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PASSAGIER-ABFERTIGUNG Angst vor Elefanten

aus DER SPIEGEL 52/1966

Die Flugzeuge werden immer schneller, die Abfertigung der Passagiere auf den Flughäfen wird immer langsamer. Wer fliegen will, muß gut zu Fuß sein.

Ein Flug beispielsweise von Frankfurt nach Köln dauert nur 35 Minuten. Ehe der Fluggast aber starten kann, hat er einen etwa einstündigen Hindernislauf hinter sich: vom entlegenen Parkplatz durch den Warteraum übers Rollfeld zum Flugzeug.

Allein vom Abholen der Bordkarte am Schalter bis zu dem erlösenden Moment, da der Inlands-Passagier sich in den »neuen weichen Sessel« (Werbung der britischen Fluggesellschaft BEA) fallen lassen kann, vergehen auf dem Frankfurter Flughafen, so fand die Lufthansa heraus, durchschnittlich 20 Minuten. Für Auslands-Passagiere kommen noch die Zollformalitäten hinzu.

Um die »Springprozession der Fluggäste« (so Lufthansa-Vorstandsmitglied

Hans Süssenguth) abzukürzen, investierte die Flughafen Frankfurt/Main AG in den letzten Jahren 200 Millionen Mark. Für neue Gebäude, die sich wie eine gespreizte Hand in das Rollfeld schieben werden, will die Gesellschaft bis 1970 zusätzlich 600 Millionen Mark ausgeben. Auf sogenannten Finger-Flugsteigen kommen dann die Passagiere ans Flugzeug, sie werden aber weiterhin an zentralen Schaltern abgefertigt.

Der Leiter der Lufthansa-Hauptabteilung Bodendienste, Karl-Albert Reitz, glaubt, daß dem Rhein-Main-Flughafen trotz der Ausbauten ein Fiasko nicht erspart bleiben wird. 1960 wurden erst zwei Millionen Passagiere gezählt, 1970 werden acht bis zehn Millionen erwartet. Dann müssen in Frankfurt stündlich bis zu 3200 Fluggäste abgefertigt werden.

Zu jener Zeit werden »fliegende Elefanten«, sogenannte Jumbo-Jets vom Typ Boeing 747, gleich 490 Passagiere auf einmal befördern - dreimal soviel wie die heutigen Düsenflugzeuge. »Wenn wir uns nichts Neues einfallen lassen«, so Bodendienst-Experte Reitz, wird dann »auch noch der letzte Rest von Organisation zusammenbrechen«.

Schon heute häufen sich die Pannen. Da mehrere Flugzeuge und ihre Passagiere gleichzeitig abgefertigt werden müssen, verliert das Flughafenpersonal die Übersicht. Die Lufthansa gesteht, daß falsche oder widersprüchliche Auskünfte nicht länger zu vermeiden seien. Und daß ein Fluggast lange nach seinem Gepäck suchen muß, sei auch »nicht gerade selten«. Manchmal sind die fliegenden Koffer längst in einer anderen Stadt gelandet.

Um wenigstens einigermaßen mit dem Ansturm fertig zu werden, vergrößerten die Flughafen-Verwaltungen ihre Einrichtungen nach der sogenannten Kaninchenstall-Methode. (Süssenguth: »Da und dort ein Stück.")

Durch weiteres Anstückeln, so meinen die Sprecher der Lufthansa, würden den Fluggästen zu große Strapazen zugemutet. Sie wollen »große Zentralflughäfen in lauter kleine Satelliten-Flughäfen auflösen«. Die Satelliten, auf dem Gelände der bisherigen Flughäfen, sollen jeweils nur einer Flugrichtung oder Fluggesellschaft dienen. Im Gegensatz zu dem Frankfurter Finger-System wird dabei auch die Abfertigung von Passagieren und Gepäck dezentralisiert. Reitz über die neue Ordnung: »Der Passagier kommt zehn Minuten vor dem Start, parkt sein Auto 30 Meter entfernt, löst das Ticket, gibt sein Gepäck auf, und ab geht die Kiste.«

Die Passagiere können ihr Auto im Innern ringförmiger Satelliten parken, das Flugzeug wartet draußen. Der Fluggast passiert nur einen Schalter und steigt über eine Brücke gleich ins Flugzeug. Sein Gepäck wird ebenfalls direkt an Bord geschafft.

Vier Meter darunter, auf einer sogenannten Betriebsebene, hantiert das Bodenpersonal ungestört. Die Versorgungsleitungen sind wie im Schiffsdock fest installiert. Das gefährliche Durcheinander von Wartungs-, Gepäck-, Verpflegungs- und Tankfahrzeugen hat ein Ende.

Wegen der höheren Baukosten der Satelliten freilich haben sich in Deutschland außer Frankfurt auch Düsseldorf und Stuttgart für die zentrale Abfertigung und den Finger-Flugsteig entschieden. Ihr zweites Argument: Sie möchten Passagieren, die umsteigen, lange Wege von Satellit zu Satellit ersparen. In Frankfurt wechselt jeder zweite Ankömmling lediglich das Flugzeug.

In Berlin hingegen soll der zukünftige Verkehrsflughafen Tegel aus wabenförmigen Satelliten zusammengesetzt werden (SPIEGEL 13/1966). Und der Köln-Bonner Flughafen auf der Wahner Heide wird von 1968 an mit vier sternförmigen Flugsteig-Köpfen stündlich bis zu 40 Flugzeuge abfertigen. Für München, das rechtzeitig zu den Olympischen Spielen 1972 einen neuen Flughafen braucht, hofft Karl-Albert Reitz auf »olympische Satelliten-Ringe«. Hamburg ist sich noch nicht schlüssig.

Als bisher einziger Verkehrsflughafen der Welt hat Kansas City vier Ringe mit 60 Flugzeug-Positionen, sechsbahnige Zufahrtstraßen und 9000 Parkplätze gebaut. Im Kopenhagener Flughafen Kastrup stehen statt dessen auf 700 Meter langen Flugsteigen Kinderroller bereit. Benutzt werden sie fast ausschließlich von Stewardessen. Die Passagiere genieren sich und gehen lieber zu Fuß.

Fluglade-Brücke in Frankfurt: Wer fliegen will ...

... muß gut zu Fuß sein: Rollernde Fluggäste in Kastrup

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