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JAPAN Angenehmes Leben

In Tokios Vergnügungsvierteln hat sich ein neuer Berufsstand aufgetan: die männliche Geisha.
aus DER SPIEGEL 6/1976

Verzweifelt beschwor die reiche MittVierzigerin ihren Freund, nicht in dem Pornofilm »Tokyo Diipu Surooto Fujin« (Tokios Deep-Throat-Frau) mitzuwirken. Sie werde ihn auch mit einer größeren Summe als seiner möglichen Porno-Gage abfinden.

Doch Tetsuya Chiba, nach eigenem Bekunden noch Twen, laut Ausweis jedoch schon jenseits der Dreißig, lehnte ab: Mit seinem nackten Körper auf der Leinwand betreibt Chiba nämlich nebenbei wertvolle Eigenwerbung. Er ist der populärste Vertreter des jüngsten japanischen Berufsstandes -- männliche Geisha, hauptamtlicher Gigolo.

Wie auch seine fast 4000 Tokioter Kollegen bezieht Chiba kein Gehalt, zahlt im Gegenteil einem Damen-Klub im Vergnügungsviertel Shinjuku monatlich knappe 50 Mark. Dafür ist er berechtigt, jeden Abend in der Bar tanzlustige Kundinnen aufs Parkett zu führen und sich von ihnen zu Cognac und Whisky einladen zu lassen -- zu einem Preis von mehreren 100 Dollar pro Flasche. Am Bar-Umsatz werden die Männer-Geishas prozentual beteiligt.

Bei ständig wachsender Klientel erlaubt ihnen dieses Dienst-Trinken einen angenehmen Lebensstil. Chiba: »Im Monat gebe ich etwa vier bis fünf Millionen Yen (rund 40 000 Mark) für Pferderennen aus. Und mein amerikanisches Auto kostet mich etwa 3000 Mark im Monat.«

Wie die Frauenzeitschrift »Josei Jushin« ermittelte, geht es auch keinem der anderen japanischen Gigolos wirtschaftlich schlecht. Hochkarätige Diamantringe, juwelenbesetzte Feuerzeuge, Schweizer Uhren und ausländische Sportwagen sind nur einige der Geschenke, mit denen Nippons Damen ihre Dankbarkeit für einen gelungenen Tango oder Mambo bezeugen.

»Für sehr viele Frauen erfüllen die Damen-Klubs eine wichtige soziale Funktion«, verrät ein Unterhalter, wie sich die Männer-Geishas offiziell nennen. »Wenn ihr Mann erfolgreich ist, ist er auch fast immer außer Haus. Was sollen die Frauen also mit all ihrer Zeit und ihrem Geld in der Küche anfangen?«

Bei den Klub-Herren finden sie dann, was es in der immer noch weitgehend traditionsgebundenen japanischen Gesellschaft sonst kaum gibt: zwanglose Geselligkeit, Unterhaltung und mehr.

Ein wohlhabender Tokioter Modeschöpfer wunderte sich unlängst über sein schnell schwindendes Bankkonto: Er bezahlte Miete für eine Wohnung, in der er nie gelebt. finanzierte ein Auto. das er nie gefahren, kaufte laufend Whisky in einem Klub, den er nie besucht hatte. Schließlich gestand seine Frau, daß sie seit längerem einen Unterhalter aushalte, eines ihrer drei Kinder sogar von ihm sei.

Traditionsbewußte Japaner sehen das männliche Geisha-Gewerbe mit Entsetzen. »Früher wußten die Frauen noch ihre Freizeit sinnvoll mit Hausarbeiten auszufüllen«, klagt Professor Kozaburo Sakai von der Aoyama-Universität. »Aber heute werfen sie das Geld für nichtsnutzige Männer raus.«

Doch andererseits lassen gerade auch hergebrachte gesellschaftliche Normen das Klub-Geschäft blühen. »Reiche Frauen aus gutem Hause sind zu stolz zuzugeben, daß sie junge Männer zur sexuellen Befriedigung brauchen«, meint der Schriftsteller Shoichi Hirayama. »Deshalb tarnen sich die Damen-Klubs als vornehme Tanzbars.«

Und mit den aufwendigen Geschenken -- je teurer desto besser -- wird nach japanischem Verständnis ein altes Tabu umgangen: daß sich Frauen Liebe kaufen.

»Wenn nur frustrierte Reiche ihr Geld den Unterhaltern hinterherwürfen«, schimpft ein Milieukenner in Shinjuku, »wäre ja nichts dagegen zu sagen. Aber leider ist das nicht so.«

In der Tat sind gut 60 Prozent aller Gigolo-Kunden Kolleginnen: die rund 400 000 Barhostessen Tokios. Sie werden häufig von reichen, doch älteren Herren ausgehalten. Es gilt als nicht außergewöhnlich, daß Hostessen ihre gesamten Tageseinnahmen gleich anschließend in einem Damen-Klub wieder ausgeben. »Sie sind die wirklichen Opfer der Gigolos«, meint Hirayama. »Sie sind hübsche junge Dinger, die mit nichts anfangen und mit nichts aufhören.«

Doch männliche Geisha zu sein, ist nicht ohne Berufsrisiko. Einer der bekanntesten Unterhalter wurde vor kurzem erdolcht in der Wohnung einer seiner Kundinnen aufgefunden. Mordmotiv: Eifersucht. Der Herr hatte sich gleichzeitig von über 200 Freundinnen aushalten lassen.

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