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GEMEINDEN / WOHNUNGSVERMITTLUNG Anker fehlt

aus DER SPIEGEL 44/1970

Wir sind«, rühmt der Angestellte Heinz Ganss seinen Arbeitgeber, die Darmstädter Immobilienfirma Bußhaus, »ein solides, seriöses Unternehmen.« Jetzt aber, mäkelt der Makler, »wollen die uns eine Würgeschlinge um den Hals legen«.

Strangulation befürchteten die 27 eingetragenen Wohnungsvermittler von Darmstadt, als Lokaiblätter über einen neuartigen Konkurrenten berichteten, der künftig kostenlos makeln könnte: die Stadtverwaltung.

Um »generelle Hilfe für alle Bürger« bemüht, hatte der Volkswirtschaft-Student, SPD-Stadtverordnete und Jungsozialisten-Unterbezirkssekretär Günther-Philipp Müller, 31, die Stadt aufgefordert zu prüfen, »ob die Einrichtung einer kommunalen Wohnungsvermittlungsstelle im Rahmen der Möglichkeiten« liege. Vor allem ging es Müller darum, mit diesem »echten Bürgerservice« Wohnungsuchenden »eine kostenlose Alternative zu den hohen Maklerprovisionen« zu bieten.

Am Mittwoch vorletzter Woche fand der Müller-Plan Zustimmung: Darmstadts Kommunalparlament verabschiedete auf Antrag der SPD-Fraktion das Prüfungsersuchen an den Magistrat. Die Christdemokraten mochten sich, trotz anfänglicher Bedenken, so kurz vor den hessischen Landtagswahlen der sozialen Sache nicht verschließen und stimmten, wie die SPD-Genossen, geschlossen zu. Lediglich Freidemokraten und Nationaldemokraten war das Wohl der Immobilienbranche wichtiger. FDP-Sprecher und Rechtsanwalt Dr. Hermann Kleinstück mokierte sich über das »Bündel von Sozialutopien«, mit dem die »Notlage eines Berufsstandes unverantwortlich ausgenutzt« werden solle.

Daß die Darmstädter Stadtverwalter tatsächlich »den Wohnungsmaklern das Wasser abgraben«, wie FDP-Kleinstück befürchtete, steht freilich kaum zu erwarten. Eine »Konkurrenz zu den Maklern«, schwächte mittlerweile der mit der Prüfung der SPD-Anregung beauftragte Christdemokrat und Liegenschaftsdezernent Wilhelm Barth ab, »ist von uns nicht beabsichtigt«.

Ein städtischer Angestellter soll »voraussichtlich ab 1. Januar nächsten Jahres« (Barth) zunächst einmal nur den Markt sondieren und das Angebot im sozialen Wohnungsbau ermitteln. Die Angaben der großen Gesellschaften sollen, so Barth, in Karteien gespeichert und Anwärtern auf Sozialwohnungen offeriert werden. Der Dezernent erhofft eine Verkürzung des Instanzenweges: »Auch für die Gesellschaften, die oft außerhalb Darmstadts ihre Vergabestellen haben, ist das angenehmer.«

Der freie Wohnungsmarkt aber, auf dem die Makler ihre gewinnträchtigen Provisionen schöpfen, wird ausgespart bleiben müssen. Denn der Magistrat kann die Hausbesitzer nicht zwingen, ihre Wohnungen statt über Makler künftig über die Kommune anzubieten. Barth: »Vermieter, die sich bei uns meiden, werden natürlich nicht abgewiesen.

Der Deutsche Mieterbund steht denn auch der Darmstädter Initiative, so Mieterbund-Syndikus Horst A. Schmidt, »sehr skeptisch« gegenüber. Zwar wäre nach Ansicht der Mieter-Lobby »viel gewonnen«, wenn Sozialwohnungen nicht mehr durch Makler vermittelt werden dürften, aber »das müßte gesetzlich verankert werden«. Auch den überhöhten Maklerprovisionen kann, so Mieter-Justitiar Schmidt, nicht mit dem Darmstädter Modell begegnet werden, sondern nur mit der Verabschiedung eines »Wohnungsvermittlungsgesetzes"« das den Zugang zum Maklerberuf regelt und die Provisionshöhen vorschreibt.

Auch die Darmstädter Vermieter scheinen bemerkt zu haben, daß der Beschluß ihrer Stadtverordnetenversammlung, solange der Bonner Gesetzgeber nicht mitzieht, sie -- wie auch die Makler -- kaum berührt. Nach einer kurzen Diskussion im Hotel »Bockshaut« ging der örtliche Hausbesitzer-Verein ohne Protestbeschluß zu anderen Tagesordnungspunkten über.

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