Zur Ausgabe
Artikel 8 / 97
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Angst vor den Deutschen

aus DER SPIEGEL 33/1991

Die pausenlosen Vermittlungsversuche von Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) im Jugoslawien-Konflikt nähren im Ausland zunehmend antideutsche Ressentiments.

Verschreckt registrieren der Minister und seine Beamten, daß neuerdings bei den EG-Partnern längst vergessen geglaubte Animositäten gegenüber den Deutschen eine »unangemessen große Rolle« (Genscher) spielen. Vor allem der amtierende EG-Ratsvorsitzende, der niederländische Außenminister Hans van den Broek, reagierte gereizt auf Genschers anti-serbischen Kurs in der Jugoslawien-Krise: »Solange Herr Genscher nicht erzählt, daß er im Namen der EG spricht«, blaffte der Minister vergangene Woche in Den Haag, »kann er sagen, was er will.«

Genscher hatte van den Broek, der mit seiner Vermittlungsmission in Jugoslawien gescheitert war, vorige Woche in der Krisensitzung der Zwölfergemeinschaft in Den Haag merken lassen, daß er an dessen Professionalität zweifelt.

Der Bonner Außenamtschef hat nicht vergessen, daß sein niederländischer Kollege versucht hatte, sich in die »Zwei plus Vier«-Verhandlungen über die deutsche Wiedervereinigung zu drängeln, und daß er noch atomare landgestützte Kurzstreckenraketen auf deutschem Boden stationieren wollte, als die Amerikaner bereits davon abrückten.

Durch eigenmächtige Telefon-Diplomatie mit den verfeindeten Republiken Jugoslawiens rächt sich Genscher nun am niederländischen Ratspräsidenten. Auch ließ er seine Forderung nach einer Dringlichkeitssitzung der zwölf EG-Mitgliedstaaten über die eigene Pressestelle verbreiten und erst dann van den Broek zukommen. Nicht nur in Den Haag wächst deshalb die Besorgnis vor Bonner Alleingängen.

Auch in Italien, Großbritannien und Frankreich, so wird während der Krise deutlich, geht das diplomatische Engagement zugunsten des jugoslawischen Zentralstaats zunehmend einher mit der Angst vor einer neuen deutschen Großmachtstellung in Zentraleuropa.

Am deutlichsten drücken sich die französischen Diplomaten aus. Ein Spitzenbeamter von Außenminister Roland Dumas stellte klar, warum die pro-kroatische Politik der Deutschen gestoppt werden müsse: »Weil sie sonst als nächstes die Selbstbestimmung für Schlesien und das Elsaß verlangen.«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 8 / 97
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel