CDU-Slogan »Schick dein Kind kürzer auf schlechtere Schulen«? *UNTERSCHRIFT: Hamburg GÜNTER VAUT Hauptseminarleiter

Der SPIEGEL hat ganz recht: Es kann gar nicht genug Abiturienten geben. Auch im Hausreinigungsgewerbe wird der Anteil der Beschäftigten mit akademischer Ausbildung noch wachsen. Ich kenne Oberstufenschülerinnen, Studentinnen und Hausfrauen mit Staatsexamen, die mühelos eine Stelle als Putzfrau gefunden haben. Zweifellos hat die höhere Bildung ihre Bewerbungsaussichten verbessert. *UNTERSCHRIFT: Heppenheim (Hessen) ERNST JÜRGEN BERNBECK

Aus den Berliner Daten ergibt sich eine beachtliche Stabilität des Abiturs: Über die letzten zehn Jahre hinweg gleiche Durchschnittsquoten (insgesamt 2,7), etwa gleiche Nichtbestehungsquoten (um acht Prozent), sogar eine nichtsteigende Abiturientenquote (um 26,4 Prozent). Wir hoffen, die gleiche Stabilität künftig auch im Ostteil zu erreichen. *UNTERSCHRIFT: Berlin HANS-JOACHIM HOFFMANN Leitender Oberschulrat in der Senatsverwaltung für Schule, Berufsbildung und Sport *BRIEFE *ÜBERSCHRIFT:

Persönlicher Natur *EINLEITUNG: (Nr. 25/1992, Szene) *

Der Rowohlt Verlag hat die Bücher von Gisela Elsner keineswegs »total verramscht«, wie die Autorin in einem vom Neuen Deutschland zitierten Brief glauben machte. Von ursprünglich acht Titeln der Autorin sind zwei weiterhin lieferbar. Die Rechte an ihren Büchern sind sukzessive, auch auf Wunsch der Autorin, an sie zurückgefallen: Von 1987 an war Gisela Elsner Autorin des Wiener Zsolnay Verlags.

Die Aufhebung der Ladenpreise ihrer Rowohlt-Bücher kann die Autorin auch nicht »an den Rand des Ruins« gebracht haben, da bereits seit fast einem Jahrzehnt die garantierten Vorschüsse des Verlags weit über den tatsächlichen Honoraren lagen, die der Verkauf ihrer Bücher erzielte: Im Jahre 1989 waren es 259,55 Mark, im Jahre 1990 dann 268 Mark. Als sich Gisela Elsner und der Rowohlt Verlag 1987 trennten, war der Anlaß dazu einzig und allein persönlicher und nicht etwa geschäftlicher, literarischer oder gar politischer Natur. *UNTERSCHRIFT: Reinbek bei Hamburg DR. MICHAEL NAUMANN Rowohlt Verlag *BRIEFE *ÜBERSCHRIFT:

Absahnen, was zu kriegen ist *EINLEITUNG: (Nr. 24/1992, Musik: Startenor Luciano Pavarotti auf Europa-Tournee) *

Ihr Artikel über unseren kuscheligen Chianti-Belcanto sprengt alle Dimensionen: Er ist »pavarottissimo«. *UNTERSCHRIFT: Bruneck (Italien) RUTH TOSCANI

Der Kult, der um diese von Pavarotti betriebene Art der Präsentation seiner »Kunst« getrieben wird, kann so lange fortbestehen, wie die Stimme noch so einigermaßen mitmacht (es gibt ja genügend technische Hilfsmittel, falls Probleme auftauchen . . .) und das internationale Bildungsbürgertum unter Einschluß der jeweiligen Lokalprominenz diese unter Mißbrauch unbekannter (= billiger) Dirigenten und Orchester betriebene Show für Kultur hält. Der Fall Otello zeigt, daß dieser Hochfrequenz-Vibrator auf seine (auf den seriösen Teil seiner Karriere bezogenen) alten Tage jegliche Hemmungen verloren hat und absahnt, was zu kriegen ist. *UNTERSCHRIFT: Köln MICHAEL GORNY

Wer auch nur 100 Mark für den ordinären Genuß eines Tones bezahlt, der an sich weder besonders hoch ist noch allein für sich einen Sinn ergibt, hat es nicht besser verdient. *UNTERSCHRIFT: Essen JUTTA WENDE *BRIEFE *ÜBERSCHRIFT:

Spleen einiger Snobs *EINLEITUNG: (Nr. 24/1992, Kreditkarten: Gefährliches Plastikgeld) *

Mir ist wirklich unverständlich, daß sich die Bürger diesen kostentreibenden Unsinn, der ausschließlich ein Produkt der Banken zwecks Absahnens ist, gefallen lassen. Wenn man sich wenigstens durch Nichtbeteiligen ausklinken könnte. Die Perversion besteht darin, daß man trotzdem über höhere Preise in einer bestimmten Form an dem Wahnsinn teilnehmen muß. Marktwirtschaft ist das nicht. *UNTERSCHRIFT: Offenbach PETER AMBROS

Ich habe aus dem Wirrwarr um die Kreditkarten meine persönliche Konsequenz gezogen und werde nach Möglichkeit nicht mehr in Geschäften einkaufen, die diese Karten akzeptieren, um nicht den Spleen einiger Snobs bar mitfinanzieren zu müssen. Ich kann nur hoffen, daß diesen Weg viele Barzahler gehen werden. *UNTERSCHRIFT: Hildesheim DETLEF GRUNDTNER

Sie berichten von mißlichen Situationen, in die Eurocard-Kunden geraten können, da ihre Bank es versäumte, ihnen ihren Verfügungsrahmen mitzuteilen. Meine Bank ist gar nicht bereit, mir mein Limit zu nennen; denn dies seien »interne Daten«. *UNTERSCHRIFT: Heidelberg GUNTHER TAUSCH

Bei einer Besichtigung der Markuskirche in Venedig wurde meine Frau von einem Typ mit Kamera in Anschlag bedrängt, derweil sein Komplize mit ihrer Handtasche das Weite suchte und fand. Ich war daheim geblieben und meldete den Verlust ihrer Barclays Doppelkarte. In weniger als zehn Stunden erschien ein Bote von Barclays World Assist und händigte ihr zur Überbrückung 1000 Mark aus, in weniger als einer Woche hatten meine Frau, meine Tochter und ich unsere neuen Ersatz-Doppelkarten. *UNTERSCHRIFT: Hamburg ERICH KROHN

Es war nicht die Berliner Bank, sondern die Sparkasse der Stadt Berlin, die nicht imstande war, uns eine Visa-Ersatzkarte in die USA zu schicken, trotz vollmundiger Versprechen beim Kauf der Karte. Darüber hinaus war die Sparkasse auch zu schäbig, uns in irgendeiner Weise finanziell zu entschädigen für die telegrafische Überweisung von Bargeld, die Telefonkosten und die Kursverluste. *UNTERSCHRIFT: Berlin SIGMUND KEIDITSCH USCHI KLUG

Als Eurocard begann, mir vor Jahren ihre Karte regelrecht aufzudrängen, diktierte ich die Konditionen: Abrechnungsmodus wie seit Jahren zufriedenstellend mit Diners Club gehandhabt. Das bedeutet, daß ich die Belastungen zur Prüfung zugeschickt bekomme und danach den Überweisungsweg selbst wähle. Konfuses, manipuliertes oder doppeltbelastetes Mafiakunstwerk wird zurückgewiesen. Somit liegt die Beweislast nicht bei mir und mein Geld weiter auf meinem Konto. Abbuchungsfallen und hämische Bedingungshinweise erspare ich mir so. *UNTERSCHRIFT: Essen HELMUT C. D. BARTS *BRIEFE *ÜBERSCHRIFT:

Fleißig Treppen steigen *EINLEITUNG: (Nr. 25/1992, Trends) *

Es mag ja stimmen, daß die Geschäfte von West nach Ost mühseliger geworden sind. Es mag ja stimmen, daß es bei Herrn Burdas Super-Familie längst nicht mehr so super wie geplant läuft. Was allerdings nicht stimmt, ist Ihre Vermutung, der Bauer Verlag überlege, sein »Ostblatt Unsere Illustrierte zehn Monate nach dem Start wieder einzustellen«. - Dazu sei bemerkt: Zum Erfolg gibt's keinen Lift, weder beim SPIEGEL noch bei Bauer. Man muß Treppen steigen. Und da haben wir schon viele Stufen erfolgreich gemeistert. Da die Erfolge von gestern und heute keine Garantie für Erfolg von morgen sind, steigen wir weiterhin fleißig Treppen. Unsere Illustrierte bleibt. *UNTERSCHRIFT: Hamburg ROMAN KÖSTER Pressesprecher der Verlagsgruppe Bauer *BRIEFE *ÜBERSCHRIFT:

Animalische Triebe *EINLEITUNG: (Nr. 23/1992, Frauen: Drei-Stunden-Dokumentarfilm über Vergewaltigung im Krieg) *

In Einzelfällen wurden auch russische Vergewaltiger drakonisch bestraft. So wurde ein Vergewaltiger mittels Seil an einen Lkw gebunden und zu Tode geschleift. Die vergewaltigte Deutsche mußte auch zusehen. *UNTERSCHRIFT: München ALFRED MICHAELIS

Vom heutigen Standpunkt moderner Feministinnen kann man, meiner Auffassung nach, das Verhalten von Männern in Kriegen vor allem Frauen gegenüber nicht erklären. Die Ursachen für Verrohung, für Freisetzung animalischer Triebe liegen in erster Linie in der Grausamkeit des Krieges, der ja alle moralischen Werte außer Kraft setzt. *UNTERSCHRIFT: Berlin BEATE REHFELDT

Endlich haben Sie den Mut, über die Vergewaltigung deutscher Frauen durch die Rote Armee zu schreiben. Als 13jähriger habe ich den Einzug dieser Armee erlebt, in Waren (Müritz), Mecklenburg. Es ist mir manchmal, als wenn es gestern wäre. *UNTERSCHRIFT: Radolfzell (Bad.-Württ.) KONRAD FABISIAK

In der deutschen Wehrmacht wurde eine Vergewaltigung grundsätzlich mit Todesstrafe geahndet. In den meisten Fällen wurde die Todesstrafe in eine Versetzung zu einer Strafeinheit, zum Beispiel zur SS-Sturmbrigade »Dirlewanger«, umgewandelt. *UNTERSCHRIFT: München HEINZ TSCHOEPP *BEILAGE: Einer Teilauflage dieser SPIEGEL-Ausgabe ist ein Prospekt der Wessel Lotterie-Einnahme, Herford, beigeklebt. *BRIEFE *ÜBERSCHRIFT:

Medial omnipräsent *EINLEITUNG: (Nr. 23/1992, PDS: Streit um Bürgermeisterposten in Berlin) *

Mit Interesse, wenn auch nicht gerade Begeisterung, habe ich Ihrem Artikel entnommen, daß sich die PDS der erfolgreichen Teilnahme an einem unserer kommunalpolitischen Seminare rühmt. Gewiß hätte ich es vorgezogen, wenn die PDS sich ihre eigenen Bildungsveranstaltungen organisiert hätte, mehr noch, wenn bei der Anmeldung mit offenen Karten, also unter Benennung von Roß und Reiter, gespielt worden wäre. Diese Art clandestine Operation ist zwar durchaus mit dem Bild kongruent, das die meisten von der PDS/SED haben, allerdings weniger mit dem Image, das der medial omnipräsente Vorsitzende Gysi von seiner »neuen« Partei zu zeichnen wünscht. Aber auch wenn mir der Background meiner Marzahner Gäste bekannt gewesen wäre, hätte ich ihnen mit Rücksicht auf das Bundesverfassungsgerichts-Urteil über die politischen Stiftungen von 1986 wohl schwerlich die Tür weisen können. *UNTERSCHRIFT: Berlin UDO MARIN Leiter der Hermann-Ehlers-Akademie *BRIEFE *ÜBERSCHRIFT:

Gern angeschlossen *EINLEITUNG: (Nr. 25/1992, Europa: Große Konfusion) *

Sie schreiben, daß ich 61 Wirtschaftswissenschaftler für eine kritische Stellungnahme zu den Beschlüssen von Maastricht »zusammengebracht« hätte. Dieses stimmt nicht. Tatsächlich sind die Initiatoren der Unterschriftensammlung Prof. Dr. Renate Ohr (Stuttgart-Hohenheim) und Prof. Dr. Wolf Schäfer (Hamburg). Allerdings habe ich mich dieser Initiative sehr gern angeschlossen. *UNTERSCHRIFT: Hamburg PROF. DR. KARL SCHILLER

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