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DEBATTE Anleitung zum Haß

Der Kriminologe Christian Pfeiffer über das Erziehungssystem der DDR und die Folgen
aus DER SPIEGEL 12/1999

Gewalttaten gegen Ausländer sind im Osten weit häufiger als im

Westen, weil die Sozialistische Einheitspartei 40 Jahre lang

Untertanen statt mündiger Bürger gezüchtet hat. Diese These des Kriminologen Christian Pfeiffer, 55, macht derzeit in den neuen Ländern Furore. Seit Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Instituts Niedersachsens in Hannover, vor 1200 Ostdeutschen in Magdeburg seine Vorwürfe gegen das Erziehungssystem der DDR öffentlich gemacht hat, wird er mit wütenden Briefen und Anrufen überhäuft.

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Im Jahr 1990 wurde der Angolaner Amadeu Antonio in einer brandenburgischen Kleinstadt von rechten Jugendlichen zu Tode geprügelt. Er war nach der Wende das erste Todesopfer fremdenfeindlicher Gewalt im Osten. Das vorerst letzte ist der Algerier Omar Ben Noui. Er kam vor fünf Wochen zu Tode, nachdem ihn ein gutes Dutzend Jugendlicher durch die Straßen der Kleinstadt Guben gehetzt hatte.

Dazwischen liegen acht Jahre, in denen sich eines immer wieder von neuem gezeigt hat: Derartige Überfälle auf Ausländer ereignen sich im Osten, bezogen auf die Bevölkerungszahl, erheblich häufiger als im Westen. Im Jahr 1997 waren es in den neuen Bundesländern 4,7mal so viele. Die Zahl der Tatverdächtigen dürfte sogar das Fünf- bis Sechsfache des Westniveaus erreichen. Eine im Auftrag des Bundesjugendministeriums durchgeführte Datenanalyse hat nämlich gezeigt, daß junge ostdeutsche Täter derartige Delikte fast durchweg aus Gruppen heraus begehen. Bei jungen Westdeutschen traf das nur in der Hälfte der Fälle zu.

Dabei müssen die Jugendlichen in den neuen Bundesländern oft richtig suchen, wenn sie ihre feindlichen Gefühle gegenüber einem Fremden ausleben wollen. Der Anteil der Ausländer an der Wohnbevölkerung lag 1997 im Osten nur bei 1,8 Prozent gegenüber 10,2 Prozent im Westen. Doch dort wurden, statistisch gerechnet, nur 2,1 von 100 000 Ausländern Opfer fremdenfeindlicher Gewalt, im Osten dagegen 57,4 - also 27mal so viele.

Wie ist der gravierende Unterschied zu erklären? Nach dem Tode des Algeriers Ben Noui war von ostdeutschen Politikern zu hören, was sie schon immer gesagt hatten: Solche Taten würden sich in den neuen Bundesländern deswegen öfter ereignen als im Westen, weil die jungen Menschen dort häufiger von Armut und Arbeitslosigkeit betroffen seien und schlechtere Lebensperspektiven hätten.

Doch nach den Erkenntnissen der Polizei und der Forschung ist die große Mehrheit der fremdenfeindlichen Täter im Westen wie im Osten nicht unmittelbar von Armut oder Arbeitslosigkeit betroffen. Ihr häufigster sozialer Standort ist das Milieu der Arbeiter, der Auszubildenden, der unteren Angestellten mit einem eher niedrigen Bildungsgrad.

Aber wenn es nicht so sehr der Frust über eine aktuelle Notlage ist, was erklärt dann, daß die Jugendlichen und Heranwachsenden im Osten soviel häufiger Ausländer überfallen? Die Gegenthese lautet: Hauptursache ist die autoritäre Erziehung der DDR. Viel zu früh und für viel zu lange Zeit seien die Kinder von ihren Eltern getrennt worden und in Krippen, Kindergärten, Schulen und Jugendorganisationen ständig einem hohen Anpassungsdruck an die Gruppe ausgesetzt gewesen.

Der DDR-Psychiater und Psychotherapeut Hans-Joachim Maaz hat bereits 1990 auf diesen Zusammenhang hingewiesen und damals vorausgesagt, daß sich die emotionalen Probleme der DDR-Kinder und Jugendlichen später in aggressiven Ausbrüchen gegenüber Fremden und Schwächeren entladen würden. Gibt es für seine Analyse inzwischen empirische Belege oder zumindest klare Indizien?

Noch zu DDR-Zeiten hatten sich die Sozialwissenschaftler Karl Zwiener und Dietmar Sturzbecher wissenschaftlich mit der Erziehung in DDR-Krippen und Kindergärten auseinandergesetzt. Damals landeten etwa vier Fünftel der Kleinkinder spätestens mit zwölf Monaten in den Ganztagskinderkrippen. Man sei dort, so die Erkenntnis der beiden, nur wenig auf die Bedürfnisse der Kinder eingegangen und habe zu wenig Raum für deren Entfaltung gelassen.

Der Tagesablauf folgte relativ starren Regeln. Die Erzieherinnen und Erzieher dominierten, bestimmten Zeitpunkt und Art kindlicher Spiele. Sie gingen nicht vom individuellen Erleben des Kindes, von seinem Entwicklungsstand aus, sondern von ideologisch vorgegebenen Erziehungszielen. Auch engagierte Kindergärtnerinnen konnten daran offenbar wenig ändern, weil schlicht das Personal fehlte, um sich dem einzelnen Kind intensiver zuwenden zu können.

Natürlich haben viele Eltern und Großeltern versucht, den institutionellen Mangel an persönlicher Zuwendung auszugleichen. Aber auch das ist oft nicht gelungen, weil es in DDR-Familien besonders häufig Trennungs- und Scheidungskonflikte gab. Viele DDR-Kinder sind deshalb emotional nicht satt geworden an Zuwendung durch feste Bezugspersonen.

Margot Honecker, die Volksbildungsministerin der DDR, wird das nicht gestört haben, weil für sie die Einordnung in die Gruppe und nicht die freie Entfaltung der Persönlichkeit das oberste Erziehungsziel war. Kinderkrippen und Kindergärten wurden von ihr ausgezeichnet für vorbildliche Disziplin, Ordnung und Sauberkeit. Die DDR hat hier an die Tradition des preußischen Obrigkeitsstaats angeknüpft - also an ein Leitbild der Erziehung junger Menschen zu Untertanen und nicht zu mündigen Bürgern.

Hinzu kommt: Die SED hat die Kinder und Jugendlichen ständig mit einem idealisierten Bild der eigenen Welt überzogen und für die offenkundigen Mängel des Systems immer wieder den Klassenfeind verantwortlich gemacht. Bereits von den Kindergärtnerinnen verlangte das Regime die Erziehung zum Feindbild. Noch deutlicher wurde das im Lehrbuch »Pädagogik«, dem Standardwerk der DDR für Lehramtsprüfungen, den zukünftigen Lehrern ans Herz gelegt: »Die Schüler müssen den Feind durchschauen und ihn überall entlarven können. Auf diese Weise entstehen politisch-ideologische Wertorientierungen, die Haß gegen die imperialistische Ausbeutung und Unterdrückung einschließen. Die Heranwachsenden müssen lernen, feindliche Auffassungen zu erkennen und zu bekämpfen.«

Welcher Zusammenhang besteht zwischen einem derartigen Erziehungsstil und der Entstehung von fremdenfeindlichen Einstellungen und Verhaltensweisen? Antworten darauf haben viele gegeben: Theodor W. Adorno ebenso wie Maaz und zuletzt die Hildesheimer Sozialwissenschaftlerin Christel Hopf. Ihr gemeinsames Fazit: Wer in Kindheit und Jugend einer autoritären Gruppenerziehung ausgesetzt ist und zu wenig an individueller Zuwendung und Förderung erfährt, ist in der Entwicklung eines gelassenen Selbstvertrauens behindert. Im Vergleich zu einem jungen Menschen, dem in seiner Sozialisation bessere Chancen zur freien Entfaltung seiner Persönlichkeit geboten wurden, wird er Fremde viel eher als bedrohlich erleben und als Feinde definieren.

Wenn er dann noch erlebt, daß die Schuld an Mißständen der eigenen Welt ständig einem externen Sündenbock zugeschrieben wird, verstärkt dies die Neigung, später selbst nach diesem Muster zu verfahren: Wer die Schülerinnen und Schüler zum Haß auf den politischen Gegner aufruft, darf sich nicht wundern, wenn solche Feindbilder auf alles Fremde übertragen werden.

Natürlich sind nicht alle Kinder und Jugendlichen von der Erziehungsideologie der SED geprägt worden. Es gab soziale Nischen und intakte Familien, die auszugleichen versuchten, was die staatliche Pädagogik angerichtet hatte. Es gab auch Kindergärtnerinnen und Lehrer, die den Anpassungsdruck gemildert und die Feindbild-Erziehung nicht mitgemacht haben.

Und schließlich darf nicht übersehen werden, daß die DDR-typische Erziehung in der Gruppe für die Betroffenen das Risiko von Mißhandlungen im Elternhaus reduziert hat - ein Belastungsfaktor, der generell die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen erhöht.

Das ändert allerdings nichts an dem Gesamtbild. Die vom Partei- und Staatsapparat der DDR gesteuerte Erziehung hat Einflußfaktoren gesetzt, die bei vielen Kindern und Jugendlichen Folgen haben: eine starke Verunsicherung des Individuums, hohe Anpassungsbereitschaft an Gruppen sowie ausgeprägte Ausländerfeindlichkeit. Für diese These gibt es eine Reihe von empirischen Belegen:

* Sozialwissenschaftliche Untersuchungen kurz nach der Wende haben gezeigt, daß bereits damals ein beachtlicher Anteil der Jugendlichen

in der DDR ausländerfeindlich war. So stimmten 1990 bei einer Befragung 42 Prozent der Jugendlichen der Aussage zu: »Mich stören die vielen Ausländer bei uns«, im Westen waren es nur 26 Prozent. Eine 1997 vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) durchgeführte Repräsentativbefragung von 16- bis 29jährigen kommt zu einem ähnlichen Befund. So stimmten im Osten 19 Prozent der Aussage zu: »Es wäre am besten, wenn alle Ausländer Deutschland verlassen würden«, im Westen waren es 7 Prozent. Insgesamt ließen 36 Prozent der im Osten Befragten ein hohes Maß an Ausländerfeindlichkeit erkennen gegenüber 18 Prozent im Westen.

* Der polizeilichen Kriminalstatistik läßt sich entnehmen, daß Jugendliche im Osten ihre Delikte wie Raub und Körperverletzung weit häufiger als im Westen aus Gruppen heraus begehen. Dies bestätigt auch eine 1998 durchgeführte Repräsentativbefragung von Schülern neunter Klassen. Junge Gewalttäter aus Leipzig gaben zu 55 Prozent an, daß sie ihre Taten aus Gruppen heraus begangen hatten, in Stuttgart waren das nur 20 Prozent. Es überrascht deshalb nicht, daß rechte Gruppen mit ihrem starken Zusammenhalt und ihren klaren Feindbildern besonders für ostdeutsche Jugendliche hohe Anziehungskraft entfalten.

* Auch Christel Hopf gelangt in einer Studie, die demnächst veröffentlicht wird, zu der Einschätzung, daß die Kinder der DDR durch Mangel an individueller Zuwendung emotional stark belastet waren. Die Verunsicherung der Kinder und Jugendlichen sei mit dem Zusammenbruch der DDR noch angewachsen, weil an die Stelle von Überschaubarkeit und Geborgenheit durch staatlich festgelegte Lebenswege der Zwang zu individueller Lebensplanung trat. Die Folge sei eine Bewältigungsstrategie, die eigene Unsicherheit wegschiebt und Ausländer zu Sündenböcken macht.

In den letzten Wochen hatte ich oft Gelegenheit, mit Ostdeutschen über diese Befunde zu diskutieren. Einer meiner Gesprächspartner konterte: »Die Angreifer des Algeriers in Guben waren beim Untergang der DDR erst sieben bis zehn Jahre alt. Ihr heutiges Verhalten kann man doch nicht mehr der Margot Honecker und ihrem Erziehungssystem in die Schuhe schieben.«

Wirklich nicht? Zum einen ist zu beachten, daß gerade die Erfahrungen in der Kindheit die Entwicklung der Persönlichkeit prägen. Zum anderen ist zu bezweifeln, daß der DDR-typische Erziehungsstil sofort mit der Wiedervereinigung verschwunden ist. Die Lehrer und Erzieher blieben erst einmal die alten.

Vor allem aber: Kinder und Jugendliche werden in ihren Einstellungen und ihrem Verhalten gegenüber Ausländern auch von dem geprägt, was ihnen ihre Eltern und andere Erwachsene vorleben.

Eine Untersuchung des Sozialwissenschaftlichen Forschungszentrums Berlin-Brandenburg hat dazu einen interessanten Befund erbracht: Im Vergleich zu Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus Sachsen-Anhalt hat von den Befragten, die älter waren als 27, ein deutlich höherer Anteil fremdenfeindliche Einstellungen offenbart. Die Autoren gelangen deshalb zu dem Schluß, daß Jugendliche, die im Osten Ausländer überfallen, sich durchaus als Vollstrecker einer weitverbreiteten Volksmeinung verstehen können.

Damit soll freilich nicht behauptet werden, daß die Erziehung in der DDR allein dafür verantwortlich zu machen ist, daß ausländerfeindliche Gewalttaten im Osten weit häufiger sind als im Westen. Hopf macht zu Recht auf eine andere Besonderheit der DDR aufmerksam, die - abgeschwächt - auch heute noch besteht: Die Kinder und Jugendlichen in der DDR wuchsen in einer abgeschotteten, ethnisch homogenen Welt auf, in der es kaum Ausländer gab. Die gegenüber Fremden entstandenen Vorurteile konnten nie durch Alltagserfahrung überprüft und abgebaut werden. Daran hat sich bis heute nur wenig geändert.

Und schließlich verdient ein Aspekt Beachtung, der deutlichen Bezug zur Gegenwart hat: Bei der DJI-Befragung im Jahr 1997 haben 37 Prozent der jungen Menschen aus den neuen Bundesländern folgender These zugestimmt: »Wenn Arbeitsplätze knapp werden, sollte man die Ausländer wieder in ihre Heimat schicken«; im Westen waren es 15 Prozent. Das Gefälle erklärt sich teilweise daraus, daß die jungen Menschen im Osten stärker durch Arbeitslosigkeit bedroht sind. Auch wenn die ostdeutschen Täter fremdenfeindlicher Delikte ganz überwiegend nicht unmittelbar im sozialen Abseits stehen, haben sie doch häufiger Anlaß zur Sorge, dorthin zu geraten.

Ich habe kürzlich versucht, diese Botschaft in der Pauluskirche von Magdeburg 1200 ostdeutschen Besuchern zu vermitteln. Bei der überwiegenden Mehrheit der Zuhörer bin ich damit auf massive emotionale Ablehnung gestoßen. Die vorrangige Orientierung der DDR-Erziehung an Disziplin, Ordnung und Gruppenanpassung wurde engagiert verteidigt.

Auffallend war, daß meine Gedankengänge den meisten völlig fremd schienen. Der breite Diskurs, der zu diesem Thema seit Jahren im Westen geführt wird, ist offenbar an der Bevölkerung der neuen Bundesländer fast spurlos vorübergegangen - als hätten westdeutsche Anthropologen über ein fremdes Volk geforscht und darüber dann intern diskutiert. Die wenigen ostdeutschen Experten, die zu ganz ähnlichen Einschätzungen gelangt sind, werden zwar im Westen hoch geachtet, finden aber bei ihren ehemaligen Landsleuten im Osten kaum Gehör.

Wird die aktuelle Diskussion daran etwas ändern? Meine Sorge ist, daß sie nur einen kurzzeitigen emotionalen Effekt haben wird, wenn es nicht gelingt, sie stärker im Bewußtsein der Menschen im Osten zu verankern.

Dies aber wird kaum geschehen, solange in erster Linie sogenannte Besser-Wessis die Träger der kritischen Botschaft sind. Prominente Bürger aus den neuen Bundesländern sind gefragt, die den Mut haben, das Tabu zu brechen und über ihre Erfahrungen und Einsichten mit dem Erziehungssystem der DDR zu sprechen. Wenn etwa Henry Maske, Katarina Witt, Friedrich Schorlemmer oder die Präsidentschaftskandidatin Dagmar Schipanski in die Debatte einsteigen würden, wäre viel gewonnen.

»Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart«, hat der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner berühmten Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes formuliert. Und eindringlich hat er hervorgehoben, wie wichtig das ehrliche Erinnern für die Gestaltung des eigenen Lebens ist.

Aber es geht nicht nur um das Verstehen der eigenen Sozialisationsgeschichte. Die Frage sollte dann auch gestellt werden, ob denn die heutige Erziehung von Kindern und Jugendlichen den dargestellten Erkenntnissen Rechnung trägt. Und es wäre zu erörtern, welche negativen Einflußfaktoren sich belastend auswirken können - ganz gleich, ob sie Relikte aus der DDR-Vergangenheit sind oder problematische Importe aus dem Westen.

Eine konkrete Hoffnung gibt es immerhin. Ostdeutsche und westdeutsche Bürger haben kürzlich in Berlin gemeinsam die Amadeu-Antonio-Stiftung ins Leben gerufen. Sie wird sich in beiden Teilen Deutschlands für eine Kultur der Toleranz einsetzen und möchte auch dazu beitragen, die Diskussion über die Entstehung von Ausländerfeindlichkeit zu fördern. Vielleicht gelingt es ja auf diesem Wege, breite Unterstützung einzuwerben und mit langem Atem dazu beizutragen, daß der Zusammenhang von autoritärer Erziehung und ausländerfeindlicher Gewalt in Ost und West erörtert werden kann.

Christian Pfeiffer
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