Zur Ausgabe
Artikel 93 / 123
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

ITALIEN Angekündigte Tragödie

Das Seilbahnunglück hat Kontroversen zwischen Rom und Washington ausgelöst. Der südliche Alpenrand ist zum Übungsgelände der Militärs geworden.
aus DER SPIEGEL 7/1998

Auf der Theke der Piccolo-Bar in dem norditalienischen Dörfchen Masi di Cavalese klapperten die Cappuccino-Tassen. Ein paar hundert Meter entfernt spürte ein Lastwagenfahrer auf der Landstraße ein unerklärliches Beben und geriet aus der Spur. Und in der seismographischen Meßstation auf dem Berg, wo Geologen mit empfindlichsten Geräten jede Bodenbewegung registrieren, schlug plötzlich die Nadel aus.

Doch es war kein Erdstoß, der am vergangenen Dienstag um 15.12 Uhr die Dolomiten-Region nahe Trient zum Beben brachte: Die Erschütterung hatte eine abgerissene Gondel der Seilbahn am nahe gelegenen Berg Cermis ausgelöst. Schuld an dem Unglück war ein Jet der USStreitkräfte, die Maschine hatte das Tragseil der Kabine zerrissen, 20 Menschen stürzten in den Tod.

Der Tiefflieger einer Staffel aus North Carolina lädierte das Ansehen der Amerikaner in ganz Italien. Da skandierten italienische Zeitungen antiamerikanische Parolen: »Ich fliege, töte sie und kehre heim«, titelte die Tageszeitung »il manifesto«. Das Parteiblatt der Kommunisten, »Liberazione«, kam mit dem Wortspiel »Nato per uccidere« ("Zum Töten geboren") heraus. Und sogar die liberale Turiner »Stampa« wagte die Schlagzeile: »Yankee go home«.

Auch die Politiker zeigten sich wortgewaltig. Verteidigungsminister Beniamino Andreatta erklärte, die Flugroute des US-Jets sei »nicht autorisiert« gewesen: »Das war fahrlässige Tötung.« Die Kommunisten, auf deren Unterstützung die Mitte-Links-Regierung im römischen Parlament angewiesen ist, forderten gar, alle Nato-Flugstützpunkte zu schließen.

Der scharfe Tonfall in Rom sollte den Bürgern im Norden Entschlossenheit beweisen. Denn dort galt das Seilbahnunglück als »angekündigte Tragödie": Seit längerem hatten sich Kommunalpolitiker und Parlamentarier über den zunehmenden Tiefflugverkehr in der Region zwischen Verona, Trient und Piacenza beschwert und zahllose Eingaben verfaßt. Anwohner klagten, das südliche Alpengebiet mit seinen verschlungenen Bergtälern, Seilbahnen und romantischen Kirchturmspitzen, ein beliebtes Skiparadies vor allem für deutsche Urlauber, sei zu einem »Flugübungsgelände der Militärs« verkommen.

Tatsächlich gibt es mittlerweile kaum eine andere Gegend in Europa, in der sich militärische Flughäfen so dicht massieren. Seitdem neue Krisenherde entstanden sind, vor allem auf dem Balkan und in der Golfregion, hat das Gebiet zunehmend an strategischer Bedeutung gewonnen - es wurde ein Bollwerk der Nato-Luftstreitkräfte.

Da üben Jet-Piloten verschiedenster Nationen: Niederländische und belgische Militärflieger starten in Villafranca bei Verona, die deutsche Bundeswehr hebt von Piacenza aus ab, von allen möglichen Plätzen steigen italienische Flieger auf. Größte Luftbasis weit und breit aber ist der Flughafen Aviano in der Provinz Pordenone nordöstlich von Venedig. Von dort aus startete die Unglücksmaschine in der vergangenen Woche ihren Einsatz »Easy 01«.

Rund 4000 US-Militärs und noch einmal so viele Zivilisten sind in Aviano beschäftigt. Der Flugplatz ist der wichtigste Stützpunkt der amerikanischen Luftwaffe im ganzen Mittelmeerraum, ausgestattet mit riesigen Antennen für die transatlantische Kommunikation, unterirdischen Öltanks und Munitionsdepots. Natürlich gibt es auch ein Burger-King-Restaurant und eine Eisbar der US-Marke Baskin-Robbins.

Meist absolvieren die US-Piloten ein Übungsprogramm, das nur wenige Monate dauert: Trainiert werden Gebirgsflüge für den Einsatz auf dem Balkan. Da geht es mit 700 Stundenkilometern binnen weniger Minuten über die Skimetropole Cortina d'Ampezzo zum Gardasee, eine spitze Kehre und verschiedene Kurven später fädeln sich die Jets in eines der engen Dolomitentäler ein.

Immer wieder mal wurden dabei Elektroleitungen und Hochspannungskabel durchtrennt. Allein italienische Tiefflieger verursachten nach einer inoffiziellen Statistik zwischen 1990 und 1994 ein bis zwei Unfälle dieser Art im Jahr. Gefährdet waren auch die Seilbahnen, die sich im Alpenraum wie Spinnennetze durch die Täler ziehen.

Besonders die Gegend nordwestlich von Trient ist schwer betroffen. Seit Jahren warnte der Betreiber der Unglücksseilbahn von Cavalese, daß Tiefflieger unter den Tragseilen durchsausten. Schon 1972 hatte eine italienische Maschine, keine 50 Kilometer von Cavalese entfernt, das Tragseil der Schwebebahn beim Skiort Pordoi zerschnitten. Der Jet mußte in Treviso notlanden; die Bahn war noch nicht in Betrieb, deshalb gab es keine Verletzten.

Gefährlicher verlief ein Zwischenfall im Juli 1987 in einem der Nachbartäler am Bergmassiv von Lagazuoi. Morgens gegen neun Uhr saßen in der Gondel 20 Menschen, die eine Berghütte besuchen wollten, als ein italienischer Jet herandonnerte. Plötzlich ein schweres Gerumpel, der Flieger hatte ein Zugseil zerrissen, aber das Tragseil der Gondel hielt. Die Kabine, die gerade losgefahren war, wurde in Talrichtung zurückgeschleudert, Scheiben splitterten, alles fiel durcheinander - doch die Insassen kamen mit dem Schrecken davon.

Die Skifahrer, die vom Cermis auf dem Weg zur Talstation waren, hatten vorige Woche keine Chance. Ihre Kabine segelte 103 Meter über dem Talgrund, als die US-Maschine vom Typ »EA-6B Prowler« unter der Seilbahn durchschoß und dabei mit der Heckflosse das Tragseil berührte. Die Gondel drehte sich einmal um sich selbst und fiel dann wie ein Stein ins Tal. »Die Toten waren kaum von den Metallteilen zu unterscheiden«, berichtete ein Angehöriger der Rettungsmannschaft, »ihre Körper lagen zerquetscht übereinander.«

Die acht Deutschen unter den Opfern waren zumeist Sachsen. Seit Jahren besuchten die Mitglieder des Skivereins »Grün-Weiß« aus Mohsdorf bei Chemnitz das italienische Skigebiet, in dem es noch preiswerte Pensionen gibt - eine Woche Vollpension für 470 Mark.

Am Morgen nach dem Unglück versprach US-Präsident Bill Clinton dem italienischen Regierungschef Romano Prodi, bei den anstehenden Untersuchungen seien die Amerikaner zur vollen Kooperation bereit. Doch inzwischen belastet ein »Klima des Kalten Krieges« (la Repubblica) die Beziehungen zwischen Rom und Washington. Als italienische Staatsanwälte den 30jährigen Piloten und seine drei Flugbegleiter befragen wollten, schwiegen die US-Militärs: Sie beriefen sich auf das Nato-Truppenstatut von 1951, wonach Verfehlungen von Militärangehörigen der Bündnispartner im Herkunftsland geahndet werden können. Der Version des Verteidigungsministers Andreatta, daß der Aufklärer unerlaubt niedrig geflogen sei, widersprachen hohe US-Militärs: »Das war kein Flug außerhalb des Gesetzes.« Erst vergangenen Freitag gaben sie offiziell zu, daß der Pilot »klar unter der Mindesthöhe« gewesen sei. Angeblich war ein defekter Höhenmesser schuld.

Andreatta dagegen vermutet, der Pilot sei aus »Abenteuerlust« unter dem Seil durchgeflogen. Überdies stellten die Italiener fest, daß der Flugschreiber aus der Unglücksmaschine entfernt worden war. Nach einem Gesetz der Region gelten Flüge unter 500 Metern als verboten, in der ganzen Gegend ist kein Tieffluggebiet ausgewiesen, in dem etwa Flüge unter 150 Meter Höhe erlaubt wären.

Doch bisher verfuhren die italienischen Behörden offenbar nicht allzu streng. »Wir haben eine außenpolitische Pflicht«, erinnerte der Direktor der militärischen Flugsicherheit, General Vincenzo Camporini, letzte Woche an die Bosnien-Einsätze, »dafür gibt es einen Preis zu zahlen.«

[Grafiktext]

Luftwaffenstützpunkte der multinationalen Friedenstruppe für

Bosnien

[GrafiktextEnde]

[Grafiktext]

Luftwaffenstützpunkte der multinationalen Friedenstruppe für

Bosnien

[GrafiktextEnde]

Zur Ausgabe
Artikel 93 / 123
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.