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»Anfang der Todesspur«

aus DER SPIEGEL 38/1992

Uhrlau, 45, ist Chef der Hamburger Verfassungsschutzbehörde. Er gilt als einer der führenden Rechtsextremismus-Experten in Deutschland.

SPIEGEL: Nacht für Nacht greifen Jugendliche Asylantenheime an. Wer steckt hinter den Krawallen?

UHRLAU: Es gibt keine Schaltzentrale, die Ausschreitungen sind meist spontan. Es gibt allerdings ein gemeinsames Thema, das die Leute zusammenbringt - die Ausländerfrage.

SPIEGEL: Was ist Frust, was ist Politik in den Köpfen der Randalierer?

UHRLAU: Das kann man nicht trennen. Die Jugendlichen machen eine elementare Erfahrung: Wir können etwas erreichen, mit Gewalt machen wir der Politik Beine. Das gibt besonders den Jugendlichen im Osten neues Selbstbewußtsein - und es hat deshalb eine fatale Anziehungskraft.

SPIEGEL: Warum suchen viele junge Leute ihre Zukunft bei der Rechten?

UHRLAU: Es sind die einzigen, die derzeit ein Bezugssystem liefern und ein Zusammengehörigkeitsgefühl vermitteln. Die Linke erscheint demotiviert, bedeutungslos. Die etablierten Parteien sind da keine Alternative, der Antiparlamentarismus ist so verbreitet wie zuletzt am Ende der sechziger Jahre.

SPIEGEL: Politiker der großen Parteien hoffen, den Extremisten mit einer Verschärfung des Asylrechtes den Boden zu entziehen. Kann das noch gelingen?

UHRLAU: Nein. Die Popularität der Rechtsextremisten hat viele Ursachen, das Ausländerproblem ist nur eine davon. Der Bundesrepublik droht eine Wirtschaftskrise, die Zukunft Europas ist ungewiß. Die Jugend im Osten hat alle Autoritäten verloren. Selbst die Achtung vor den Eltern ist weg, seit die als SED-Mitläufer bloßgestellt wurden und vielfach auch noch ihre Arbeit verloren. In dieser Situation bieten die Rechten plötzlich neuen Halt: Deutsch sein, Abkapselung nach außen, Stärkung der Staatsmacht.

SPIEGEL: Militante Neonazi-Gruppen wie die Deutsche Alternative oder die Nationale Offensive werden immer stärker?

UHRLAU: Natürlich bekommen die mehr Einfluß. Viele Jugendliche lehnen Kaderorganisationen allerdings ab. Statt dessen geht die Tendenz hin zu autonomen Strukturen, zu lockeren Gruppen, wo jeder jeden kennt. Das ist viel gefährlicher.

In Ostdeutschland etwa gibt es kaum rechte Dachorganisationen. Dort sind die äußerst gewaltbereiten Skinheads, anders als im Westen, ein wichtiger Teil des Neonazismus. Ihr vages Ziel ist, gemeinsam mit westdeutschen Neonazis eine nationale Bewegung aufzubauen, orientiert an den Bürgergruppen der ausklingenden DDR. Das kommt viel mehr an bei der Jugend als ein Parteiprogramm.

SPIEGEL: Sie haben 60 000 Rechtsextremisten zusammengerechnet, soviel, wie die Linksaußen-Gruppen zu ihren Spitzenzeiten zählten. Wie stark werden die Rechten noch?

UHRLAU: Wir erleben derzeit, wie sich die innere Ausrichtung von großen Teilen der Gesellschaft umkehrt. Es gibt eine 68er Bewegung von rechts, allerdings mit anderem Charakter und nicht von den Universitäten ausgehend. Die Visionen, die in den vergangenen 20 Jahren unsere Gesellschaft geprägt haben - Integration von Minderheiten, mehr Partizipation, mehr Bürgerrechte, mehr Europa -, all das wird von einer rückwärtsgewandten, nach innen gerichteten Bewegung zur Disposition gestellt. Die Themen der neunziger Jahre werden Rechtsextremismus, Ausländerfeindlichkeit, Nationalismus und Rückkehr in die Innerlichkeit sein.

SPIEGEL: Die demokratischen Grundwerte der Bundesrepublik sind in Gefahr?

UHRLAU: Die Gewalt nimmt ständig zu, Neonazis verübten in diesem Jahr bereits 970 Gewalttaten, es gab 700 Verletzte und 10 Tote. Dennoch sympathisieren mehr als 20 Prozent der Jugendlichen mit den rechtsextremistischen Parteien. Wenn die sich erst einmal etabliert haben, werden sie die Gesellschaft mit umgekehrtem Vorzeichen mehr verändern, als es die Linken nach 1968 je vermocht haben.

SPIEGEL: Hat die Rechte dafür überhaupt genug intellektuelle Köpfe?

UHRLAU: Neonazis sind längst nicht mehr nur tumbe Klopper. An den Universitäten werben Burschenschaften mit rechtem Gedankengut neue Mitglieder und haben großen Erfolg. Neonazis versuchen bereits, in diese Szene hineinzugelangen.

Dazu kommt eine pseudowissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich durch Historiker und selbsternannte Experten wie David Irving oder Fred Leuchter, die mit wachsender Anhängerschaft die Judenvergasung als Lüge abtun. Das ist ein gefährlicher Versuch, rechte Positionen zu intellektualisieren.

SPIEGEL: Linke haben an den Hochschulen kaum noch Einfluß. Wo haben sie versagt?

UHRLAU: Sie haben es über Jahre versäumt, eine Nationalismusdebatte zu führen. Die Tabuisierung dieses Themas hat den Rechten viele Jugendliche zugespielt, die für die Sprachlosigkeit der Linken zum Thema Nation kein Verständnis mehr hatten.

SPIEGEL: Gibt es rechte Gruppen, die sich schon für einen bewaffneten Kampf rüsten?

UHRLAU: In Mülheim und Bonn haben Radikale verangene Woche mit scharfer Munition und Übungsgranaten Asylantenunterkünfte beschossen. Ich _(* In Eisenhüttenstadt. ) muß befürchten, daß diese Waffen auch zielgerichtet gegen Menschen eingesetzt werden.

SPIEGEL: Da entsteht eine neue RAF, eine Rechte Armee Fraktion?

UHRLAU: Wenn sich die Strukturen rechtsaußen weiter verfestigen, müssen wir damit rechnen, daß dies, analog zur 68er Bewegung, in eine terroristische Spielart des Neonazismus mündet - allerdings ohne die festen Strukturen der RAF. Ansätze dafür sind bereits zu sehen.

SPIEGEL: Steckt da schon eine Organisation dahinter?

UHRLAU: Noch nicht. Wir wissen allerdings über die Rechten in den neuen Bundesländern viel zuwenig. Der Verfassungsschutz ist dort erst im Aufbau. Es können sich also schon bewaffnete Gruppen bilden, von denen wir nichts mitbekommen. Wenn man die Menschenverachtung der Rechtsextremen sieht, ist das nicht unwahrscheinlich.

SPIEGEL: Sie haben Schwierigkeiten, V-Leute in die Szene einzuschleusen?

UHRLAU: In der Vergangenheit hatten wir die militante Rechte sehr viel besser im Auge als die Linke. Heute ist das anders. Allerdings besteht das nachrichtendienstliche Instrumentarium ja nicht nur aus V-Leuten.

SPIEGEL: Warum haben Sie solche Probleme, die Szene in den Griff zu bekommen?

UHRLAU: Die qualitative Veränderung des Rechtsextremismus - hin zu unorganisierten Gruppen - bereitet uns großes Kopfzerbrechen. Die Abnabelung der Jugendlichen von unserer demokratischen Gesellschaft kann ganz plötzlich kommen, etwa auf Konzerten von Skinbands. Da werden sie mit rassistischen Texten aufgeputscht. Mit einem Mal wird so aus einer Randale-Clique eine hochpolitische Gruppe - ohne daß wir das mitbekommen.Und immer mehr Jugendbanden werden von der rechten Aufbruchstimmung mitgerissen.

SPIEGEL: Im Gegensatz etwa zum bayerischen Verfassungsschutz observiert Ihre Behörde auch die Republikaner. Wie eng sind die Kontakte der Reps zu den Krawallmachern?

UHRLAU: Unterhalb der Führungsebene arbeiten Republikaner mit den übrigen, also auch militanten Extremisten zusammen, trotz anderslautender Parteitagsbeschlüsse. Die Parteibasis einschließlich der Jugend droht sich da zu verselbständigen. Das ist für uns ein wichtiges Indiz, daß die Republikaner eine rechtsextremistische Organisation sind - wie auch die Deutsche Volksunion und die NPD. Wer sich da nur auf die Bekenntnisse der Parteichefs zur Gewaltfreiheit verläßt, ist auf einem Auge blind.

SPIEGEL: Rechte und Linke gehen immer gewalttätiger gegeneinander vor. Halten Sie für möglich, daß es bald Schießereien zwischen den verfeindeten Gruppen geben wird?

UHRLAU: Die Auseinandersetzung ist bereits blutig. Die militanten Linken haben jahrelang zur Gewalt gegen Rechte aufgerufen. Nun sehen die Neonazis den Tag der Rache kommen. Sie nehmen sich die einschlägigen Szeneunterlagen der Autonomen zum Umgang mit ihren Gegnern und sagen: Lernt von den Stärken der Linken und vermeidet ihre Schwächen.

In Hamburg veröffentlichten Neonazis kürzlich eine Liste linker Szene-Treffs und forderten mehr oder weniger deutlich dazu auf, dort Rabatz zu machen. Rechte Rollkommandos haben kürzlich in Magdeburg einen Punk-Treff in Trümmer gelegt, einer der Überfallenen starb dabei. Die Todesspur von rechts nimmt gerade erst ihren Anfang.

SPIEGEL: Konservative rufen nach einer Verschärfung des Versammlungsrechts, fordern Schnellrichter und Sonderstaatsanwälte. Ist die Gewalt damit in den Griff zu bekommen?

UHRLAU: Das nationalsozialistische Denken, die Gewaltbereitschaft bekommen Sie damit aus den Köpfen nicht heraus. Es ist sinnvoll, die Straftaten so intensiv wie möglich zu verfolgen und die Täter schnell zu verurteilen. Aber das Zauberrezept für diese Eruption, die wir derzeit erleben, sehe ich nicht.

* In Eisenhüttenstadt.

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