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Abtreibung Angst vor der Antwort

An fast jedem zweiten Schwangerschaftsabbruch ist ein Mann schuld - das behaupten zwei Wissenschaftlerinnen.
aus DER SPIEGEL 42/1992

Die Nachricht von der Schwangerschaft seiner Frau traf den Bautechniker aus Süddeutschland, Vater zweier Kinder, wie ein Schock: »Um Gottes willen, auch das noch. Laß es abtreiben.«

Der 38jährige war bereits aus der ehelichen Wohnung ausgezogen, hatte jedoch noch gelegentlich dort übernachtet. Nun reichte er die Scheidung ein.

Seine Frau Maria, 35 ("Mit ihm zusammen hätte ich das Kind gewollt"), brach die Schwangerschaft ab. Heute lebt sie mit ihren beiden Kindern allein.

Solche Fälle kennen die beiden Münchner Wissenschaftlerinnen Helgard Roeder und Almuth Sellschopp jede Menge. Die Psychologinnen haben eine Studie vorgelegt, der zufolge sich fast jede zweite der rund 80 000 Frauen, die bisher im Westen jährlich haben abtreiben lassen, vor allem deshalb zu dem Eingriff entschloß, weil »ihr Partner sie im Stich ließ«.

Umgekehrt, so behaupten die Expertinnen von der Münchner Technischen Universität, bringen Frauen die Kinder selbst bei »schwierigsten Ausgangsbedingungen« (Roeder) fast immer zur Welt, wenn sich ihre Männer oder Liebhaber den Nachwuchs wünschen.

Für die Untersuchung, die das bayerische Sozialministerium mit 300 000 Mark finanzierte, wurden rund 130 Paare aus bayerischen Dörfern und Großstädten getrennt voneinander interviewt - das bislang aufwendigste Projekt zur Erforschung der Männerrolle in Schwangerschaftskonflikten.

Die Auftraggeberin, die CSU-Sozial-Staatssekretärin Barbara Stamm, 47, ist eine radikale Abtreibungsgegnerin. Die Ergebnisse der Studie sind Wasser auf die Mühlen aller Streiter gegen eine Liberalisierung des Abtreibungsrechts.

Die Untersuchung bescheinigt den Männern Verantwortungslosigkeit und den Frauen Entscheidungsschwäche. Grund genug für Stamm, eine schärfere staatliche Aufsicht über das ungeborene Leben zu fordern.

Konsequenzen aus der Studie, die im November offiziell vorgestellt werden soll, sind auch schon in Sicht. Künftig, so plant die Staatssekretärin, die zugleich Vorsitzende der CSU-Familienkommission ist, sollen es in Bayern nicht mehr nur die Frauen schwer haben, wenn sie sich zum Schwangerschaftsabbruch entschließen. Die Politikerin will auch Männer in die Pflicht nehmen, ihnen »ein schlechtes Gewissen einreden«; sogar eine Zwangsberatung für werdende Väter wider Willen kann sie sich vorstellen.

Munition für den Feldzug gegen die maue männliche Moral findet sich im Studienbericht reichlich. Typisch für die Partner ungewollt schwangerer Frauen sei vor allem »ein Ausweichen« vor der Problematik, »ein Rückzug« aus der Verantwortung und »eine Distanzierung« von der Partnerin.

Für Schwangere, so die Psychologinnen, sei dieses Verhalten ein »Alarmsignal«, die Folge sei die Furcht der Frauen, mit dem Kind allein gelassen zu werden. »Ein Abbruch«, sagt Psychologin Roeder, »erscheint dann oft als einziger Ausweg.«

Ansichtssache. Ärzte und Mitarbeiter von Beratungsstellen bezweifeln einen echten Mangel an männlicher Verantwortung, wenn es um Schwangerschaftskonflikte geht. In Wahrheit steckten hinter den Schwierigkeiten fast immer »unausgesprochene Beziehungsprobleme«, so die Hamburger Gynäkologin Elke Franzki.

»Die Reaktionen der Männer«, registriert die Ärztin, die auch Vorstandsmitglied der Beratungsorganisation Pro Familia in Hamburg ist, »verdeutlichen meist den wahren Zustand der Beziehung.« Denn 80 Prozent der Väter geben nach einer Abtreibung an, sich ein Kind zu wünschen - nur nicht mit dieser Partnerin oder nicht zu diesem Zeitpunkt.

Auch der Leiter für Gynäkologische Psychosomatik und Psychotherapie an der Frauenklinik der Medizinischen Hochschule Hannover, Peter Petersen, sieht in der Schwangerschaftsunterbrechung ein Zeichen für einen »Partnerkonflikt«, wobei »auch Männer mit persönlichen Bedürfnissen, Ängsten und Befürchtungen zu ringen haben«.

Nicht selten haben es die Frauen zuvor bewußt vermieden, mit dem langjährigen Lebensgefährten über ihre Familienplanung zu sprechen, meist »aus Angst vor der klaren Antwort«, wie Helga Dachs, 41, vom Staatlichen Gesundheitsamt in München aus neun Jahren Beratertätigkeit weiß. Die Sozialpädagogin: »Wenn der Mann den Kinderwunsch ablehnt, signalisiert er: Ich will auch diese Frau nicht.«

Nicht immer kommen bei Wissenschaftlern die Männer so schlecht weg wie bei dem Duo Roeder/Sellschopp. Aus einer umfangreichen Studie der Psychologin Beate Wimmer-Puchinger vom Wiener Ludwig-Boltzmann-Institut über »Motive zum Schwangerschaftsabbruch« ergibt sich, daß immerhin drei Viertel der Partner spontan »fest zu den Frauen halten« wollen. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie sich für einen Abbruch oder für die Geburt entschieden haben.

Unstrittig ist für Psychologen und Therapeuten, daß eine Abtreibung bei den Männern oft ebensolche Schuldgefühle hinterläßt wie bei den Frauen. Selbst mehrere Jahre nach dem Eingriff, fand der hannoversche Psychotherapeut Petersen heraus, ist die Verarbeitung des Eingriffs bei den meisten »noch nicht abgeschlossen«.

Einhellig beklagen alle Experten die Passivität der Männer. Nur magere 16 Prozent begleiten ihre Frau oder Freundin zu Hilfsstellen. Womöglich deshalb, weil sie sich von den Einrichtungen nicht angesprochen fühlen. Beratung speziell für Männer, in den USA längst üblich, gibt es hierzulande nicht.

Die Folge: Während es zum Klinik-Alltag gehört, daß Männer bei der Geburt Händchen halten, sind Frauen beim Abbruch meist allein.

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