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WERBUNG / ZIGARETTEN Angst vor Käte

aus DER SPIEGEL 44/1970

Westdeutschlands Plakatstellen-Vermieter müssen in den nächsten Wochen nach neuen Kunden Ausschau halten: Ab 1. Januar 1971 verlieren sie auf einen Schlag ein Drittel ihres Umsatzes, weil die deutsche Zigarettenindustrie dezenter als bisher um die Gunst der Raucher werben will.

Nach mehreren Verbandssitzungen einigten sich die Tabakbosse, künftig auf alle Mammutplakate (Branchenterminus: Panorama-Tafeln) zu verzichten und sich hinfort mit der halben Größe zu begnügen. Die Plakate sollen zudem so placiert werden, daß zwischen Ihnen ein Mindestabstand von 100 Metern besteht. Von den 80 000 Großplakatstellen in der Bundesrepublik hatte die Zigarettenindustrie bisher rund 50 Prozent zu einem Tagespreis von DM 4,50 pro Plakattafel unter Dauervertrag.

Noch rigoroser wollen die Zigaretten-Manager Ihre Etats für das Werbefernsehen zusammenstreichen. Einige Firmen möchten auf Fernsehwerbung sogar völlig verzichten. Damit würde sich die Branche aus einem ihrer wichtigsten Werbemedien zurückziehen. Von 175 Millionen Werbemark Im vergangenen Jahr flossen 33 Millionen in die Kassen des Werbefernsehens.

Zu freiwilliger Selbstbeschränkung fühlen sich die Zigarettenindustriellen veranlaßt, weil sie »ein größeres Übel verhindern wollen« (Josef Sichert, Marketing-Chef bei Haus Neuerburg). Die Firmen befürchten nämlich ein Gesetz, das die Regierung ermächtigt, bestimmte Werbeverbote auszusprechen. Nach einem Referentenentwurf aus Käte Strobels Gesundheitsministerium sollen die Behörden von Fall zu Fall Inhalt und Umfang der Tabakwerbung »verbieten oder beschränken«.

In die Schußlinie öffentlicher Kritik geriet die Zigarettenbranche, seit Ärzte im In- und Ausland die Zigarette als gefährlichen Krebs-Erreger anprangern. Der 73. Deutsche Ärztetag im Frühjahr dieses Jahres forderte zum Beispiel »im gesundheitlichen Interesse der Gesamtbevölkerung und jedes einzelnen Menschen« ein generelles Werbeverbot.

In anderen Ländern hat die Anti-Raucher-Fronde ähnliche Forderungen längst durchgesetzt. Nachdem den Tabakwarenherstellern auch in England und Skandinavien Werbebeschränkungen auferlegt wurden, Ist in Westeuropa ungehinderte Zigarettenreklame nur noch in Luxemburg, Österreich und Deutschland möglich.

Selbst Im liberalen Nordamerika Ist die Freiheit der Zigarettenwerbung stark beschnitten worden. Dort müssen die Tabakfirmen nicht nur Anti-Zigarettenwerbung hinnehmen, sondern sich obendrein noch den Packungsaufdruck »Zigarettenrauchen kann gefährlich für Ihre Gesundheit sein« gefallen lassen. Ab Januar 1971 hat der Kongreß die Fernsehwerbung ganz verboten. Zudem kann der Staat vom 1. Juli 1971 an in der übrigen Zigarettenwerbung Warnungen vor möglichen Gesundheitsschäden verlangen.

Um dem Schicksal ihrer amerikanischen Kollegen zu entgehen, entschlossen sich die deutschen Zigarettenmanager schon Mitte der 60er Jahre zu einer Maßhalteaktion. In einem sogenannten Werbe-Kode, den sie beim Gesundheitsministerium hinterlegten, verpflichteten sie sich zur Zurückhaltung gegenüber Jugendlichen.

Unter Androhung einer Verbandsstrafe bis zu 200 000 Mark ist es seither verboten, Photomodelle abzubilden, die jünger als 25 Jahre erscheinen. Ferner dürfen auch keine Leistungssportler und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens gezeigt werden, die der Jugend als Vorbild dienen könnten. In dem Verbandsreglement wurden die Firmen zudem angewiesen, möglichst nicht die Fernsehzeiten vor 19 Uhr zu belegen, weil zu dieser Stunde besonders viele Kinder vor der Mattscheibe sitzen.

Die seit 1966 als Gesundheitsministerin amtierende Sozialdemokratin Käte Strobel war mit solchen Selbstbeschränkungen freilich noch lange nicht zufrieden. Im vergangenen Jahr startete sie deshalb eine Anti-Raucher-Kampagne.

So organisierte sie »no-smokerclubs« und ließ ein Plakat vertreiben, auf dem eine schlaffe Hand mit einer Zigarette zwischen den Fingern aus einem Sarg ragte. Makabrer Text dazu: »Asche zu Asche«. Nichtraucherin Strobel begleitete ihre Aktion mit dem Kommentar: »Ich hoffe, daß wir es schaffen, bald ein Werbeverbot für Tabakerzeugnisse zu erreichen.«

Inzwischen war freilich die Tabakindustrie, die im vergangenen Jahr dem Staat sechs Milliarden Mark Steuern zuführte, nicht untätig. In zahlreichen Gesprächen mit Bonner Behörden und Politikern gelang es ihr, die starre Front der Werbegegner aufzuweichen.

Am 23. September dieses Jahres erklärte Käte Strobels Staatssekretär Professor von Manger-Koenig vor dem Bundestag, eine freiwillige Begrenzung der Zigarettenwerbung sei möglicherweise wirkungsvoller als ein Regierungsverbot.

Daß generelle Werbeverbote den Zigarettenkonsum nicht vermindern können, glauben die deutschen Zigarettenfirmen mit handfesten Zahlen belegen zu können. In den Vereinigten Staaten zum Beispiel ging der Umsatz trotz zahlreicher Beschränkungen im vergangenen Jahr nur um 1,9 Prozent zurück. Das erste Quartal dieses Jahres wies aber bereits schon wieder ein Umsatzplus von fünf Prozent aus.

In Italien, wo jegliche Zigarettenwerbung strikt verboten ist, stieg der jährliche Zigarettenkonsum von 1963 bis 1969 von 48 Milliarden Stück auf 68,5 Milliarden. Haus Neuerburg-Manager Sichert weiß dafür eine Erklärung: »Jeder Raucher ist eine Werbung für die Zigarette.«

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