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»Angriff auf die Seelen«

aus DER SPIEGEL 48/1989

Der Autor dieses für den SPIEGEL verfaßten Beitrags ist einer der bekanntesten Sozialwissenschaftler Chinas. Die Preisgabe seines Namens würde ihn gefährden.

Worauf gründet sich die Regierungsgewalt in der Volksrepublik China? Der Gründervater des Staates, Mao Tse-tung, hat darauf die klassische Antwort gegeben: »Mit Hilfe von Gewehren und Pinseln haben wir die Macht errungen, festigen wir sie ebenfalls mit Hilfe von Gewehren und Pinseln.«

Das Zitat stand als »allerhöchste Weisung« während der Kulturrevolution in Maos Rotem Buch und mußte auswendig gelernt werden.

Den Erben Maos ist diese Losung noch unverrückbar im Gedächtnis. Die Herrschaftsformel »Gewehre plus Pinsel gleich Macht« ist daher ein zuverlässiges Hilfsmittel, um die Reaktionsmuster der chinesischen Regierung bei der Behandlung von Krisensituationen vorherzusagen und zu verstehen.

Die Fassungslosigkeit westlicher Beobachter über das brutale Vorgehen auf dem Tienanmen-Platz im Juni rührt vom Nichtverstehen, daß das Denken und Handeln der chinesischen Regierung ausschließlich auf der Mao-Logik beruhen: »Ihr habt mir zu gehorchen, weil ich über die Armee verfüge.«

Früher wie heute war und ist die politische Führungsschicht des Landes vor allem ein Bund von Militärkommandeuren. So fiel Deng Xiaoping nur das Mittel bewaffneter Unterdrückung und Auslöschung der studentischen Erhebung ein, obwohl in Wirklichkeit die Artikulierung der Interessen des Volkes letztlich einer der größten Erfolge seiner Reformpolitik war.

Die chinesische Führung mußte aber aus ihrem Selbstverständnis heraus darauf bestehen, es sei die Absicht der Studentenbewegung, »die Volksrepublik China zu stürzen«. Und weil es nirgends einen bewaffneten Gegner gab, mußte sie sich einen herbeiphantasieren. Andernfalls hätte sie nicht entsprechend dem ihr geläufigen Verhaltensmuster das Militär herbeikommandieren können, um die Bevölkerung zur Räson zu bringen.

Nach der Formel von »Gewehren und Pinseln« setzte die Führung erst die Soldaten und dann die »Pinsel« ein, um ihre Position zu festigen. Dabei handelt es sich nicht um allgemeines Phrasengeklingel, sondern um im Ton militärischer Eroberer erlassene Instruktionen, gegen die zu verstoßen lebensgefährlich ist.

Ist es die Funktion der »Gewehre«, die Kräfte politisch Andersdenkender physisch zu vernichten, so ist es jetzt die Funktion der »Pinsel«, sie geistig auszumerzen. In der Sprache der Kulturrevolution hieß das: »Die Macht der Waffen ritzt nur die Haut, erst die Macht der Worte ritzt die Seele.«

Unglaublicher und unbegreiflicher noch als das brutale Vorgehen, das er auf dem Bildschirm verfolgt hat, mag für einen Westler das anschließend ebenso gewaltige wie verlogene Propagandagetöse gewesen sein, das verkündete, es sei »kein Schuß gefallen«. Für einen Chinesen allerdings, der gelernt hat, besagte Losung Maos auswendig zu rezitieren, sieht das anders aus.

Die Lehren der Kulturrevolution sitzen uns noch tief in den Knochen, und daher erlebte die Regierung, kaum hatte sie »die Federkiele zu Messern geschliffen«, mit Genugtuung, daß sich die Dissidenten wie von Geisterhand in Nichts auflösten.

Mit der Rückendeckung der »Gewehre« brachten die »Pinsel« im Handumdrehen alle unterschiedlichen Meinungen zum Verschwinden, so daß im ganzen Land wieder nur eine Stimme zu hören war.

Aber was denken die Menschen insgeheim? Welche Auseinandersetzungen spielen sich unbemerkt zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Kräften ab? Welche sozialen Entwicklungen keimen im Inneren der Gesellschaft?

Nach dem 4. Juni hat Chinas höchster Führer Deng Xiaoping in der Öffentlichkeit auffallend oft vom »Zeitalter der Information« gesprochen. Hier verrät ein, wie es in der Sprache der Regierung heißt, »hoch erfahrener«, alter, kommunistischer Politiker ohne Not, wie heftig ihn eine neue Erfahrung trifft: Die herkömmlichen Propagandastrategien der chinesischen Führungsschicht haben durch die Macht moderner Medien einen empfindlichen Rückschlag erlitten.

Denn Peking ist nicht Tibet: Die Hauptstadt ließ sich während der Demokratiebewegung nicht von der Außenwelt abschneiden, zumal sich ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt ausländische Korrespondenten im Gefolge des Gorbatschow-Besuchs in der Stadt aufhielten. Deshalb ist sich Deng klar darüber, daß die Bevölkerung genausowenig wie er selbst dieser Propaganda glaubt.

Ein Beispiel für eine öffentliche Kundgebung dieses Unglaubens ereignete sich jetzt in den Pekinger Kinos: Der Film »Das hohe Kunlun-Gebirge« ist ein Loblied auf die historischen Verdienste der KP. Während einer Szene, die den Einsatz von Wasserwerfern und Gummiknüppeln durch Kuomintang-Militärpolizei gegen demonstrierende Studenten der Peking-Universität zeigte, erhob sich spontan brausender Beifall im Publikum. Was sich hinter dieser Bekundung versteckte, war: Die Nationalisten waren weniger brutal als die Kommunisten.

Das heißt, daß diesmal die Erfolge der von der Regierung dirigierten »Pinsel« in Wahrheit oberflächlich sind. Die Behörden wissen sehr wohl, daß die allgemeine Fügsamkeit nur Verstellung ist - verbaler Gehorsam bei innerem Widerstand.

Die kürzlich von den Propaganda-Abteilungen in Gang gesetzte Kritik am »bürgerlichen Liberalismus«, die »Berichtigung« der »falsch gelenkten öffentlichen Meinung« während der Studentenbewegung, der Lizenzentzug für Zeitschriften und Verlage, die Anordnung der »Intensivierung der ideologischen Arbeit«, die Aufforderung zum »Studium der marxistischen Philosophie«, das organisierte Pauken zum »gewissenhaften Verständnis der Rede Jiang Zemins am Vorabend des Nationalfeiertags« - all das zeigt die Anstrengung, die ins Wanken geratene Ideologie erneut zu etablieren.

Aber: Heute wird die Kulturrevolution allgemein verabscheut, man verfügt über die Erfahrung von zehn Jahren Wirtschaftsreform und offener Information. Man weiß, daß der Boykott der westlichen Länder die wirtschaftliche Entwicklung Chinas in größte Schwierigkeiten stürzt, bekannt ist auch, daß die Regierungen der Sowjetunion und der osteuropäischen Staaten mit dem Verlangen nach Mitbestimmung völlig anders umgehen als die Regierung Chinas.

Weil Moral, Glaubwürdigkeit und Handlungsspielraum der Regierung auf einen nie dagewesenen Tiefpunkt gesunken sind, drängt sich heute die Frage auf, wie tief und wie lange die Machthaber diese Kampagne vorantreiben können. Ist es möglich, die Köpfe der Leute wieder in die Epoche der Kulturrevolution zurückzuschalten und so eine neue Generation gehorsamer Bürger zu produzieren?

Eins steht fest: Diese groß angelegte Kampagne zur Ausmerzung abweichenden Denkens hat nur Erfolg, wenn es mit ihr gelingt, die chinesische Intelligenz gleichzuschalten. Die Intellektuellen kann man getrost als geübte »Kampagnenkünstler« bezeichnen. Denn die Kampagnen der Vergangenheit folgten stets dem gleichen Ablauf.

Zunächst gab es Gerüchte, Andeutungen. Das waren Alarmsignale. Die Intellektuellen wurden doppelt vorsichtig, doppelt wachsam und beim Sprechen doppelt angepaßt. In der zweiten Phase begann sich der Nebel zu lichten, die Zeitungen enthüllten nun schrittweise, wer diesmal zur Warnung der vielen geschlachtet werden sollte. Entsprechend teilte sich die Bevölkerung in drei Gruppen:

Die erste bestand aus der Minderheit der Kritisierten, auf sie wartete die Katastrophe. Gelähmt vor Entsetzen suchten sie vergebens ihr Heil in verzweifelten Selbstbezichtigungen, mit allem ihnen zur Verfügung stehenden Vokabular zogen sie ihre Persönlichkeit in den Dreck, in der Hoffnung auf eine Überlebenschance.

Die zweite Gruppe bildete die Minderheit der Kritiker. Sie hatten richtig gewittert, aus welcher Richtung der Wind diesmal wehen würde, sie lauerten auf die Gelegenheit zu einer schnellen Karriere auf dem Rücken der Opfer. Daher kannten sie keinerlei moralische Skrupel. Die größten Schufte machten auf diese Weise glänzende Karrieren.

Die dritte Gruppe bestand aus der großen Mehrheit der nicht unmittelbar Beteiligten. Sie empfanden neben Schrecken zugleich heimliche Freude darüber, daß sie dem Unheil glücklich entgangen waren, und selbst wenn sie gegenüber den Kritisierten zu einem gewissen Mitgefühl fähig waren, hätten sie nie gewagt, es zu zeigen. Sie plapperten nach, was ihnen die Kritiker vorbeteten, um sicherzugehen, daß sie diese Kampagne unbeschadet überstehen würden.

Meist liefen soche Kampagnen aus, ohne daß ein Ende offiziell verkündet wurde. Die innerhalb einer solchen Tragödie erzielte Katharsis bestand darin, sich selbst einzuschärfen, die Lehren der diesmaligen Kampagne zu beherzigen, das heißt, den Schwanz einzuziehen und sich zu ducken, um zu verhindern, Opfer der nächsten Kampagne zu werden.

Wird es den Erben Maos in der gegenwärtigen Kampagne zum »ideologischen Zusammenschluß« nach altem Muster gelingen, die chinesische Intelligenz so effektvoll in die gewohnten Gruppen aufzuspalten? Die Propagandastrategie folgt noch immer dem von Mao fixierten Modell. Auch wenn die Protestbewegung des Frühjahrs eine bisher nie gesehene Breite besaß, richtete sich der Angriff der Herrschenden schon im April auf eine »Handvoll« von »Aufwieglern«. Dahinter verbarg sich die Hoffnung, aus der Masse der Demonstranten eine »winzige Minderheit« isolieren zu können, die sich als Objekt des Gegenschlags eignete. Gleichzeitig mobilisierte man die eigenen Gefolgsleute und suchte Verbündete, die bereit waren, öffentlich diese Minderheit zu attackieren.

Aber diese Propagandastrategie verfing diesmal nicht. Denn ausgerechnet die Studenten, gegen die sich der Versuch der Spaltung und Demoralisierung als erstes richten mußte, waren mit der altbewährten Methode der Regierung, »die einen zu locken, die andern zu prügeln, um die große Masse dazwischen zu gewinnen«, nicht vertraut.

Das Anwachsen der Studentenbewegung war Ausdruck der zunehmenden Stärke einer neuen sozialen Interessengruppe.

Daher gelang es den Machthabern nicht, mit den traditionellen Mitteln wie Kritik-Versammlungen, unaufhörlichen Verhören oder Parolen wie »Nieder mit XY« zu arbeiten, um die Persönlichkeit der Betroffenen zu zerstören. Zum erstenmal seit 1949 mußte die Führung »im Kampf gegen Konterrevolutionäre« mit Polizeiaktionen anstelle von Massenkritik arbeiten - ein Zeichen mangelnden Selbstvertrauens.

Die Folge: Die einen wurden auf der Flucht verhaftet, die anderen entkamen ins Ausland. Der auf diese Weise erzeugte Feind war nun aber nicht mehr wie früher »Auswurf der Menschheit, verachtenswert wie Hundedreck«, sondern er war heroisch - entweder einer, der sich unter Schlägen und Folterungen für die große Sache opferte oder einer, der klüger als seine Verfolger war.

Verglichen mit den überkommenen Methoden der geistigen Vernichtung des Gegners, wie sie früher unter Mao praktiziert wurde, erscheint die gegenwärtig von den Machthabern in Gang gesetzte Kritik-Kampagne eher wie ein Kräftemessen zwischen zwei ebenbürtigen Gegnern mit ungewissem Ausgang. Es fehlt ihr die Skrupellosigkeit und Vernichtungskraft der Staatsgründer.

Hinzu kommt, daß den Machthabern nicht gelungen ist, für ihre eigene »Minderheit« Stimmen von Einfluß und Talent zu gewinnen. Natürlich gibt es auch diesmal Leute, die den Umschwung für ihre Karriere nutzen oder sich persönlich rächen wollen, aber dies sind nur wenige und unterstes Niveau. Es hat den Anschein, daß selbst die kleine Schar der dienstbaren Kritiker, so jämmerlich sie auch sein mag, sich diesmal ein Hintertürchen offenläßt und nicht so recht willens ist, sich auf Sieg oder Untergang der Sache zu weihen: Der größte Teil ihrer Artikel erscheint unter Pseudonymen.

Die Mehrheit der Intellektuellen entfaltet die für Asiaten spezifische Fähigkeit, »außen rund und innen viereckig« zu sein, um inneren Widerstand und Geringschätzung zu dokumentieren. Sie betrachtet die gegenwärtigen Umstände als eine Gelegenheit zur privaten Weiterbildung. Der plötzlich wiederbelebte Absatz wissenschaftlicher Literatur ist ein Beweis für die allgemeine Ansicht, »daß die gegenwärtige Situation nicht von allzu langer Dauer sein kann«.

Das regelwidrige Verhalten der Kritiker, der Kritisierten und der großen Masse ist ein sicherer Beleg dafür, daß diesmal die von der Regierung in Gang gesetzte Massensäuberung auf Dauer nicht das beabsichtigte Resultat erzielen wird. Die Regierung ist nicht in der Lage, die »Pinsel« zur Festigung der eigenen Herrschaft zu benutzen, weil sie nicht in der Lage ist, die Masse der Leute hinreichend einzuschüchtern.

Mit dem »Angriff auf die Seelen« schaffen die hochgradig nervösen Führer des Landes langfristig ein wachsendes Risiko: Die Gehirnwäschenkampagne mag zwar zu einer vorübergehenden Unterdrückung abweichenden Gedankengutes führen und die Herrschenden kurzfristig zufriedenstellen, aber sehr wahrscheinlich wird sie die vollständige Desillusionierung über den Charakter der Führungsclique verstärken. f

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