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Belgien Angst vor der braunen Pest

Das weltoffene Antwerpen, geprägt von jüdischer Kultur, entwickelt sich zur Hochburg der Rechtsradikalen.
aus DER SPIEGEL 21/1995

War es wirklich nur ein harmloser Zufall, daß die rund tausend Parteifreunde des rechtsextremen Vlaams Blok sich ausgerechnet an Hitlers Todestag zum Wahlparteitag in Antwerpen versammelten?

Heftig wehrt der Parteivorsitzende Karel Dillen jede historische Reminiszenz bei der Terminwahl ab. An den »Führer« habe man überhaupt nicht gedacht, erklärt der auf Lebenszeit ernannte Chef des »Flämischen Blocks«, der als junger Aktivist den Hitler-Gruß allerdings schon mal selbst entbot. Der 30. April sei schlicht der einzige Termin vor den belgischen Parlamentswahlen am 21. Mai gewesen, »an dem noch ein Saal frei war«.

Antwerpen hat sich zur Hochburg der flämischen Rechtsradikalen entwickelt, die bei den jüngsten Kommunalwahlen mit ausländerfeindlichen Sprüchen 28 Prozent der Stimmen erhielten. Ausgerechnet das kosmopolitische, weltoffene Antwerpen, Europas »Kulturhauptstadt 1993«, droht von einer braunen Flut überspült zu werden.

Die Handelsmetropole wird auch »Jerusalem des Westens« genannt. Hier leben 20 000 Juden, die das Stadtbild nachhaltig beeinflussen. Ganze Straßenzüge sind geprägt von Orthodoxen, in traditionelles Schwarz gehüllt, mit langen Bärten und Schläfenlocken.

Die meisten der jüdischen Bürger, ob strenggläubige Chassidim oder Nichtreligiöse, haben mit dem Diamantenhandel zu tun. Sollten sie offener Feindseligkeit begegnen, würden die Geschäftsleute binnen kurzem die Stadt verlassen und sich in New York, Tel Aviv oder Amsterdam niederlassen. Ein solcher Rückzug träfe Belgien schwer. Denn das Geschäft mit den Edelsteinen macht über sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Etwa 30 000 Arbeitsplätze hängen vom Diamantenhandel und den Schleifwerkstätten ab.

Mit allen Mitteln versuchen die Anführer des Vlaams Blok dem Eindruck zu begegnen, sie sympathisierten mit dem Nationalsozialismus und seiner mörderischen Rassenpolitik. Statt dessen bemühen sie sich um eine »respektable Fassade«, sagt der Antwerpener Publizist Hugo Gijsels. Denn eine antisemitische, offen faschistische Partei sei im traditionell liberalen Belgien chancenlos.

Im Land des kleinbürgerlichen Individualismus überlebten während der deutschen Besatzung mehr Juden mit Hilfe ihrer Nachbarn den Holocaust als beispielsweise in den Niederlanden. Allerdings waren die Menschen in der Hauptstadt Brüssel schon damals mutiger als die an der Küste: Antwerpen galt in den dreißiger Jahren als Zentrum der Nazi-Kollaboration. Die Stadtväter kassierten für die Ausgabe der stigmatisierenden Judensterne sogar noch je einen Franc Gebühr.

Vieles im Programm des Vlaams Blok 1995 erinnert an NS-Gedankengut: Vorgesehen sind eine »Gebärpflicht« der Frau, eine Einschränkung des Streikrechts sowie ein Versammlungsverbot für Ausländer.

Die Rechtsradikalen profitieren vom Filz der Regierenden. Ein »Geschenk des Himmels« nennt der 32jährige Vlaams-Jungstar Filip Dewinter beispielsweise die Bestechungsaffäre um den Ankauf von 46 Militärhubschraubern der italienischen Firma Agusta. In diesen Korruptionsskandal verwickelt sind Parteigrößen der wallonischen und flämischen Sozialisten, vermutlich auch der damalige Wirtschaftsminister und heutige Nato-Generalsekretär Willy Claes.

Dewinter gilt als geschickter Demagoge. Der Antwerpener Listenführer »modernisierte« das Parteiprogramm, indem er die traditionelle Forderung nach einem unabhängigen flämischen Staat hintanstellte und statt dessen eine aggressive Ausländerpolitik »gegen die islamischen Horden« aus Marokko und der Türkei zum Wahlhit machte. Hatte in den dreißiger Jahren der Vlaams Nationaliste Verbond, die Partei der Nazi-Kollaborateure, mit dem Slogan »So viele Arbeitslose, weshalb noch Juden« gegen die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge Stimmung gemacht, so agitiert jetzt der Vlaams Blok mit dem Spruch: »500 000 Arbeitslose, weshalb noch Einwanderer.«

Dabei gibt es in Antwerpen nur einen vergleichsweise geringen Anteil von fünf Prozent Marokkanern. In Brüssel, wo in einigen Kommunen die Einheimischen inzwischen in der Minderheit sind, waren die Rechtsextremen weit weniger erfolgreich.

Vlaams Blok holt seine Stimmen vor allem bei Arbeitslosen, verarmten Kleinbürgern und verunsicherten Arbeitnehmern. Wie ihre Gesinnungsgenossen in Frankreich oder Italien verdanken die Radikalen ihre Erfolge populistischen Parolen vom großen Reinemachen in der Politik. So marschierten Mitglieder des Vlaams Blok - wie einst die Nazi-Anhänger der »Rex«-Partei - mit Besen durch Antwerpens Straßen.

Nach 70 Jahren »sozialistischer Verwaltung« in der Stadt Antwerpen sei eine Radikalkur fällig, verkündete Dewinter. Damit finden die Rechtsradikalen auch in den grünen Vororten Anklang. Inzwischen gibt es eine Allparteienkoalition im Stadtrat, um zu verhindern, daß Vlaams Blok als stärkste Partei in Antwerpen mitregiert.

Die Rechtsradikalen haben für den Fall ihrer Regierungsübernahme einen Aktionsplan »Ausländerfreies Flandern« vorbereitet. Sondereinheiten der Polizei sollen mit Razzien 100 000 illegale Einwanderer aufspüren. Mit ihnen zusammen würden auch arbeitslose Ausländer und deren Familien in Transportflugzeuge verfrachtet und nach Marokko und in die Türkei geflogen - das sei die billigste Lösung.

Zwar hält sich die jüdische Gemeinde von Antwerpen mit Kommentaren auffällig zurück, doch in privaten Gesprächen hört man schon öfter: »Das nächste Ziel sind wir.« Y

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