Angela Merkels Vision Nach ihr die Finsternis

Zum Ende der Amtszeit sieht Angela Merkel die alte Weltordnung zusammenbrechen. SPIEGEL-Autor René Pfister hat sie viele Jahre begleitet und kann erklären, warum.
Foto: Filip Singer / EPA-EFE / REX

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Dieser Text erschien am 17. Mai 2019 und gehört zu den meistgelesenen Texten auf SPIEGEL+. 

Für Sekunden steht Glück in ihrem Gesicht. Sie genießt diesen Moment, soll sie ihre Freude verbergen? Ein Abend im Januar, Angela Merkel sitzt in einem feierlich erleuchteten Glasbau am Brandenburger Tor, vor ihr Christiane Amanpour, der Superstar des amerikanischen Fernsehsenders CNN.

"What can I say about a woman named Angela Merkel?", fragt Amanpour ins Publikum.

Dass sie die erste Frau im Kanzleramt ist?

"The first Ossi?"

Merkel sei viel mehr als das, fährt Amanpour fort, eine Naturwissenschaftlerin, die noch an den Wert von Fakten glaube in dieser postfaktischen Welt; eine Frau, die gegen den Nationalismus kämpfe und den Klimawandel. Die Kanzlerin habe Standards gesetzt beim Umgang mit den Verzweifelten dieser Welt.

Es ist alles ein bisschen dick aufgetragen, eine Mischung aus Oscarverleihung und politischem Seminar, aber Merkel hat ein Lächeln im Gesicht, nur ab und zu, wenn die Kamera nahe auf ihr Gesicht zoomt, setzt sie eine neutrale Kanzlerinnenmiene auf. Sie hat, trotz allem, einen Ruf als bescheidendste Politikerin des Westens zu verteidigen.

Später, als sie den Fulbright-Preis für internationale Verständigung in den Händen hält, wird der Saal sich erheben zum Applaus, Merkel wird ans Pult gehen und sagen, was sie nun so häufig sagt: dass es schlecht stehe um diese Welt, dass die Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg verblassten und dass die internationale Ordnung, so wie wir sie kennen, immer mehr ins Wanken gerate.

Merkel nennt Donald Trump nicht beim Namen, aber jeder weiß, wer gemeint ist, als sie sagt: "Wir stellen fest, dass das Denken in nationalen Einflusssphären zunimmt und damit auch völkerrechtliche oder menschenrechtliche Grundsätze zur Disposition gestellt werden."

Die deutsche Bundeskanzlerin gegen die Mächte der Dunkelheit, das ist die Botschaft des Abends. Und weil es ein so großes Einvernehmen gibt im Saal über den Ernst der Weltlage und das Glück, dass wenigstens die Kanzlerin versucht, die Reiter der Apokalypse aufzuhalten, weicht Merkel von ihrem sonst unerbittlichen Terminkalender ab und verspricht, noch ein Viertelstündchen auf dem anschließenden Empfang zu bleiben.

Video (1:47) "Einfach weiter wie bisher": SPIEGEL-Autor René Pfister über seine langjährige Merkel-Beobachtung

Video (1:47) "Einfach weiter wie bisher":
SPIEGEL-Autor René Pfister über seine langjährige Merkel-Beobachtung

Schnell bildet sich eine Traube um die Frau, auf der so übermenschliche Hoffnungen ruhen. Es wird gedrängt und geknipst, auch Amanpour will ein Selfie mit Merkel, sie teilt es mit ihren knapp drei Millionen Followern auf Twitter. Später gibt sie dem Fernsehsender n-tv ein Interview. Als der Reporter anmerkt, dass manche Wähler in Deutschland die Kanzlerin kritisch sähen, weist ihn Amanpour zurecht: "Sprechen Sie nicht abfällig über Angela Merkel, sie ist eine der wenigen, die noch stehen. Sie können sich glücklich schätzen, sie zu haben."

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